Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel
6
letztmals
bearbeitet
am 01.02.2026
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6 - Vom Speicherbewusstsein
Nilay war jetzt bereits seit zwei Monaten im Kloster in Puruschapura. An diesem Tag hielt Singhamati einen Vortrag über Karma. „Karma”, so erläutert er, „ist willentliches Handeln - und Handeln hat Folgen”. Er veranschaulichte dies an einem Beispiel, das er vermutlich gewählt hatte, weil er damit auch eine Botschaft an Nilay senden wollte, denn es ging dabei um das Handeln von Jesus vor einigen Jahrzehnten hier in Puruschapura.
„Vor langer Zeit war hier ein junger Novize im Kloster”, begann Singhamati. „Ein sehr begabter junger Mann mit hohen ethischen Ansprüchen, der jedoch ein Problem hatte: Er konnte durchaus zornig werden, wenn jemand ungerecht handelte. Da heute Karma unser Thema ist, möchte ich sein damaliges Handeln zum Anlass nehmen, die Wirkweise von Karma zu erläutern.
Folgendes ist damals geschehen. Dieser Novize war auf Almosengang hier in Puruschapura. Nachdem er seine Almosenspeise verzehrt hatte, ging er auf den Markt - dort kam er zu dem Stand eines Geflügelhändlers und Eierverkäufers. Dieser Mann bot die Eier seines Hühnerhofs an, aber auch Jungtiere zum Verkauf und schlachtreife Hühner und Hähne.
Der Mann hatte aber außerdem zahlreiche schwerwiegende Probleme. Zwei Monate zuvor war sein einziger Sohn - der einmal den Hühnerhof hätte übernehmen sollen - von einem Tiger gerissen worden. Kurz darauf erkrankte seine Frau an einer Seuche, sie ist schließlich zwei Wochen zuvor verstorben. Nun musste sich der arme Mann allein um seine alte Mutter und seine vier Töchter kümmern. Er fühlte sich überfordert und wusste nicht recht, wie es weitergehen sollte.
Auch an diesem Morgen hatte er zuhause neue Probleme gehabt: Seine Mutter war verwirrt und fragte ständig nach seiner Frau, die doch inzwischen verstorben war. Die jüngste Tochter hatte Durchfall, aber er konnte sich doch darum nicht kümmern - er musste doch zum Markt die Eier verkaufen, um seine Familie ernähren zu können.
Dann gab es noch Probleme beim Transport der Ware hierher auf den Markt. Es war ein Tag, an dem alles schief zu laufen schien. Er stand jetzt seit zwei Stunden auf dem Markt und hatte einige Eier verkauft - weniger als er erhofft hatte - doch bisher noch keines der Tiere. Endlich kommt jemand und will ihm drei Hühner abkaufen. Er nahm drei Hühner an den Beinen und band sie zusammen. Die Hühner waren ängstlich, sie hingen mit dem Kopf nach unten, sie fürchten Schlimmes und flattern aufgeregt mit den Flügeln. Ja, man kann sagen: dieser Geflügelzüchter ging nicht gerade empathisch mit seinem Federvieh um, sondern grob.
Und nun kam einer unserer Novizen ins Spiel, Jesus war sein Name, er wies den Gefügelzüchter zurecht: „Du tust ihnen weh, und versetzt sie in große Angst, du solltest alle Wesen respektieren. Auch ein Huhn fühlt – wie du – den Schmerz!”
Das ist eine Aussage, die inhaltlich korrekt ist und es wäre in der Tat angemessen, den Geflügelzüchter in einem geeigneten Augenblick unter vier Augen darauf hinzuweisen. Was aber äußerst unsensibel war: den Mann, der in vielfacher Weise gestresst war, vor aller Augen bloßzustellen und zurechtzuweisen.
Betrachten wir uns diese Szene jetzt einmal unter dem Aspekt von Karma. Und ich frage jetzt nicht danach, was die Ursache dafür war, dass dieser Mann vom Pech verfolgt wurde. Ja, das war möglicherweise karmisch verursacht, aber darüber reden wir jetzt nicht, denn wir kennen das, was in der Vergangenheit dieses Mannes war, nicht. Was wir aber kennen, ist das grobe Verhalten des Mannes in diesem Moment - und die tölpelhafte Ermahnung durch den Novizen, der den Geflügelbauern vor aller Augen mitten auf dem Marktplatz bloßstellte.
Wie für einen vernünftig denkenden Menschen klar vorauszusehen war, reagiert der Züchter wütend auf diese Verbalattacke. Wir hatten bereits bemerkt, dass dieser Mann nicht allzu zart besaitet war. Daher belässt er es nicht bei einer verbalen Antwort, die er auch gibt, er sagte: „Ach da ist wieder so ein gelbberobter Buddha-Knabe, so ein nichtsnutziger Kerl, der noch nie gearbeitet hat! Und du, Nichtsnutz, willst mir, einem hart arbeitenden Bauern, erzählen, wie ich handeln soll? Darauf scheiße ich!”
Nein, er versteigt sich sogar zu einem Angriff: Er nahm ein Huhn aus dem Käfig, brach dem entsetzten Tier mutwillig einen Flügel und schrie „Das kann ich machen, wenn ich will! Jetzt kann ich es zwar nur noch zum Schlachten verwenden, aber was soll´s? Na und, Jüngelchen, was sagst du jetzt?” schrie der Streitlustige.
Jesus bekam vor Wut und Zorn einen roten Kopf. Er bemerkte wie der Zorn, der in ihm zuvor schon am Sklavenmarkt aufgestiegen war, durch diesen widerlichen Mann noch verstärkt wurde. Er streckte seine Hand aus, deutete auf den Mann und verstieg sich zu der Prophezeiung: „Wahrlich, ich sage dir: Du hast dir schlechtes Karma gemacht! Ich verfluche dich, Widerwärtiger! Dir wird es noch in diesem Leben so gehen wie diesem Huhn - und du wirst zur Strafe zehnmal in einer Hölle wiedergeboren!”
Das schien den Angesprochenen noch wütender zu machen. Er sprang auf Jesus zu, boxte ihm mit der Faust ins Gesicht, sodass dieser stürzte, dann trat er noch zwei-, dreimal auf den am Boden Liegenden ein.
Damit hat sich der Mann mit Sicherheit kein gutes Karma gemacht. Aber betrachten wir lieber die Handlungen des Novizen - eines jungen Mannes, der über Karma, also Handeln, und die karmischen Früchte seines Handelns doch Bescheid wissen sollte. Durch seine wütende Verbalintervention hat er offensichtlich bei dem Mann nichts Positives erreicht. Er hat ihn nicht positiv beeinflussen können. Jesus hat sich sogar angemaßt, karmische Wirkungen voraussagen zu können - was kein Unerleuchteter kann! Jesus hat diesen Mann damit noch wütender gemacht. Das hatte negative Auswirkungen für die, die Jesus eigentlich in Schutz nehmen wollte, die Hühner. Der Züchter hat einem Huhn mutwillig den Flügel gebrochen. Und es hatte Auswirkungen auf den Novizen, denn der wurde jetzt von dem Züchter misshandelt, was sicher auch karmisch negative Auswirkungen für diesen hatte. Er hat also sowohl für die Hühner, als auch für den Züchter und für sich selbst zusätzliche negative Auswirkungen erreicht. All das sind Folgen unseres Handelns: Karma und die Früchte unseres Karma.
Der Novize Jesus war aber auch an seiner Kleidung als zu unserem Kloster gehörig zu erkennen. Das Ereignis war daraufhin das Stadtgespräch mindestens dieses Tages. Man wusste: dieser Novize war zornig. Es gibt aber nicht so etwas wie „heilgen Zorn”. Wer diesen Ausdruck verwendet, der redet Unsinn. Man erkennt an diesem Beispiel ganz eindeutig: Zorn ist unheilig, denn er führt zu weiterem Unheil. Zu weiterem Unheil für die Hühner, für den Züchter, für den Novizen Jesus und auch für unser Kloster. Es war Stadtgespräch, dass ein Novize sich in Wut hereingesteigert hatte. Und wir wissen alle, dass die Menschen zu Verallgemeinerungen neigen, dass nicht wenige sagen werden: `Diese faulen Kerle, die nicht arbeiten, machen uns noch Vorschriften, greifen einen einfachen Geflügelzüchter in der Öffentlichkeit an!´
Und so hatte diese Handlung auch für Jesus eine weitere karmische Folge: Ich entfernte ihn aus dem Kloster. Er durfte nicht weiter Novize sein.
Betrachten wir uns aber auch
die karmischen Auswirkungen davon. Und ich würde jetzt
nichts dazu sagen, wenn ich diese nicht genau wüsste.
Aber ich habe Jesus noch zweimal wiedergesehen
- das letzte Mal vor etwa 20 Jahren. Er war weit
herumgezogen und hatte auch aufgrund seines
ungeschickten Verhaltens und seiner Neigung zum Jähzorn
Schwierigkeiten mit der Obrigkeit bekommen:
Liebe Mönche, liebe Novizen, ich denke, das, was ich euch erzählt habe, bietet genügend Stoff, damit ihr euch in den Gesprächsgruppen heute und in den nächsten Tagen damit beschäftigen könnt.”
Die Mönche und Novizen verließen die Meditationshalle, nur der Abt, der den Vortrag gehalten hatte, blieb noch zur Meditation – und Nilay.
Etwa eine halbe Stunde später stand der Abt auf und räusperte sich. Das nahm auch Nilay zum Anlass, seine Meditation zu beenden, er ging auf Singhamati zu und sprach ihn an: „Ehrwürdiger Singhamati, ich danke Euch für diesen Vortrag. Ich kannte die Geschichte bereits von meinem Vater, aber Eure Interpretation und Eure wunderbare Darlegung der karmischen Auswirkungen haben mir sehr geholfen, die Wirkungsweise von Karma zu sehen. Ich verstehe jetzt auch die Entwicklung meines Vaters besser. Nur den letzten Abschnitt habe ich nicht verstanden: Warum habt ihr ihn überzeugen können, sofort in einen anderen Teil Bhārat Gaṇarājyas zu gehen?”
„Ach, das ist auch nicht besonders wichtig”, antwortete Singhamati. Jesus kam damals hierher und wollte die Regenzeit über bleiben. Ich habe ihn darauf aufmerksam gemacht, dass es im Kaschmirtal keine Regenzeit, andererseits aber kalte Winter gäbe. Daher solle er sich besser sofort dorthin begeben sollte, um sich eine Behausung für den Winter zu besorgen. Ich vermutete allerdings auch, dass er Schwierigkeiten habe, hier wieder Novize zu werden, wenn ich ihn aufnähme. Wie wir beide wissen, ist er ein Anführertyp und hat Schwierigkeiten eine subalterne Haltung einzunehmen.”
„Ihr habt Recht, Ehrwürdiger, aber es hat sich gebessert. Inzwischen hat er völlig akzeptiert, dass es eine weitere Person auf Augenhöhe mit ihm gibt: meine Mutter. Und auch sonst ist er viel kooperativer geworden – vermutlich auch dank Eures Wirkens!”
Singhamati lächelte, dann warnte er Nilay aber: „Denk daran, dass du versprochen hast, dich nicht zu outen, vor allem nicht, dass du Jesus – also Yuz – kennst.”
Nilay verbeugte sich artig vor dem Abt: „Ehrwürdiger, Ihr habt mein Wort.” Der Abt lächelte zufrieden und ging zu seinem Zimmer. Auch Nilay verließ die Meditationshalle; er freute sich auf die Gesprächsrunden zum Thema Karma.
Die Gesprächsrunde
Zur gegebenen Zeit trafen sich also Nilay, sein Mentor Sukhapada, Dayavandana und Vajragupta außen auf der Wiese unter einem Baum. Wer aber waren diese drei Mönche?
Sukhapada ist der ältere Mönch, an den sich Nilay wandte, als er erstmals die Versammlungshalle betrat. Er hatte ihn irgendwie sympathisch gefunden – ohne zu wissen, warum. Als Nilay kurz nach dem Vortrag Sukhapada traf, sagte der zu ihm: „Du hast heute den Vortrag von Singhamati gehört, er sprach über diesen Novizen, den Jesus. Vielleicht solltest du wissen, dass ich damals sein Mentor war.”
Nilay starrte den alten Mönch entgeistert an: Da hatte er sich doch ausgerechnet an den Mann gewendet, der damals der freundschaftliche Helfer seines Vaters war – das konnte kein Zufall sein! Sukhapada war etwas verunsichert. Er konnte nicht verstehen, warum Nilay so erschrocken war. Er beeilte sich ihm zu versichern: „Ich war sehr traurig als Singhamati ihn aus dem Kloster verwies. Jesus war ein überaus freundlicher und wissbegieriger junger Mann. Ich hätte mir vorstellen können, dass aus ihm ein ganz außerordentlicher Mönch geworden wäre - vielleicht eines Tages sogar der Abt. Übrigens hast du mich an ihn erinnert, als du mich erstmals angesprochen hast.”
Nilay wusste, dass er Singhamati sein Wort gegeben hatte, nicht über seinen Vater und die Mettā-Sangha zu sprechen, und er hielt sich daran. Daher sagte er nur: „Die Geschichte von Jesus hat mich sehr betroffen gemacht, ich muss sie erst noch verdauen. Bitte lass uns nicht von diesem Jesus sprechen. Ich kenne auch das Gefühl dieser inneren Wut, wenn großes Unrecht geschieht, aber zum Glück kann ich es mit den Gedanken von Mettā und Mitgefühl umarmen. Nach allem, was Singhamati vorhin erzählt hat, ist es diesem Jesus später auch auf ähnliche Art gelungen, seinen Jähzorn zu besiegen. Ich bin froh, dass ich das schon als Knabe lernen durfte. Das haben mich meine Eltern gelehrt - dafür bin ich ihnen sehr dankbar. Dennoch möchte ich nicht über diesen Jesus sprechen und bitte dich, das zu resektieren.”
Sukhapada zuckte mit den Schultern: „Ja sicher, wenn dir das wichtig ist, halten wir das so.” Allerdings machte er sich seine Gedanken...
Dayavandana, war Nilay bisher nur durch seine offensichtliche Verachtung von Frauen aufgefallen, er war es, der erst vor kurzem zu ihm gesagt hatte: „Frauenklöster sind keine richtigen Klöster, Frauen können den Dharma einfach nicht richtig erfassen”.
Der dritte Mönch in der Gesprächsrunde, Vajragupta, war Nilay bisher noch nicht weiter aufgefallen, er konnte ihn einfach nicht einschätzen doch das sollte sich noch selbigen Tages ändern.
Kaum hatten sich die drei Mönche und der Novize Nilay an diesem Tag zur Gespächsrunde niedergesetzt, da fragte Dayavadana: „Wie wollen wir vorgehen, wollen wir uns noch mit dem Fall dieses Jesus befassen oder wollen wir allgemein über die Wirkweise von Karma sprechen? Hat jemand noch andere Vorschläge?”
Nilay, der Bedenken hatte, dass er sich doch irgendwann verplappern könnte, wenn man über Jesus spräche, erklärte: „Also ich fand Singhamatis Erläuterung zu diesem Novizen ausgesprochen klar. Mich würde eher interessieren, wie kann es sein, dass eine Ursache - also eine willentlichen Handlung , das Karma - und die Wirkung zeitlich so lange auseinanderklaffen. Manchmal soll das Karma sogar in einem späteren Leben erst reif werden.”
Vajragupta nickte Nilay zu: „Das ist ein ausgezeichneter Ansatz - und dazu könnte ich vielleicht etwas beitragen. Ich war bis vor drei Jahren in einem Kloster im Himalaya und da haben wir dieses Thema wirklich intensiv behandelt und auch dazu geforscht.”
Nilay war ganz begeistert: „Das interessiert mich sehr! Aber zunächst einmal, was war das für ein Kloster und warum bist du da weggegangen? Das war doch nicht etwa das Kloster Weiße Wolke? Von dem habe ich nämlich schon gehört, ich kenne jemanden, der dort als Novize war.”
„Nein, nicht das Kloster Weiße Wolke”, erklärte Vajragupta. „ Unser Kloster nannte sich das Vimalaloka - Ort der Vollkommenheit. Aber das war es leider nicht. Fünf Jahre nach meiner Ordination verstarb unser Abt, und sein Nachfolger war alles andere als vollkommen: Er versuchte das zu unterdrücken, woran wir arbeiteten. Wir - eine Gruppe von rund einem Dutzend Mönchen - nannten uns die `Karmaforscher´, denn wir entwickelten Theorien über die Wirkweise von Karma und versuchten, sie dann durch Versuchsreihen zu beweisen.
Der neue Abt, er hieß Buddhadana, lehnte unsere Forschung ab. Er war ein Dogmatikerund behauptete, der Buddha habe gesagt, dass ein Unerleuchteter niemals die Wirkweise von Karma vollständig durchschauen könne. Also sei es Häresie, das zu erforschen. Wir aber waren der Meinung, dass man das Wirken von Karma zwar nicht vollständig durchschauen kann, aber das man sehr wohl versuchen kann, zumindest mehr davon zu verstehen, als nur blind zu glauben, dass Karma zu Karma-Vipāka führt. Schließlich hat der Buddha gesagt `Komm und sieh´ und nicht `Glaub einfach, was ich sage´.”
„Ha!” freute sich Nilay, „Das ist genau das, was ich meinen Eltern auch gesagt habe, als ich meine Heimat verlassen habe. Ich möchte nicht nur alles glauben, was sie mir vom Dharma erzählen - ich möchte in die Welt ziehen und untersuchen, ob es wirklich so ist! Aber sag, Vajragupta, habt ihr einfach zu experimentieren angefangen oder habt ihr zunächst eine Theorie aufgestellt, um diese dann durch Versuche zu verifizieren oder zu falsifizieren?”
„Wir haben uns tatsächlich
zunächst gefragt, wenn Karma zu Karma-Vipāka
führt, also wenn ethisch
bewertbare Handlungen Folgen haben für denjenigen, der
diese Handlungen begeht, wie könnte das funktionieren und
insbesondere, wie soll nachtodliches Karma funktionieren.
Und daher haben wir die Bīja-Theorie entwickelt. Wir haben
dabei die belebte physische Natur zum Vorbild genommen.
Damit aus einer Eiche später eine andere Eiche entsteht,
ist eine Eichel – ein Same, ein Bīja – nötig, das die entsprechenden
Erbinformationen weitergibt. Wenn das in der physischen
Welt so ist, dann kann das auch in der spirituellen Welt,
in der Welt des Geistes, so sein.
Jede willentliche Handlung lässt ein solches Bīja, einen solchen Samen entstehen, der die Information über die zugrundliegende Motivation enthält. Auf diese Weise entstehen zum Beispiel Verhaltensmuster. Folgt man diesen, so entwickeln sich Gewohnheiten, die sich allmählich verfestigen und so unser Leben bestimmen. Manche dieser Gewohnheiten sind hilfreich, andere gefährlich. So ist es auch mit ethischen Entscheidungen. Ich kann mich entscheiden einer andren Person etwas zu stehlen oder etwas zu schenken. Wenn ich jemandem etwas stehle, so ist das schädlich, unheilsam (akusala), wenn ich ihm etwas schenke so ist das nützlich, heilsam (kusala).”
Sukhapada unterbrach ihn: „Danke Vajragupta, das klingt logisch, aber so wie die Erbinformationen einer Eiche in einer Eichel gespeichert sind, so müsste dann doch diese karmischen Informationen auch irgendwo gespeichert sein.”
„Richtig”, bestätigte Vajragupta. „Eine Eichel ist ein Samen (Bīja) und wir nennen diese karmischen `Erbinformationen´ daher auch Bīja (Samen). Manche dieser Bījas sind heilsam, die haben wir als weiße Bījas bezeichnet, manche sind unheilsam: schwarze Bījas.”
Nilay wollte es ganz genau verstehen: „Die Informationen sind also in Bījas gespeichert, aber worin sind die Bījas gespeichert, sie sind ja schließlich immateriell?”
„Genau, Nilay, du hast Recht, sie müssen
also auch im Immateriellen gespeichert sein, im
Bewusstsein (Viññāna). Da das Bewusstsein aus
unterschiedlichen Ebenen besteht, auf die ich hier nicht
eingehe, nennen wir diesen Teil des Bewusstseins das
Speicherbewusstsein
(Ālaya-Viññāna).
Wenn ihr euch also beispielsweise zur Mahlzeit hinsetzt und eure Almosenspeise verspeist, macht ihr das auf eine bestimmte Weise, die ist bei jedem etwas verschieden, sie folgt aber einem bestimmten Muster. Oder: wenn ein ehrlicher Mensch auf der Straße geht und sieht, wie jemand etwas verliert, macht er den anderen darauf aufmerksam und gibt es ihm, das ist ein heilsames Verhaltensmuster, das in ehrlichen Menschen gespeichert wurde. Ein Dieb hat unheilsame Verhaltensmuster. Er wird den verlorenen Gegenstand an sich reißen.”
Sukhapada fragte nach: „Karma wird natürlich dort spannend, wenn es um nachtodliches Karma geht. Wenn ich das richtig verstehe, wird dann das Speicherbewusstsein eines Verstorbenen auf einen Fötus übertragen. So lehrt es ja auch unsere Theravada-Tradition, sie sagt, das Bewusstsein im Todesmoment ist identisch mit dem Bewusstsein im Wiedergeburtsmoment. Und auf diese Weise wäre das Neugeborene eine geistige Kopie des Verstorbenen.”
Nilay schüttelte den Kopf: „Das sehe ich etwas anders. Meiner Meinung nach ist das Neugeborene keineswegs völlig bewusstseinsidentisch mit dem Verstorbenen, denn es gibt ja auch biologisch bedingte Informationen, die bei jedem etwas verschieden sind. Es gibt also neben den karmisch bedingten Informationen auch genetisch bedingte. Außerdem gibt es auch sozialisatorisch bedingte Verhaltensweisen, und diese Sozialisation beginnt durchaus schon vor der Geburt. Das ungeborene Kind wird beispielsweise dadurch beeinflusst, ob sich die Eltern anschreien oder ab da ein respektvoller Umgang miteinander ist.”
Vajragupta nahm das auf: „Richtig, Nilay, es gibt auch genetische Einflüsse und sozialisatorische, wobei die letzteren vor allem nachgeburtlich sind. Unsere Betrachtung untersucht aber nur die karmische Disposition. Und diese befindet sich im Speicherbewusstsein (Ālaya-Viññāna).”
Zum ersten Male fragte jetzt Dayavadana etwas nach: „Dieses Speicherbewusstsein, ist das individuell oder gibt es ein Gesamtspeicherbewusstsein für die ganze Welt, Vajragupta?”
„Wir haben in unserem Kloster damals die Theorie aufgestellt, dass es sowohl individuell ist, als auch dass es ein Gesamtspeicherbewusstsein gibt”, erklärte Vajragupta. „Das ist ungefähr so, wie wenn ein Dorf einen großen Getreidespeicher hat. Hier werden alle Getreidesäcke aller Bewohner eingelagert, aber jeder hat nur das Recht auf seine Säcke zuzugreifen, und diese sind daher indiviuell gekennzeichnet.”
Nilay ergänzte: „Ich kenne ein Dorf, da geben alle Zugezogenen ihre Gold- und Silbermünzen ab. Das Dorf wirtschaftet gemeinsam und so wird der Gesamtschatz allmählich größer. Wenn dann eine Familie wegzieht, bekommt sie ihren Anteil ausgezahlt, also das, was sie eingezahlt hat und zusätzlich einen entsprechenden Anteil am erzielten Gesamtgewinn des Dorfes.”
Dayavadana hat noch eine Idee dazu: „Es heißt doch, der Buddha habe die Fähigkeit gehabt, sich an frühere Leben zu erinnern und auch die Gedanken anderer zu lesen. Heißt das dann, dass ein Erwachter gewissermaßen nicht nur auf seinen individuellen Anteil des Speicherbewusstsein zugreifen kann, sondern auch auf das Speicherbewusstsein anderer, vielleicht sogar auf das ganze Ālaya-Viññāna?”
Sukapada nickte: „Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Ein Erwachter hat ja sein eigenes Ego vollkommen transzendiert, vollkommen überwunden, er ist egolos, nicht die kleinste Spur von egoistischem Denken ist mehr in ihm. Dann hat er natürlich nicht mehr nur Zugang zum gewissermaßen `eigenen Anteil´ am Speicherbewusstsein, denn er hat ja alles Eigene, sein ganzes Ego überwunden; somit hat er Zugang zum gesamten Ālaya-Viññāna.”
„Eine äußerst interessante Theorie!” staunte Nilay.
Genau das griff Vajragupta jetzt auf: „Und
das erschien uns damals auch die entscheidende
Schwachstelle zu sein, denn es war ja erstmal nur eine
Theorie, vor allem der letzte Teil: gibt es eine
Verbindung zwischen dem individuellen Speicherbewusstsein eines
Menschen und dem gesamten Ālaya-Viññāna. Wenn es letzteres gäbe und
wenn ein völlig Erleuchteter, ein Buddha, Zugang zum gesamten Ālaya-Viññāna hat, dann müsste doch ein
spirituell weiter Fortgeschrittener allmählich immer mehr
Zugang bekommen. Wir waren zwölf Mönche in unserer
Arbeitsgruppe, die sich recht gut kannten. Wir wollten
genau das wissen! Dazu mussten wir zunächst einmal
feststellen, wer von uns weiter entwickelt ist.
Vajragupta
flammte jetzt geradezu auf, es war ihm ein
Herzensanliegen, davon zu berichte: „Wir
ließen zunächst jeden von uns in geheimer Abstimmung alle
zwölf Mitglieder unserer Gruppe bewerten, wir kannten uns
ja inzwischen recht gut. Wir notierten also die
Namenzeichen aller auf jeweils ein Palmblatt für jeden von
uns, dann beurteilten wir jeden von uns zwölfen mit Werten
von null bis fünf. Null hieß: absoluter Weltling, der
sollte eigentlich kein Mönch sein. Fünf hieß: das ist der
Weiseste von uns. Hinterher zählten wir die Punkte für
alle zusammen und bildeten daraus drei Gruppen:
Dayavadana wunderte sich: „Und das hat keine Rivalität gegeben, keine Enttäuschung bei denen, die in der `Basis´ waren?”
„Nein, Dayavadana, das war nicht der Fall. Ich glaube, das lag auch daran, dass selbst die von der `Basis´ wussten, dass sie besser waren als die meisten Mönche im Kloster. Und natürlich waren wir alle der Meinung, das selbst diese Mönche weiser waren als die Durchschnittsbevölkerung.”
Nilay war gespannt: „Und wie ging das Experiment weiter?”
„Wir wählten zehn Begriffe aus: Kloster, Mettā, Mahlzeit, Wald, Sonne, Kuh, Regenzeit, Tod, Dharma und Tiger. Dann wurde ein Mönch in ein anderes Zimmer gebracht, in dem zehn Palmblätter mit jeweils einem der Begriffe lagen und ein anderer aus der gleichen Gruppe, also z.B. der `Basis´, bekam einen dieser zehn Begriffe gezeigt. Nun hatte er 10 Minuten Zeit sich auf diesen Begriff zu konzentrieren. Dann kam der Mönch aus dem anderen Zimmer und brachte das Palmblatt mit dem Begriff mit, von dem er glaubte, dass sich der andere Mönch darauf meditativ konzentriert habe. Das machten wir 100 Mal mit Mitgliedern der Gruppe `Basis´. Hätten sie nur geraten, dann wäre nur durchschnittlich bei jedem zehnten Versuch der richtige Begriff geraten worden, es hätte also nur insgesamt ungefähr 10 Treffer gegeben, es gab aber 21 Treffer, ein signifikanter Unterschied, das konnte kein Zufall sein!
Wir haben den gleichen Versuch auch mit der Gruppe der `Ordentlichen´ gemacht, hier gab es sogar 32 Treffer. Und bei der Gruppe der `Weisen´ lag die Trefferzahl bei über 50! Wir haben daraus geschlossen, dass es neben dem individuellen Speicherbewusstsein auch das große Ālaya-Viññāna gibt, das mindestens alle menschlichen Wesen verbindet.”
Alle waren höchst erstaunt über diese Ergebnis, Sukhapada fragte nach: „Was hat euer Abt dazu gesagt?”
„Er hat uns dafür getadelt”, seufzte Vajragupta. Wir haben natürlich trotzdem weiterexperimentiert. Weitere Versuche bestätigten unsere These. Ich betrachte sie inzwischen als bewiesen.”
Nilay fragte nach: „Aber warum hast du dann das Kloster verlassen?”
„Der Abt wollte dieses Wissen unterdrücken”, erklärte Vajragupta. Wären wir alle dort geblieben, so wäre es vermutlich mit unserem Tode verloren gegangen. Daher haben wir beschlossen, dieses Kloster zu verlassen und – jeder von uns zwölfen – in ein anderes Kloster zu gehen. Wir wollten diese Erkenntnis weitergeben und andere Mönche ermutigen, weiterzuforschen. Ich bin heute hier. Ich habe heute euch informiert. Ich werde bei anderen Gelegenheiten weiteren Brüdern davon erzählen. Irgendwo wird unser Wissen überdauern. Irgendwann wird es in Büchern nachzulesen sein, irgendwann wird es allgemein bekannt werden und andere werden kommen und weiterforschen.”
Nilay stand auf und ging auf Vajragupta zu: „Herzlichen Dank dafür, das ist etwas ungemein Wertvolles! Ich gelobe dieses Wissen zu bewahren, weiterzugeben und entweder selbst weiterzuforschen oder andere ermutigen, das zu tun. Ich bin sicher, du hast dir damit gutes Karma erworben!”
Sukhapada äußerte sich ähnlich, auch Dayavadana lobte Vajragupta, machte aber keinerlei Versprechungen.
Dann fragte Sukhapada: „Interessant wäre es in diesem Zusammenhang auch, ob in diesem Ālaya-Viññāna - diesem kollektiven Unterbewussten - auch andere Dinge gespeichert sind, unsere Ängste. Es könnte doch, so frage ich mich, so sein, dass das, was wir als Besessenheit durch Dämonen bezeichnen, etwas ist, das im Ālaya-Viññāna gespeichert ist.”
„Aber dann müssten ja alle von den gleichen Dämonen besessen sein”, war Dayavadanas Einwand.
„Das sehe ich nicht so”, entgegenete Sukhapada, „diese Ängste sind vielleicht damit zwar latent für jeden zugänglich. Aber erst, wenn ein potentiell Betroffener in sich die geeigneten Bedingungen schafft, schafft er damit gewissermaßen eine Andockstation für den Dämon bzw. sorgt dafür, dass sich eine bislang nur latent vorhandene Angst in ihm chronisch manifetsiert.”
Vajragupta dachte einige Augenblicke nach, bevor er antwortete: „Das ist eine äußerst faszinierende Theorie! Wir haben uns mit dieser Frage in Vimalaloka allerdings nicht befasst. Diese ganze Dämonensache hat uns schlicht nicht interessiert. Aber wenn man sie unter dem Aspekt des kollektiven Unbewussten, des großen allumfassenden Ālaya-Viññāna betrachtet, wäre es wert untersucht zu werden. Gibt es einen von euch, der sich in der Dämonensache auskennt?”
Dayavadana und Sukhapada schüttelten den Kopf. Nilay dachte einen Moment nach, bevor er sagte: „Ich persönlich habe mich damit noch nicht befasst, aber in unserem Dorf gab es verschiedene Fälle von Besessenheit - dabei haben zwei Heiler auf völlig verschiedene Art zwei Besessene geheilt.”
Dayavadana wurde ganz hellhörig, ihn schien das Dämonenthema umzutreiben: „Das interessiert mich sehr, kannst du uns davon mehr erzählen?”
Nilay schaute sich um. „Wenn das für euch auch in Ordnung ist?”
Sukhapada lächelte: „Ja, doch. Das ist vor allem eine gute Gelegenheit, mehr von dir zu erfahren. Ich habe noch nie einen so aufgeweckten, klugen jungen Mann kennen gelernt wie dich, Nilay – jedenfalls nicht in den letzten 30 Jahren.”
Nilay stutzte, er verstand den Hinweis mit `den letzten 30 Jahren´, damals war sein Vater, war Jesus hier und Sukhapada war damals sein Mentor. Er beschloss sehr vorsichtig mit seinen Ausführungen zu sein, er wollte keinesfalls sein Versprechen gegenüber Singhamati brechen.
Dann aber begann er doch zu reden: „Den ersten Fall kenne ich nur aus Erzählungen, denn er spielte sich vor meiner Geburt ab. Er war aber so etwas wie der Wendepunkt in der Geschichte unseres Dorfes, deshalb sprach jeder immer einmal wieder davon, sodass ich glaube einen relativ guten Bericht darüber geben zu können.
Damals, es ist jetzt an die 20 Jahre her, war die mächtigste Person in unserem Dorf eine Frau, die einzige Kṣatriya, ihr gehörte praktisch alles und alle anderen arbeiteten für sie. Doch sie war seit zehn Jahren von einem Dämon besessen - so hieß es. Sie drangsalierte alle, sodass das ganze Dorf unter ihrer Besessenheit litt. Dann kam ein Mann ins Dorf, ein Dämonenaustreiber, der sie behandelt hat. Dieser Mann hatte bei verschiedenen Lehrern alles über Dämonen gelernt, bei Lehrern hier in Bhārat Gaṇarājya und sogar im Ausland, bei sog. Essēnern – wo die leben, weiß ich allerdings auch nicht. Sein bekanntester Lehrer aber war Maharadesh, ein Guru, der einen Ashram in der Nähe von Benares betreibt.”
„Von dem habe ich auch schon gehört, ein ganz außerordentlicher Guru!” wusste Dayavadana.
Nilay freute sich über diese Bestätigung und fuhr fort: „Also dieser Dämonenaustreiber ging zu der Besessenen, er heilte zunächst deren Mann, der an zwei verschiedenen Krankheiten litt, und beeindruckte damit die Besessene. Dann schien er sie zu hypnotisieren und fragte anschließend nicht sie, sondern den Dämonen in ihr, so hat man mir berichtet, nach seinem Namen. Der schien sich zwar dagegen zu sträuben, denn wenn man den Namen eines Dämonen kennt, so heißt es, hat man Herrschaft über ihn. Aber der Dämonenaustreiber setzte magische Kräfte ein, bis der Dämon einen Namen nannte, er sagte, er heiße JHWH. Der Dämonenaustreiber war aber sehr klug, er wusste, dass der Dämon ihm einen falschen Namen genannt hatte. Er wusste aber auch, dass in jeder Lüge ein Hinweis auf die Wahrheit enthalten ist. Und da der Dämonenaustreiber ein Mann mit unwahrscheinlich großem Wissen war, wusste er auch dass JHWH der Name des Kriegsgottes irgend eines Volkes im Römischen Reich war. Dieses Volk lag aber im Kampf mit einem Nachbarvolk, deren Kriegsgott Reschef ist. Der Dämonenaustreiber sagte also zu dem Dämon. Er sagte: `Du lügst, dein richtiger Name ist Reschef´ und gewann so Macht über ihn, aufdass er ihn austreiben konnte.”
Vajragupta dachte einen Moment nach, dann sagte er: „Ich überlege gerade, ob das etwas mit dem Ālaya-Viññāna zu tun haben könnte. Aber der einzig mögliche Zusammenhang ist der, dass es sich bei dem Dämonenaustreiber um einen Erwachten oder mindestens einen Einmalwiederkehrer gehandelt haben könnte, der das Wissen über diese bei uns völlig unbekannten Kriegsgötter haben konnte, aber selbst das erscheint mir spekulativ.”
„Aber du hast doch von zwei völlig verschiendenen Dämonenaustreibungen gesprochen, Nilay, vielleicht hilft uns die andere weiter”, vermutete Dayavadana.
„Ehrlich gesagt hat mich die zweite Dämonenaustreibung noch mehr überrascht als diese Geschichte,” erzählte Nilay weiter, „und diese zweite Geschichte spielt vor wenigen Jahren, zu meinen Lebzeiten: ich kenne sie daher nicht nur vom Hörensagen, sondern auch von den Betroffenen selbst. Es geht um drei Personen, um Anandita, die Tochter der Frau, die in meiner anderen Erzählung die Besessene war...”
„Also auch um eine Kṣatriya!” warf Dayavadana ein.
„Ja,” bestätigte Nilay, „und sie war natürlich mit einem anderen Kṣatriya, einem Offizier verheiratet und wohnte in einer weit entfernten Stadt. Dieser Offizier, sein Name ist Javāharlāl, der war von einem Dämon besessen. Javāharlāl war gewalttätig, er misshandelte seine Frau und seinen kleinen Sohn Jai-i. Es war so schlimm, dass Anandita vor ihm zu ihren Eltern floh. Javāharlāl kam dann in unser Dorf, wo Anandita Zuflucht gefunden hatte, um seinen Sohn zurückzuholen. Anandita stellte sich ihm entgegen, er zückte sein Schwert und schlug ihr einen Arm ab, schließlich jedoch musste er unverrichteter Dinge wieder abziehen. Zwei Jahre später kehrte er zurück, er war völlig verzweifelt und forderte für seine Untat mit dem Tode bestraft zu werden.”
„Ich nehme an man hat ihn enthauptet!” vermutete Dayavadana.
„Unsinn!”, warf Vajragupta ein, „es soll doch um eine Dämonenaustreibung gehen.”
„Ach ja, richtig”, gab Dayavadana kleinlaut zu.
Nilay fuhr mit seiner Erzählung fort: „In unserem Dorf wohnt ein weiser Mensch, der eine spezielle Art der Dämonenbehandlung beherrscht. Und dieser weise Mensch erklärte sich bereit, Javāharlāl und dessen Dämonen zu behandeln. Sie trafen sich in mehreren Sitzungen. In der ersten Sitzung musste Javāharlāl den Dämonen in sich suchen und genau beschreiben. Dann kam die eigentliche Behandlung, in der er den Dämon vor sich visualisierte. Javāharlāl hatte den Dämon zu fragen, was er eigentlich brauche, dann wurde Javāharlāl aufgefordert, ihm die Aufmerksamkeit und Zuneigung zu geben, die dieser brauchte. So verwandelte sich der Dämon allmählich zum Positiven. Schließlich erklärte diese weise Person aus unserem Dorf dem Javāharlāl, wie er den Dämon zum Freund und zu seinem Beschützer gewinnen konnte. Und das gelang tatsächlich.”
„Was ist aus dem Javāharlāl geworden?” wollte Sukhapada wissen.
„Er arbeitet noch immer bei uns im Dorf. Er ist jetzt Lehrer, Dharma-Lehrer!”
Das beeindruckte alle sehr, am meisten allerdings Dayavadana: „Wunderbar, da sieht man, wozu ein Weiser in der Lage ist, es muss sich dabei um eine ganz außergewöhnliche Person gehandelt haben, mindestens um einen Stromeingetretenen.”
Sukhapada allerdings sagte: „Ja, das ist eine Geschichte, über die es sich nachzudenken lohnt. Allerdings sehe ich noch immer keinen Zusammenhang zwischen dem, was du uns erzählt hast, Nilay, und dem, was Vajragupta ausführte.”
„Es gibt diesen Zusammenhang aber!” erklärte Nilay. „Genau wie das, wovon Vajragupta erzählte, ist diese Technik in einem Kloster entstanden. In einem Kloster, in dem man auf der Basis des Dharma weiter geforscht hat. Und wo man zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen ist.”
„Wunderbar, wunderbar!” Dayavadana war ganz begeistert: „Das muss ein ganz ausgezeichnetes Kloster gewesen sein, ein Kloster mit ganz außergewöhnlichen Mönchen, kennst du den Namen dieses Klosters?”
„Es heißt Ghora Katora und liegt ganz in der Nähe von Bodh Gaya.”
„Von diesem Kloster habe ich noch nie gehört. Aber dein Bericht hat mich so beeindruckt, dass ich aus unserem Kloster austreten und dort hingehen möchte! Was heißt möchte – ich werde das tun!”
„Das wird nicht gehen, Dayavadana, denn es ist ein Frauenkloster. Und die weise Person in unserem Dorf, die Javāharlāl behandelte war dort früher als Novizin. Sie ist übrigens meine Mutter.”
Dayavadana, der sich unlängst zu der Aussage verstiegen hatte: „Frauenklöster sind keine richtigen Klöster, Frauen können den Dharma einfach nicht richtig erfassen”, saß mit offenem Mund da, während die anderen beiden Mönche ihn ansahen und kichern mussten.
Dayavadana war das peinlich. Schließlich stand er auf und machte eine Niederwerfung vor Nilay. Am Boden liegend sprach er: „Danke, Nilay, mein Lehrer, dass ihr mich belehrt habt. Ich war ein törichter, eingebildeter Mönch, ihr aber habt mich sehend gemacht! Möge dies zu einer reichhaltigen karmischen Vergeltung führen.”
Damit war die Gesprächsrunde beendet. Auf dem Rückweg zur Bambushütte sprach Sukhapada Nilay an: „Das war in der Tat sehr eindrucksvoll. Und ich bin jetzt sicher zu wissen, wer du bist, wer deine Mutter ist und auch wer dein Vater ist. Ich nehme an Singhamati weiß das auch und hat dir das Versprechen abgenommen, das zu verschweigen.”
„Du bist ein weiser Mann!” antwortete Nilay ihm.
Nilay verbrachte eine auch für ihn lehrreiche Zeit in diesem Kloster, insbesondere das Wisssen um das Ālaya-Viññāna war wichtig für ihn. Er nahm sich vor, dieses Wissen eines Tages in der Mettā-Sangha weiterzuverbreiten.
Wenige Monate später suchte er Singhamati auf und erkärte ihm, er wolle auf den Spuren seines Vaters weiterziehen um eines Tages zur Mettā-Sangha zurückzukehren und das weiterzugeben, was er hier gelernt habe.
„Nichts anderes habe ich von dir erwartet!”, sagte Singhamati, “und grüße deinen Vater von mir und drücke ihm meine Hochachtung aus.”
Nilay versprach es. Dann zog er weiter.
Erläuterungen
Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
bīja – (sanskr.) = Samen, Saatkorn, Keim, im übertragenen Sinne auch Anfang oder Urgrund.
Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha sein Erwachen erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)
Bodhisattva – Figur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben, sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seiner Erleuchtung verwendet.)
Brahmā – einer der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als der Schöpfer. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott.
Brahmanen – eine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen
Brahmanismus – indische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. Der B. heute als Hinduismus bezeichnet.
Devamitta – Dieser Name bedutet “Freund der Götter” oder auch “Freund Gottes”
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Erwachen – andere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale (Unvollkommenheit, Vergänglichkeit, Wesenslosigkeit) völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.
Erwachter – die deutsche Übersetzung von “Buddha”
JHWH – ist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er keine Konsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.
Grüne Tārā – Bodhisattva, die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen, um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut, denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen, genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die bekannteste davon.
Karma – im Buddhismus jede absichtlich ausgeführte Handlung. Es wird davon ausgegangen, dass Handlungen Folgen haben, die (auch) auf den Verursacher zurückwirken. Im Hinduismus hingegen wird meist davon ausgegangen, dass es karmisch heilsam sei, sich an die Regeln und Beschränkungen seiner Kaste zu halten und die Brahmanen (bezahlte) Opfer für einen bringen zu lassen.
karma vipāka – Folge absichtlich ausgeführten Handelns, wörtlich: die „Früchte des Handelns“
Kaste – die indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion in streng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, Priester), kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय, Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: वैश्य = Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit शूद्र, = Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden.
Kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte
Māra – das Böse, in der Regel personifiziert als der Böse, der Versucher. Das Wort ist etymologisch verwandt mit dem deutschen „mahr“ (wie in Nachtmahr = Albtraum) - und dem lateinischen mors (Tod).
Mettā – (Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.
Mettā Bhāvanā – Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für eine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen.
Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft
Mitgefühl – (karunā) ist das Gefühl, wenn mettā auf ein leidendes Wesen trifft. Es ist etymologisch verwandt mit caritas (lat.: Barmherzigkeit) und mit to care (engl.: sich kümmern um).
Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.
Samādhi - „tiefe Meditation, Versenkung, spirituelle Absorbiertheit“
Sangha – spirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)
Sarvāstivāda – ein Orden an der Schnittstelle zwischen Hinayana und Mahayana, der über eine vom Pāḷi-Kanon abweichende Sanskritfassung der Lehrreden Buddhas verfügte. Dieser Sanskrit-Kanon ist bei der Islamisierung Indiens verschwunden, es gibt jedoch eine chinesische und eine tibetische Übersetzung. Das Sarvastuvada ging mit der islamischen Eroberung Indiens unter.
Sindh – Der Strom ist bei uns als Indus bekannt. Er hieß damals in Indien und heute noch in Pakistan, wodurch er größtenteils fließt, Sindh.
Śiva – (sanskrit: Glückverheißender) ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. Als Bestandteil der „hinduistischen Trinität“ (Trimurti) mit den drei Aspekten des Göttlichen, also mit Brahma, der als Schöpfer gilt, und Vishnu, dem Bewahrer, verkörpert Śiva das Prinzip der Zerstörung. Außerhalb dieser Trinität verkörpert er Schöpfung und Neubeginn ebenso wie Erhaltung und Zerstörung.
Taxila - war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)
Tanach - oder Tenach (hebr. תנ״ך TNK) ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, die Sammlung der heiligen Schriften des Judentums er enthält unter anderem die Tora (Weisung). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach - etwas anders geordnet – übernommen. Sie sind das Alte Testament.
Theravāda - eine der frühen Schulen des Buddhismus, die einzige Hinayana-Richtung, die noch existiert. Theravāda bedeutet „Schule der Älteren“, was darauf hinweisen soll, dass ihre Anhänger den Buddhismus so praktizieren, wie das der Buddha selbst gemacht hat. Bei ihnen stehen die Lehrereden des Pāḷi-Kanon, der ältesten buddh. Schriften im Mittelpunkt.
viññāna - (Kern-)Bewusstsein
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