Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 5                                      letztmals bearbeitet am 25.01.2026
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5 - Auf Vaters Spuren in Puruschapura



Abschied ohne Wiedersehen

Maria hatte ihren Bruder Nilay darum gebeten, vorsichtshalber genug Nahrung, Wasser und auch Kleidung zum Wechseln mitzunehmen. „Nimm einen Esel mit, so wird das Reisen leichter“, hatte sie ihm gesagt.

Das ist kein Mädchenausflug, auf dem man es sich bequem macht, Maria“, erwiderte Nilay. Vater hat schließlich die Reise zwischen Palästina und hier insgesamt drei Mal gemacht, außerdem hat er ganz Bhārat Gaṇarājya bereist - und das ohne Packtier. Mutter ist selbst als Frau monatelang allein und ohne Lasttier durch Bhārat Gaṇarājya gereist. Und außerdem: Was sollte aus dem armen Esel werden? In Taxila müsste ich ihn verkaufen. Von den neuen Besitzern würde er sicher sehr viel schlechter behandelt als hier. Nein, das würde ich keinem Wesen zumuten.” Dieser Argumentation konnte Maria nun wirklich nichts entgegensetzen.

Amita hatte versucht ihn zu überreden, wenigsten etwas Geld mitzunehmen. Doch Nilay hatte nur geantwortet: Hattest du Geld dabei, als du vom Kloster weggegangen bist, um Yuz zu treffen?”

Yuz hingegen war pragmatischer mit seinen Vorschlägen: Hänge dir zwei Schläuche mit Wasser um. Es kann sein, dass es Durststrecken auf deiner Wanderung gibt. Außerdem kleide dich so, wie es die buddhistischen Mönche tun. Die tragen immer nur drei Roben: eine als Unterbekleidung, eine als Oberbekleidung und eine dritte für kalte Tage und um sich in kühlen Nächten damit zu bedecken. Nimm außerdem eine Nähnadel, und einen Wasserfilter mit. Nicht überall ist das Wasser in dem Zustand trinkbar, in dem du es findest. Genauso machen es auch die Mönche. Die haben auch noch ein Rasiermesser dabei, um sich die Haare zu rasieren - das brauchst du aber nicht, du bist schließlich kein Mönch. Auch eine Bettelschale steht einem Laien nicht gut zu Gesicht. Wenn du außerhalb von Städten bist, findest du immer etwas zu essen: Obst, Gemüse oder essbare Wurzeln. In der Stadt nimmst du am besten zwei oder drei Mal die Woche eine Stelle als Tagelöhner an. Wenn du auf der Straße lebst, reicht das als Einkommen. Und wenn Regenzeit ist, sieh zu, dass du irgendwo als Gehilfe arbeitest. Dann lässt dich deine Herrschaft vermutlich im Stall schlafen oder so.”

Am Morgen seiner Abreise stand Nilay früh auf. Aber auch die anderen Familienmitglieder hatten wenig geschlafen und verabschiedeten ihn. Amita gab ihm ein kleines Holzkästchen, das er sich mit einem Riemen umhängen konnte: Ich habe dir deine Lieblingsspeisen gekocht und in Wirsingblättern verpackt. Damit hast du für die ersten zwei Tage genug zu essen. Danach wirst du dich mit den gefundenen Früchten begnügen müssen. Aber bitte tu mir den Gefallen, und wirf das Kästchen nicht weg. Ich möchte, dass du an deine Mutter denkst, wenn du es verspeist - versprichst du mir das?”

Nilay versprach es seiner Mutter, auch wenn er alles andere als glücklich darüber war, nun auch noch das Holzkästchen tragen zu müssen. Die ganze Familie begleitete ihn bis zum Ende des Dorfes. Dort gab es dann einen tränenreichen Abschied.

Nilay ging hurtigen Schrittes den zunächst gerade verlaufenden Weg entlang. Nach vielleicht dreihundert Schritten drehte er sich um und sah, was er erwartet hatte: Alle vier - Yuz, Amita, Taracitta und Maria standen noch da und sahen ihm nach. Er winkte ihnen zu, und sie winkten zurück. Etwas später machte der Weg dann einen Knick. Kurz bevor er hinter einem Felsen verschwand, sah sich Nilay nochmals um und winkte erneut. Jetzt kamen auch ihm die Tränen. Er wusste, dass es nicht gerade unwahrscheinlich war, dass er niemals zurückkehren würde - dass ihm früher oder später etwas zustoßen könnte. Er hatte zwar gesagt, dass er nach Taxila und möglicherweise” auch nach Puruschapura ging, doch er hatte nicht die Absicht verraten, noch weiterzureisen. Er war sich allerdings sicher, dass zumindest sein Vater davon wusste. Warum hätte er sonst so sehr nach Einzelheiten von Yuz´ Reise durch Bhārat Gaṇarājya gefragt?

Jetzt jedenfalls war er allein. In ihm rangen unterschiedliche Gefühle um die Oberhand. Endlich tat er das, was er schon so lange vorgehabt hatte: Er war ein freier Wandersmann auf dem Weg, die Welt zu erkunden. Und dennoch quälten ihn die starken Empfindungen, die er für seine Familie hatte, eine Familie, die er vielleicht nie wieder sehen würde! Und dann gab es da auch so ein aufkeimendes Gefühl von Heimweh, ein Heimweh nach dieser wunderbaren Mettā-Sangha, die ihm, verglichen mit dem, was er in Kazal erlebt hatte, wie der Himmel auf Erden vorkam.


 Amitas Gruß im Wirsingblatt

Er war schon über vier Stunden unterwegs, als er sich erstmals niedersetzte. Er trank einige kräftige Züge aus einem der beiden Schläuche. Dann setzte er sich hin und öffnete das Holzkästchen. In vier großen Wirsingblättern verpackt, lagen dort offensichtlich vier Mahlzeiten, die ihm seine fürsorgliche Mutter eingepackt hatte. Er überlegte: Soll ich nachschauen, was alles drin ist? Dann entschied er sich, einfach ein Wisingblatt zu öffnen und das zu essen, was er darin vorfand. Es war Milchreis mit Zimt, Nüssen und Honig - eine seiner Lieblingsspeisen! Fröhlich griff er mit den Fingern hinein und führte einen großen Happen in den Mund. Es schmeckte himmlich! Doch plötzlich biss er auf etwas Hartes, etwas Rundes. Er griff in seinen Mund, holte das Teil heraus. Es war eine Kupfermünze! Vorsichtig aß er weiter. Als er fertig war zählte er nicht weniger als acht Kupfermünzen. Seiner Mutter war es tatsächlich gelungen, ihm heimlich Geld zuzustecken! Und möglicherweise würde sich auch in den anderen drei Mahlzeiten noch etwas finden.

Er war seiner Mutter deshalb nicht gram, sondern sah darin nur einen weiteren mütterlichen Liebesbeweis. Da er sich geweigert hatte Geld mitzunehmen - sie dies aber für nötig hielt - hatte sie es heimlich gemacht. Vor Rührung liefen Nilay Tränen übers Gesicht. Wie gern würde er sich bei ihr dafür bedanken, nicht des Geldes wegen, sondern wegen ihrer Fürsorge. Aber das war nicht möglich. Vielleicht würde es niemals mehr möglich sein.

Er wischte sich die Tränen ab und ging weiter. Die Nacht verbrachte er erstmals allein außerhalb einer Siedlung, und es gab auch niemanden, der Nachtwache hielt. Als er sich während der Abenddämmerung hinlegte, bemerkte er, wie ihn die Angst überkam. Er hatte während des Tages mehrfach Hyänen gehört und einmal auch zwei solche Tiere gesehen, die ein Stück weit parallel zum Weg neben ihm hergelaufen waren. Er stand im Halbdunkel noch einmal auf und suchte einen Stecken und einige Steine, die er neben sich legte. Er hoffte damit eine Hyäne in die Flucht schlagen zu können, sollte sie sich an ihn heranmachen.

Ihm fiel jetzt ein, dass er auch nicht genau über das Verbreitungsgebiet vom Wölfen, Bären, Tigern und Löwen Bescheid wusste. Nach Skorpionen hingegen hatte er die Gegend durchsucht, bevor er sich hingelegt hatte, und er war sich ziemlich sicher, dass sich weder Schlangen noch der giftige Hundertfuß an Schlafende heranmachen würden. Doch die Gedanken an die Raubtiere ängstigten ihn, und er konnte lange nicht einschlafen. Schließlich wandte er sich an die Beschützer, von denen er im Untericht und ganz viel auch von seinen Eltern gehört hatte. Er betete zu Abba und zur Grünen Tara. Danach hatte er sich beruhigt und schlief tief und fest.

Am nächsten Tag wachte er bei Morgengrauen auf. Es fühlte sich gut an. Er war jetzt ein Wanderer, so wie es sein Vater im gleichen Alter gewesen war. Er stand auf und sah sich um: Wie es mein Vater tat, so will ich es auch tun! Wenn ich Glück habe, und nicht zu unvorsichtig meine Weltsicht verkünde, dürfte ich eine gute Überlebenschance haben. Und vielleicht gehe ich dann nach drei bis fünf Jahren zurück in die Mettā-Sangha! Vielleicht aber eröffnen sich mir ganz andere Chancen! Dann werde ich diese nutzen und in etwa 20 Jahren die Mettā-Sangha besuchen, um meine Eltern und meine Geschwister noch einmal zu sehen.”

Nilay war, gestählt vom Erlebnis der ersten Nacht allein im Freien, bester Zuversicht. Bevor er losging, frühstückte er. Er öffnete sein Kästchen und fand wieder ein Reisgericht, diesmal eines mit Curry und Gemüse. Auch dies war lecker, und er fand abermals acht Kupfermünzen darin. Seine Mutter war so fürsorglich! Woher sie die wohl hatte? In der Mettā-Sangha verwendete man doch kein Geld!

Dann fiel ihm wieder ein, dass die Erträge aus dem Verkauf landwirtschaftlcher Produkte der Mettā-Sangha von Raj, dem Geschäftsführer, verwaltet wurden - ebenso wie das Geld, das Siedler, die neu zur Mettā-Sangha kamen, abgaben und erst dann zurück erhielten, wenn sie das Dorf zu ihren Lebzeiten wieder verließen.

Offensichtlich hatte seine Mutter mit Raj auf einer Sitzung des Sangha-Rates gesprochen und dieser hatte etwas finanzielle Unterstützung für ihn beschlossen. Nilay war einerseits dankbar für diese Fürsorge, andererseits lief es seinem Ziel zuwider, so wie einst sein Vater - als der noch Jesus hieß, ohne jede finanzielle Mittel in die Hauslosigkeit zu ziehen. Genauso hatte es 500 Jahre zuvor auch der Buddha getan. Nilay beschloss, das Geld vorerst aufzubewahren und es nur im äußersten Notfall einzusetzen.

Und noch etwas war ihm inzwischen klar: er würde nicht zuerst nach Taxila gehen, um nach diesem Thomas, dem Jünger Jesu, zu suchen, sondern zunächst nach Puruschapura. Das schien ihm schlüssiger. Auch sein Vater war zuerst in Puruschapura gewesen. Und wenn er den Versuch, diesen Thomas zu finden erst einmal begonnen hatte, würde er sicher nicht zwischendurch einige Zeit ins Kloster gehen wollen, sondern mit der Suche nach Thomas weitermachen. Also: erst drei Monate Kloster, dann Taxila und die Thomas-Suche!

An diesem Tag sah er häufig Bäume mit essbaren Früchten und andere essbare Pflanzen, aber er beschloss, heute noch nicht darauf zurückzugreifen. Erst wollte er den Proviant, den ihm seine Mutter mitgegeben hatte, verzehren. Es war schließlich auch sehr wahrscheinlich, dass das zubereitete Essen im Laufe des nächsten Tages verderben würde.


Eine merkwürdige Begegnung

Während des Nachmittags machte er nochmals Rast. Zuvor schon hatte er an einem Bach seine Schläuche aufgefüllt, denn allmählich kam er ganz schön ins Schwitzen - zumal es aufwärts ging. Bei der nachmittägliche Rast nahm er sich die dritte der vier in Wirsing verpackten Mahlzeiten vor. Es handelte sich um einen gefüllten Teigfladen mit einer gewürzten Hirse-Gemüse-Füllung. Es überraschte ihn nicht, dass er diesmal wieder eine erste Münze fand. Doch was ihn erstaunte, war, dass es sich um eine Silbermünze handelte. Insgesamt fand er in dem gefüllten Brot vier Silbermünzen!

Es fühlte sich merkwürdig an, kein mittelloser Wanderer mehr zu sein. Er wehrte sich allerdings gegen dieses Gefühl. Und als er sich am Abend wieder hinlegte, war es genau dieses Gefühl, das ihn mehr störte, als die Angst vor wilden Tieren - obwohl diese hier in den bewaldeten Bergen tatsächlich berechtigter gewesen wäre als tags zuvor. Er hatte sich allerdings vorsichtshalber unterwegs schon einen kräftigen Stock gesucht, um sich notfalls verteidigen zu können.

Aber da war diese merkwürdige Angst davor, nicht mittellos zu sein. Und erstaunlicherweise paarte sich dieses Gefühl mit der Angst, ausgeraubt zu werden. Nachdem er mit diesen Befürchtungen einige Weile gekämpft hatte und daher nicht einschlafen konnte, wandte er sich wieder an die Beschützer - an Abba und die Grüne Tara. Und genau da kam ihm der rettende Gedanke: Er hatte doch eine Nadel und auch ein Fadenknäuel zum Flicken seiner Robe dabei! Am nächsten Tag würde er das Geld in seine Robe einnähen - natürlich in das Tuch, das er als Unterwäsche trug, denn das war am sichersten. Mit dem guten Gefühl, von den Beschützern den entscheidenden Hinweis bekommen zu haben, schlief er schließlich ruhig ein.

So wurde er der Bärin, die mit ihrem Jungtier vorbei kam, ihn roch und in der Morgendämmerung von weitem beobachtete, nicht Gewahr. Die Bärin hatte zuvor ein anderes Tier gerissen und zusammen mit ihrem Jungen verspeist. Sie war satt. Das war gut so. Sie betrachtete den Schlafenden und ging dann mit ihrem Jungen weiter. Ich bringe mein Junges lieber in Sicherheit, dachte sie, denn Menschen können manchmal ganz schön wild sein.

Etwa eine Stunde später erwachte Nilay. Er nahm sich sein Frühstück vor - die letzte Mahlzeit von seiner Mutter. Das schmeckte zwar nicht mehr so frisch, aber es war noch genießbar. Und zu Nilays großem Erstaunen fanden sich darin zwei Goldmünzen! Er war ein reicher heimatloser Wanderer, der nicht vorhatte, diesen Reichtum anzutasten. Er machte sich wieder auf den Weg, unschlüssig ob er dieses schöne Kästchen nicht einfach wegwerfen sollte. Andererseits war es eine kostbare Handarbeit.

In diesem Moment, er war noch keine hundert Schritt weit gegangen, wurde er etwas gewahr, das ihm das Herz gefrieren ließ: Was vor ihm in Gras lag, war eindeutig Bärenkot! Und er war noch ganz frisch, vielleicht zwei, drei Stunden alt! Wäre der Bär hungrig gewesen, hätte er ihn attackiert! Nilay war sich ziemlich sicher, dass er dies wohl kaum unbeschadet überstanden hätte - vielleicht wäre es sein sehr rasches Ende gewesen. Er fiel auf die Knie und dankte den Beschützern! Ob er ihnen ein Opfer bringen sollte? Da fiel ihm etwas ein! Er nahm sein Kästchen stellte es am Wegrand auf und legte zwei Kupfermünzen hinein. Dann wandte er sich an die Beschützer: Ich vertraue darauf, dass ihr dafür sorgt, dass dies nicht von einem reichen Kaufmann gefunden wird, sondern von einem bedürftigen Menschen!”


Eine ängstliche Frau

Im Bewusstsein, das Richtige getan zu haben, ging er frohen Herzens weiter. Es ging jetzt vier Tage durch eine Hügellandschaft. Gleich am ersten Tag begegnete ihm eine allein reisende Frau, die keinerlei Gepäck dabei hatte, auch kein Lasttier. Als sie ihn von weitem sah, blieb sie unschlüssig stehen - bereit wegzulaufen. Also rief Nilay ihr zu: Fürchte dich nicht! Ich bin ein frommer Mann ohne böse Absichten. Ich bin auf dem Weg nach Puruschapura, will dort ins Theravāda-Kloster eintreten.”

Sie schien nur teilweise beruhigt. Sie blieb auf Distanz und rief ihm zu: Du kommst doch aus dem Kaschmirtal, warum gehst du nicht zur Mettā-Sangha, die soll besser sein als jedes Kloster!”

Nilay war erfreut das zu hören: Du wirst es nicht glauben - da komme ich gerade her!”

Die Frau war noch immer unsicher. Sie wollte einen Beweis: Nenne mir die Glieder des Edlen Achtfältigen Pfades!”

Als Nilay diese ohne zu zögern aufzählte, fasste sie Mut und kam näher: Aber warum gehst du von dort fort?”

Tja, weißt du... begann Nilay. Ich bin dort geboren, kenne nichts anderes, ich will wissen, wie es woanders ist, ich will sehen, ob es nicht irgendwo anders auch sehr gute Lehren gibt. Erst wenn ich sicher bin, dass es das nicht gibt, werde ich zurückkehren. Die meisten in der Mettā-Sangha glauben, dass es bei uns am besten ist. Ich aber will es nicht glauben - ich will es wissen! Das ist genau, wie bei meinem Vater. Er kam aus einer fernen Gegend, aus dem Römischen Reich, zog durch viele Länder und ganz Bhārat Gaṇarājya, um ganz weise zu werden. Jetzt gehört er zu den angesehensten Personen der Mettā-Sangha.”

Die junge Frau war noch immer vorsichtig, sie musste wohl schlimme Erfahrungen gemacht haben, dachte Nilay. Sie aber wollte soll schnell wie möglich weiter, also sagte er: Pass auf dich auf. Nicht nur Männer sind gefährlich. Heute morgen bin ich aufgewacht und fand ganz in meiner Nähe frischen Bärenkot.”

Sie nickte: Ich werde mich vorsehen. Viel Glück im Kloster in Puruschapura.“ Kaum hatte sie das gesagt, eilte sie von dannen.

Auch Nilay ging seines Weges. Rr wunderte sich, dass er sich nunmehr vorstellte, sie hätten die gleiche Richtung und könnten zusammen gehen. Gewiss hätten sie sich viel zu erzählen. Er könnte sie beschützen. Er stellte sich vor, wie sie sich dankbar an ihn schmiegte. Doch dann schob er diesem Gedanken weg: `Das geziemt sich nicht für einen Mann, der vorhat nicht nur nach den Spuren des Thomas zu suchen, sondern in Puruschapura auch ins Kloster eintreten will.´

An diesem Tag fand Nilay kaum etwas zu essen, denn er ging durch bewaldetes Gebiet, erst am nächsten Tag fand er reichlich Obst. Wenige Tage nach der Begegnung mit der Frau änderte sich die Topografie: Statt des hügeligen Landes stieg er einen größeren Berg hoch, insgesamt 800 Höhenmeter. Als er gegen Abend den Bergkamm erreichte, bot sich ihm ein wunderbarer Anblick: Tief unter ihm lag ein Tal mit einem breiten Fluss, der sich seinen Weg durch die Landschaft bahnte. Das muss der Sindh sein, sagte er sich.

Nilay übernachtete dort oben, dann machte er sich auf den Weg ins Tal. Der Pfad führte aber nicht direkt dorthin, sondern schlängelte sich an den Bergen entlang, sodass er erst am übernächsten Tag den Sindh erreichte. Da der Fluss doch recht breit war, traute er sich nicht mit seinen drei Roben - die noch dazu von den Münzen beschwert waren - in den Fluss. Die Roben würden der Strömung eine große Angriffsfläche geben. Also ging er zu einem Fischerdorf und fragte, ob ihn jemand übersetzen könne. Ein Fischer erklärte sich bereit: Heute nicht mehr, aber morgen schon, vorausgesetzt, du hast zwei Kupfermünzen. Wenn nicht arbeitest du für mich, hilfst mir zwei Tage lang beim Fischen, dann bringe ich dich am Abend des zweiten Tages rüber.”

So etwas hatte er schon erwartet, schließlich kosten Dinge außerhalb der Mettā-Sangha Geld. Auch sein Vater hatte ihm erzählt, dass er auf seiner Reise von Puruschapura nach Kaschmir hier übergesetzt hatte, möglicherweise bei demselben Fischer. Yuz hatte damals beim Fischen geholfen, so wie er es schon vorher seinen beiden Jüngern am See Genezareth beim Fischen getan hatte. Erst Amita hatte ihn dann überzeugen können, dass Mettā - Wohlwollen für alle fühlenden Wesen - auch für Fische gilt. Also antwortete Nilay nur: In Ordnung, dann bin ich morgen bei Sonnenaufgang hier.”

Er übernachtete am Rand des Dorfes und holte dort zwei Kupfermünzen aus seinem Versteck. Als der Fischer am nächsten Morgen fragte: Münzen oder Arbeit?”, antwortete ihm Nilay: Habe von meiner letzten Anstellung noch zwei Münzen übrig.” Das entsprach zwar nicht ganz der Wahrheit, war aber eine angemessene Aussage. Schließlich kann kein Fischer wissen, dass es eine Gegend wie die Mettā-Sangha gab, wo man ohne Bezahlung arbeitete und alles, was man benötigte, ohne Bezahlung bekommt. Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seine Bedürfnissen!” hatte sein Vater dieses Prinzip einmal beschrieben.

Eine Stunde später hatten sie das andere Ufer erreicht und sie verabschiedeten sich. Danach ging es wieder einen ganzen Tag aufwärts. Am Abend bot sich Nilay noch ein letztes Mal der Anblick des Sindh in seinem Tal. Nach einem Abstieg am darauffolgenden Tag ging es noch vier Tage durch ein relativ ebenes Gebiet, wo sich allerlei Essbares fand. Am frühen Abend des vierten Tages lag Puruschapura vor ihm. Die Stadt schien etwas größer zu sein als Kazal. Nach den schlechten Erahrungen, die er dort gemacht hatte, sagte sich Nilay, es sein besser, am nächsten Tag ausgeruht in die Stadt zu gehen.


Im Kloster

Nilay wusste von seinem Vater, dass dieser als junger Mann ins Theravāda-Kloster gegangen war, dass es aber auch noch ein anderes Kloster gab, dass der Sarvāstivādins. Sollte er streng auf den Spuren seines Vaters wandern, oder wäre es vielleicht nicht doch besser, in das andere Kloster zu gehen? Er wollte sich auf jeden Fall nicht sofort festlegen, sondern zunächst einmal informieren. Vorerst aber galt es am Stadttor, so hatte er es in Kazal schmerzlich gelernt, die Wächter zu überwinden. Daher näherte er sich dem Tor mit gemischten Gefühlen.

Na, junger Mann, was treibt dich hierher”, fragte der Wächter.

Ich bin von meinen Eltern in der Lehre des Buddha aufgezogen worden”, antwortete Nilay. Ich überlege mir, ob es das Richtige für mich wäre, Mönch zu werden, daher dachte ich, es sei gut, es einmal als Novize zu versuchen. Ich habe gehört es gibt hier zwei Klöster, allerdings ist mir der Unterschied nicht recht klar.”

Welch löbliches Unterfangen!”, erwiderte der Wächter zur Überraschung Nilays ganz freundlich, am besten  gehst du zunächst einmal zu beiden hin und erkundigst dich. Das Sarvāstivādin-Kloster ist gleich hier in der nächsten Straße links, ganz am Ende. Du kannst es gar nicht verfehlen!”

Vielen Dank, für die freundliche Auskunft, so werde ich es machen”, bedankte sich Nilay und machte eine höfliche Verbeugung. Das scheinen hier doch ganz andere Umgangsformen zu sein als in Kazal!”, dachte er. Er bog links in die Straße ein. Nach einiger Zeit sah er ganz am Ende ein großes Gebäude in einer weitläufigen Parkanlage, in der einige Mönche meditierten. Am Eingangstor standen zwei Mönche und sprachen miteinander.

Nilay näherte sich ihnen und blieb stehen, um sie nicht zu unterbrechen, aber doch klarzumachen, dass er ein Anliegen vorbringen wollte.

Einer der beiden - ein Mann im mittleren Alter - bemerkte das und wandte sich Nilay zu: Junger Mann, es sieht so aus, als wolltest du etwas von uns.”

Nilay nickte freundlich: Ja, ehrwürdiger Mönch. Ich wurde schon als Kind von meinen Eltern im Dharma unterrichtet. Nun dachte ich, es ist an der Zeit ein Kloster aufzusuchen und um Aufnahme als Novize zu bitten. Ich bin allerdings etwas verunsichert, weil es hier wohl zwei verschiedene Richtungen gibt, die beide der Lehre des Buddha folgen.”

Das ist richtig, junger Mann!”, erklärte der Mönch: Beide Schulrichtungen, sowohl das Theravāda, als auch wir Sarvāstivādins, folgen der Lehre des Buddha. Jedoch ist unsere Auslegung die weitergehende. Wir haben die Vergänglichkeit genauer untersucht: Jeder Daseinsfaktor durchläuft zwangsläufig vier Stadien, nämlich Entstehung, Dasein, Verfall und Zerstörung. Folglich existieren sie sowohl in der Vergangenheit als auch in Gegenwart und Zukunft, sind also in allen diesen drei Zeitabschnitten vorhanden, existent, daher unser Name als Sarvāstivādins. Er kommt von `sarvam asti´, was bedeutet: `alles existiert´. Jeder Daseinsfaktor unterliegt einer ihm spezifisch inhärenten Eigenschaft, der ihn determiniert, so kann aus einem Buchensamen niemals eine Eiche werden. Verstehst du?”

Nilay dachte einen Moment nach, dann sagte er: Das, was du eben gesagt hast, habe ich in der Lehre des Buddha noch nie gehört.”

Wir Sarvāstivādins haben diese Lehre gewissermaßen weiterentwickelt.”

Dann haltet ihr euch für weiser als den Buddha?” fragte Nilay erstaunt.

So würde ich es nicht sagen"; erwiderte der Mönch. Wir haben die Lehre nur etwas, sagen wir: klarer ausgearbeitet.”

Nilay war skeptisch: Aber ist das zielführend? Dient das der eigenen Entwicklung? Zwar kann aus einem Buchensamen keine Eiche werden, aber aus einem Menschen kann ein Buddha werden. Das zu analysieren wäre hilfreich. Eure Theorie aber erinnert mich an die Lehre der Brahmanen, wo jemand, der in der Kaste der Śūdras, der Arbeiterkaste, geboren wurde, niemals zu einem Kṣatriya, zu einem Staatsbediensteten, werden kann oder zu einem Priester.”

Ja, eben, dass ist der Beweis, das geht nicht.”

Doch kann er, wenn er Mönch wird”, entgegnete Nilay, dann  ist er so etwas wie ein Priester, auch wenn er nicht der Brahmanenkaste angehört. Habt ihr euch schon einmal gefragt, ob ihr nicht alte hinduistische Konzepte, die ihr als Kinder verinnerlicht habt, in den Buddhismus hereingetragen und ihn damit verwässert habt? Auch mit der Analyse von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft scheint sich ein hinduistisches Konzept bei euch eingenistet zu haben: Ihr sprecht von Entstehen, Bewahren und der Zerstören. Darin erkenne ich die drei Hauptgötter des Brahamanismus wieder: Brahmā, den Schöpfer, Viṣṇu, den Bewahrer, und Śiva, den Zerstörer.”

Du kleiner nichtsnutziger Besserwisser!”, fuhr der Mönch ihn an. Du wagst es einem Mönch zu widersprechen! Ich weiß nicht, wo du solche Unbotmäßigkeit gelernt hast. Bei uns kannst du auf diese Art nicht landen! Und bei den Theravādins übrigens auch nicht. Scher dich zum Māra!”

Nilay wandte sich traurig ab. Tatsächlich, nach dieser Einführung konnte er hier mit Sicherheit nicht bleiben. Und hatten nicht auch die Theravādins in Puruschapura seinen Vater früher herausgeworfen, sogar zweimal? Er musste viel vorsichtiger argumentieren! Es gab hier offensichtlich Rang­ordnungen, die eigentlich Hackordnungen waren: Ein Mönch durfte einen Laien belehren und sogar beschimpfen; aber ein Laie hatte nicht das Recht, mit einem Mönch zu diskutieren. Das schien der entscheidende Unterschied zwischen der Mettā-Sangha und dem Rest der Welt zu sein!

Dann blieb Nilay stehen und atmete dreimal tief durch, wie ihn seine Mutter das gelehrt hatte. Jetzt betrachtete er die Sache nüchterner: Ja, er würde vorsichtiger sein müssen, vor allem bevor er die Gebräuche der jeweiligen Gruppen kannte. Aber man konnte die `Welt da draußen´ trotzdem nicht über einen Kamm scheren. Der Wächter hier war viel freundlicher als der in Kazal. Nilay begab sich auf dem kürzesten Weg zum Theravāda-Kloster, nachdem er sich erkundigt hatte, wo es lag.

Dieses Kloster schien noch größer zu sein. Auch hier gab es einen großen Park, der nicht mit Zäunen abgetrennt war. Dennoch sah Nilay darin keine Laien, alle trugen Mönchsroben. Er betrat dennoch den Weg und fragte einen Mönch, wie man denn Novize werden könnte.

Weißt du denn genau, was das bedeutet?” fragte der Mönch.

Ich glaube schon, antwortete Nilay. „Meine Eltern haben mich im Dharma unterrichtet und sie hatten früher schon näheren Kontakt mit Klöstern.”
Näheren Kontakt, wohl als Lieferanten?” fragte der Mönch. Nilay entschied, nichts zu sagen. Wenn er verraten hätte, dass seine Eltern einmal Mönch bzw. Nonne gewesen waren und später ihn in die Welt gesetzt hatten, wäre das bestimmt kein guter Einstand gewesen. Statt dessen schaute er so devot wie nötig drein.

Gut”, sagte der Mönch, dann bringe ich dich mal zu Singhamati, unserem Abt.

Nilay wartete artig vor der Tür von Singhamatis Arbeitszimmer, bis er eingelassen wurde. Der andere Mönch verschwand.

Der Abt musterte den jungen Mann. Irgendetwas an ihm schien ihn an etwas oder jemanden zu erinnern, aber er wusste nicht, was. Warum bist du hier?” fragte er schließlich.

Ich wurde von meinen Eltern im Dharma erzogen, erklärte Nilay. Er ist für mich der Mittelpunkt meines Lebens und Denkens. Ich kann mir gut vorstellen, Mönch zu werden. Daher möchte ich um Aufnahme als Novize bitten.”

Und warum bei uns und nicht bei den Sarvāstivādins?”

Das Theravāda lehrt die ursprüngliche Lehre, die Sarvāstivādins nicht.”

Aha, das haben dir also deine Eltern gesagt.”

Nilay antwortete nicht. Singhamati wollte schon sagen: Ich habe dich etwas gefragt, doch dann fiel ihm auf, dass er keinen Fragesatz, sondern einen Aussagesatz formuliert hatte, daher fragte er nunmehr:

Haben dir das deine Eltern gesagt?”

Nein, Ehrwürdiger, antwortete Nilay. Daher wusste ich bis heute morgen nicht, wohin ich gehen sollte. Das Theravāda war mir durch meine Eltern vertraut. Aber ich schloss die Möglichkeit nicht aus, dass die Lehre der Sarvāstivādins anspruchsvoller sein könnte. Daher habe ich mich dort erkundigt, was die Unterschiede seien. Einer ihrer Mönche hat mir erklärt, dass es für alle Phänomene das Entstehen gibt, die Zeit, in der dieses Phänomen bewahrt wird, und die Zeit, in der es zerstört wird, gibt. Ich habe ihm geantwortet, dass das nicht der Buddha gesagt hat, dass es aber im Brahmanismus diese drei Hauptgötter gäbe: Brahmā, den Schöpfer, Viṣṇu, den Bewahrer, und Śiva, den Zerstörer. Es schien mir, als haben diese in ihrer Jugend brahmanisch aufgezogenen Personen, die später Mönche geworden sind, die Gedankenwelt des Brahmanismus wieder in die ehre des Buddha eingebracht, möglicherweise unbewusst. Daraufhin sagte man mir, ich könne dort nicht Novize werden, da ich mit Mönchen diskutieren würde, statt ehrfürchtig ihren Worten zu lauschen und alles ungeprüft zu übernehmen.”

Haben sie dir daraufhin nicht auch gesagt, dass du dann auch bei uns Theravādins nicht aufgenommen würdest?”

Doch, Ehrwürdiger!”

Und warum bist du dann dennoch hierhergekommen und hast das alles erzählt?”

Ehrwürdiger, meine Eltern haben mir beigebracht, auf Fragen zu antworten, die volle Wahrheit zu sprechen und nichts zu verschweigen", erklärte Nilay. Außerdem kenne ich viele Geschichten, in denen der Buddha mit Menschen spricht, die anfangs nicht seiner Meinung sind, die er aber mit guten Argumenten überzeugen kann. Das Theravāda lehrt den ursprünglichen Buddhismus, also wird es hier so sein.”

Singhamati sah den jungen Mann lange nachdenklich an. Allmählich wurde ihm etwas klar, und er sprach es offen aus: Ich vermute, du kommst aus Kaschmir, aus der Mettā-Sangha!

Ja, Ehrwürdiger.” Nilay hegte die schlimmsten Befürchtungen.

Kann es sein, junger Mann, dass dein Vater sich Issa nennt und früher als Jesus bezeichnet wurde?”

Ja, Herr, wir nennen ihn heute Yuz.”

Du weißt, dass er einst ordiniert war als Devamitta?”

Ja, Ehrwürdiger.”

Singhamati schwieg einige Zeit. Er schien nachzudenken. Dann sagte er: Ich habe deinen Vater aus dem Orden ausgeschlossen. Und ich war nie so überzeugt davon, dass das richtig war, wie heute!”

Nilay war sichtlich niedergeschlagen, Tränen stiegen ihm in die Augen.

Und weißt du auch warum, Nilay?”

Nein, Ehrwürdiger...” brachte er unter Tränen hervor.

Weil er sonst nicht so einen prächtigen Knaben hätte zeugen können wie dich, Nilay. Ich bin ausgesprochen froh, dich hier zu haben. Aber erwarte nicht, dass ich mit dir nachsichtiger bin als mit deinem Vater oder den anderen Mönchen. Zusätzlich zu unseren anderen Regeln gebe ich dir heute eine weitere Übung auf - eine sehr schwere Übung: Du darfst im Kloster und in ganz Puruschapura nicht erzählen, dass du der Sohn von Jesus bist. Du darfst auch nichts von der Mettā-Sangha erzählen, nicht dass du dort herkommst, nicht wie es dort ist. Nichts! Solltest du dagegen verstoßen, werfe ich dich mit Schimpf und Schande hier heraus.”

Ja, Ehrwürdiger!”

Wenn du das Bedürfnis hast, dennoch über etwas aus eurer Sangha zu sprechen, das hier anders ist, kommst du zu mir. Nur mit mir darfst du darüber sprechen.”

Ja, Ehrwürdiger, so werde ich es halten. Gestattet mir der Ehrwürdige eine Frage zu dieser Maßnahme?”

Ja.”

Warum verhängt Ihr diese Maßnahme?”

Wieder schwieg Singhamati zunächst. Dann sagte er: Das Theravāda ist eine ausgezeichnete Schulrichtung. Ich möchte nicht daran beteiligt sein, wenn es Schaden nimmt. Ich habe die Grundlagen aller anderen buddhistischen Schulrichtungen geprüft und verworfen. Seit etwa 15 Jahren gibt es aber jetzt diese Mettā-Sangha, von der ich schon einiges gehört habe. Ich kann nicht ausschließen, dass das, was Jesus dort aufgezogen hat, besser ist als das, was wir hier praktizieren.”

Danke für Eure offene und ehrliche Antwort, Ehrwürdiger", sagte Nilay. Ich weiß das zu schätzen und gelobe Euren Wunsch zu respektieren.”

Gut, mein lieber Nilay, dann kommen wir jetzt zum offiziellen Teil. Du hast eine dreimonatige Bewährungs­zeit, danach entscheidet sich, ob du als regulärer Novize bei uns bleiben kannst. Bei Zuwiderhandlungen gegen unsere Regeln, kannst du auch vorher entlassen werden. Das sind die wichtigsten Regeln:

Solltest du gegen eine dieser Regeln verstoßen haben, oder deine Zeit als vorläufiger Novize beenden wollen, so meldest du dich bei mir.
Akzeptierst du diese Bedingungen?“

Selbstverständlich, Ehrwürdiger!”

Singhamati brachte ihn dann in ein anderes Zimmer des Hauptgebäudes, in eine Kleiderkammer, und übergab ihn an Jñanavaca.

Kaum dass Singhamati den Raum verlassen hatte, lächelte Jñanavaca Nilay an: „Na, hat dich der alte Grieskram gehörig abgeschreckt? Keine Angst, so streng sind hier nur manche Mönche. Allerdings die Regeln, die er dir gesagt hat, die gelten wirklich - da gibt’s kein Pardon. Und jetzt will ich dich erst mal hässlich machen!“ Er holte sein Rasierzeug. Nilay bekam den Kopf geschoren und auch das noch spärliche Barthaar wurde entfernt. Alsdann erhielt er eine (dreiteilige) Robe1 – und eine ausführliche Anweisung, wie diese Robe zu tragen und in Ordnung zu halten sei. Anschließend bekam er eine einfache (und nicht allzu große) Bettelschale. Die Robe unterschied sich von seiner alten nur durch die Farbe.

Was geschieht mit meiner alten Kleidung?“, fragte Nilay, denn er sorgte sich um die darin eingenähten Münzen.

Keine Angst“, beruhigte Jñanavaca ihn. Die lagern wir bis zu deiner möglichen Ordination ein. Solltest du vorher ausscheiden, so gibst du uns die Novizenroben wieder ab und erhältst deine alten Kleidungsstücke zurück.“

Danke, es ist mir wichtig, erklärte Nilay. Sollte ich in mein Elternhaus zurückkehren, würde sich meine Mutter sehr grämen, wenn ich diese Sachen, die sie extra für mich angefertigt hat, nicht mehr haben.“

Keine Sorge, Nilay, bei mir sind deine Sachen sicher!“

Jñanavaca brachte ihn in eine der Hütten, die nur einen Raum hatten, dieser war etwa 3,50 m breit und 4 m lang, rechts und links lagen jeweils zwei Schlafmatten hintereinander - es handelte sich also um eine Unterkunft für vier Personen.

„Dies ist dein Lager“, erklärte Jñanavaca und zeigte auf eine der Matten, „heute Nachmittag hast du frei. Schau dich vielleicht etwas im Kloster um. Ach ja, siehst du dort hinten diese Hecke? Dahinter sind die Latrinen. Am Abend ertönt die Glocke - dann gehst du in den Versammlungsraum.“

Nilay sah sich im Kloster um. In einem bestimmten Teil des Gartens saßen kleine Gruppen von Mönchen zusammen - jeweils drei bis sechs Männer - und unterhielten sich. Einzelne Mönche saßen auch auf der Wiese und meditierten. Es gab auch einen großen Versammlungsraum, der schätzungsweise 200 Menschen fassen konnte. Hier lagen Matten und Sitzkissen, die mit Stroh oder Getreide gefüllt waren. An den Wänden hingen Bilder aus dem Leben des Buddha.

Dann ging Nilay wieder in seinen Schlafraum und legte sich auf eine Matte. Er dachte nach. Die vielen neuen Eindrücke des Tages beschäftigten ihn. Als die Glocke ertönte, begab er sich in den Versammlungsraum. Es waren erst wenige Mönche und Novizen anwesend. Er blickte sich um. Irgendetwas sprach ihn an einem älteren Mönch an, er setzte sich neben ihn.

Guten Tag, sagte der neue Novize. Ich bin Nilay. Ich bin den ersten Tag hier und kenne mich noch nicht so gut aus.”

Der Angesprochene musterte ihn. Dann sagte er: Normalerweise sitzen die Novizen ganz hinten - in den letzten beiden Reihen. Besser, du machst das künftig auch so, damit du nicht schief angeguckt wirst. Kannst aber heute hier bleiben und dich bei Fragen an mich wenden. Mein Name ist übrigens Sukhapada. Ich habe dich vorhin schon gesehen, als dir Jñanavaca deinen Schlafraum zeigte. Ich schlafe im gleichen Raum - daher passt es ganz gut, dass du dich zu mir gesetzt hast. Wenn du magst, kannst du mich bei allem fragen, was dir neu ist.

Weißt du, hier werden immer Vorträge gehalten, die wir dann in Kleingruppengesprächen vertiefen. Austausch ist wichtig. Sonst wird das, was wir in den Vorträgen gehört haben, nur aus dem eigenen Sichtwinkel betrachtet. Dies führt dann leicht dazu, unsere eigenen Vorurteile und irrigen Vorstellungen zu verfestigen. Daher ist es wichtig, das Gehörte mit Freunden zu besprechen. Diese Gesprächsgruppen bestehen aus drei bis acht Mönchen und Novizen. In unserer regelmäßigen Gesprächsgruppe sind wir derzeit nur drei Personen - alles ordinierte Mönche. Wenn du möchtest, kannst du dich dieser Gruppe anschließen.“

Nilay war erfreut über die Einladung: „Das ist prima. Ich hatte mich schon etwas orientierungslos gefühlt nach dem Gespräch mit Singhamati.“

Inzwischen hatte sich der Saal gefüllt. Dann ertönten drei Glockenschläge. Alle Mönchen und Novizen verstummten und standen auf. Nilay tat es ihnen gleich. Dann rezitierten alle die dreifache Zufluchtsformel:

Namo tassa bhagavato arahato sammā sambuddhāssa2
Namo tassa bhagavato arahato sammā sambuddhāssa
Namo tassa bhagavato arahato sammā sambuddhāssa
Buddha saraa gacchāmi
Dhamma saraa gacchāmi
Sangha saraa gacchāmi3

Danach folgte eine etwa halbstündige Meditation. Anschließend hielt Singhamati, einen Vortrag über einen Aspekt der Rechten Rede: Man solle harmoniefördernd sprechen. Singhamati erläuterte das am Beispiel der Gespächsgruppen. Hier könne es immer einmal zu unterschiedlichen Ansichten kommen. Es gehe aber nicht darum, recht zu behalten. Vielmehr sei es wichtig, die Sichtweise des anderen zu verstehen und dadurch die eigene Sichtweise weiterzu­entwickeln - Aspekte, die man vorher nicht gesehen hat, einzubauen und den anderen zu helfen, ebenso zu verfahren.

Damit ist es jedoch nicht genug, fuhr Singhamati fort. Wenn man in der Gesprächsrunde über andere Personen spricht, die der Gesprächsrunde nicht abgehören, ist es auch wichtig, deren Sichtweise zu erkennen und zu verstehen. Wenn ein Gruppen­mitglied über einen Dritten, den man auch kenne, abfällig spricht, so soll man diese Position nicht bestätigen und damit das Urteil des Gesprächspartners über den Nichtanwesenden vertiefen. Vielmehr soll man dem Gespächspartner helfen, die Position und die Motive des Nichtanwesenden zu verstehen. Nur so können Negativität und Ablehnung überwunden werden. Nur das ist harmoniefördernd.

Singhamatis Vortrag dauerte eine gute halbe Stunde. Dann ging es in die Gespächsgruppen.

Nilay folgte Sukhapada. Es stellte sich heraus, dass sich diese Arbeitsgruppe „Bambusgruppe“ nannte - weil sie sich in der Nähe der Bambushütte traf. Das war die Hütte, in der auch Nilay und noch ein weiteres Mitglied dieser Gruppe, Vajraguptā, wohnten. Außerdem gehörte noch Dayavandana der Gruppe an. Man stellte sich einander vor.

Als Nilay an der Reihe war, erzählte er: Ich wohnte bislang in einem netten kleinen Dorf im südlichen Himalaya. In unserem Dorf sind die meisten Menschen Anhänger des Lehre des Buddha. Ich habe das große Glück durch meine Eltern viel vom Dharma zu kennen. Mein Vater war einst selbst Novize in einem Kloster, zog jedoch dann das weltliche Leben vor. Er heiratete eine Frau - meine Mutter -, die früher eine Klosterschule für Mädchen besucht hatte. Wir sprechen sehr viel über den Dharma. Das brachte mich auf die Idee, selbst als Novize in ein Kloster zu gehen.”

Hast du noch Geschwister, Nilay?” fragte Sukhapada.

Ja, zwei etwas ältere Schwestern, antwortete Nilay. Taracitta ist vier Jahre älter als ich und frisch verheiratet. Meine Schwester Maria ist zwei Jahre älter und spielt auch mit dem Gedanken in ein Kloster zu gehen.”

Das sollte sie dann bald tun, meinte Vajraguptā. Damit sie, falls sie es sich während des Noviziats anders überlegt, noch heiraten kann - solange sind noch jung genug ist, um Kinder aufzuziehen.”

Das ist nicht so einfach", erwiderte Nilay. Es gibt bei uns weit und breit kein Frauenkloster. Unsere Eltern sind sehr eng ins dörfliche Leben eingebunden und können nicht mit ihr monatelang auf dem Weg in ein Kloster unterwegs sein.”

Und außerdem sind Frauenklöster keine richtigen Klöster, warf Dayavandana ein. Frauen können den Dharma einfach nicht richtig erfassen.”

Nilay entschied sich, darauf nicht zu antworten. Er war vorsichtig geworden. Es sollte auf keinen Fall zu einem Zwist kommen wie beim Kloster der Sarvāstivādins.  Er hatte eine bessere Idee: Wann immer er in den künftigen Gesprächen einen besonders klugen und seinem Alter nicht entsprechenden Beitrag bringen würde, würde er hinzufügen, das hätte er von seiner Mutter. Und wer Nilay kannte, wusste, dass er im Stande war, einen solchen Vorsatz auch wirklich durchzuziehen.


Zur gleichen Zeit in der Mettā-Sangha

Alles ging seinen gewohnten Gang – fast alles. Denn für die hl. Familie war die Umstellung, jetzt ohne Nilay zu sein, weiterhin eine deutlich Belastung. Vor allem bei den Frauen die Angst, dass dem jungen Mann etwas zustoßen könne, groß - und das um so mehr, weil da diese Gewissheit war: Selbst wenn er in  Schwierigkeiten war, konnten sie ihm nicht helfen. Ihr Leben war jetzt von einer gewissen nagenden Ungewissheit geprägt, die sicher mit der Zeit in den Hintergrund treten würde, doch damals war sie noch besonders stark.

Es war auch die Zeit, als erstmals eine einzelne Frau hier eintraf - eine junge Frau aus Puruschapura, die um Aufnahme in die Mettā-Sangha bat. Man holte Amita.

Du möchtest in unsere Sangha aufgenommen werden, wie kommst du darauf?”, fragte Amita.

Mein Name ist Indira”, antwortete die junge Frau. Ich komme aus Puruschapura in Gandhara, das ist ein buddhistisch geprägtes Land. Meine Eltern lehrten mich den Dharma, der mich tief beeindruckt hat. Als ich dreizehn war, wollten meine Eltern einen Bräutigam für mich suchen, aber ich sagte, ich wolle Nonne werden. Nun gibt es in Puruschapura leider kein Nonnenkloster, und meine Eltern kannten auch keines in einer anderen Stadt. Doch dann erzählte mir meine Mutter von einem jungen Mann, der einige Zeit hier in der Mettā-Sangha gewohnt hat.”

Hier bei uns?”, wunderte sich Amita. Wie heißt er denn?”

Sein Name ist Himal, kennst du ihn?”

Wir hatten bei den frühen Siedlern einmal einen Himal, erinnerte sich Amita. Er kam mit zahlreichen anderen jungen Leuten, blieb einen Sommer und wollte dann zurück, um zu heiraten und dann mit seiner Frau zurückkehren - was er aber nicht tat.”

Ja, genau”, sagte Indira. Das hat er mir auch erzählt, und das wollte er auch. Aber die Eltern der Braut ließen das nicht zu, und auch seine eigenen Eltern wirkten auf ihn ein. Sie sagten, er solle heiraten, Kinder aufziehen, die einmal das Geschäft übernehmen könnten. Sein Vater bot ihm an, schon jetzt mit ihm die Geschäfte gemeinsam zu führen. Schließlich willigte er ein.”

Amita nickte: So oder so ähnlich dürfte das bei einigen gewesen sein, die heimgingen, um zu heiraten und mit ihrer Frau wieder kommen wollten.”

Inzwischen hatte sich Maria dazugesellt und hörte mit Spannung den Bericht dieser jungen Frau.

Und zu dem bin ich hin fuhr Indra fort. Himal war Feuer und Flamme von der Mettā-Sangha, er wollte unbedingt wieder her, sobald er das Geschäft dereinst seinem Sohn übergeben hätte. Ich verglich das, was er von eurer Gemeinschaft erzählte, mit unserem Leben als Anhänger des Buddha in Puruschapura und auch mit dem der Mönche in den Klöstern. Es war eindeutig: die Mettā-Sangha war das Beste, was ich je gehört hatte. Also beschloss ich hierherzukommen. Meine Eltern jedoch versuchten alles, um es mir auszureden, aber ich war wild entschlossen. Schließlich haben sie mich in ein Zimmer eingeschlossen - im 3. Stockwerk unseres Hauses! Sie brachten sogar zweimal junge Männer, die bereit waren mich zu heiraten, ich aber weigerte mich. Schließlich bin ich heimlich nachts mittels eines Strickes aus der 3. Etage durchs Fenster entkommen. Ich habe mich in der Nähe des Stadttores versteckt. Kaum, dass es geöffnet wurde, ging ich los. Unterwegs fragte ich in einem Dorf nach dem Weg. Das wurde mir wohl zum Verhängnis. Einen Tag später hatte ich das Gefühl beobachtet zu werden, verfolgt zu werden, aber ich konnte niemanden sehen.”

Du nimmst an, jemand aus dem Dorf hat dich verfolgt?”, fragte Amita.

Schlimmer!”, flüsterte Indira. Es waren drei! Am Abend, ich hatte mich gerade hingelegt, überfielen sie mich, sie rissen mir mein Gewand vom Leibe und dann...” Sie brach in Tränen aus, schluchzte und heulte wie ein Schlosshund.

Maria war entsetzt. Sie fürchtete die Kerle könnten auch Nilay überfallen, ausgeraubt und womöglich getötet haben. Er hatte doch die Münzen dabei, die Amita ihm ins Essen geschmuggelt hatte!

Sie haben dich vergewaltigt - alle drei”, stellte Amita mit einem Blick auf Indira traurig fest und hielt die junge Frau in den Armen. Aber sie haben dich am Leben gelassen. Hoffentlich bis du nicht schwanger. “

Nein, das nicht”, antwortete Indira noch immer mit tränenerstickter Stimme. Vier Tage später habe ich meine Periode bekommen.”

Du hast überlebt. Und du musst nicht das Kind eines Verbrechers austragen oder abtreiben, das ist dir erspart geblieben  - und du bist hierher gekommen”, stellte Amita sachlich fest, um dem Schrecklichen gleich mehrere Erfolge gegenüber­zustellen.

Aber dann ist noch etwas passiert, fuhr Indira fort. Einige Tage später wurde ich von einer Schlange gebissen. Ich wusste sofort, dass es eine sehr giftige Schlange war, und versuchte weiterzukommen, da stand plötzlich eine merkwürdige Frau vor mir. Ich sagte ihr, was geschehen war. Sie sah mich an und sagte: `In dieser Tasche habe ich ein Gegengift, das dir das Leben retten wird, gib mir dafür zwei Kupferstücke.´ Ich sagte ihr, ich hätte kein Geld. Daraufhin wollte sie mein Kästchen. Ich fasste das Kästchen fester, drückte es am meine Brust. Erst jetzt fiel mir ein, dass ich zwei Kupferstücke darin gefunden hatte. Die gab ich der Frau. Sie blickte mürrisch - weil sie wohl von Anfang an das Kästchen haben wollte. Doch sie hielt sich an ihr Versprechen und gab mir das Gegengift. Ich hab´s genommen, allmählich wurden meine Beschwerden besser. Am nächsten Tag konnte ich weitergehen.”

Maria fragte: Welches Kästchen?” - Sie hatte einen Verdacht.

Indira fasst in ihren Überhang, den sie über den Arm trug und den sie nur an kalten Tagen über die Schultern legte oder in der Nacht als Decke oder Kopfkissen nutzte, und zog das Kästchen heraus.

Maria schrie entsetzt auf: Um Gottes Willen, das ist Nilays Kästchen, diese Kerle haben ihn ausgeraubt, die Münzen entwendet, nur zwei Kupfermünzen haben sie übersehen, bestimmt ist Nilay tot!”

Auch Amita blickte höchst besorgt. Doch sie wies ihre Tochter zurecht: Maria, das, was du da machst, sind irrige Projektionen deines Geistes, das ist Verblendung! Lass lieber Indira erzählen, wie sie in den Besitz dieses Kästchens und der zwei Münzen gekommen ist.”

Ja, das war so”, erzählte jetzt Indira. Das habe ich vorhin übersprungen, weil ich es nicht für so wichtig hielt. Nachdem mir die Bösen das Entsetzliche angetan hatten und bevor ich die merkwürdige Frau traf, gab es noch eine Begegnung. Ich sah plötzlich, wie mir ein junger Mann entgegenkam...”

Mit diesem Kästchen?”, unterbrach Maria sie.

Doch Indira schüttelte den Kopf: Nein, ohne das Kästchen. Aber ich hatte wahnsinnige Angst vor ihm, nachdem mir die anderen Kerle das angetan hatten. Also versteckte ich mich, wollte weglaufen. Er aber versuchte mich zu beruhigen und sagte, er käme von der Mettā-Sangha. Erst glaubte ich ihm nicht und fragte ihn nach dem Edlen Achtfältigen Pfad. Als er diesen aufzählen konnte, fasste ich etwas Vertrauen - obwohl ich immer noch Angst hatte. Er warnte mich dann vor Bären. Er sei am Morgen aufgewacht und ganz in seiner Nähe habe er frischen Bärenkot gefunden. Ich wünschte ihm viel Glück im Kloster und ging weiter, ich konnte noch nicht wieder in der Nähe eines Mannes sein! Etwas später fand ich dieses Kästchen – und daneben den frischen Bärenkot.”

Irgend etwas wollte Nilay damit bezwecken!” entfuhr es Maria.

Auf jeden Fall scheint das Kästchen dir auf wunderbare Weise das Leben gerettet zu haben“, freute sich Amita.

Aber wieso war diese merkwürdige Kräuterfrau plötzlich da?“, wunderte sich Indira noch immer.

Wenn man mit den guten Kräften des Universums in Verbindung ist, dann sind die Beschützer nicht weit.” Das waren die Worte Taracittas, die inzwischen dazu gekommen war.

Aber warum haben mir dann die Bösen das Schreckliche angetan?” fragte Indira.

Taracitta zuckte mit den Achseln: Ich weiß es nicht. Möglicherweise waren es Nilays gute Kräfte, die dich nach eurer Begegnung beschützt haben. Vorher warst du vielleicht nicht wirklich mit den guten Kräften des Universums in Kontakt, oder hattest du dich darum bemüht?”

Indira schüttelte den Kopf, sie verstand auch nicht, was mit `guten Kräften des Universums´ und mit `in Kontakt´ gemeint war.

Taracitta ergänzte: Du tust mir unendlich leid, für das, was dir widerfahren ist. Aber auch du bist unvollkommen, meine liebe Indira. Du hast dein Elternhaus verlassen, heimlich. Deine Eltern werden sich Sorgen um dich machen. Du solltest ihr bei Gelegenheit - wenn wieder eine Karawane nach Puruschapura unterwegs ist - eine Nachricht zukommen lassen, dass du in Sicherheit bist. Auf diese Weise machst du dir wieder gutes Karma.”

Indira nickte hoffnungsvoll.


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Fußnote

1 Sie besteht aus einem Stück Stoff als Unterwäsche, einer Robe als Ober­bekleidung und einer weiteren für kalte Tage oder als Decke in der Nacht.

2  Ehre sei ihm, dem Erhabenen, dem Verehrungs­würdigen, dem vollkommen Erwachten.
3 Zum Buddha nehme ich meine Zuflucht. Zur Lehre nehme ich meine Zuflucht. Zur Gemeinschaft nehme ich meine Zuflucht.



Erläuterungen

Abba Wenn Jesus Gott anbetete, verwendete er dieses aramäische Wort für „Vater“. Er nahm nicht die Anrede JHWH, die im Tenach verwendet wurde. Während JHWH den alttestamen­tarischen strengen Gott, der ursprünglich der Kriegsgott der Juden war, bezeichnet, interpretiert Jesus das Göttliche neu und sieht darin eine milde, verständnisvolle und unterstützende Vaterfigur.

Bhārat Gaṇarājya(Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Bodh-GayaStelle, an der der Buddha sein Erwachen erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)

BodhisattvaFigur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben, sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seiner Erleuchtung verwendet.)

Brahmā – einer der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als der Schöpfer. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott.

Brahmanen – eine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen

Brahmanismus – indische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. Der B. heute als Hinduismus bezeichnet.

Devamitta – Dieser Name bedutet “Freund der Götter” oder auch “Freund Gottes”

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Edle Achtfältige Pfad, der – erste und zentrale Beschreibung des Buddha für den Pfad zur Erleuchtung. Hier werden acht Baustellen genannt, an denen wir arbeiten müssen: 1. Rechte (oder Vollkommene) Vision (Ansicht), 2. Rechte Entschlossenheit, (3) Rechtes Denken, (4) Rechtes Handeln, (5) Rechter Lebenswandel, (6) Rechtes Bemühen, (7) Rechte Achtsamkeit, (8) Rechter samadhi

JHWH – ist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er keine Konsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.

Gandhāra – Antiker Staat mit Peschawar als Hauptstadt, der Teile des heutigen Afghanistan und Pakistan umfasste. Die frühere persische Provinz wurde von Alexander dem Großen erobert. Nach dessen Tod verfiel sein Weltreich. Hier begegneten sich indische und hellenistische Kultur. Zu Zeit des indischen Kaisers Aśoka verbreitete sich hier der Buddhismus und die buddhistischen Kultur wurde von griechischen Einflüssen geprägt. Hier entstanden auch erste Buddhabildnisse, die den griechischen Gott Apollo als Vorbild für unsere heutigen Buddhastatuen nahmen.

Grüne Tārā – Bodhisattva, die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen, um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut, denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen, genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die bekannteste davon.

karunā = Mitgefühl

Kastedie indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion in streng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, Priester), katriya (Sanskrit: क्षत्रिय, Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: वैश्य = Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit शूद्र, = Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden.

Katriya (Sanskrit: क्षत्रिय) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte

Māra – das Böse, in der Regel personifiziert als der Böse, der Versucher. Das Wort ist etymologisch verwandt mit dem deutschen „mahr“ (wie in Nachtmahr = Albtraum) - und dem lateinischen mors (Tod).

Mettā(Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für eine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen. 

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

Mitgefühl – (karunā) ist das Gefühl, wenn mettā auf ein leidendes Wesen trifft. Es ist etymologisch verwandt mit caritas (lat.: Barmherzigkeit) und mit to care (engl.: sich kümmern um).

Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2             Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den                             buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden. 

Samādhi - „tiefe Meditation, Versenkung, spirituelle Absorbiertheit“

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)

Sarvāstivāda – ein Orden an der Schnittstelle zwischen Hinayana und Mahayana, der über eine vom Pāḷi-Kanon abweichende Sanskritfassung der Lehrreden Buddhas verfügte. Dieser Sanskrit-Kanon ist bei der Islamisierung Indiens verschwunden, es gibt jedoch eine chinesische und eine tibetische Übersetzung. Das Sarvastuvada ging mit der islamischen Eroberung Indiens unter.

SindhDer Strom ist bei uns als Indus bekannt. Er hieß damals in Indien und heute noch in Pakistan, wodurch er größtenteils fließt, Sindh.

Śiva – (sanskrit: Glückverheißender) ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. Als Bestandteil der „hinduis­tischen Trinität“ (Trimurti) mit den drei Aspekten des Göttlichen, also mit Brahma, der als Schöpfer gilt, und Vishnu, dem Bewahrer, verkörpert Śiva das Prinzip der Zerstörung. Außerhalb dieser Trinität verkörpert er Schöpfung und Neubeginn ebenso wie Erhaltung und Zerstörung.

Taxila - war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)

Tanach - oder Tenach (hebr. תנ״ך TNK) ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, die Sammlung der heiligen Schriften des Judentums er enthält unter anderem die Tora (Weisung). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach - etwas anders geordnet – übernommen. Sie sind das Alte Testament.

Theravāda - eine der frühen Schulen des Buddhismus, die einzige Hinayana-Richtung, die noch existiert. Theravāda bedeutet „Schule der Älteren“, was darauf hinweisen soll, dass ihre Anhänger den Buddhismus so praktizieren, wie das der Buddha selbst gemacht hat. Bei ihnen stehen die Lehrereden des Pāḷi-Kanon, der ältesten buddh. Schriften im Mittelpunkt.

Thomas, der Apostel - Der Apostel Thomas kommt in allen vier Evangelien vor. Er war jener Jünger, der nicht an die Auferstehung Jesu glauben wollte, bevor er nicht mit eigenen Augen die Wundmale Jesu gesehen hatte. Deshalb wird er auch der Ungläubige genannt. Nach dem Tod Jesu wirkte Thomas als Missionar. Seine Wege führten ihn bis nach Persien und Indien. Thomas starb den Märtyrertod. Wahrscheinlich hat ihn ein Brahmane während eine s Gottesdienstes in Kalamina, das ist vermutlich in der Nähe von Madras, ermordet. (Quelle: kathpedia.com 19.4.2024)

Viṣṇu (sanskr. ) ist eine der wichtigsten Formen des Göttlichen im Hinduismus und kommt bereits in den Veden vor. Er gilt als das bewahrende Prinzip.


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