Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 4
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am 18.01.2026
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4 - Der erste Freischwimmversuch
Seit dem gemeinsamen Unterrichtsversuch von Kalenian und Nilay war nunmehr fast ein Jahr vergangen, und inzwischen artikulierten mehrere junge Leute den Wunsch, in die `Welt da draußen´ zu gehen und diese Welt für sich zu entdecken.
Auch Nilay hegte weiter diesen Wunsch und hatte sich in den letzten Monaten darüber auch mit anderen Jungen seines Alters oder etwas älteren darüber ausgetauscht. Als Yuz jetzt im Familienkreis beim Essen etwas von Taxila1 und von Thomas2 im Familienkreis erzählten, sagte Nilay beiläufig: „Ja, Taxila werde ich demnächst auch besuchen.” Die Bemerkung schlug ein wie eine Bombe.
„Was willst du denn dort?” fragte seine Schwester Maria. Und Amita ergänzte: „Weißt du eigentlich wie weit das weg ist?”
„Ja sicher, drei Wochen, na und?”
„Selbst wenn du dich dort nur eine Woche aufhalten würdest, wärest du zwei Monate hier weg!” entrüstete sich Maria.
„Ich habe aber nicht vor, direkt wieder zurückzureisen, sondern weiter nach Puruschapura, dort wo Vater im Kloster war. Es dürfte interessant sein, dort für einige Monate Novize zu werden, vielleicht schmeißen sie mich ja nicht raus, wie Vater. Danach könnte ich den Sindh entlang weiterreisen, vielleicht irgendwann den Thomas treffen. Wie wäre es Vater, du kannst mir doch eine Nachricht an ihn mitgeben.”
„Das geht so nicht!” sagte Yuz barsch. „Das ist viel zu weit und du bist viel zu jung. Du kannst vielleicht gelegentlich mal nach Kazal, einen Tag dort bleiben und dann wieder zurückkommen, dann wärst du nur eine Woche weg. Aber natürlich auch nicht allein.”
„Wie alt warst du eigentlich, Vater, als du von Nazareth nach Antioch gegangen bist.”
Yuz atmete tief durch: „Also damals war ich dreizehn, fast vierzehn. Und vorher hatte ich schon Übung mit kleineren Fernwanderungen, mit zwölf haben mich meine Eltern mitgenommen nach Jerusalem, später bin ich allein nach En Gedi, aber das war alles nicht so weit wie Taxila – geschweige denn wie Puruschapura.”
Amita, die bis jetzt geschwiegen hatte, versuchte einen Kompromiss zwischen ihrem Mann und ihrem Sohn aufzuzeigen: „Ich kann dich gut verstehen, dass du mal rauswillst, Nilay, etwas anderes sehen, die Welt kennenlernen. Andererseits hat dein Vater recht, wenn er auf die Gefahren hinweist und dass man erst einmal kleinere Exkursionen machen sollte. Wenn du also nicht allein wärst, sondern mit mindestens zwei etwas älteren Jungen nach Kazal gingest, ein paar Tage dort bleibst und spätestens nach zwei Wochen wieder da bist, dann könnten wir uns anschließend zusammensetzen und überlegen, ob wir dir eine etwas größere Reise erlauben können.”
Yuz versuchte das Heft des Handelns wieder an sich zu reißen: „Das ist eine gute Idee. Wir könnten in ein, zwei Wochen zu dritt losgehen und zwei Wochen später wieder da sein!”
Nilay stutzte: „Wen meinst du mit wir?”
„Naja, Amita und Taracitta werden hier für den Unterricht gebraucht, aber wir beide könnten das zusammen machen und noch jemand mitnehmen, Maria zum Beispiel. Hast du Interesse, Maria?”
Bevor seine Schwester antworten konnte. hatte aber schon Nilay klargemacht: „Nein Vater, das ist meine Reise, die werde ich allein machen oder mit Freunden zusammen, aber sicher nicht mit dir.”
„Ich wäre sowieso nicht mitgekommen, mir ist das kontemplative Leben lieber, wenn ich weggehe, dann höchstens in eine Einsiedelei!” Das war Marias Stellungnahme.
Offensichtlich war das bis dahin so harmonische Leben der sogenannten „hl. Familie” durch die pubertierenden Jugendlichen herausgefordert. Taracitta, die sich bis dahin zurückgehalten hatte, die aber seit ihrer Ehe mit Sunay von ihren Eltern als gleichberechtigte Erwachsene angesehen wurde, fasste zusammen: „Nilay will die Welt kennenlernen, wie du damals Yuz, das ist völlig legitim. Amita hat den Vorschlag gemacht, dass er mit mindestens zwei anderen jungen Männern nach Kazal gehen kann und bis zu zwei Wochen wegbleiben kann. Hinterher setzen wir uns zusammen und schauen, wie es weitergehen soll. Bis dahin hat Nilay auch erste Erfahrungen mit dem Reisen. Das ist die Kompromisslinie, die ich herausgehört habe.”
Und Maria erklärte: „Liebe Eltern, ihr habt Taracittas Namen sehr klug gewählt, denn sie hat offensichtlich die Weisheit, das Bewusstsein und das Herz der Grünen Tara.”
Das Gespräch ging noch etwas weiter, aber die von Taracitta formulierte Kompromisslinie wurde schließlich allgemein akzeptiert.
Am darauffolgenden Tag begann Nilay nach möglichen Begleitern zu suchen. Ihm war klar, dass er sich dabei an die Vorgabe Amitas halten musste, dass diese Begleiter mindestens zwei etwas ältere Jungs sein müssten. Er überlegte also, wer damals, als er diese Unterrichtseinheit zusammen mit seinem Lehrer Kalenian durchgeführt hatte, am ehesten die Meinungen vertreten hatte, dass es nützlich sei, auch mal die “Welt da draußen” zu besuchen. Er suchte alle auf, von denen er glaubte, sie seien ähnlicher Meinung gewesen, aber nur einer von ihnen, Ranjid zeigte Interesse, mit Nilay nach Kazal zu reisen: „Gut, wenn die Reise nicht länger als zwei Wochen dauert, bin ich dabei. Aber du hast selbst gesagt, Nilay, dass du nur die Erlaubnis bekommst, wenn wir mindestens zu dritt reisen. Ich denke ich könnte meine Eltern dann auch überzeugen, aber woher bekommen wir einen dritten Mann?”
Nilay dachte nach, ihm kam eine Idee: „Meinst du denn, das hat noch niemand vor uns im Unterricht angesprochen, in einer anderen Klasse? Wenn doch, müsste doch am ehesten Kalenian davon wissen:”
Ranjid nickte: „Gehen wir zu ihm und fragen.” So taten sie es, sie fanden ihren Lehrer, wie er auf einem Instrument übte. Nilay eröffnete das Gespräch: „Ich hoffe wir stören dich nicht Kalenian, du scheinst ein Musikstück einzuüben?”
Der schüttelte den Kopf: „Das ist nicht ganz richtig, ich bin dabei ein Stück zu komponieren. Ich habe eine gewisse Vorstellung und variiere nun das Thema, um die geeignetste Tonfolge zu finden. Aber was führt euch zu mir?”
„Du erinnerst dich sicher noch daran, als wir beide einmal zusammen den Unterricht geleitet haben, Kalenian?”
„Ja sicher, Nilay, es ging darum, ob man als junger Mann unser Dorf für eine Zeitlang verlassen sollte, um sich die `Welt da draußen´ anzusehen. - Ah, ich verstehe, ihr wollt das Projekt gemeinsam umsetzen. Habt ihr bereits mit euren Eltern darüber gesprochen?”
„Ich nicht, aber ich glaube, meine Eltern sind einverstanden, wenn noch ein paar andere mitgehen”, sagte Ranjid, der daraufhin Nilay auffordernd anblickte.
„Ich habe mit meinen Eltern gesprochen, sie sind aber nur einverstanden, wenn mindestens noch zwei andere junge Männer mitmachen und wenn es probeweise erst einmal nach Kazal geht und ich nicht länger als zwei Wochen weg bin.”
Kalenians Gesicht heiterte sich auf: „Ich verstehe! Das ist also wohl ein Kompromissvorschlag für einen Probelauf, den du deinem Vater abgerungen hast. Und jetzt hast du nur einen Kameraden gefunden der mitmacht. Weil ihr nicht weiterkommt, kommt ihr jetzt zu mir.”
„So ist es, Kalenian. Und da dachten wir uns, dass du vielleicht auch von anderen Jungs schon einmal solche Absichten gehört hast.”
Kalenian schüttelte den Kopf: „Dieses Ansinnen ist recht neu, in den Vorjahren war das niemals ein Thema. Ich glaube, du hast das erstmals aufgebracht, Nilay. Aber seitdem wird immer wieder einmal darüber diskutiert. Ich wüsste allerdings nur einen aus der Klasse der älteren Schüler, aber der ist auch erst zehn, das ist eindeutig zu jung. Einige in der unteren Klasse scheinen sich auch mit der Idee anfreunden zu können, aber die sind natürlich erst recht zu jung. Wisst ihr denn keinen, der vielleicht etwas älter ist als ihr?”
Die beiden Jungen schüttelten den Kopf. Nilay war sichtlich enttäuscht: „Das wäre mir so wichtig!” Dann zuckte er die Schultern und drehte sich um, auch Ranjid wandte sich zum gehen: „Wiedersehen, Kalenian, danke, dass du dir Zeit für uns genommen hast.”
„Eine Idee hätte ich noch,” sagte der Lehrer eher beiläufig. Die beiden drehten sich um, insbesondere in Nilays Augen konnte Kalenian Hoffnung aufflackern sehen.
„Ich weiß es ist nicht unbedingt das, was ihr euch vorgestellt habt, aber von einer Person weiß ich, dass sie für maximal zwei Wochen mitkommen würde, sie ist allerdings ein Stück älter als ihr...”
„Das wäre die Lösung!” freute sich Ranjid.
Nilay sagte er einmal nichts, er fixierte seinen ehemaligen Lehrer, dann sprach er es aus: „Kalenian, du meinst dich selbst! Warum um alles in der Welt das? Du hast doch gesagt, dass du so etwas nicht möchtest, weil du die `Welt da draußen´ zur Genüge kennst!”
„Das ist richtig, aber darum geht es nicht. Ich habe doch vorhin darauf hingewiesen, dass der Gedanke bei den Jüngeren durchaus vorhanden ist. Denen könnte ich dann von euren ersten Erfahrungen da draußen berichten, das könnte durchaus hilfreich für sie sein.”
Nilay war verunsichert: „Wir brauchen aber keinen Aufpasser, keinen der uns sagt, was wir zu tun und was wir zu lassen haben..”
„Natürlich nicht, Nilay, aber vielleicht einen, der euch unterwegs den ein oder anderen Tipp geben könnte, weil er sich im Gegensatz zu euch mit den Gepflogenheiten dort auskennt. Ob ihr euch dann dran haltet, ist eure Sache. Ach, und noch etwas: ich werde euren Eltern sage, dass ich keineswegs dafür hafte, wenn euch etwas zustößt. Ich bin ausschließlich euer Begleiter, und wenn ihr das wünscht berate ich euch. Entscheiden müsst aber ihr. Und ich werde später im Unterricht von euren Erfahrungen berichten. Einverstanden?”
„Einverstanden!” sagte Nilay, ich werde meinem Vater davon berichten. Mach du das auch so, Ranjid. Ach so: wann können wir aufbrechen?”
„Lass mich überlegen, ich muss noch ein paar Sachen erledigen... Am Tag nach dem übernächsten Uposatha, wäre das möglich? Und zwei, drei Tage vorher müssten wir noch ein paar Einzelheiten besprechen.”
„Alles klar!” freute sich Nilay, der dann zunächst noch mit Ranjid zu dessen Eltern ging. Diese zeigten sich einverstanden, zumal nicht nur der Lehrer sondern auch der Sohn des hl. Paares mitging.
Auch Nilays Eltern stimmten zu, da er sich augenscheinlich an die Abmachungen gehalten hatte. Yuz allerdings ging am nächsten Tag noch zu Kalenian, um die Sache mit ihm zu erörtern.
Zwei Tage vor den Abmarsch trafen sich die drei Reisenwilligen. Man verständigte sich darauf, dass jeder sich etwas Proviant mitnähme. Auf ein Lasttier verzichteten sie. Kalenian bestand aber darauf, das jeder einen Schlauch mit genügend Wasser für mindestens einen Tag dabei haben müsste. Die Abmarschzeit wurde auf morgens nach der Morgenandacht festgelegt.
Am Abreisetag war Nilay zeitig aufgestanden, aber auch die anderen Familienmitglieder waren unruhig und bereits früh auf: zum ersten Mal verließ einer von ihnen die Gemeinschaft, auch wenn es nur für zwei Wochen war. Yuz klopfte seinem Sohn auf die Schulter: „Ich weiß, dass ich anfangs nicht begeistert war von deiner Idee, aber inzwischen bin ich schon richtig stolz darauf, dass du, so ähnlich wie ich früher, sehen möchtest, wie es woanders ist. Dass ich mir trotzdem Sorgen mache, versteht sich von selbst. Das geht mir heute nicht anders, wie seinerzeit meinen Eltern!”
Natürlich gab ihm auch seine Mutter gute Worte mit auf den Weg, sie zog es allerdings vor, ihn zum Abschied nicht zu umarmen, zumal Ranjid und Kalenian schon zugegen waren. Sie sagte sich, dass dies dem heranwachsenden Jungen vor den anderen Leuten sicher nicht recht gewesen wäre.
Ganz anders Taracitta: Sie ging strahlend auf ihn zu, umarmte ihn herzlich und küsste ihn auf beide Wangen. Dann sagte sie: „Mazel tov!”3 und trat noch immer herzlich strahlend zurück. Nun stimmten auch die anderen Mitglieder der hl. Familie ein: „Mazel tov!” Lediglich Maria zog sich zurück, sie weinte, sie hatte Angst davor, ihren Bruder zu verlieren – vermutlich nicht jetzt, aber bei seiner späteren großen Reise, zu der er sicher bald abreisen würde.
Dann brachen die drei jungen Männer auf. Sie gingen strammen Schrittes. Die hl. Familie blickte ihnen noch nach, bis sie um die erste Wegbiegung verschwanden. Besonders Maria und Amita waren traurig, dass sich Nilay, bevor sie aus ihrem Blickfeld verschwanden nicht nochmals umgedreht und gewunken hatte.
Die drei kamen zügig voran und es dauerte an die vier Stunden, bis sie sich die erste Rast gönnten. Sie saßen am Wegesrand nieder, aßen von ihrem Proviant und tranken von Wasser aus den Schläuchen.
Am Nachmittag trafen sie erstmals auf einen anderen Wander, der sich als Valin vorstellte, er fragte: „Bin ich noch richtig auf dem Weg zur Mettā-Sangha?” Es stellte sich heraus, dass er eine Schwester hat, die mit ihrem Mann vor Jahren in die Mettā-Sangha gezogen war. Da sich ihre Eltern Sorgen um sie machten, habe er sich bereit erklärt, zu ihr zu reisen, um nach ihr zu sehen und hoffentlich beruhigende Nachrichten mit nach Hause zu bringen: „Da kannst du völlig unbesorgt sein, Valin! Deine Schwester Ranjana ist glücklich verheiratet. Du wirst nicht nur sie dort treffen, sondern du hast dort inzwischen auch zwei Neffen und eine Nichte. Dein ältester Neffe ist bei mir in der Klasse, ich bin sein Lehrer. Ein sehr aufgeweckter Junge.” Sie unterhielten sich noch eine Weile, dann zog Valin weiter.
Im Laufe des Tages machten sie noch einmal Rast, weil es dort verschiedene Bäume mit Mangos und anderen Früchten gab. Einige aßen sie, weitere fügten sie ihrem Proviant hinzu. Gegen Abend kamen sie an einen Bach. Dort füllten sie ihre Wasservorräte auf und unweit davon legten sie sich nieder. Vorher hatte Nilay sie noch für drei Nachtwachen eingeteilt. Es könnte ja sein, dass sich gefährliche Tiere oder – weniger wahrscheinlich – Räuber näherten. Nilay übernahm die erste Nachtwache. Die Nacht blieb aber ebenso ruhig wie die darauf folgende. Am Abend des dritten Tages, es fing schon an zu dämmern, sahen sie in der Ferne die Stadt Kazal. “So viele Häuser! Das ist doch größer als ich es mir vorgestellt hatte.” stellte Nilay fest. „Aber es ist eigentlich nur ein ganz kleines Provinzstädtchen”, klärte Kalenian auf. „Daher erwarte ich hier auch keine großen Probleme. Die wirklichen Probleme wirst du erst später bekommen, Nilay, in großen Städten und auf deinen weiteren Reisen. Unterschätze das nicht.” Dann schlug er vor hier, etwa eine Stunde vor der Stadt, zu übernachten und sich erst morgen dem Abenteuer „Stadt” zu stellen. Der Vorschlag wurde nach einer kurzen Diskussion akzeptiert.
Am nächsten Morgen verzehrten sie noch die Reste ihres Proviants und einen Teil der mitgebrachten Früchte, dann gingen sie auf Kazal zu. Nilay wunderte sich vor allem, dass die ganze Stadt von einer Mauer umgeben war. Am Stadttor standen Wachen, zwei Männer mit Schwertern und einem Dolch im Gürtel. „Die wirken irgendwie bedrohlich”, raunte Ranjid den anderen beiden zu. „Das ist nur zum Schutz der Stadt vor Räuberbanden”, erklärte Kalenian.
„Halt, ihr drei! Euch habe ich noch nie hier gesehen, was wollt ihr in Kazal?”
„Wir wollten uns eure schöne Stadt betrachten und einmal schauen, wie es bei euch so ist, mein Lieber!” sagte Nilay freundlich.
„Ich bin nicht dein Lieber, Bürschchen! Also verarsche mich nicht, was wollt ihr hier denn wirklich. Raus mit der Sprache!” rief er, und der andere nahm einen langen Stock mit einer Messerspitze vorn dran und richte ihn auf den entsetzten Nilay.”
Jetzt schaltete sich Kalenian ein: „Entschuldige die Unbeholfenheit dieses Knaben. Wir kommen alle drei von der Mettā-Sangha, davon habt ihr sicher schon gehört. Die beiden sind dort geboren und waren noch nie woanders, sie kennen die hiesigen Gepflogenheiten nicht, daher bin ich mit ihnen hierher gekommen, damit sie einmal die Welt außerhalb unseres beschaulichen Dorfes kennenlernen.”
Beim Wort Mettā-Sangha hatte sich das Gesicht der beiden aufgehellt. Der eine, der zuvor mit der Lanze gedroht hatte, stellte dies an die Mauer zurück und der andere sagte: „Ja, von euch habe ich schon gehört. Lauter Spinner, aber ganz friedlich. Bist du der Vater von den zwei kleinen Blödmännern?”
Kalenian schüttelte den Kopf: „Nein, ich bin so etwas wie der Onkel von ihnen und war einfach der Meinung, sie sollten endlich einmal die richtige Welt da draußen kennenlernen. Vielleicht entscheiden sie sich ja dann hierher zu ziehen.”
„Gute Idee, kann mir nicht vorstellen, dass es richtige junge Männer dauerhaft in eurem langweiligen Kaff aushalten können. Wenn du einen Tipp haben willst: Geh gerade aus zum Markt und hinter der Backstube nach links, dort ist ein Hurenhaus, da kannst du aus den beiden kleinen Schlappschwänzen echte Kerle machen.”
„Vielen Dank für den Tipp”, sagte Kalenian, dann gingen die drei weiter. Den beiden Jungen glühten noch die Ohren. Schließlich sagte Nilay: „Jetzt fange ich an zu verstehen, warum meine Eltern nicht wollten, dass wir hierher gehen, das ist ja ein so grober Ort, die Wachen sind so aggressiv. Sind alle Leute hier so?”
„Nein, Nilay, keineswegs. Wachen, also Soldaten, sind schon etwas rauhbeiniger. Diese gehören zwar auch zu den Kṣatriyas, aber darunter gibt es richtige Edelmänner und auch solche Rauhbeine. Letztere nimmt man dann eben für solche Tätigkeiten wie die als bewaffnete Wächter. Aber sie haben auch eine wichtige Funktion: noch gröbere Elemente aus der Stadt fern zu halten, wenn möglich.”
Inzwischen waren die drei am Marktplatz angekommen. „Ich schlage vor, wir trennen uns jetzt hier und sehen uns ein wenig um, so könnt ihr erste Eindrücke gewinnen. In spätestens zwei Stunden kommt ihr hierher. Dann tauschen wir unsere Erfahrungen aus und besprechen, wie wir weiter vorgehen wollen. Was haltet ihr davon?” Kalenian war offensichtlich wieder in seine Rolle als Lehrer gefallen und versuchte den Unterrichtsablauf zu erläutern. „Klingt gut!” antwortete Ranjid sofort. „In Ordnung”, sagte jetzt auch Nilay.
So trennten sie sich. Ranjid blieb noch einen Moment stehen, er wartete bis die anderen beiden gegangen waren. Dann schaute er sich nach der Backstube, die der Wächter erwähnt hatte, um. Tatsächlich, dort ging eine schmale Gasse ab. Die Worte des Wächters hatten ihn neugierig gemacht. Und man wird ja schließlich noch einmal schauen dürfen, wie so ein Hurenhaus aussieht, schließlich wollten sie ja das kennenlernen, was es in ihrem Dorf nicht gab. Er betrat etwas unschlüssig die Straße. Eine ältere Frau kam ihm entgegen, sah seine neugierigen Blicke. „Du solltest dich schämen, in deinem Alter!” herrschte sie ihn an. Dann ging sie weiter, er hörte noch wie sie mit sich selbst sprach: „Blöde Kerle, kommen vom Lande und warum – nur deswegen!”
Etwas eingeschüchtert ging er weiter. Eigentlich sahen die Häuser hier nicht viel anders aus als im Rest der Stadt. Aus einem Haus hörte er Frauengekicher, vielleicht sollte dort... Er näherte sie dem Haus, im Hof waren drei Frauen verschiedenen Alters in Gespräch...
Er schaute herein, sollten das vielleicht...? Jetzt nahm
eine von ihnen auch Notiz von ihm, die jüngste von den dreien,
gewiss noch keine 20 Jahre alt. Sie sagte etwas zu den anderen, dann
kam sie auf ihn zu. Ranjid wusste nicht, was er tun sollte,
er schaute weg, noch unschlüssig, ob er weiter gehen sollte. Sie
sprach ihn an: „Hallo,
junger
Freund, sieht so aus, als wenn du aus einem der Dörfer kämst, um mal
etwas zu erleben. Bist aber zu früh dran. Vor der neunten Stunde4
läuft was nur in Ausnahmefällen. Komm doch dann wieder – oder ist es
so dringend?” Ranjid schüttelte den Kopf, während er
sichtlich errötete.
„Gut dann komm doch zur neunten Stunde wieder. Und wenn ich dir gefallen habe, frag nach mir, ich heiße Kamika. Kostet übrigens nur acht Kupferstücke für die schnelle Nummer, Spezialwünsche natürlich etwas mehr. Bis dann!” sagte sie mit einem Augenzwinkern und strich ihm im Weggehen sanft mit der Hand vorn über die Robe, ziemlich weit unten. Ranjjd überkam ein heißes Gefühl. Da war er noch nie von jemandem anderem berührt worden! Verstört ging er weiter, verließ die Straße. Er lief durch die Gassen, sah fast nichts, seine Gedanken waren woanders. Er war verwirrt.
Kalenian war auf andere Weise unterwegs, er suchte nach Stellen, die er mit den beiden Jungen besuchen könnte, wo sie unterschiedliche Eindrücke sammeln könnten, er war dabei einen optionalen Plan zu machen, den er den Jungen Stück für Stück schmackhaft machen wollte.
Nilay schlenderte inzwischen über den Markt, er sah sich das Angebot an. Es waren in erster Linie landwirtschaftliche Produkte aus dem Umland, die angeboten wurden, aber auch Fische und lebende sowie geschlachtete Tiere. Das war etwas, was er aus der Mettā-Sangha nicht kannte. Der Umgang mit den Tieren war auch nicht respektvoll, sie wurden wie Objekte behandelt, wie Dinge. Er sah auch einen Mann, der mit einem Stock auf einen Esel einschlug. Er widerstand dem Impuls, den Mann zur Rechenschaft zu ziehen. Er war hier zu lernen, wie es hier ist, nicht um zu missionieren. Während er darüber nachdachte, ging er am Rand des Marktes an einer Häuserreihe entlang. Ein sehr hübsches Mädchen fiel ihm auf, sie wischte einen von zwei Tischen, der vor ihrem Haus – also wohl dem Haus ihrer Eltern – stand. Das erinnerte ihn an das Haus, in dem die hl. Familie wohnte, auch dort standen zwei Tische davor. Immer einmal kamen Dorfbewohner vorbei, setzten sich und unterhielten sich, Maria brachte dann Saft oder Wasser. Hier kam er sich fast wie zuhause vor. Es gab doch auch gute Seiten in der Stadt! Jetzt war Nilay ganz in ihrer Nähe und er bemerkte, wie das Mädchen ihn sah und anlächelte, er lächelte zurück. „Sieht ganz so aus als hättest du Durst und möchtest ein Schwätzchen mit mir halten.”
Nilay freute sich über ihre Offenheit, ihre Freundlichkeit, es war ganz so, wie er es von zuhause gewohnt war. „Das ist nett von dir, ja ich würde mich gern mit dir unterhalten.”
„Fein, soll ich dir einen Saft bringen? Kannst auswählen: Mango, Pfirsich oder Apfel.”
„Pfirsichsaft wäre toll, den gibt es bei uns nicht,”
Das Mädchen ging ins Haus und kam mit zwei Krügen und zwei Gläsern heraus. Sie schenkte ihm Pfirsichsaft ein und nahm sich selbst Wasser. „Du bist wohl nicht von hier?”
„Nein, ich komme von außerhalb, bin mit zwei Freunden hier. Ehrlich gesagt: ich bin zum ersten mal in der Stadt, für mich ist hier alles neu.” Die beiden unterhielten sich sehr offen; sie interessierte sich für sein Leben und seine Heimat und er begann zu erzählen, dass er, wie sein Vater, die Welt kennenlernen wollte.
„Magst du noch etwas Saft?” - „Gerne, vielleicht mit Wasser verdünnt, als Schorle?”
Sie schenkte ihm erneut ein. Kaum hatten sie das Gespräch wieder aufgenommen, kam eine Frau aus dem Haus. „Ach ja, ich dachte du machst sauber, dabei lungerst du hier herum, und laberst mit irgend so einem jungen Kerl. Mach dich an die Arbeit, hilf deiner Schwester, wie sich das gehört, du Nichtsnutz!”
Nilay war erschrocken über das Auftreten ihrer Mutter, so etwas kannte er nicht. `So ähnlich muss Sita gewesen sein, die Herrin in unserem Dorf, bevor meine Eltern sie dann von den Dämonen geheilt haben´, dachte er bei sich. Das schöne Mädchen war erschrocken ins Haus gelaufen und die Mutter sah ihn an. Er hatte den Eindruck hier nicht erwünscht zu sein.
„Ja, ich geh dann mal weiter”, sagte er und stand auf, offensichtlich war man ihm Gram, sich mit der Tochter des Hauses unterhalten zu haben.
„Halt, Bürschchen, erst mal zahlen, das macht zwei Kupfermünzen!”
Nilay war sichtlich verwirrt. Er schien sich getäuscht zu haben. Das hier war wohl kein Privathaus, sondern ein Wirtshaus. Und in Wirtshäusern muss man zahlen. Zwar nicht in dem einzigen Wirtshaus, das er bisher kannte, das im Dorf der Mettā-Sangha. Aber hier war das anders.
„Ich bitte um Verzeihung, ich bin einem Irrtum unterlegen.”
„Dein Irrtum interessiert hier nicht: zwei Kupfermünzen; aber ein bisschen plötzlich!” jetzt schrie sie, was wiederum ihren Mann dazu brachte aus dem Haus zu kommen, um nach dem Rechten zu sehen.
Nilay versuchte zu erklären: „Ich bin einem Irrtum erlegen und würde jetzt auch wirklich gern zahlen, aber ich habe kein Geld.”
„Ein Zechpreller!” schrie jetzt der Mann. „Bürschchen, du hast die Wahl: entweder ich rufe die Wächter, dann wirst du auf dem Marktplatz ausgepeitscht, so 20 – 30 Peitschenhiebe, schätze ich, auf den nackten Rücken, oder du arbeitest heute und morgen für mich.”
„Was muss ich tun?” - „Komm mit.”
„Aber ich muss erst meinen Freunden Bescheid sagen. In spätestens einer Stunde bin ich zurück und arbeite für Sie!”
„Du hältst mich wohl für blöde?” sagte er und zog Nilay am Ohr hinter das Haus. Dort wurde er an einer Kette angebunden und hatte Steine zu bearbeiten, Bruchsteine, die in gleichmäßig große Pflastersteine umgearbeitet wurden. Im Innenhof waren noch zwei weitere Männer bei der Arbeit, allerdings keine Zechpreller, sondern Sklaven.
Inzwischen war Kalenian am vereinbarten Treffpunkt eingetroffen, kurz danach kam auch Ranjid. Sie warten vergeblich auf Nilay. Sollte ihm etwas zugestoßen sein? Sie berieten sich. Nachdem jedoch eine weitere Stunde vergangen war, beschlossen sie, jeder allein wegzugehen und ihn zu suchen, Leute zu befragen. In zwei Stunden wollten sie sich hier wieder treffen.
Kalenian suchte zunächst am Markt, er fragte nach einem fremden jungen Mann, der verschwunden sei. Als er auf dem Marktplatz nicht fündig geworden war, ging Kalenian an den Häusern der vier Seiten des Marktplatzes entlang und fragte dort nach. Eine Frau konnte ihm weiterhelfen: „Ja, so ein junger Mann, etwa 13 Jahre alt, ich habe ihn noch nie hier gesehen, er war hier nebenan in der Schenke. Es gab Streit. Er schien die Zeche prellen zu wollen. Da hat der Hausherr ihn mit hinein genommen, vermutlich muss er die Schulden abarbeiten. Der Hausherr ist ein strenger Kerl, hält sich übrigens auch Sklaven.”
Kalenian befürchtete das Schlimmste. Er ging zu der Schenke, fragte bei der Wirtin nach: „Klar, dieser Zechpreller wollte abhauen. Mein Mann hat ihn vor die Wahl gestellt: entweder Anzeige und daraufhin die Auspeitschung oder heute und morgen Zwangsarbeit. Sind sie gekommen, um ihn auszulösen?”
„Das würde ich gerne. Aber ich habe kein Geld. Wir sind von der Mettā-Sangha. Ich bin mit zwei jungen Männern hier, die das Leben außerhalb der Mettā-Sangha kennenlernen wollten, also haben wir uns entschlossen in die Stadt zu gehen ohne Geld mitzunehmen.”
„Ganz schön bescheuert!” antwortete die Frau.
„Aber lassen sie mich kurz mit ihm sprechen.” Mürrisch willigte die Frau ein und brachte ihn hinters Haus.
Nilay bestätigte das Vorgefallene, man verabredete sich, dass sie sich am nächsten Abend, also nach Verbüßung der Strafarbeit, an der gleichen Stelle wieder treffen wollen, wo man sich heute verabredet hatte.
Die beiden Tage waren für Nilay alles andere als ein Zuckerschlecken. Schon bald hatte er Blasen an den Händen, die bei der weiteren Arbeit aufplatzten. Am Nachmittag kam das Mädchen, mit dem sich Nilay unterhalten hatte und brachte Salben und verband seine Hände mit einem Lappen. „Hätte ich gewusst, dass du kein Geld hast, hätte ich dich nicht angesprochen. Aber wieso wusstest du nicht, das alles Geld kostet, aus welcher verrückten Gegend kommst du nur?”
Nilay sagte nichts, er hielt die Geld-Welt für die Verrückte. Aber er bedankte sich artig bei dem Mädchen für die Wundbehandlung. Am Abend kam die Frau und brachte den beiden Sklaven Nahrung. Nilay sah sie fragend an. Sie schüttelte den Kopf: „Du bist nur zwei Tage hier, du brauchst nichts, diese Zeit hältst du auch ohne Essen durch.”
Am darauf folgenden Abend kam Nilay jedoch nicht wieder zum Treffen, also gingen Kalenian und Ranjid zum Wirtshaus. Der Wirt erklärte: „Nilay sollte die Zeche, die er geprellt hat abarbeiten. Aber er ist ein schlechter Arbeiter. Er hat zu wenig geleistet. Ich muss ihn noch zwei Tage hierbehalten.”
Kalenian aber hatte sich bereits am ersten Tag in der Stadt umgesehen, er hatte in Erfahrung gebracht, wo morgens die Tagelöhner angeheuert wurden. Dort hatten er und Ranjid heute morgen eine Stelle angenommen und etwas Geld verdient. Daher sagte Kalenian: „Hier sind die zwei Kupfermünzen, die Nilay dir schuldet, jetzt lass ihn frei.” Mürrisch steckte der Wirt das Geld ein und entließ Nilay.
Auf dem Rückweg sagte Nilay: „Ich glaube, das war das beste, was mir passieren konnte. Ich habe jetzt keinerlei Illusionen mehr über die Welt da draußen. Ich habe die Lehre verstanden.”
In den folgenden vier Tagen arbeiteten nur Kalenian und Ranjid, danach waren auch Nilays Hände soweit einsatzfähig, sodass er wieder leichtere Arbeiten erledigen konnten.
Nachts schliefen sie auf der Straße nahe dem Tempel. Tags arbeiteten sie, und so hatten sie nur etwa 2-3 Stunden Freizeit, in der sie mehr über das Stadtleben erkundeten. Ranjid betrat übrigens die Straße mit dem Hurenhaus nicht mehr. Das was Nilay passiert war, schreckte ihn doch sehr ab.
Als sie sich nach acht Tagen in der Stadt auf den Weg nach Hause machten, gestand Ranjid, dass er geheilt sei. Er wolle die Mettā-Sangha nie mehr verlassen. Kalenian hörte es mit Freude: „Sag, Ranjid, wenn in meinen Klassen das Gespräch auf die `Welt da draußen´ kommt, kann ich dich dann gelegentlich für eine Stunde in die Schule zitieren, damit du meinen Schülern berichten kannst?”
„Sehr gerne! Ich kann jedem nur abraten. Aber abgesehen davon wäre es gut, wenn Ausreisewillige so eine Exkursion wie unsere machen würden, denke ich.”
Man kann sich vorstellen, wie sehr sich Nilays Familienmitglieder freuten, als er wieder zurückkam. Natürlich wollten sie alles genau wissen und Nilay erzählte so genau er konnte, was er erlebt hatte. Er schloss die Erzählung, indem er sagte: „Ich freue mich, dass ich gleich anfangs so gründlich hereingefallen bin. Ich war zu blauäugig. Aber inzwischen habe ich die Regeln verstanden: Es geht um Geld, es geht um Macht, und die meisten Menschen sind sehr grob. Was ich aber nicht mitbekommen habe ist, nach welchen Regeln sich die Edleren unter ihnen richten und was es noch gibt an religiösen Gebräuchen. Vor allem, ob es das ein oder andere gibt, das besser ist als bei uns. Und wenn ja, möchte ich es herbringen. Vater, ich habe deine Erzählungen immer so verstanden, dass das auch dein Wunsch war, als du als junger Mann in die Hauslosigkeit gezogen bist. Ich habe den Wunsch nach Taxila und evtl. auch nach Puruschapura zu gehen – und später vielleicht auch noch weiter.”
In den folgenden Wochen gab es intensive Gespräche zwschen Yuz und Nilay, zwischen Amita und Nilay und auch zwischen Nilay und seinen Geschwistern. Schließlich konnte Yuz erreichen, dass Nilay noch ein halbes Jahr mit seiner Abreise wartet, ein halbes Jahr, indem Vater und Sohn sich jeden zweiten Tag unterhielten. Yuz versuchte seinem Sohn so viel von seinen Erfahrungen weiter zu geben, wie es ihm möglich war. Und Nilay war dafür dankbar.
Besonders ausführlich schilderte Yuz seinen größten Fehler in der Anfangszeit in Bhārat Gaṇarājya. Das war damals in Puruschapura, wohin sein Sohn auch wollte. „Nilay, ich war damals ins örtliche Kloster eingetreten als Novize. Das war für mich sehr interessant. Wir Novizen erbettelten damals, wie die Mönche auch, in der Stadt unser Essen. Einmal war ich auf dem Marktplatz und wurde Augenzeuge, wie ein Geflügelhändler sehr grob mit seinen Tieren umging. Er wollte fünf dieser Wesen verkaufen, schnappte sie einfach an den Füßen und band sie dort zusammen. Ich war so schockiert, dass ich ihn zur Rede stellte. Er aber wurde noch aggressiver und sagte mir, er könne mit seinem Besitz machen, was er wolle. Und um das zu unterstreichen, brach er dem entsetzten Huhn mutwillig einen Flügel. Meine Intervention war also nicht nur nicht nützlich. Sie war auch kontraproduktiv. Damit aber nicht genug: man erzählte sich in der Stadt, ein Novize hätte einen Händler zur Rede gestellt und vor allen beschuldigt. Auf diese Art geriet auch noch das Kloster in Verruf. Das erfuhr der Abt und verstieß mich daraufhin aus dem Kloster. Meine gut gemeinte Intervention auf dem Markt hatte also vielerlei Nachteile: der Händler ärgerte sich, das Huhn litt darunter, das Kloster geriet in schlechten Ruf und ich wurde aus dem Kloster entlassen. Nilay, ich möchte, dass du dir das merkst und daraus lernst. Du hast schon aus deinem Erlebnis im Wirtshaus in Kazal gelernt. Hier bewahrheitet sich der Spruch: aus Schaden wird man klug. Aber man kann auch aus den Fehlern anderer lernen. Denke deshalb daran, wie es mir in Puruschapura erging und vermeide, dass dir Ähnliches zustößt. Bei dir ist die Gefahr noch größer, denn du bist bisher fast nur die Umgangsformen hier in der Mettā-Sangha gewöhnt. Während ich im kriegerischen Römischen Reich aufgewachsen bin und bereits über ein Jahr auf der Straße lebte, als ich nach Puruschapura kam.”
„Danke, Vater. Die Geschichte war sehr lehrreich für mich. Gerne möchte ich noch mehr erfahren, über deine Erlebnisse während deiner Wanderzeit und daraus lernen.”
Yuz kam der Bitte seines Sohnes gern nach und er erzählte ihm ganz viele Episoden aus der Zeit, als er selbst noch Jesus von Nazareth hieß. Episoden, die in Bhārat Gaṇarājya spielten, Episoden, die sich in Palästina abspielten und auch Episoden aus den Ländern zwischen Palästina und Bhārat Gaṇarājya.
Doch es kam schließlich der Tag, da Nilays großes Abenteuer beginnen sollte, seine Trennung von der Sangha. Nilay war überzeugt davon, wieder zu kommen. Aber die meisten anderen glaubten nicht daran. Und alle fürchteten, dass ihm früher oder später etwas zustößt, das seine Rückkehr unmöglicht macht.
Allerdings versprachen auch alle, für ihn und für seine Rückkehr zu beten. In den ersten Tagen nach seiner Abreise drehten ich die Gedanken aller Familienmitglieder fast nur um ihn. Aber allmählich gewöhnte man sich daran, dass er fortgegangen war. Und die Hoffnung, dass er zurückkehrte, hatten alle, wenn es auch bei machen nur ein kleines Fünkchen Hoffnung war.
Fußnoten
1 Taxila war die historische Hauptstadt des (graeco-buddhistischen) Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Taxila erlebte seine Blütezeit vom fünften vorchristlichen bis zum fünften Jahrhundert unserer Zeit.
2 Hiermit ist der Apostel Thomas gemeint, den Jesus nach Indien geschickt hatte um dort eine christliche Mission zu betreiben. Thomas war auf dem Landweg über Taxila nach Indien eingereist. Die Stadt Taxila liegt nur etwa 300 km von dem Teil Kaschmirs entfernt, in dem die Mettā-Sangha ist. Yuz hatte erst an diesem Tag davon erfahren, dass Thomas in Taxila gewesen sei.
3 “Mazel tov!” ist jiddisch bzw. hebräisch und bedeutet “viel Glück”. Obwohl niemand außer Yuz hier diese Sprache beherrschte, waren doch einige Redewendungen daraus in den Sprachgebrauch der heiligen Familie übernommen worden.
4 Der Tag wurde in zwölf Stunden eingeteilt, die erste Stunde begann mit Sonnenaufgang, die zwölfte endete mit Sonnenuntergang. Demnach ist die neunte Stunde im Winter am frühen Nachmittag und im Sommer am frühen Abend.
Erläuterungen
Antioch – war eine der Hauptstädte des Seleukidenreiches, Neugründung im Jahre 300 v.u.Z. (nach einem Erdbeben). Die Stadt heißt heute Antakya und liegt im äußersten Süden der Türkei an der syrischen Grenze (nahe Aleppo). 64 v.Chr. verleibte sich das Römische Reich die Reste des Seleukidenreiches ein, Antioch wurde zur Hauptstadt Provinz Syrien (neben Ägypten die reichste Provinz des Römischen Reiches). Zu Jesu Zeiten hatte Antioch 500.000 Einwohner und war damit eine der vier größten Städte des Reiches (neben Rom, Alexandria und Karthago).
Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha sein Erwachen erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)
Bodhisattva – Figur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben, sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seiner Erleuchtung verwendet.)
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Grüne
Tārā
– Bodhisattva,
die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie
wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen,
um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand
zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut,
denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen,
genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es
noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die
bekannteste davon.
Kaste
– die indische Gesellschaft wird gemäß der
hinduistischen Religion in streng voneinander
abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten
sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण,
Priester), kṣatriya
(Sanskrit:
क्षत्रिय,
Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya
(Sanskrit: वैश्य
=
Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit
शूद्र,
= Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die
Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese
Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit
einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer
indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren
durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern
werden.
Kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte
Mettā – (Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.
Mettā Bhāvanā
– Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā
entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für
sich selbst,
(2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für
eine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige
Person (Feind) und (5) für allen fühlenden
Wesen.
Mettā-Sangha
–
Bezeichnung
für
die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle
Gemeinschaft
Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.
Sangha – spirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)
Sindh – Der Strom ist bei uns als Indus bekannt. Er hieß damals in Indien und heute noch in Pakistan, wodurch er größtenteils fließt, Sindh.
Taxila - war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)
Thomas, der Apostel - Der Apostel Thomas kommt
in allen vier Evangelien vor. Er war jener Jünger, der
nicht an die Auferstehung Jesu glauben wollte, bevor er
nicht mit eigenen Augen die Wundmale Jesu gesehen hatte.
Deshalb wird er auch der Ungläubige genannt. Nach
dem
Tod Jesu wirkte Thomas als Missionar. Seine Wege
führten ihn bis nach Persien und Indien. Thomas starb
den Märtyrertod. Wahrscheinlich hat ihn ein Brahmane
während eine s Gottesdienstes in Kalamina, das ist
vermutlich in der Nähe von Madras, ermordet. (Quelle:
kathpedia.com 19.4.2024)
Uposatha – heißt wörtlich Fastentag. In der Mettā-Sangha findet an diesem Tag eine Ritualfeier statt, bei der sich Meditation, Gesang, Vortrag und Gesprächsgruppen abwechseln.
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Band 4:
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