Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 25                                letztmals bearbeitet am 09.06.2026
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25 - Tod eines Vollendeten


Die Mettā-Sangha im Jahr 130

Es waren nochmal fünf Jahre vergangen: Wir befinden uns im Jahr 130 u. Z. Inzwischen ist auch die in den letzten Jahren am meisten verehrte Person in der Mettā-Sangha, Taracitta, verstorben. Neben Bhikkhu Nilay (Mahadevamitta) sind jetzt die noch deutlich jüngeren Nachkommen des hl. Paares der Abt Bhikkhu Muditāratna (41), der seit Taracittas Tod den Spirituellen Rat leitet, und die erst 26jährige Upekkhāmitta diejenigen, denen die höchste Achtung gezollt wird. Upekkhāmitta ist inzwischen sogar die Vorsitzende des Gemeinderates.


Die „Generation Schlichtheit“

Upekkhāmitta ist mit ihrer Lebensgefährtin Jaika in eines der (nach dem Exodus der 200 Einwohner fünf Jahre) leerstehenden Häuser gezogen. Die beiden Frauen ziehen gemeinsam vier Waisenkinder auf. Eigentlich muss man sagen, dass die eher mütterlichen Pflichten von Jaika wahrgenommen werden, während Upekkhāmitta doch stark von ihrer Tätigkeit in den beiden Räten, denen sie angehört, in Anspruch genommen wird.

Etwas hat sie aber von ihrer Vorfahrin Taracitta übernommen: sie kümmert sich um die spirituelle Erziehung der Nachkommen von Yuz und Amita so wie sie selbst und Muditāratna früher von Taracitta erzogen wurden. Diese Kinder treffen sich bei ihr zuhause und werden zusammen mit den Waisenkindern spielerisch in den Dharma eingeführt, mitunter kommen dazu auch noch Aishwarya mit ihren zwei Söhnen und drei Töchtern. Aishwarya kümmert sich im übrigen sehr stark um die Kinder der Generation Schlichtheit, wie sich der frühere `Club der Lässigen´ jetzt nennt.

Die Lebensgewohnheit der `Generation Schlichtheit´ unterscheidet sich von den anderen Mitgliedern der Mettā-Sangha im Wesentlichen nur darin, dass hier die Kinder nicht in den Familien erzogen werden, sondern gemeinsam betreut werden. Dies obliegt in erster Linie Jaika und Aishwarya, die dabei meist von zwei oder drei Müttern in den ersten beiden Jahren nach der Entbindung unterstützt werden. Nur noch etwas weniger als die Hälfte der Leute der Generation Schlichtheit arbeitet als Lohnabhängige, die anderen sind wieder voll in die Mettā-Sangha integriert.

Es ist inzwischen Frühling geworden, der Schnee ist weg und auch die Nächte sind jetzt frostfrei. Der Spirituelle Rat trifft sich heute unter Vorsitz von Bhikkhu Muditāratna, um die Planung für diesen Sommer vorzunehmen. Bhikkhunī Shyla und Bhikkhunī Parvati, die zuvor dem Rat angehörten, sind beide im Vorjahr verstorben.

Nachdem Bh. Muditāratna die vollzählig erschienen Mitglieder des Spirituellen Rates begrüßt hat, berichtet er aus dem Kloster: Trotz der bedauerlichen Todesfälle im Vorjahr floriert unsere Arbeit im Kloster. Wir sind jetzt nicht weniger als vierzehn Bhikkhunīs und zwölf Bhikkhus, was insofern ganz erstaunlich ist, weil es eigentlich in ganz Bhārat Gaṇarājya wesentlich mehr Mönche als Nonnen gibt, etwa fünf- bis zehnmal mehr Mönche sogar – und das gilt für alle Glaubensrichtungen. Ich denke, das ist ein Zeichen dafür, dass bei uns von Anfang an Frauen und Männer gleichberechtigt waren und es auch heute noch sind. Ich führe das auch daraufhin zurück, dass die Stifter der Mettā-Sangha, das hl. Paar, zwei auf Augenhöhe miteinander leitende Personen unterschiedlichen Geschlechts waren.

Ich bin stolz darauf, dass wir in dieser Beziehung richtungsweisend sind. Und das liegt auch darin begründet, dass in unserer Schule Jungen und Mädchen grundsätzlich das Gleiche lernen. Übrigens ist es auch bei den Studierenden so, dass es einen leichten Frauenüberschuss gibt.


Studienpläne: Meditation und Weisheit im Fokus

Bh. Muditāratna wandte sich an Manisha: Du leitest seit einiger Zeit das Frauenstudium, womit werdet ihr euch im nächsten Studienjahr schwerpunktmäßig befassen?”

Diese erklärte: Wir werden an zwei Modulen arbeiten: eines aus dem Bereich Meditation und eines aus dem Bereich Weisheit. Bezüglich Meditation werden wir auf der Basis der Mettā Bhāvanā die anderen Brahma Vihāras die anderen Göttlichen Weilungen in der Meditation einüben, also Mitgefühl, Mitfreude und erhabenen Gleichmut. Selbstverständlich werden wir uns damit auch theoretisch auseinandersetzen aber in erster Linie geht es darum, diese Geisteszustände zu erreichen, mit ihnen in meditative Vertiefungszustände einzutreten und dadurch den eigenen Geist gezielt positiv zu verändern.

Im Bereich Weisheit werden wir etwas vertiefen, was allen bereits aus dem Schulunterricht geläufig sein sollte. Es geht um die Upanisās also jene Kette von Bedingungen, die aufeinander aufbauend letzendlich zur Heiligkeit führen, wenn sie in genügendem Maße geübt werden. Hierzu gibt es eine ganz ausgezeichnete Abhandlung aus dem Kloster Weiße Wolke im östlichen Himalya, von der wir in unserer Bibliothek seit letztem Jahr eine Abschrift haben. Selbstverständlich werden wir auch in diesem Modul praktische Übungen machen.”

Bhikkhu Muditāratna nickte Manisha anerkennend zu: Das klingt sehr vielversprechend. Ich bin überzeugt, dass deine Studentinnen dadurch eine viel tiefere Grundlage für ihre Praxis erwerben, als dies in den allermeisten Klöstern geschieht – und das obwohl diese Studierenden nicht einmal alle Novizinnen sind. - Jetzt bin ich aber mal gespannt, ob da die Männerseite unseres Klosters auch mithalten kann. Bhikkhu Nadesh, was habt ihr euch vorgenommen für das neue Studienjahr?”

Bhikkhu Nadesh freute sich, da nahtlos anschließen zu können: Auch bei uns wird es im neuen Studienjahr zwei verschiedene Module geben, sie sind allerdings nicht so eindeutig den Bereichen Meditation bzw. Weisheit zuzuordnen. Zum einen wollen wir uns mit der Dämonenpraxis befassen. Wie euch bekannt ist, wurden in der Mettā-Sangha von Anfang an zwei sehr unterschiedliche Methoden verwendet: Das eine ist die von Yuz hier eingeführte Praktik der Dämonenaustreibung, die er bei Maharadesh gelernt hatte und die er auch mit einigem Erfolg in Galiläa einsetzte. Er soll dort sogar einer Frau namens Maria Madalena sieben Dämonen ausgetrieben haben! Andererseits gab es da den Ansatz, Dämonen zu füttern und zu Schutzgeistern umzufunktionieren, wie das Amita im Kloster Ghora Katora gelernt hatte. Diese weichere Form des Umgangs mit Besessenheit hat meines Erachtens viele Vorteile und wir wollen sie aus der Frauennische herausholen. Ja, sie wurde von Frauen, von Bhikkhunīs, entwickelt aber sie kann selbstverständlich auch von Männern angewendet werden. Sie ist weicher und weniger konfrontativ, und daher passt sie besser zur Mettā-Sangha.

Und dann gibt es da das zweite Modul: Hierbei geht es um das Mandala der fünf Jinas jenes großartig Bild, das das Vermächtnis von Amita und Yuz ist. Wir wollen uns einerseits die theoretischen Grundlagen erarbeiten, aber auch ganz konkret in der Meditation damit arbeiten, um unseren Geist zu transformieren. Wir haben damit in den vergangenen Jahren im Kloster, wie ihr wisst, sehr intensiv gearbeitet. Es ist jetzt an der Zeit, das Erforschte zu lehren, um damit allen ernsthaft Studierenden die Möglichkeit zu geben, auf hohem Niveau an ihrem Geist zu arbeiten und davon auch die grundlegenen Elemente weiterzugeben.”


„Das Mandala in die Welt tragen“

Bh. Muditāratna war sichtlich angetan von dem, was die beiden Studienleiter soeben vorgetragen hatten und er ergänzte: Ich bin ganz begeistert davon, wie ihr unseren Studierenden den Dharma in der Art, wie Yuz und Amita ihn gelehrt haben, und wie wir ihn in der Mettā-Sangha praktizieren, weitergebt! Auf diese Art wird es uns gelingen eine wissenschaftlich-sittliche Ausbildung an unsere fähigsten Köpfe weiterzugeben.

Aber nicht nur das ist unser Anspruch, sondern wir wollen auch in die Breite wirken, der einfachen Bevölkerung spirituell weiterhelfen, und zwar keineswegs nur hier in der Mettā-Sangha. Fast ein Jahrhundert lang praktizieren wir hier, in dieser Exklave der Seligen! Erst in jüngerer Zeit haben wir auf Anregung des verstorbenen Sammaditthimitta begonnen, Wandermönche auszusenden. Dies soll nun verstärkt werden, es geht darum, den Dharma in der Tradition von Amita und Yuz auch außerhalb unserer Sangha zu verbreiten. Dazu hat uns das hl. Paar das Geschenk des Mandalas der fünf Jinas gemacht. Wir wollen aus diesem Experiemtierstadium heraustreten und dies zu einem Schwerpunkt unserer Tätigkeit machen. Einer aus unserer Mitte hat sich diesem Projekt ganz verschrieben. Bitte mein lieber Bhikkhu Upekkhādeva1 berichte uns, was dein Ansatz ist.”

Bhikkhu Upekkhādeva freute sich, das Projekt, das ihm ein Herzensanliegen ist, vorzustellen: Seit einigen Jahren experimentieren wir ja jetzt mit Wandermönchen und teilweise auch mit Wandernonnen. Damit verfolgen wir zwei Strategien: Erstens möchten wir den Menschen außerhalb unserer Dorfgemeinschaft die Chance geben, den Dharma in einer für sie hilfreichen Art zu praktizieren. Möglicherweise sind einige davon sogar derart angetan, dass sie hierher ziehen und vielleicht sogar die Ordination anstreben. Zweitens haben uns in der Vergangenheit sowohl die Seuche als auch anfangs der Club der Lässigen gezeigt, dass Vergänglichkeit ein wichtiges Phänomen ist, dem man zwar entgegenwirken kann aber niemand kann sicher sagen, dass es auch in hundert oder zweihundert Jahren diesen Ort hier noch gibt. Schon ein Überfall durch ein uns feindlich gesinntes Königreich kann hier alles zunichte machen. Daher ist es wichtig, das, was wir hier erreicht haben zu retten indem wir unsere Ideen in die Welt tragen.

Mir schwebt vor in den nächsten Jahren die nördlichen Teile von Bhārat Gaṇarājya von unseren wandernden Mönchen und Nonnen beeinflussen zu lassen. Wir werden in drei Gruppen hinausziehen. Eine Stoßrichtung ist Gandhara mit Puruschapura als Mittelpunkt. In Gandhara ist der Dharma in verschiedenen Schulrichtungen bereits bekannt allerdings eher im klösterlichen Rahmen. Für die einfache Bevölkerung dürfte sich unser Ansatz, der des Mandalas und die Zentralität von Mettā, besonders eignen. In diese Region werden wir zwei Mönche gemeinsam senden.

Die zweite Richtung ist im Prinzip das nordöstliche Bhārat Gaṇarājya mit der Metropole Taxila. Hier ist der Dharma durchaus verbreitet allerdings nicht in der Art, wie wir ihn lehren. Hierhin werden wir zwei Nonnen und einen Mönch senden, die im Verbund arbeiten auch wenn der Mönch und die beiden Nonnen, wie üblich, nicht direkt miteinander reisen und auch an etwas voneinander getrennten Stellen nächtigen. Durch den Einsatz von Nonnen ist es uns möglich, auch Frauen und Familien zu erreichen.

Eine dritte Stoßrichtung ist das nordöstiche Bhārat Gaṇarājya, also der Himalayarand und das Gangestal. Hier ist der Brahmanismus die vorherrschende Religion. In dieser Region werden insgesamt vier Mönche arbeiten, zwei eher am Himalaya und zwei im Gangestal, hierhin werde auch ich gehen.

Ich muss zugeben, dass in meinem Blut auch das Gen des umherreisenden Wanderers ist, insofern eifere ich gewissermaßen meinen beiden großen Vorbildern nach: Yuz und Bhikkhu Nilay.”

Das ist interessant”, mischte sich jetzt Bhikkhu Nadesh ein. Dieses Wandergen ist auch in mir! Ich komme ja aus der Region des östlichen Himalaya, bin zusammen mit Onkel Nilay, - also Bhikkhu Nilays Onkel - von dort gekommen und später insgesamt vier Mal wieder zurückgereist zu den Klöstern Ghora Katora und Weiße Wolke. Am liebsten würde ich mit euch ziehen, aber dafür bin ich inzwischen viel zu alt. Wenn aber in dir dieses Wandergen von Bhikkhu Nilay und von Yuz ist, hast du vielleicht vor, später auch in enferntere Gegenden zu gehen? Die beiden waren auch im Süden von Bhārat Gaṇarājya und Yuz war sogar im Römischen Reich. Dort ist der Dharma bisher praktisch überhaupt nicht bekannt.”

Bhikkhu Upekkhādeva lächelte: Bhikkhu Nadesh, du denkst ganz wie ich. Tatsächlich werden wir früher oder später auch den Süden von Bhārat Gaṇarājya mit einbeziehen, falls sich unser Ansatz im Norden bewährt haben sollte. Den fernen Westen, das Römische Reich, möchte ich jedoch für mich persönlich und für die nächsten hundert Jahre ausschließen. Wie wir wissen, hat Yuz unter dem Namen Jesus dort gewirkt und Apostel entsandt. Vielleicht stellen die etwas Erfolgreiches und Gutes auf die Beine. Das sollten wir erst einmal abwarten und nicht eine zweite – andersartige spirituelle Tradition, die sich auch auf Yuz/Jesus beruft, dort hinbringen, das würde nur böses Blut provozieren. Es gibt da aber ein weiteres Weltreich, indem weder Yuz noch der Buddha wirkten, das finde ich interessant und ich kann mir durchaus vorstellen, in einigen Jahren dorthin zu wandern, um den Dharma nach dort zu bringen.”

Bhikkhu Nadesh schaute den so viel jüngeren Mönch fragend an, dann sagte er vorsichtig: Bhikkhu Upekkhādeva – du meinst China?”

Der Angesprochene lächelte: Genau, China ist mein großes Ziel!”

Diese Aussage schlug wie eine Bombe ein und führte zu längeren Gesprächen, worüber ich hier nicht berichte. Bhikkhu Upekkhādeva und China, das ist eine ganz andere Geschichte, über die an anderer Stelle zu lesen sein wird.


Bh. Nilay - Leben in Stille und Weisheit

Kommen wir statt dessen zum Helden dieses Buches zurück, zu Bhikkhu Nilay alias Mahadevamitta. Seit nunmehr fünf Jahren war er aller offiziellen Verpflichtungen ledig. Er kam nur noch zu Uposatha ins Dorf, nahm an der Uposatha-Feier im Großen Tempel teil, ohne jemals diese zu leiten oder einen Vortrag zu halten, und ging zuvor und danach im Dorf herum. Er interssierte sich für alle Entwicklungen, ohne groß darauf Einfluss zu nehmen. Allerdings sprachen ihn immer wieder Männer oder Frauen an, die einen Rat suchten. Bhikkhu Nilay hörte sich geduldig ihre Sorgen an und gab ihnen dann einen Ratschlag. Diejenigen, die den Ratschlag befolgten, stellten fest, wie extrem hilfreich dieser weise Rat für sie war aber diejenigen, die ihn nicht befolgten, weil sie irgendeine Ausrede hatten, wieso dieser nicht geeignet sein sollte, versuchte Bhikkhu Nilay keineswegs später davon zu überzeugen, wie hilfreich sein Ratschlag gewesen wäre. Er nahm das vielmehr achselzuckend zur Kenntnis. Er verkörperte inzwischen eine Mischung aus tiefster Weisheit und absoluter Leidenschaftslosigkeit.

Recht gerne ging er gelegentlich zum Haus am Salbaum und lauschte den Erzählungen der Generation Schlichtheit. Auch hier gab er mitunter einen Rat ohne aber die Menschen zu irgend etwas zu drängen. Einmal monatlich verbrachte er einen halben Tag bei Uppekhāmitta und ihrer Kinderkaderschmiede”. Er mischte sich selten ein, sondern beobachtete Uppekhāmittas Arbeit mit den Kindern interessiert. Einmal fragte sie ihn: Bhikkhu Nilay ich habe es gern, wenn du bei uns bist, aber ich verstehe nicht, warum du herkommst.”

Er sah sie lächelnd an: Du bist es Uppekhāmitta, weswegen ich komme. Ich genieße einfach deine Art, mit den Kindern umzugehen und ihnen den Dharma dabei zu vermitteln. Ich glaube das ist sehr wichtig. Taracitta hat das auch immer gemacht, aber damals war ich zu beschäftigt, um mir Zeit zu nehmen, mir das anzusehen. Wenn ich dich dabei ansehe, anhöre, ist es mir, als würde ich Amita betrachten, meine Mutter. Sie hatte die gleiche Fähigkeit. Ja, wenn ich hier bin, genieße ich einfach die Erinnerung an meine Mutter und ich freue mich, mit welcher Leichtigkeit der Dharma vermittelt werden kann.”

Uppekhāmitta hatte Tränen in den Augen, als sie das hörte, dann sagte sie: Wenn du kein Mönch wärest, würde ich dich jetzt umarmen und an mein Herz drücken, so gut tut es, das zu hören.”

Dann tu´s doch einfach”, sagte der Mönch.

Sie stutze einen Moment, dann um armte sie ihn, drückte ihn und herzte ihn, schließlich gab sie ihm einen Kuss auf die Stirn. Als er sich verabschiedete sagte er zu ihr: Danke, Mama” dann ging er.

Uppekhāmitta sah ihm verduzt nach, dann fing sie an vor Freude zu weinen.

Eines der Kinder ging auf sie zu: Warum bist du denn traurig, Uppekhāmitta, wir haben dich doch alle so lieb!”

Ich bin nicht traurig, ich bin glücklich so glücklich wie noch nie!” und mit diesen Worten schloss sie das Kind in die Arme.



Die meiste Zeit verbrachte Bh. Nilay im Kloster. Zweimal täglich meditierte er. Am liebsten war er in der Klosterbibliothek, wo immer zwei Schreiber – oder Schreiberinnen – damit beschäftigt waren, Texte zu kopieren. Die Bibliothek umfasste inzwischen über 400 Bände, man war im regen Austausch mit anderen Klöstern. Gern studierte Bh. Nilay in den Texten, meist saß er dazu in der Bibliothek, manchmal nahm er sich auch ein Buch mit und setzte sich vor der Bibliothek nieder. Das war eigentlich verboten: Bücher durften die Bibliothek nicht verlassen, aber für Bh. Nilay, den Gründer dieser Einrichtung, galt das nicht. Das hatte eine besondere Bewandtnis.

In der Bibliothek, einem Ort des Schriftstudiums, wurde grundsätzlich geschwiegen. Wenn er aber unter dem großen Ficus Religiosa einem Abkömmling des Bodhibaumes von Bodh Gaya saß, durfte man ihn ansprechen. Und so wussten alle Mönche und Nonnen, dass der große Weise, Bh. Nilay, jetzt zu sprechen war. Und fast täglich kamen eine oder zwei – selten mehr – Menschen, um mit ihm zu sprechen, manchmal auch Studenten oder Novizinnen. Es war allen klar, dass sie nicht mehr lange die Gelegenheit hätten, jemanden aus der zweiten Generation der hl. Familie um Rat zu bitten.

Einmal es war noch früh am Morgen sah Bhikkhunī Jayanna, dass Bh. Nilay bereits an diesem seinem Lieblingsplatz saß und begab sich zu ihm, um ihm einfach einmal zu danken für dieses herrliche Kloster, dass er und seine Schwester, Bh. Maria, hier aufgebaut hatten. Da er mit geschlossenen Augen dasaß, nahm sie an, dass er meditierte und setzt sich ihm gegenüber auch zur Meditation. Es war so herrlich, neben solch einem heiligen Mann zu meditieren! Warum hatte sie nicht schon früher versucht, in den Genuss hiervon zu kommen?

Sie fühlte die Gegenwart dieses bedeutenden Mannes in ihrer Meditation, wie nie zuvor. Es war so unwahrscheinlich beglückend! Dann legte sich diese innere Euphorie und eine große Ruhe überkam sie – es war, als wäre sie an einem Ort jenseits von Raum und Zeit. Es dauerte lang, bis sie die Augen wieder öffnete.

Bhikkhu Nilay saß noch immer ganz ruhig ihr gegenüber und es war, als würde seine Haut golden schimmern und als würde goldenes Licht von ihm ausstrahlen!

Bh. Jayanna lief es plötzlich kalt über den Rücken. Goldenes Licht! Goldene Haut! Genau das war es, was vom Buddha vor über 600 Jahren berichtet wurde, als er in Kusinagara verstarb.

Bhikkhu Nilay!” rief sie.

Der saß unbeweglich vor ihr. Vorsichtig berührte sie seine Hand. Sie war kalt.

Bh. Jayanna stand auf. Zunächst starrte sie den Leichnam vor sich an, dann begann sie Niederwerfungen vor ihm zu machen, 108 Prostrationen. Allmählich versammelten sich noch mehr Bhikkhus und Bhikkhunīs unter dem Ficus Religiosa, um sich zu prostrieren. Irgendwann begann die Glocke auf dem Tempel zu läuten.

Ein wichtiger Abschnitt in der Geschichte der Mettā-Sangha war vorüber.


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Fußnoten

1 Upekkhādeva (26) hatte ebenso wie Muditāratna und Uppekhāmitta die “Kinderkaderschmiede” Taracittas besucht, also jene Kindergruppe, in der Taracitta Kindern (vor allem ihren Nachkommen) spielerisch den Dharma beibrachte.

 



Erläuterungen

Bhārat Gaṇarājya(Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
Bhikkhu = Mönch
Bhikkhuni = Nonne

Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha seine Erleuchtung erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)

Bodhi – siehe Erwachen

Bodhi-Baum - Baum, unter dem der Buddha saß, als er „erwachte“, also zur Zeit seiner Erleuchtung

Brahmanismus – indische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. Der B. heute als Hinduismus bezeichnet.

Brahma Vihāras - „göttliche Weilungen“ oder „erhabene Geisteszustände“: Wohlwollen, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut

Buddhawörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismuserreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

ficus religiosa – zu deutsch: Pappelfeige, die Baumart, unter der der Buddha zum Erwachen kam

Gandhāra – Antiker Staat mit Peschawar als Hauptstadt, der Teile des heutigen Afghanistan und Pakistan umfasste. Die frühere persische Provinz wurde von Alexander dem Großen erobert. Nach dessen Tod verfiel sein Weltreich. Hier begegneten sich indische und hellenistische Kultur. Zu Zeit des indischen Kaisers Aśoka verbreitete sich hier der Buddhismus und die buddhistischen Kultur wurde von griechischen Einflüssen geprägt. Hier entstanden auch erste Buddhabildnisse, die den griechischen Gott Apollo als Vorbild für unsere heutigen Buddhastatuen nahmen.

jhāna – (Palibegriff, in Sanskrit: dhyana) ist ein meditativer Vertiefungs­zustand; nach der häufigsten Einteilung gibt es acht aufeinander aufbauende Vertiefungen. Ziel dieser Vertiefungen ist die Überwindung des Ego sowie der Gedanken und das Erreichen einer kosmischen Verbundenheit, die im Buddhismus als Nondualität zwischen Ich und Ander gesehen wird (anattā = Nicht-Ich). Jhāna ist eine hohe buddhistische Tugend und eine der sechs Tugenden, die ein Bodhisattva übt. Es gibt (nach der üblichen Zählung) vier feinkörperliche und vier unkörperliche jhānas, im ersten jhāna sind vitakka (aufnehmende meditative Konzentration), vicara (anhaltende meditative Konzentration), citt´ekagattā (ein­spitzige Ausrichtung des Geistes), pīti (Verzückung) und sukha (Glückseligkeit) vorhanden. In der zweiten Vertiefung fallen die ersten beiden Faktoren weg, in der dritten auch pīti. In der vierten entfällt sukha, stattdessen kommt Gleichmut (upekkhā) hinzu.

Jinas, fünf – Jina heißt Sieger; im Buddhismus ist Sieger, wer die Vollkommenheit, Buddhaschaft, Nirwana, erreicht hat. Im Mandala der fünf Jinas werden fünf archetypische Figuren gezeigt, die für Eigenschaften der Vollendung und verschiedene Weisheitsaspekte stehen

Maṇḍala Wörtlich: Kreis; ein geometrisches Schaubild, das in Hinduismus und Buddhismus eine Bedeutung hat. Es ist meist quadratisch mit einem Objekt in der Mitte, das zentrale Bedeutung hat. Im Maṇḍala der fünf Jinas wird im Mittelpunkt eine Figur gezeigt, die die Eigenschaften der vier anderen Figuren umfasst.

Mettā(Pali) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es istdas, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) Mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für eine neutralbesetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen.

Mettā-OrdenOrden der Mönche und Nonnen der Mettā-Sangha

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

Mettā-Vihāra - Kloster des Mettā-Ordens

Prostration - „Niederwerfung“, eine Verbeugung mit dem ganzen Körper, bei der sich der Verbeugende in einer bestimmten Bewegungsabfolge auf den Boden legt und die Hände in Richtung des verehrten Objektes ausstreckt. Diese buddhistische Praxis wurde von der katholischen, ortodoxen und anglikanischen Kirche übernommen.

Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, hier besonders für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nurErleuchtete.

Taxila - war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)

Upanisā – Vom Buddha wurde im upanisā sutta eine Reihe von aufeinander aufbauenden und sich gegenseitig verstärkenden Bedingungen für eine spirituell positive Entwicklung aufgezeigt. Ich übersetze upanisā mit "Voraussetzung". Im upanisā sutta ist der Pfad in – je nach Quelle – 12 bzw. 17 upanisās aufgeteilt.

Uposathaheißt wörtlich Fastentag. In der Mettā-Sangha findet an diesem Tag eine Ritualfeier statt, bei der sich Meditation,Gesang, Vortrag und Gesprächsgruppen abwechseln.


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