Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 24
letztmals bearbeitet am
08.06.2026
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Seite erläutert.
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man anklicken.
24 - Anicca – alles ist vergänglich!
Wir machen einen
weiteren Sprung vorwärts in der Zeit, inzwischen ist es das Jahr
125 nach der Geburt von Yuz. Von den wichtigsten Personen in der Mettā-Sangha ist inzwischen Bhikkhunī Maria verstorben. Statt ihrer ist
nunmehr Bhikkhu
Muditāratna im Spirituellen Rat. Äbtissin
ist jetzt Bhikkhunī Shyla - was schon etwas merkwürdig
ist, wenn man bedenkt, dass sie als ganz kleines Mädchen
einmal unwahrscheinlich verliebt war in Nilay: in den Mann, der jetzt Abt
des Männerflügels ist.
Bhikkhu Nilay, der als Junge seiner
Schwester Maria und seiner Freundin Shyla die langen Haare zu Zöpfen
geflochten hatte, war jetzt nacheinander erst mit der
einen, dann der anderen von beiden, die als Nonnen
natürlich keine langen Haare mehr hatten, sondern Glatzen,
Leiter des Mettā-Ordens. Aber Bhikkhu Nilay merkte auch, wie nicht nur
seine körperlichen Kräfte nachließen, sondern allmählich
auch seine geistigen. Die anderen hatten es bislang noch
nicht bemerkt – oder hatten sie es sich nur nicht anmerken
lassen? Er war jetzt Mitte 80 und er sah mit erheblichen
Bedenken, wie bei einem nicht unerheblichen Teil der
jüngeren Dorfbewohner die Bindung an den Dharma nachließ.
Es
gab da eine eine Gruppe junger Leute - die ältesten unter
ihnen waren etwa 30 -, die sich `Club der Lässigen´ nannten. Das waren Menschen,
die sich zwar formal zum Dharma bekannten, die aber dennoch
keineswegs an ihrer spirituellen Entwicklung interessiert
schienen. Die meisten von ihnen besuchten auch die Uposatha-Feiern nicht mehr – geschweige
denn die Morgen- und Abendandachten.
Nilay hatte sich als Jüngling gefragt, ob in der Mettā-Sangha wirklich alles besser war als draußen. Er wollte „das da draußen” kennenlernen – und ist nach vielen, vielen Jahren dann hierher zurückgekehrt.
Anders die Leute vom `Club der Lässigen´. Die wussten – oder glaubten – dass es ihnen hier besser ging, als den allermeisten außerhalb, deshalb wollten sie da nicht hin, sondern lieber hierbleiben. Hatten jedoch früher noch alle in die Hände gespuckt - und kräftig angepackt, um etwas aufzubauen, so war der Arbeitseifer inzwischen gesunken. Da es keinen Lohn gab, und die Gasthöfe alle kostenlos verköstigten, warum sollte man zügig arbeiten? Das wäre nicht `lässig´ gewesen.
Und noch etwas gab es, was es früher nicht gab: Es gab Streitereien um Besitz. Zum Beispiel, wer Anspuch habe auf die Früchte, die hier wuchsen: Nur die, die sich um sie kümmerten, die die Bäume in den trockenen Monaten gossen? Andere freuten sich darüber, ohne etwas dazu beigetragen zu haben und machten sich dann daran, die ersten reifen Früchte wegzupflücken.
Bhikkhu Nilay wollte sich darum einfach
nicht mehr kümmern. Das war ja auch Sache des Dorfrates.
In
der nächsten Sitzung des Spirituellen Rates, den wie
üblich die inzwischen 90-jährige Taracitta leitete, meldete sich Bhikkhu Nilay als Erster zu Wort:
Ich möchte eine persönliche Erklärung abgeben. Ich sehe mit Schrecken, wie im Dorf – ich wage nicht mehr zu sagen: in der Mettā-Sangha – die Lässigkeit um sich greift. Und ich sehe mich auch nicht dazu in der Lage, das wirklich beeinflussen zu können. Ich habe daher vor, meine bisherigen Ämter zur Verfügung zu stellen. Ich werde in der kommenden Woche aufhören, Abt zu sein. Ich habe das mit Bhikkhunī Shyla abgestimmt und auch mit Bhikkhu Muditāratna, der dann den Männerflügel leiten wird. Aber ich möchte auch mein Amt im Spirituellen Rat abgeben. Ich möchte euch bitten, meinen Rückzug zu akzeptieren – und einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin für mich zu benennen. Und möchte auch empfehlen, dass das eine sehr viel jüngere Person sein sollte: jemand der in der Lage ist, die junge Generation entweder zu verstehen oder aber mit ihr angemessen kommunizieren zu können. Außerdem rege ich an, dass der Spirituelle Rat und der Rat der Mettā-Sangha gelegentlich gemeinsam tagen sollten, um grundsätzliche Probleme anzugehen, wie beispielsweise unseren Umgang mit dem Club der Lässigen und und ähnlichen Phänomenen.”
Taracitta sah ihren Bruder traurig an: „Du hast recht, wir stehen an einem Umbruch. Und ich habe volles Verständnis, dass du dich zurückziehst. Ich aber werde deinem Beispiel nicht folgen – sondern werde versuchen, diesen Umbruchprozess zu moderieren. Aber ich gebe dir recht: Es ist an der Zeit auch deutlich jüngere Leute in dieses Gremium zu holen. Und ich habe auch einen Vorschlag, wer den freiwerdenden Platz meines Bruders übernehmen könnte. Es ist allerdings eine meiner Nachfahren, aber die kenne ich nun mal am besten, weil ich an deren Erziehung beteiligt war, so wie ich an Bhikkhu Muditāratnas Erziehung beteilgt war. Es ist niemand Ordiniertes, sondern eine Laiin. Ich schlage daher Upekkhāmitta vor.”
Bhikkhunī Shyla war höchst erstaunt: „Upekkhāmitta – ist die nicht gerade einmal 20?”
Taracitta nickte: „Um genau zu sein: 21. Ja, und sie ist meine Ururenkelin, sie gehört der sechsten Generation meiner Familie an. Aber wenn es darum geht, junge Leute zu verstehen und mit ihnen in Kontakt zu kommen: Wer sollte dann besser geeignet sein, als eine sehr junge Frau. Und sie ist im Dharma gefestigt, ich selbst habe sie mit aufgezogen. Gibt es andere Vorschläge?”
Taracitta wartete ab und blickte in die Runde, dann stellte sie fest: „Das ist nicht der Fall. Bhikkhu Nilay, ich möchte dich bitten, an der heutigen Sitzung noch bis zum Ende teilzunehmen. Wir schätzen deine Beiträge immer sehr. Von der nächsten Sitzung an wird dann Upekkhāmitta dabei sein, ich werde sie über alles Notwendige in Kenntnis setzen.”
Am
nächsten Tag übergab Bhikkhu Nilay die Amtsgeschäfte als Leiter
des Klosters an seinen Nachfolger –
dann ging er an den See. Er stellte fest, das einige der `Lässigen´
badeten, obwohl es eigentlich noch nicht Feierabend war.
Er zuckte mit den Schultern, setzte sich ans Wasser und
betrachtete die Enten. Dann stellte er fest:
„Ich,
Nilay, habe Feierabend. Ich habe
keinerlei Aufgaben mehr zu erfüllen – außer an meinem
Geist zu arbeiten. Aber auch da scheint nicht mehr viel zu
tun zu sein. Loslassen kann ich ja bereits. Nibbidā1 –
Rückzug,
Loslassen –
ist eines der letzten Glieder auf dem Pfad zur Befreiung,
dann kommt nur noch Virāga, Leidenschaftlosigkeit und der
nächste Schritt ist dann Befreiung, Vimutti.
Er blickte kurz zu den badenden `Lässigen´ – ob er sie ermahnen sollte? Nein – er sah das völlig leidenschaftslos. Und er fand es gut, dass er das so sah – voller Leidenschaftlosigkeit. Dann schloss er die Augen und schlief seelenruhig ein.
Zwei Wochen später tagten - wie es von Bhikkhu Nilay in dessen letzter Sitzung im Spirituellen Rat vorggeschlagen worden war – erstmals dieser Rat und der Rat der Mettā-Sangha, der sich um die eher weltlichen Belange der Dorfgemeinschaft kümmerte, gemeinsam. Man verständigte sich auf „deutliche Maßnahmen” – wie zu hören war – und dass diese statt eines Dharma-Vortrags in der nächsten Uposatha-Feier verkündet werden sollten und anschließend auch auf einer Tafel an den beiden Gasthöfen aushängen würden. Zwar konnte fast niemand schreiben, aber das Lesen wurde in der Schule vermittelt, sodass eigentlich alle es können sollten.
Die kommende Uposatha-Feier war besser besucht, als üblicherweise. Waren inzwischen meistens nur noch gut die Hälfte aller Sitzplätze besetzt, so waren es heute mehr als drei Viertel. Natürlich wurde der Vortrag zu den `deutlichen Maßnahmen´ mit besonderer Spannung erwartet.
Als es soweit war – also während des zweiten Teils der Uposatha-Feier – kündigte Bhikkhu Muditāratna an, dass Taracitta die beschlossenen Maßnahmen verkünden werde. Taracitta war nicht nur die einzige Person, die beiden Gremien angehörte, ja sogar in beiden den Vorsitz innehatte: Sie zählte als Tochter von Yuz und Amita, nicht nur zu den angesehnsten Personen, sie war auch diejenige, der alle höchsten Respekt zollten. Aufgrund ihres hohen Alters hielt sie ihren Vortrag nicht im Stehen, sondern nahm auf einer Bank Platz, die extra für sie auf dem Podium aufgestellt worden war: einer historischen Bank, auf der ursprünglich – vor ungefähr 90 Jahren – Jagan und Sita zu sitzen pflegten, bald darauf hatte Amita die Bank als so etwas wie ihr „Sprechzimmer” benutzt, wenn Menschen sie ansprechen wollten.
Taracitta nahm also auf dieser Bank Platz. Zunächst schilderte sie plastisch, wie alle früher anpackten, um diesen wunderbaren Ort – die Mettā-Sangha – aufzubauen: einen Ort, in,dem jeder seine spezifischen Fähigkeiten einbrachte und ordentlich arbeitete, und in dem jeder nach seinen Bedürfnissen erhielt, was er oder sie brauchte. Dann beschrieb sie die heutige Situation, in der ein Teil sich weiterhin so verhielt – während andere zwar die Früchte der Arbeit aller genießen wollten, aber zunehmend weniger Beiträge leisteten. Außerdem verwies sie auf die Tatsache, dass das eben die Eifrigeren unter ihnen frustriere.
„Es geht nicht an”, sagte sie, „dass sich einige einen faulen Lenz machen auf Kosten anderer. Daher wurde auf einer gemeinsamen Sitzung vom Rat der Mettā-Sangha und dem Spirituellem Rat der Sangha beschlossen, dass das bisherige Modell nur noch für die gelten werde, die entsprechend ihren Fähigkeiten ihre Leistung einbrachten. Wer dies nicht tut, wird künftig nur für seinen Arbeitseinsatz in Geld entlohnt und muss im übrigen für seinen Konsum, sei es im Gasthof oder im Dorfladen, bezahlen. Zunächst gibt es eine zweimonatige Übergangszeit, in der das Arbeitsverhalten von den Ratsmitgliedern und den Lehrerinnen und Lehrer beobachtet wird. Dann wird der Sangha-Rat beschließen, wer der eigentlichen Sangha, der Gemeinschaft derer, die ihre Leistung angemessen einbringen, angehört – und wer nicht. In Streitfällen wird eine Schiedsrichterin, die vom Sangha-Rat ernannt wurde, entscheiden.”
Taracitta wartete ab, bis sich die Unruhe etwas gelegt hatte. Nach einer angemessenen Zeit schlug Bh. Muditāratna den Gong, und das Gemurmel hörte auf.
Taracitta fuhr fort: „Es steht natürlich jedem frei, unser Dorf zu verlassen und woanders sein Glück zu versuchen. Familien, die daher wegziehen wollen, erhalten ein Goldstück pro Familie und vier Silberstücke für jede weitere familienangehörige Person. Einzelne Erwachsene ein Goldstück und drei Silberstücke, wenn sie innerhalb der nächsten sechs Wochen wegziehen. Familien die später wegziehen erhalten einen niedrigeren Betrag. Wir wollen dadurch erreichen, dass diejenigen, die sich geistig bereits aus unserer Solidargemeinschaft verabschiedet haben, diese verlassen. Wir wollen auch verhindern, das Leute bleiben, um zunächst einmal abzuwarten, wie das umgesetzt wird, daher anfangs der höhere Betrag. Ich möchte persönlich aber auch im Namen der Räte sagen - dass es mich schmerzt, so handeln zu müssen. Es ist dies der Versuch, unser Modell einer Spirituellen Gemeinschaft auf Soldaritätsbasis zu retten.”
Zum Schluss heftete sie noch eine Tafel mit den sieben Regeln des Spirituellen Erfolges, die der Buddha selbst verkündet hatte2 an die Tempeltür:
Solange sich die Sangha häufig versammelt, ist Wachstum zu erwarten, kein Verlust;
solange sich die Sangha in Eintracht versammelt, in Eintracht wieder auseinandergeht und ihre Obliegenheiten in Eintracht verrichtet, ist Wachstum zu erwarten, kein Verlust;
solange sich die Sangha an die erlassenen Übungsregeln hält, ist Wachstum zu erwarten, kein Verlust;
solange die Sangha auf die älteren, erfahreneren Sanghamitglieder achtet, ist Wachstum zu erwarten, kein Verlust;
solange die Sangha-Mitglieder ihrem Verlangen nach dem Weltlichen nicht nachgeben, ist Wachstum zu erwarten, kein Verlust;
solange die Sangha-Mitglieder sich nach Einsamkeit und Rückzug sehnen, ist Wachstum zu erwarten, kein Verlust;
solange die Sangha darauf achtet, dass die noch nicht gekommenen guten Sangha-Mitglieder kommen und verweilen mögen, ist Wachstum zu erwarten, kein Verlust.
Am nächsten Tag hingen diese Regeln auch an den beiden Gasthöfen aus. Hier stand auch geschrieben, wie viel der Lohn pro Tag künftig – also nach der zweimonatlichen Übergangsfrist – betragen würde, außerdem dass alle Schulkinder weiterhin in den Gasthöfen kostenlos ein Frühstück und ein Mittagsmahl erhielten.
Man muss sagen, dass in den ersten Tagen eine große Verunsicherung herrschte. Man sah aber auch, dass die Lehrerinnen und Lehrer mit offenen Augen umhergingen – und die Arbeiten betrachteten – außerdem, dass sie mit den Vorarbeitern sprachen, was eine deutlich disziplinierende Wirkung hatte. Es gab aber auch einige, die sich entschlossen, das Dorf zu verlassen: Insbesondere für diejenigen, die nur noch hier lebten, weil man nicht hart arbeiten musste, war die Verlockung groß, das Geld zu nehmen. Von den rund 900 ständigen Bewohnern, die das Dorf vor Beginn der Maßnahme hatte, verließen es etwa 200 in den kommenden sechs Wochen. Das ließ die Arbeitsmoral steigen.
Nach der zweimonatigen Übergangsfrist beriet sich der Rat der Mettā-Sangha zwei Tage lang und hörte sich die Berichte der Lehrerinnen und Lehrer und der Vorabeiter an. Schließlich wurde entschieden, dass 121 Personen `vorübergehende Lohnarbeiter´ seien. Das `vorübergehend´ hieß zunächst für ein Jahr. Es war aber auch möglich, jederzeit weitere Personen zu `vorübergehenden Lohnarbeitern´ zu degradieren, wenn dies geboten erschien. Einige fochten die Einordnung als Lohnarbeiter an, aber nur bei sechs von ihnen entschied die Schiedsrichterin, dass sie bis auf weiteres volle Sangha-Mitglieder sein konnten. Schiedsrichterin war Muditāpada, eine Ururenkelin von Yuz und Amita, die dem Spirituellen Rat angehörte.
Etwa die Hälfte der Dorfbewohner fanden diese Maßnahmen gut. Ein Viertel fühlte sich dadurch stark verunsichert und das restliche Viertel fand die Maßnahmen zwar im Prinzip in Ordnung, sah sich aber leicht verunsichert und zu Mehrarbeit gedrängt, wie eine Umfrage ergab.
Interessant ist natürlich auch, wie einerseits der Club der Lässigen mit all dem umging, andererseits wie das der Spirituelle Rat sah.
Upekkhāmitta besucht die Lässigen
Es gab also nach dieser Umstrukturierungsmaßnahme einerseits mehr Platz im Dorf, denn etwa 200 Personen – meist ganze Familien – waren weggezogen, sodass inzwischen 30 Häuser leerstanden und unter die Obhut der Geschäftsführung gestellt worden waren. Diese Geschäftsführung unter Leitung von Palita war so etwas wie die Gemeindeverwaltung. Sie beschäftigt jetzt auch die sog. `Lohnarbeiter´. Von diesen gehörten die meisten – etwa 80 Personen – dem `Club der Lässigen´ an, die nach getaner Arbeit, also am Abend und an Uposatha, gemeinsam irgendwo herumhingen, bei gutem Wetter am See zum Baden, mitunter auch auf dem Dorfplatz oder am Waldrand. An diesem Uposatha trafen sie sich auf einer Wiese, dort wo die Landstraße zwischen Puruschapura und Kazal am See entlang ging. Es war die Wiese, auf die während der Seuche die Erkrankten ausgelagert waren.
Überraschenderweise erhielten die `Lässigen´ heute einen völlig unerwarteten Besuch: Upekkhāmitta kam zu ihnen. Als die `Lässigen´ sie erblickt hatten, stellten sie sofort ihre Unterhaltung ein, einige von ihnen machten Anstalten zu gehen, aber Rukh, der so etwas wie der Anführer der `Lässigen´ war, sprach Upekkhāmitta an: „Was will denn die Obrigkeit bei uns? Willst du uns erziehen – oder hast du die Schnauze voll und willst dich uns anschließen?”
Es kam zu einigem Gelächter auf Seiten der `Lässigen´ und diejenigen, die im Begriff waren wegzugehen, blieben jetzt doch stehen. Das könnte ja ganz lustig werden, wenn Rukh die junge Ratsfrau jetzt hochnahm.
Upekkhāmitta lächelte Rukh an, setzte sich seitwärts
neben ihn auf den Boden, riss einen langen Grashalm von
der Wiese ab und steckte ihn sich in den Mund, um
genüsslich daran zu lutschen, schließlich sagte sie:
„Ich finde es gut, dass ihr nicht wie viele andere einfach abgehauen seid, sondern hier geblieben seid, eure Arbeit erledigt, mit eurem Lohn einigermaßen zufrieden seid und eure Zeit genießt. Ich denke, ihr seid ein gutes Beispiel für unseren Vorsatz `Mit Stille, Schlichtheit und Genügamkeit läutere ich meinen Körper´. Doch, ja, ich muss schon sagen, ich bewundere euren Ansatz.” Indem sie das sagte legte sie sich ganz entspannt hin. Sie stützte ihren Kopf in ihre rechte Hand und sah Rukh mit gewinnendem Lächeln an.
Der schaute sich um: seine Gefährten erwarteten offensichtlich etwas von ihm, also wendete er sich Upekkhāmitta wieder zu: „Wenn dir das so gut gefällt, Upekkhāmitta, dann gibt doch deinen Job im Rat auf und schließ´ dich uns an.”
Die
Lässigen goutierten seine Aufforderung mit
Gelächter und Jaika eine etwa 17-jährige recht
schlagfertige Frau ergänzte:
„Du bist doch ledig, Upekkhāmitta, bestimmt hat es dir Rukh angetan: Daher kommst du jetzt hierher. Ihr beide wäret doch ein tolles Paar! Als letzte Amtshandlung könntest du diese Regel mit der Lohnarbeit abschaffen, dann nimmt dich Rukh bestimmt gern!”
Jetzt war die Heiterkeit bei den Lässigen groß. Allgemein erwartete man, dass Upekkhāmitta jetzt erbost wegging - doch die dachte gar nicht daran.
„Weißt du, Jaika, es hat einen ganz anderen Grund, warum ich nicht verheiratet bin. Und der Rukh wäre bestimmt nicht mein Typ. Wenn ich mich für eine Partnerschaft entscheiden sollte - dann eher für jemanden wie dich, Jaika, du wärest eher mein Typ.”
Damit versetzte sie jetzt tatsächlich alle in Erstaunen. Natürlich hatte man schon gehört, dass es irgendwo Frauen geben solle, die Frauen als heimliche Partnerin haben – aber niemals hätte jemand zugegeben, dass er oder sie einen gleichgeschlechtlichen Partner vorzieht – so etwas zuzugeben war völlig undenkbar! Aber dass eine der angesehensten Personen sich als so etwas outete, wäre bis dahin noch viel undenkbarer gewesen!
Upekkhāmitta genoß den Tabubruch, den sie da begangen hatte – und der viel größer war als der Tabubruch der `Lässigen´, die lediglich den Arbeitsethos der Mettā-Sangha infrage stellten. Upekkhāmitta nutzte die entstandene Sprachlosigkeit, um das Thema zu wechseln und damit auf ihr eigenes Anliegen zu sprechen zu kommen.
„Es ist für mich keine Option,
mich eurem `Club der Lässigen´ anzuschließen,
auch wenn ich euren speziellen Ansatz `Stille,
Schlichtheit und Genügsamkeit´ zu praktizieren
ausgesprochen reizvoll finde. Ja, ich bin auch begeistert
von `Stille, Schlichtheit und Gnügsamkeit´, aber
es gibt da noch eine weiteren Grundsatz, der mir noch
wichtiger ist, und das ist der Gedanke von Mettā,
von
ganz
tiefem Wohlwollen, ja von Liebe zu allen Wesen. Wenn ich
eine `Lässige´ würde, würde ich zwar Mettā
mir
gegenüber
empfinden. Ich könnte mich bei euch wohlfühlen und
dementsprechen auch Mettā
euch
gegenüber
empfinden und es Ausleben, aber das wäre nur
Nächstenliebe. Yuz und Amita, die die Mettā-Sangha gegründet haben, und die
meine Urururgroßeltern sind, haben immer darauf
hingewiesen, dass man nicht nur sich selbst und seine
Freunde lieben soll, sondern auch alle anderen fühlenden
Wesen –
letztendlich sogar diejenigen, die einem schaden wollen.
Ihr kennt das alle aus der Schule: Yuz hat Sita, die von Dämonen besessene
frühere Herrin des Dorfes, durch Mettā
geheilt.
Amita hat Javāharlāl, der seiner Frau einen Arm
abhackte, der sein Baby mit einem Fußtritt an die Wand
schleuderte und der dieses ganz Dorf bedrohte, durch Mettā
geheilt
und
ihn zu einem wichtigen Mitglied dieser Gemeinschaft
gemacht. In deren Tradition stehe ich. Ich finde es toll,
wie ihr Stille, Schlichtheit und Genügsamkeit praktiziert.
Das tue ich auch. Aber für mich hat Mitgefühl einen
mindestens genau so hohen Stellenwert.
Mitgefühl kann man auf unterschiedliche Art praktizieren. Für mich ist die Tätigkeit, die ich derzeit ausfülle ein geeigneter Weg Mettā nicht nur zu empfinden, sondern praktisch auszudrücken! Das ist auch der Grund, warum ich jetzt hier bin. Ich habe Mitgefühl für euch. Ich möchte euch besser verstehen – und euch auch helfen, wenn mir das möglich ist. Und wenn ich nachher wieder weggehe, werde ich noch hier in dem großen Gebäude neben uns vorbeischauen, in Ākāśaloka. Dort sind auch viele Menschen, die Mitgefühl brauchen, die alt und krank sind und sich nicht so einfach zu einem Club organisieren können, wie ihr. Auch denen werde ich zuhören und schauen, wo ich helfen kann. So wie auch hier bei euch.”
„Da hätte ich jetzt gleich mal eine
Anregung,“ mischte sich Kabir ein, einer der anwesenden `Lässigen´. „Diese
alten und kranken Leute haben Ākāśaloka, einen Platz, in dem sie leben
und sich treffen können, und das ist auch ganz toll und
ich gönne es denen. Aber wir `Lässigen´ haben so einen Ort nicht.
Sicher ist er für die Alten und Kranken wichtiger als für
uns: Wir haben alle ein Zuhause. Aber einen richtigen
Treffpunkt haben wir nicht. Klar, wir treffen uns heute
mal hier, dann mal auf dem Dorfplatz oder am See. Das ist
in der warmen Jahreszeit auch sicher in Ordnung, aber die
geht jetzt bald zu Ende.
Wir haben zwar alle ein zuhause, wohnen mit Eltern oder Ehepartner und Kindern zusammen. Aber wir haben keinen Ort, wo wir uns in großer Zahl treffen können, wo 20, 30, 50 oder noch mehr von uns zusammenkommen können. Ihr feiert euren Uposatha im Steinernen Tempel. Ihr macht eure Fortbildungen im früheren großen Tempel. Aber wir haben nichts! Von unserem bescheidenen Lohn können wir auch nicht mehr als unsere Grundbedürfnisse abdecken – aber nicht unsere kulturellen Bedürfnisse.”
„Und das – wo mindestens zwanzig Häuser der Weggezogenen leerstehen!” rief Aishwarya, die Frau von Kartik, die beide den Lässigen angehörten.
„Klar, das machen wir, die Lässigen brauchen einen Treffpunkt!” rief Upekkhāmitta. „Ich schlage vor, dass gleich heute einige von euch, fünf oder sechs mit mir mitkommen, wir werden die leerstehenden Häuser begutachten und sehen, ob da etwas Passendes für die `Lässigen´ dabei ist.”
„Wenn sich ein passendes Gebäude, das groß genug ist, findet - müsste da aber sicher noch einiges dran gemacht werden, bevor der Winter kommt, wie soll denn das...”, wandte schulternzuckend Anees ein.
„Das bekommen wir hin”, versicherete Upekkhāmitta. „Da könnt ihr ganz auf Rukh und mich setzen! Wer von euch kommt denn noch mit, um nach geeigneten leerstehenden Gebäuden zu suchen, vielleicht noch zwei, drei Leute?”
Den meisten `Lässigen´ kam das plötzliche Engagement etwas überraschend, einerseits war das eine tolle Idee, andererseits konnte das auch in Arbeit ausarten und war daher gar nicht wirklich lässig...
„In Ordnung, ich komme auch mit”, erklärte sich Kabir bereit.
Upekkhāmitta fixierte Jaika, diese atmete tief durch, dann sagte sie: „Na, wenn mich Upekkhāmitta so gern in ihrer Nähe hat, kann ich doch nicht ablehnen: Ich bin auch dabei!” Das führte natürlich zu großer Heiterkeit.
Rukh entschied jetzt: „Kartik und Anees kommen auch mit.”
Upekkhāmitta schaute ihn leicht verärgert an: „Das sind ja alles Männer! Mindestens eine weitere Frau muss noch dabei sein, damit die berechtigten Interessen der Frauen berücksichtigt sind – am besten eine, die Mutter ist. Einige von euch sind doch verheiratet und haben Kinder, also sollte es jemand sein, der auch deren Belange im Auge hat.”
„Das bin ich!”, rief Aishwarya, „ich habe drei, das vierte ist unterwegs.”
„Und wo sind die jetzt?” wunderte sich Upekkhāmitta.
„Zwei, dreimal die Woche sind sie bei meiner Mutter, die liebt sie über alles”!
„Fein, dann machen wir uns mal an die Arbeit”, lächelte Upekkhāmitta süffissant, sie freute sich, das Wort `Arbeit´ für diese Freizeitaktivität einiger `Lässiger´ verwendet zu haben, das war so eine nette kleine Provokation! Dann machten sie sich auf den Weg.
„Lasst uns erst mal kurz bei Palita vorbeigehen”, erklärte Upekkhāmitta auf dem Weg.
Rukh sah sie entsetzt an: „Bei der Geschäftsführerin, was wollen wir denn dort?”
„Nun, die Häuser unterstehen derzeit Palita: Sie ist dafür verantwortlich. Natürlich möchte ich sie auf unserer Seite haben, wir wollen doch alles vermeiden, was uns Schwierigkeiten bereiten wird.”
„Hmm”, war Rukhs Kommentar.
Also gingen sie zur Geschäftsführerin. Upekkhāmitta erklärte ihr die Situation. Sie schloss mit den Worten: „Und daher, liebe Palita, brauchen die Lässigen eine Unterkunft für den Winter.”
Palita war unschlüssig: „Meinst du nicht, wir müssten dazu erst den Rat fragen?”
Upekkhāmitta schüttelte den Kopf: „Ich möchte, dass dort nicht alles zerredet wird. Natürlich muss der Rat zustimmen. Aber die Zustimmung wird einfacher zu bekommen sein, wenn es ein klar umrissenes Projekt gibt, und das sollten die Beteilgten planen, also die `Lässigen´. Dazu müssen sie die Räumlichkeiten kennen. Und wenn dann wir beide hinter dem Plan stehen, Palita, dann kriegen wir das Projekt auch im Rat durch!”
Also gingen jetzt alle gemeinsam zu den leerstehenden Häusern. Auf den Weg dorthin raunte Kartik Rukh zu. „Wer hätte jemals gedacht, dass wir in Upekkhāmitta so etwas wie eine Anwältin der `Lässigen´ haben?”
„Ja, ich wundere mich auch. Ich warte nur darauf, wo der Pferdefuß in der Sache steckt.”
Nachdem alle die Gebäude besichtigt hatten, erklärte Rukh: „Also in meinen Augen ist das Haus am Salbaum das geeignete: Es hat einen großen Aufenthaltsraum, in dem man an die fünfzig Leute unterbringen kann. Außerdem ist der Vorgarten mit dem Salbaum ideal um in den wärmeren Jahreszeiten dort zu sitzen.”
„Ja, schon”, sagte Aishwarya, aber in dem zweistöckigen Haus, das wir zuletzt angesehen haben, gibt es mehrere Räume, in denen man etwas mit Kindern unterschiedlichen Alters machen kann, Spiele, Basteln – solche Sachen. Auf die Kinder hatten wir bisher bei unseren Treffen überhaupt nicht geschaut. Wir haben aber als Eltern auch Verantwortung gegenüber den Kindern.”
Es
entspann sich dann eine Diskussion, die nicht wirklich
zielführend war, also beendete Upekkhāmitta diesen Streit:
„Ihr
habt eure Argumente ausgetauscht, Rukh und Aishwarya, beides hat etwas für sich. Mir
ist vor allem eine Sache aufgefallen, die bisher noch
nicht angesprochen wurde: Beide Häuser stehen
nebeneinander.”
Dann wandte sie sich an Palita: „Beide hatten recht, man braucht sowohl große Räume als auch Gruppenzimmer für Kinder unterschiedlichen Alters, auch kann es sein, dass der Club der Lässigen wächst. Wir nehmen daher beide Häuser!”
Jetzt waren alle Beteiligten – außer natürlich Upekkhāmitta völlig entgeistert – das hatte niemand in Betracht gezogen.
„Aber Upekkhāmitta, du kannst doch nicht beide
Häuser diesen ... diesen .. diesem Club da überlassen, wir
sind schließlich die Mettā-Sangha
und
diese
Lässigen...”
Sie
kam nicht dazu auszusprechen, denn sie wurde von der rund
ein halbes Jahrhundert jüngeren Upekkhāmitta unterbrochen:
„Liebe Palita, gerade darum. Weil wir die Mettā-Sangha sind, haben wir Mettā gegenüber allen Dorfbewohnern zu üben - auch wenn deren Lebenstil etwas anders ist. Und für uns Jüngere muss auch Platz in unserer Dorfgemeinschaft sein. Niemand macht deiner Generation ihren Lebensstil streitig. Aber wir Jüngeren brauchen auch unseren Platz. Und der nächste Winter kommt schon bald. Dazu müssen diese Gebäude entsprechend der angestrebten Verwendung umgebaut werden. Was im einzelnen zu tun ist, werde ich mit meinen Freundinnen und Freunden von den `Lässigen´ im Einzelnen festlegen, es muss den Bedürfnissen von uns entsprechen. Aber eines ist sicher, wir brauchen Arbeitskapazitäten dafür. Daher schlage ich vor, dass alle vom Club der Lässigen für einen Tag in der Woche, dem Tag vor Uposatha, von ihrer regulären Arbeit freigestellt werden, bis dieses Projekt fertig ist. Die Genemigung dafür sollte die nächste Ratssitzung geben, eine antsprechende Arbeitsplanung nimmst du bitte bis dahin vor.”
Palita, die ansonsten den Betrieb managte, sah sich plötzlich vor vollendete Tatsachen gestellt. Ihr wurde in diesem Moment bewusst, dass mit dem Rücktritt von Bikkhu Nilay von seinem Vorsitz im Sangha-Rat eine Zäsur eingetreten war: Die alten Kräfte waren verschwunden und eine neue Generation hatte die Mettā-Sangha übernommen. Sie selbst hatte – ebenso wie Taracitta – nur noch den Übergang zu moderieren. Die Zukunft aber gehörte Leuten wie Muditāratna und Upekkhāmitta.
„Ist gut”, sagte Palita schließlich kleinlaut, dann ging sie.
Kaum war sie weg, sprach Jaika das aus, was auch die anderen `Lässigen´ sich fragten: „Was war das jetzt Upekkhāmitta? Bist du etwa eine von uns? Du hast das eben gemanagt, als wärest du unsere Vorsitzende – oder unsere Anwältin.”
„Meine liebe Jaika, ich denke, es wäre hilfreicher, wenn wir nicht länger in Kategorien wie `wir´ und `die´ denken würden. Ich sehe nur fühlende Wesen, die Bedürfnisse haben. Und mein Ziel ist es, dass die Bedürfnisse dieser Wesen erfüllt werden. Allerdings achte ich schon darauf, was nur egoistische Bedürfnisse sind – und was solche sind, die unserer sozialen und spirituellen Entwicklung dienen. Und genau in diesem Sinne möchte ich mit allen gut zusammenarbeiten. Macht also bitte einen Plan – und wir werden uns in drei Tagen wieder treffen, um die Einzelheiten zu besprechen.”
„Ich habe noch eine Idee,” warf Aishwarya ein. „Upekkhāmitta du hast von den speziellen Bedürfnissen von Frauen und Kindern gesprochen, vielleicht sollten wir beide und Jaika uns separat zusammensetzen...”
Abwägend antwortete Upekkhāmitta: „Beratet erst mal ihr alle allein. Dann treffe ich mich morgen Abend mit den beiden Frauen von euch, um das Ergebnis dieser Beratung zu besprechen und übermorgen und macht ihr die Planung soweit fertig. In drei Tagen treffen wir uns alle wieder und beschließen dann endgültig, was zu tun ist – und ich bringe das dann im Rat vor. Ach – und ihr stellt bitte vorher auch mit euren Freunden im Club klar, dass da alle dahinterstehen, sonst wird das nichts.”
Als
sich
alle verabschiedet hatten, ging Jaika
zögerlich auf Upekkhāmitta zu,
dann
um armte die `Lässige´ die Ratsfrau und sagte: „Upekkhāmitta
ich liebe dich!”
Sprach´s – gab ihr einen Kuss – und rannte mit Tränen in den Augen weg. Upekkhāmitta sah ihr nachdenklich hinterher.
In
der Tat stand nach drei Tagen ein Plan, Rukh und Jaika
hatten
sogar
einen Zeitablauflan gemacht, wie das `Projekt Umbau´
in acht Wochen abgeschlossen sein konnte – incl. einem
Arbeitsplan, wer wann wofür eingesetzt würde, Upekkhāmitta
zollte
den
beiden Respekt dafür:
„Wow
–
ihr seid ja richtige Genies, so eine exakte Planung habe
im im Rat noch nie gesehen! Den Rat werden wir damit
ganz schön beeindrucken: Wir können denen beweisen, dass
unsere Generation zwar anders ist, als ihre, aber nicht
weniger effizient – und vielleicht einen Tick
entspannter.”
Für diese Aussage erhielt
sie Applaus von den etwa 40 anwesenden Lässigen, die mit
Spannung darauf gewartet hatten, was Upekkhāmitta
zu der Planung sagen würde.
Als sich der Beifall gelegt hatte, fragte Kartik sie vorsichtig: „Glaubst du, du kriegst das im Rat durch?” Er sprach das aus, was alle fürchteten. Für sie war der Rat so etwas wie „die da oben”, irgendein abgehobenes Gremium, das sich nicht für ihre Bedürnisse interessierte.
Upekkhāmitta schüttelte irritiert den Kopf: „Wieso ich? Wollt ihr mich etwa allein lassen? Natürlich kommt ihr mit – also einige von euch. Der Rat soll nicht denken, das wäre eine Idee von mir. Das ist unser gemeinsames Projekt: Wir werden es gemeinsam im Rat vertreten und wir werden es gemeinsam umsetzen! Das ist mir nämlich als einziger Fehler in der Planung aufgefallen: Ihr habt mich gar nicht eingeplant. An den kommenden acht Arbeitstagen, jeweils vor Uposatha, soll alles fertig werden, aber da mache ich natürlich auch mit, ist doch unser gemeinsames Projekt!”
Das beseitigte die letzten
Zweifel, die einige der `Lässigen´ bis dahin
noch immer hegten.
Die Ratssitzung verlief
dann noch ganz anders, als es sich alle vorgestellt
hatten. Im Ratshaus, dem ehemaligen Herrenhaus, tagte
der Rat in der ganz normalen Besetzung. Doch als es zum
Tagesordnungspunkt `Club der Lässigen´ kam,
sagte Upekkhāmitta:
„Ich beantrage die Sitzung nach draußen zu verlegen, in den Gastgarten des Gasthofs. Dort warten einige Leute auf euch, ich möchte daher bitten, dass dieser Tagesordungspunkt öffentlich verhandelt wird.”
Die Ratsmiglieder schauten verwundert – doch Taracitta erläutert ihnen: „Upekkhāmitta hat mich vorher darum gebeten. Ich sehe kein Grund, diesen Tagesordungspunkt nicht öfffentlich zu besprechen, denn er ist für viele aus unserer Dorfgemeinschaft von besonderem Belang, gehen wir also in den Gastgarten.”
Zur Verwunderung der Ratsmitglieder ging es also in den Gastgarten, der mit fast 100 Personen gut besetzt war, es schienen fast alles die Leute vom `Club der Lässigen´ zu sein, einschließlich deren Kinder. Nur ein Tisch war freigehalten worden für die Ratsmitglieder, diese nahmen jetzt dort Platz – sie wussten nicht recht, wie sie sich verhalten sollten. Upekkhāmitta setzte sich zu den `Lässigen´, sie saß auf einer Bank mit Rukh, Kabit, Jaika und Aishwarya.
Taracitta runzelte die Stirn darüber, sagte aber: „Ich erteile unserer Ratsfrau Upekkhāmitta das Wort.”
Diese stand auf: „Wir von der jungen Generation der Mettā-Sangha haben uns überlegt, wie man die inzwischen etwas auseinandergetriffteten Interessen aller Dorfbewohner wieder besser intergrieren kann. Dazu schlagen wir ein Projekt vor, das wir mit Unterstützung von Palita vorbereitet haben. Zwei der leerstehenden Gebaüde – das Haus am Salbaum und das zweistöckige Haus daneben – sollen umgewidmet werden. Wir haben hier bei uns mit Ākāśaloka eine ausgezeichnete Einrichtung für Alte und Kranke, aber es fehlt eine entsprechende Einrichtung für Junge und Gesunde. Das werden wir dort in Selbsthilfe und Eigenverantwortung aufbauen. Die Einzelheiten des Umbaus wird euch jetzt Rukh vorstellen.”
Der legte die Planung für das Haus am Salbaum detailliert da, er schloss mit den Worten: „Und damit auch die Belange von Familien mit kleinen Kindern entsprechend berücksichigt werden können darf ich jetzt Aishwarya bitten unser `Mütter und Kinderprojekt´ vorzustellen.”
Diese erläuterte alles diesbezügliche. Als sie geendet hatte, meldete sich Karunāda, einer der Söhne Taracittas, der inzwischen in den Siebzigern war: „Das klingt alles ganz plausibel, ich vermisse allerdings eine Kostenkalkulation.”
„Die Frage geht wohl an mich”, meldete sich die Geschäftsführerin Palita zu Wort. „Ich sehe da überhaupt keine Probleme. Die Häuser sind sowieso renovierungsbedürftig und hätten im kommenden Jahr hergerichtet werden müssen, wir ziehen das jetzt um einige Monate vor, die Materialkosten sind also bereits eingeplant. Wie uns der Projektleiter Rukh erläutert hat, entstehen keine zusätzlichen Arbeitskosten, denn alles wird in Eigenarbeit erstellt, auch hier werden die Arbeiten nur um einige Monate vorgezogen. Zwar werden etwa 50 Arbeitskräfte jetzt achtmal für einen Arbeitstag ausfallen – aber das lässt sich verkraften. Ich könnte mir sogar vorstellen, dass viele von jenen, die in letzer Zeit etwas weniger eifrig bei der Arbeit waren, um es mal vorsichtig auszudrücken, jetzt, da sie sich stärker mit der Mettā-Sangha identifizieren, überzeugter an die Arbeit herangehen. Aber ganz entscheidend ist schließlich, dass wir die in letzter Zeit doch etwas auseinander trifftende Dorfgemeinschaft so konsolidieren können, hierfür möchte ich mich ganz besonders bei unserer genialen Upekkhāmitta bedanken.”
Jetzt brandete lauter Applaus bei allen auf, beim Rat ebenso wie bei den `Lässigen´ und den wenigen anderen, die zufällig zu dieser Zeit noch im Gastgarten anwesend waren.
Upekkhāmitta
stand
auf
und versuchte mit ihren Händen den Applaus etwas
abzuwiegeln. Als ihr das endlich gelang, konnte sie
sagen, was ihr auf dem Herzen lag:
„Vielen
Dank für diese Lob, Palita.
Ich bin allerdings alles andere als genial: Das, was ich
gemacht habe, ist lediglich das umzusetzen, was ich von
meiner Erzieherin Taracitta
mitbekommen habe: nämlich kooperative Lösungen zu suchen
–
sich auf keinen Fall auseinander dividieren zu lassen.
Und wenn hier irgendwas genial war, dann war es die
kongeniale Zusammenarbeit mit den Leuten vom `Club
der Lässigen´. Wir haben einfach getan, was getan
werden musste. Viele der Älteren haben dem
nachgetrauert, was nicht mehr ganz so ist wie früher.
Aber eine der Grundtatsachen des Dharma
ist Annicca
–
ist Vergänglichkeit. Aber statt dies zu Bedauern ist es
wichtig, den dadruch nötigen Wandel zu gestalten.
Ich glaube, das kann uns auf diese Art gelingen. Die Mettā-Sangha wird nicht mehr so sein wie zu Zeiten von Yuz, Amita, Taracitta und Nilay – aber sie wird weiterhin die Mettā-Sangha sein, die Gemeinschaft, die sich durch liebevolle Zuneigung auszeichnet. Ich persönlich habe viele neue Freindinnen und Freunde gewonnen – unter den `Lässigen´. Sie sind zwar lässig, aber sie vernachlässigen keineswegs unsere Werte: Mettā sowie Stille, Schlichtheit und Genügsamkeit – und eben auf diese Weise läutern sie sich.”3
Jetzt stand Muditāratna auf und bedankte sich bei Upekkhāmitta, Palita und den Lässigen: „Ihr habt uns etwas Wunderbares aufgezeigt, und ich habe vor, es mir und der klösterlichen Gemeinschaft, der ich vorstehe, zum Motto zu machen. Dieses Motto ist von nun an: `Alles ist vergänglich – lasst uns die Chance nutzen, die darin steckt!´”
Fußnoten
1 vergleiche die Liste am Ende von Kapitel 16
2 Im Mahāparinibbāna Sutta DN 16 (Lehrrede 16 in der Dīgha Nikāya , der Sammlung der längeren Lehrreden)
3 Eine Anspielung auf den ethischen Vorsatz „Mit Stille ,Schlichtheit und Genügsamkeit läutere ich mich“.
Erläuterungen
Ākāśaloka – ākāśa = blauer Himmel, Weltraum, Universum; loka = Ort, Lokalität; dann bedeutet also ākāśaloka = “Himmelsort”, “himmlischer Ort” oder eben “Ort des himmlischen Friedens. In dieser Erzählung heißt, das Pflegeheim und Krankenhaus so.
Anicca – Vergänglichkeit; alles was in Abhängigkeit von Bedingungen entstanden ist, verändert sich und vergeht, eines der drei Lakshanas, der Grunderkenntnisse über alles Existierende (die anderen sind Vergänglichkeit und Selbstlosuigkeit). Anicca ähnelt dem abendländischen Vanitasgedanken.
Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für IndienBhikkhu = (abgeküzt: Bh.) Mönch
Bhikkhuni = (abgeküzt: Bh.) Nonne
Buddha – wörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismuserreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Karma – im Buddhismus jede absichtlich ausgeführte Handlung. Es wirddavon ausgegangen, dass Handlungen Folgen haben, die (auch) auf den Verursacher zurückwirken.
Mahāparinirvāṇa Sūtra – Bericht über die letzten Tage und den Tod des Buddha
Mettā – (Pali) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es istdas, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinenFeind
Mettā Bhāvanā – Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) Mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für eine neutralbesetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen.
Mettā-Orden – Orden der Mönche und Nonnen der Mettā-Sangha
Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft
Mettā-Vihāra - Kloster des Mettā-Ordens
Nibbidā – Rückzug, Entsagung, eine der upanisās, der Stufen auf dem Weg zur Erleuchtungnibbidā – Rückzug, Entsagung, nach dem Pāḷi-Kanon neunte Stufe der upanisās, der Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung
Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u. a. die Lehrreden des Buddha enthalten.
Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.
Sangha – spirituelle Gemeinschaft, hier besonders für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nurErleuchtete.
Upanisā – Vom Buddha wurde im upanisā sutta eine Reihe von aufeinander aufbauenden und sich gegenseitig verstärkenden Bedingungen für eine spirituell positive Entwicklung aufgezeigt. Ich übersetze upanisā mit "Voraussetzung". Im upanisā sutta ist der Pfad in – je nach Quelle – 12 bzw. 17 upanisās aufgeteilt.
virāga - (= Abgeschiedenheit) eines der upanisā, der Schritte auf dem Weg zur Erleuchtung
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