Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 20
letztmals bearbeitet am
10.05.2026
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20 - Bhikkhunī Manisha
Wir sind jetzt im Jahr 82 unserer Zeitrechnung, der Höhepunkt der Epidemie liegt inzwischen drei Jahre zurück. Allmählich ist wieder Normalität eingekehrt, außer natürlich in den Familien, die Mitglieder durch die Seuche verloren hatten, dort war das Leid noch immer greifbar.
Zwei der wichtigsten Personen aus der Frühzeit der Mettā-Sangha waren in diesem Jahr bereits verstorben: Jagan, der frühere Herr des Dorfes und spätere Maler der Bilder in den Tempeln, sowie Anup, einst Jagans Gutsverwalter und Vater von Juwa.
Bhikkhunī Manisha arbeitete nachmittags zusammen mit Bhikkhunī Maria in der Schreibstube, morgens jedoch wurde sie als Lehrerin eingesetzt. Zwar hatte der Rat beschlossen, dass die Mönche und Nonnen verstärkt im Unterricht der älteren Schüler und der Erwachsenen eingesetzt wurden. Bhikkhunī Manisha aber hatte gebeten, anfangs bei den jüngeren Schülern eingesetzt zu werden - und auf diese Weise eine Klasse von Anfang an begleiten zu können.
Sie stellte schon bald fest, wie viel Freude ihr das machte, und da sie häufig ihre eigene Situation und ihre Gefühle achtsam betrachtete, konnte sie feststellen, dass sie sich als so etwas wie die zweite Mutter ihrer Schüler fühlte. Sie fragte sich auch, ob vielleicht mütterliche Gefühle sogar der Anreiz dafür waren, dass sie Kinder unterrichten wollte - vor allem jüngere Kinder.
Das kannte sie aus ihrem bisherigen Leben gar nicht. Erst war sie Kind gewesen, nach dem frühen Tod ihrer Eltern hatte sie bei den Großeltern gelebt - und eigentlich wenig Kontakt mit anderen Kindern gehabt. Dann war Mahadevamitta in ihr Leben getreten, den sie verehrte. Von da an – und insbesondere nach ihrem ersten Besuch in Bodh Gaya – war es ihr Lebensziel gewesen, dereinst Nonne zu werden. Und jetzt, nachdem sie alles erreicht hatte, was ihr Ziel war: Sie war Nonne geworden und sie lebte dort, wo sie leben wollte, in der Mettā-Sangha, da stellten sich plötzlich andere Gefühle ein, was sie ebenso verwunderte wie auch verunsicherte. Was war nur mit ihr los?
Ja, sie war Bhikkhunī Manisha, sie war eine Nonne. Andererseits aber verpflichtete ihr Ordensname Karunadakini sie zu tätigem Mitgefühl. Sie war eine Dakini - eine Art Engel - und zwar, wie ihr Ordensname sagte, ein Engel des tätigen Mitgefühls. Und jetzt, da sie Kinder unterrichtete, waren eben diese Kinder die Objekte ihres Mitgefühls. Wenn sie sich das auf diese Weise erklärte, dann glaubte sie selbst daran, dass das, was sie in sich verspürte, kein mütterlicher Impuls war, sondern dass sie einfach die Aufgaben einer Dakini erfüllte. Ja, sie, Bhikkhunī Manisha, war Karunadakini!
In ihrer Klasse waren zwei Kinder, die von den Folgen der
Seuche stark betroffen waren. Da war einmal Jayanna, die
Tochter des Fischers. Das knapp sechsjährige Mädchen hatte während
der Epidemie nicht nur ihre Mutter verloren, sondern auch ihre
kleine Schwester und ihren älteren Bruder. Sie lebte jetzt allein
mit ihrem verbitterten Vater. Jayanna selbst war damals auch
erkrankt, allerdings nicht ganz so schwer wie ihre verstorbenen
Geschwister. Am leichtesten hatte es den Vater getroffen, für den
war die Seuche nur wie eine heftige Erkältung ausgefallen,
allerdings eine, an deren Ende er ohne Frau dastand und mit nur noch
einem Kind, dessen Erziehung ihn überforderte, denn die
Kindererziehung war immer die Domäne seiner Frau gewesen – er aber,
er war ein Mann des Fischens!
Jayanna, die besonders hart unter dem Verlust ihrer Mutter litt, orientierte sich jetzt, da sie in die Schule gekommen war, naturgemäß an ihrer Lehrerin, in der sie so etwas wie einen Mutterersatz sah. Und diese Lehrerin war Bh. Manisha, die sich mitfühlend um das Kind bemühte.
In Bh. Manishas Klasse war noch ein Junge, der
seine Mutter verloren hatte. Er war gut ein Jahr älter als Jayanna
und hieß Pratap. Pratap hatte niemals Geschwister
gehabt, er war ein Einzelkind. Sein Vater war Gulzari, der
Schmied, der in Kazal seine Ausbildung erhalten hatte, dazu
war er fast vier Jahre in der Stadt und sah seine Familie nur
zweimal jährlich für zwei, drei Tage. Als er dann seine Ausbildung
abgeschlossen hatte und hier die Schmiede übernahm, war er zunächst
stark mit der Betriebsübernahme beschäftigt. Er war froh wieder bei
seiner Frau zu sein, die den gemeinsamen Sohn bislang erzogen hatte.
Ja, sein Sohn war ihm fremd geworden in der langen Zeit, in der er in Kazal war. Dann, zum Zeitpunkt der Betriebsübernahme, hatte er damit alle Hände voll zu tun. „Wenn sich das mit der Schmiede erst eingespielt hat, dann will ich mir ganz viel Zeit für meinen Sohn nehmen”, sagte er sich. Doch dann kam die Seuche, die seine Frau hinwegraffte. Plötzlich stand er allein da, mit seinem Betrieb und einem damals fünfjährigen Kind, dessen Bedürfnisse ihn überforderten – zum Glück gab es ja im Dorf eine Kinderbetreuung!
Wir begleiten heute Bh. Manisha in ihre Schulklasse, zu der eben auch Pratap und Jayanna gehörten. Hier ist gerade ein Thema Unterrichtsgegenstand, das uns schon zweimal begegnet ist, der Pfad zur Befreiung1. Heute geht es um den Teil, der Ethik beschreibt, es sind dies die Pfadglieder:
4. Sati-Sampajañña – Achtsamkeit und Wissensklarheit
5. Indriyasamvara – Zügelung der Sinne
6. Sīla samvara – ethisches Verhalten
7. Avippatisāra – Gewissensreinheit
Bh. Manisha beginnt den Unterricht, indem sie beim letzten Thema anknüpft: „So, liebe Kinder - könnt ihr mir sagen, was das letzte Mal, als wir vom wunderbaren Pfad zur Befreiung hörten, das Thema war? - Ja bitte, Ravi?”
Der kleine Junge ist ganz stolz, dass er aufgerufen wurde und berichtet: „Beim letzten Mal haben wir über Achtsamkeit gesprochen. Achtsamkeit ist das Allerwichtigste, was es gibt - man muss immer ganz genau aufpassen, was man tut.”
Bh. Manisha nickte Ravi aufmunternd zu: „Prima, Ravi, das hast du dir richtig gemerkt! Sag mal - kannst du uns das auch mal an einem Beispiel erklären?”
Ravi dachte einen Moment nach, dann fiel ihm etwas ein: „Als ich vorhin hierher zur Schule gegangen bin, war ich schon spät dran, weil ich verschlafen hatte, also habe ich mich beeilt, und da war ich etwas unachtsam, ich hatte vergessen vorher zu pieseln...”
Bei
den anderen kam natürlich Heiterkeit ob des merkwürdigen
Beispiels auf, aber Bh. Manisha glättete die Wogen:
Ja, Ravi, das kann ja einmal vorkommen, wenn man verschläft, das war eine kleine Unachtsamkeit, aber wolltest du uns nicht gerade etwas von Achtsamkeit erzählen?”
„Ja klar, aber das kommt doch erst noch! Also: ich habe auf dem Weg hierher gemerkt, dass ich pieseln muss - und da habe ich dann ganz achtsam überlegt, wie ich das jetzt machen soll. Also man pieselt ja nicht einfach auf den Weg, das machen nur die Kühe, aber die sind ja nicht achtsam. Also habe ich gedacht: Das muss man neben dem Weg machen – aber dann waren da die Mädchen auf dem Weg zur Schule und da habe ich gedacht, das gehört sich ja nicht, wenn ich jetzt hier mein Zipfelchen heraushole...”
Das
führte natürlich wieder zu Gelächter, Kamika rief dazwischen: „Eigentlich
schade, Ravi, das kannst du beim nächsten
Mal ruhig anders machen!”
Kamikas Zwischenruf führte nicht gerade zur Beruhigung, sodass Bh. Manisha, eine beschwichtigende Bewegung ausführte. Allmählich beruhigten sich die Mädchen wieder, und die Lehrerin fragte: „Also Ravi, wie hast du das Problem achtsam gelöst?”
Und der erzählte stolz: „Also bin ich hinter einen Stall gegangen und habe mich umgeschaut, dass niemand da ist. Dann habe ich mein Zipfelchen mit der einen Hand rausgeholt und mein Gewand mit der anderen Hand festgehalten, damit nix nass wurde.”
Natürlich
wieder Gelächter. Bhikkhunī Manisha wartete einen Moment, bis
sich die Unruhe etwas gelegt hatte, dann sagte sie:
„Ich finde das ganz toll, wie der Ravi an einem ganz alltäglichen Beispiel gezeigt hat – wer von uns musste nicht schon einmal im unpassenden Moment pieseln –, dass man bei allem und jedem achtsam sein sollte, schönen Dank, Ravi! - Und vielleicht einmal jemand anderes. Wir sprechen von Achtsamkeit und Wissensklarheit. Was ist eigentlich der Unterschied davon, was ist Achtsamkeit – und was ist bei der Wissensklarheit anders?”
Jayanna meldete sich und Bh. Manisha nickte ihr lächelnd zu.
„Achtsamkeit bedeutet ganz im Hier und Jetzt zu sein, zu wissen was man tut. Wissensklarheit bedeutet zu wissen, wozu etwas vermutlich führt. Es ist also auf einen späteren Zeitpunkt gerichtet, man fragt sich: was wird dann wohl passieren? Wissensklarheit heißt aber auch: woher kommt etwas? Also: was ist die Ursache, das etwas so ist und nicht ganz anders.”
Bh. Manisha strahlte das Mädchen an: „Das hast du ganz ausgezeichnet erklärt, besser hätte ich es auch nicht gekonnt. Vielleicht kannst du uns dazu auch ein oder zwei Beispiele nennen?”
Jayanna dachte einen Moment nach, dann schmunzelte sie: „Soll ich das anhand von Ravis Beispiel vom Pieseln machen?” Sie errötete dabei.
Bh. Manisha versuchte das zu dämpfen: „Ich glaube das ist nicht nötig, wenn du nicht willst.”
Jayanna schwankte einen Augenblick: „Ich glaube, ich bleibe doch bei Ravis Beispiel. Da waren nämlich genug Anhaltspunkte für Wissensklarheit drin. Da gab es einmal die in die Vergangenheit gerichtete Wissensklarheit. Ravi wusste, warum er jetzt pieseln musste: Weil er spät dran war und das daher vorher nicht gemacht hatte. Und er wusste auch, warum er spät dran war: Er hatte verschlafen. Er hätte das mit Wissensklarheit auch noch weiter untersuchen können, er hätte fragen können, was die Ursache für sein Verschlafen war, hat er aber nicht gemacht...”
Da griff die Lehrerin ein: „Hoppla, das ist eine Vermutung, vielleicht hat er es ja gemacht, vielleicht hat er sich überlegt, warum er verschlafen hatte. Vielleicht wollte er es uns einfach nicht erzählen. Aber mach mal weiter - das war ja ansonsten sehr gut untersucht.”
„Ja, ich wollte noch die vorausschauende Wissensklarheit erwähnen. Die hatte Ravi durchaus. Er hat nicht am Straßenrand gepieselt, weil er sein Zipfelchen nicht herausholen wollte, weil da wir Mädchen waren. - Und wenn ich mir die blöden Bemerkungen von einigen von uns hier, die ich eben gehört habe, betrachte, finde ich, dass es ganz schön wissensklar von Ravi war, lieber hinters Haus zu gehen.”
Bh. Manisha fand die Rüge für die flappsigen Bemerkungen der Mädchen etwas übertrieben, aber sie sah den guten Willen, Ravi in Schutz zu nehmen, daher sagte sie nur: „Jetzt haben uns aber Ravi und Jayanna nochmal ganz deutlich erklärt, was Achtsamkeit und Wissensklarheit ist. Achtsamkeit ist auf das Handeln im Hier und Jetzt gerichtet, die klare Wahrnehmung von dem was ist. Während Wissensklarheit ein Ereignis als Ergebnis von früheren Ereignissen oder Handlungen sieht und auch bedenkt, wozu eine Handlung jetzt vermutlich führen wird, oder führen könnte. Prima! Dann kommen wir zum nächsten Punkt: Zügelung der Sinne. Was ist damit gemeint?”
Pratap meldete sich und bekam das Wort erteilt.
„Ich greife jetzt auch einmal das Beispiel von Ravi auf. Er hat offensichtlich nicht erwartet, dass die vorbeigehenden Mädchen ihre Sinne zügeln, wenn er dasteht und pieselt, er hat erwartet, dass die Mädchen versuchen würden seinen Zipfel zu sehen.”
Bh. Manisha zollte dem Jungen Anerkennung: „Ganz ausgezeichnet, Pratap! Du hast bei dem Beispiel von vorhin angesetzt und aufgezeigt, wie sich eine Person verhalten sollte, die den Pfad zur Befreiung geht. Man schaut nicht auf etwas, wenn man glaubt, dadurch das eigene Verlangen oder den eigenen Hass zu steigern. Denn darum geht es bei der Zügelung der Sinne: Richte deine Sinne nicht auf etwas, was dein Verlangen, deine Abneigung oder deine Verblendung steigert. Bisher haben wir dabei aber nur einen Sinn angesprochen, das Sehen. Also schau nicht hin, wenn das dein Verlangen, deine Abneigung oder deine Verblendung steigern könnte. Könnt ihr andere Beispiele für andere Sinnen nennen?”
Jaika hatte ein Beispiel: „Als ich noch klein war, hat mir meine Oma Geschichten von Prinzen und Prinzessinnen und deren tollen Leben bei Hofe erzählt, da ist in mir das Verlangen aufgestiegen, als Kṣatriya wiedergeboren zu werden.”
„Das kenne ich auch”, rief Kamika dazwischen, „aber ich denke mir dann selbst Geschichten aus, in denen ich die Prinzessin bin!”
Bh. Manisha monierte diesmal das ungefragte Zwischenrufen nicht, sondern sagte: „Genau, das ist ganz oft so, es ist nicht nur das Sehen und Hören, es gibt auch den Denksinn, und der ist oftmals der gefährlichste. Es sind die Wunschträume, die wir hegen, wenn wir nicht schlafen, oder auch, dass wir uns in Wut hineinsteigern. Der Denksinn ist ganz wichtig, meist wichtiger als der Gruchssinn und der Geschmackssinn.”
„Bei meinem Vater ist es der Geschmackssinn”, rief Jayanna, die Tochter des Fischers: „Er liebt den Geschmack von geräucherten Fisch. Und dieser Sinneneindruck macht ihn blind für das Leiden der Fische, wenn er sie fängt und tötet. Ja, und der Geruchssinn auch: Wenn er an unserer Räucherkammer vorbei geht, muss er immer ein Stück geräucherten Fisch essen, sagt er, dann sei sein Verlangen so groß. Mein Vater geht definitiv nicht den Weg zur Befreiung.”
Eine achtsame und einfühlsame Lehrerin
Wir verlassen jetzt den
Unterricht und machen einen kleinen Zeitsprung auf das
Ende des Unterrichts: Die Kinder verlassen den
Schulraum, nur Pratap und Jayanna sind noch da.
Während Pratap einfach sitzenbleibt, geht Jayanna zur Lehrerin: „Was kann ich nur tun, Bhikkhunī Manisha? Mein Vater ist auf einem Irrweg! Seit Mutter tot ist, ist es noch schlimmer. Sein Leben gilt nur noch dem Fischfang und dem Essen von Fisch, von fettem Aal und so. Er selbst wird immer fetter - und immer bösartiger. Er behauptet sogar, Amita hätte ihn verflucht, weil er Fischer ist - und deshalb seien meine Mutter und meine Geschwister gestorben. Und wenn ich ihn anspreche, wegen der Sache mit den Fischen, dann brüllt er mich an.”
„Ja, das ist schlimm, Jayanna. Ich glaube, wenn du ihn wegen der Fische ansprichst ist das nicht hilfreich, er kennt deine Einstellung. Wie ist es denn bei dir, isst du manchmal auch davon?”
„Nein, nur als ich noch ganz klein war, mit drei oder so. Da dachte ich noch, das sei normal. Erst als ich zur Kinderbetreuung ging, habe ich festgestellt, das das nicht normal ist. Seitdem ist mir klar, wie sehr die Fische leiden, wenn sie gefangen und getötet werden. Ich esse daher nie zu Hause, nur im Gasthof. Und Mutter hat das meist auch so gemacht. Nur machmal, da wollte sie ihm einen Gefallen tun und ihn milde stimmen, dann hat sie mit ihm etwas mitgegessen - aber meist nicht oder nur ganz wenig.”
„Und wie ist er sonst zu dir?”
„Weiß nicht, also er schlägt mich nicht. Oder nur selten. Aber ich muss jetzt weg.”
„Na, dann alles Gute. Und widersprich ihm nicht unnötig, das hilft nichts”, sagte Bh. Manisha - und dachte: Da ist noch etwas, aber sie ist noch nicht so weit, darüber zu sprechen. Wenn sie mehr Vertrauen zu mir fasst, wird sie sich offenbaren. – In diesem Augenblick bemerkte sie, dass Pratap, der ein Jahr älter war als Jayanna noch dasaß. Sie setzte sich neben ihn.
Es dauerte einige Zeit bis er sprach: „Ich mache mir Sorgen. Um meinen Vater.”
Bh. Manisha war erstaunt: „Warum denn das?”
„Wenn er in der Schmiede ist, arbeitet er wie ein Wilder. Aber zuhause weiß er mit mir nichts anzufangen. Er will freundlich sein - versteht mich aber gar nicht. Dann merkt er, wie wir nebeneinander herleben und fühlt sich unwohl. Und dann geht er zum Grab. Ich bin ihm manchmal nachgegangen: Er spricht mir ihr. Er erzählt ihr seinen Tag. Mit ihr spricht er - mit mir nicht! Und dann hat er ihr gesagt, er möchte bald auch sterben, er hoffe, sie im nächsten Leben wiederzusehen. Sie solle auf ihn warten. Ich habe Angst.”
„Soll ich mal mit ihm reden?”
„Ich weiß nicht, ob das etwas bringt.”
„Wann ist er denn gewöhnlich am Grab.”
„Abends meist – und immer nach dem Mittagessen.”
„Na dann gehen wir doch jetzt zusammen zum Gasthof und schauen, ob er da ist oder ob er schon zum Grab gegangen ist.”
Prataps hörbares Aufatmen zeigte ihr, dass sie das Richtige vorgeschlagen hatte. Als sie beim alten Gasthof ankamen stand Gulzari gerade auf.
„Jetzt geht er zum Grab, bleibt ein bis zwei Stunden dort,” flüsterte Pratap seiner Lehrerin zu.
„Dann
lass
uns hier erst einmal essen.”
Als sie fertig waren, gingen sie auch zum Friedhof. Im Gegensatz zur sonst in Indien üblichen Praxis, fanden hier in der Mettā-Sangha Erdbestattungen statt - wie bei den Juden. Yuz hatte diese Praxis übernommen und Amita fand das gut. Es zeigte, dass unser Körper aus Erdelement ist und zur Erde zurückkehrt, in den ewigen Kreislauf des Lebens.
Tatsächlich stand Gulzari am Grab und erzählte seiner verstorbenen Frau, dass er einsam sei und keine Beziehung zu seinem Sohn habe. Bh. Manisha ermunterte Pratap sich neben ihn zu stellen, sie selbst stand zwei Schritte weiter zurück.
Pratap fasste sich ein Herz: „Ich
bin auch einsam, Papa.”
Der erschrak, als sein Sohn plötzlich neben ihm stand, sah ihn entgeistert an.
Bh. Manisha erläuterte: „Ja, Gulzari, er ist auch einsam. Nicht nur du hast deine Frau verloren - auch er hat seine Mutter verloren. Und er fürchtet, auch seinen Vater zu verlieren. Du bist der einzige, der ihm Halt geben kann.”
Gulzari sah sie verzweifelt an: „Aber ich weiß doch gar nicht, was ich tun soll!”
„Setzt euch”, sagte Bh. Manisha und setzte sich selbst auf den Boden vor dem Grab, die anderen taten es ihr verwundert gleich.”
Bh. Manisha lächelte: „Das ist besser so! Jetzt, wo wir am Grab sitzen, sind wir Janani, deiner Frau, auch näher. Ihr beide aber – Vater und Sohn – wart lange voneinander getrennt, habt euch aus den Augen verloren, während du in Kazal warst, Gulzari. Aber Pratap ist Fleisch von deinem Fleisch, Gulzari. Und er ist auch Fleisch vom Fleische deiner Frau, sie lebt in ihm fort. Wusstest du eigentlich, dass Janani `die Gebärende´ heißt? Das ist ein Hinweis auf sie: sie ist diejenige, die dir Pratap geboren hat. Du lebst in ihm weiter und auch sie lebt in ihm weiter. Wenn du deinen Sohn im Stich lässt, lässt du Janani im Stich. Aber das möchtest du ja gar nicht. Du weißt nur nicht, was du tun sollst, weil du seine Bedürfnisse, seine Hoffnungen und seine Ängste nicht kennst. Und du, Pratap, kennst deinen Vater auch nicht wirklich. Die wichtigste Zeit in deinem jungen Leben war er nicht da. Jetzt ist die Zeit, dass ihr euch kennenlernt. Möchtest du anfangen Pratap, sage deiner Vater, wie es dir geht - was du dir wünschst - wovor du Angst hast.”
Pratap fing an zu weinen, dann –
nach einiger Zeit – sagte er: „Ich
bin
so allein. Früher, war Mama da. Sie war der Mittelpunkt
meines Lebens. Und sie hat mir von dir erzählt, Papa.
Was für ein großartiger Mann du bist! Wie stolz ich auf
dich sein kann! Und wenn ich gefragt habe, warum du weg
bist, hat sie gesagt: `Im
Ort gab es keinen guten Schmied, aber die Mettā-Sangha braucht doch einen guten
Schmied. Deswegen ist Papa wegegangen, um alles zu
lernen, was einen guten Schmied ausmacht. Und wenn er
wiederkommt, kann er das und dann sind wir wieder alle
drei beisammen.´ Da habe ich mich drauf gefreut.
Aber als du dann da warst, bist du immer in der Schmiede
gewesen. Da war ich ganz traurig. Aber Mama hat gesagt:
`Das ist nur jetzt am Anfang so, Papa muss nur erst
in der Schmiede alles in Ordnung bringen, und dann hat
er wieder ganz viel Zeit für uns.´
Dann kam die Seuche und dann ist Mama gestorben. Du bist aber entweder in der Schmiede oder hier am Grab. Ich kann das ja verstehen: du hast deine Frau verloren. Aber ich! Ich habe meine Mama verloren, und meinen Papa auch, fürchte ich.”
Beide weinten heftig - und Bh. Manisha flüsterte dem Mann zu: „Nimm deinen Sohn in den Arm, er ist jetzt Janani, die Gebärende, die ihn geboren hat, damit sie immer bei dir ist – in ihm.”
Gulzari umarmte seinen Sohn, drückte ihn fest an sich: „Oh, du mein Ein und Alles! Wie konnte ich nur so blind sein und in dir nicht das herrliche Geschenk erkennen, das mir Janani gemacht hat!”
„Mein Vater! Mein geliebter Vater! Bleib bei mir, ich bin doch noch so klein! Ich brauche dich doch!”
Es ging einige Zeit so, endlich kamen sie dazu, sich auch bei Bh. Manisha zu bedanken. Die aber sagte: „Wir sind noch nicht ganz fertig, Gulzari. Dein Sohn hat dir sein Herz ausgeschüttet - hat dir gezeigt, wie er empfunden hat. Nun bist auch du dran, deine Gefühle, deine Sorgen und deine Ängste darzulegen.”
Das tat er dann auch, und es wurde ähnlich emotional. Nun konnte auch Pratap nachempfinden, wie es seinem Vater ging. Die beiden bedankten sich bei Bh. Manisha und gingen dann – Hand in Hand und eifrig miteinander redend weg.
„Wie schön für die beiden!” dachte Bh. Manisha. Aber in ihr selbst war nunmehr eine tiefe Leere. Sie wandte sich an ihre Schutzmacht, an die transzendente Person (oder Projektion?), die Karuna verkörperte, deren Diener sie war, sie, Bhikkhunī Manisha, im Orden bekannt als Karunadakini, der Engel des Mitgefühls, die Gehilfin der Gottheit, die für Mitgefühl steht, sie wandte sich an die Grüne Tara. „Was ist mit mir Tara? Es ist mir eben noch gelungen diese beiden Menschen glücklich zu machen, aber warum fühle ich mich plötzlich so leer, was ist mein Weg?”
In diesem Moment sah sie Amita vorübergehen. Nanu? Sollte das die Antwort der Grünen Tara sein? Eine Frau, die wie sie selbst, im Himalaya auf Devamitta getroffen ist? Eine Frau, die, wie sie selbst auch, in Ghora Katora ordiniert worden war. Eine Frau die hierher gekommen war und geheiratet hatte. `Soll das deine Antwort sein, Tara?´, fragte Bhikkhunī Manisha sich. In diesem Augenblick erblickte sie noch jemanden. Taracitta, Amitas Tochter. - Nachdenklich ging sie zurück ins Kloster.
Sie schlief in dieser Nacht ausgesprochen unruhig, sie träumte von der hl. Familie, von Yuz, von Amita und von deren drei Kindern, als sie noch klein waren – und das obwohl sie deren Kinder erst als Erwachsene kennengelernt hatte! Aber in ihren Traum waren es Kinder. Wie die Kinder in ihrer Schulklasse. Eines der Mädchen war hingefallen, sie ging zu ihm, um sie in den Arm zu nehmen. Da stand die Kleine auf und schlang seine Arme um sie – es hatte das Gesicht von Jayanna, dem Mädchen aus ihrer Klasse, das Kind umarmte sie und sagte nur ein Wort: Mama!
Bh. Manisha wachte auf, sie war schweißgebadet, das Herz schlug ihr bis zum Hals: Was zum Teufel sollte das? Sie stand auf, ging in den Vorraum des Schlafgemachs, das sie mit den anderen Nonnen teilte, dort stand ein kleiner Schrein eine Öllampe brannte darauf und beleuchtete eine Figur, die Tara darstellte, die Grüne Tara. Bh. Manisha setzte sich davor nieder. Sie sprach: „Heilige Tara, Göttliche Mutter, bitte hilf mir, das Richtige zu tun.”
Zwei Stunden später erhob sie sich von ihrem Meditationssitz, sie war sich jetzt der Unterstützung Taras sicher. Sie legte sich hin und schlief noch bis es Zeit zum Aufstehen war. Heute war sie guten Mutes. Fröhlich und voller Schaffenskraft ging sie zur Schule.
Wo
ein Wille ist, ist auch ein Weg!
Nachdem sie – wie üblich – den Stoff des letzten Tages wiederholt hatten, kündigte Bh. Manisha an:
„Heute betrachten wir den Punkt 6 auf dem Weg zur Befreiung: Das Einhalten der Vorsätze, welche sind denn das? Ja, bitte, Salita.”
„Der erste Vorsatz besagt, dass wir freundlich zu allen Wesen sein sollen. Das wir allen mit Mettā begegnen sollen. Das ist das, was wir alle uns bemühen zu tun, deshalb heißen wir ja die Mettā-Sangha, und das bedeutet natürlich auch, das wir keine fühlenden Wesen töten oder verletzen sollen.”
Die Lehrerin nickte ihr freundlich zu: „Das hast du schön gesagt. Ja - der erste Vorsatz ist Mettā. Darüber haben wir schon oft gesprochen.
„Ich bin aber noch nicht fertig!” erklärte jetzt Salita.
„Na, dann sag, was du uns noch mitteilen willst?”
„Wenn doch der erste Vorsatz Mettā ist und wenn der doch für alle in der Mettā-Sangha im Mittelpunkt steht, wieso fängt und tötet und verkauft und speist dann der Vater von Jayanna Fische!”
Jayannas Kopf lief rot an vor Scham.
Bhikkhunī Manisha musste jetzt etwas richtig stellen: „Salita, ich kann verstehen, dass dich das erbost. Aber es wäre richtig gewesen zu sagen, dass Hema das tut. So heißt der Fischer schließlich, und das weißt du auch. Es ist wahr, Hema verstößt fortwährend gegen diesen Vorsatz. Ja, man kann sagen: es ist ganz offensichtlich nicht sein Vorsatz. Man kann auch die Frage stellen, warum er noch in der Mettā-Sangha ist. Aber du hast in diesem Satz auch Jayanna erwähnt, die mindestens genauso unter Hemas Verhalten leidet wie du. Jayanna fühlt sich jetzt völlig zu Unrecht an den Pranger gestellt. Du hast sie verletzt. Das verstößt auch gegen den Mettā-Vorsatz. Es wäre gut, wenn du dich bei Jayanna entschuldigen würdest.”
Salita sah betreten zu Boden. Dann wendete sie sich Jayanna zu: „Bitte entschuldige, Jayanna, ich wollte dich nicht ärgern. Es tut mir leid, wenn ich dich verletzt habe. Ich war eigentlich nur so wütend auf deinen... ich meine: auf Hema.”
Jayanna liefen die Tränen über die Wangen: „Ist schon recht Salita, ich kann dich ja verstehen. Ich bin mindestens genauso wütend auf ihn wie du.”
„Danke das war lieb von dir Salita,” lobte die Lehrerin, „aber jetzt schauen wir uns den zweiten Vorsatz an. Dieser besagte dass man großzügig sein soll und dass man nichts nehmen solle, was einem nicht gegeben wird.”
Sobald dieser Vorsatz besprochen war meldete sich Anik: „Ich kann den dritten Vorsatz sagen, der heißt: ich läutere mich durch Stille, Schlichtheit und Genügsamkeit. Er besagt aber auch, was wir vermeiden sollen: ich nehme Abstand vom falschen Umherwandeln in der Sinnenwelt.”
„Was soll denn das heißen: falsches Umherwandeln in der Sinnenwelt?” fragte ein anderer Schüler ihn.
Anik nickte fröhlich, denn er wusste Bescheid: „Das weiß ich auch, meine Mama hat es mir erklärt. Das ist wenn wir darauf aus sind, dass wir etwas sehen oder anfassen wollen, was sich nicht gehört. So wie gestern, als die Kamika gesagt hat, der Ravi sollte sich beim Pieseln so hinstellen, dass sie sein Zipfelchen sehen kann.”
Eines der Mädchen sagte zu ihrer Nachbarin zu: „Mir hat die Kamika sogar gesagt, dass sie manchmal, das Zipfelchen ihres Bruders anfasst, wenn er schläft!” Die in ihrer Nähe sitzenden Mädels kicherten, als sie das hörten, nur Jayanna lief rot im Gesicht an.
Bhikkhunī Manisha hatte die Reaktion Jayannas bemerkt, versuchte aber zunächst wieder Ordnung in den Unterricht zu bringen: „Das ist eigentlich ein gutes Beispiel. Es gibt da in uns eine gewisse Gier. Zum Beispiel das Verlangen jemanden nackig zu sehen. Wenn wir dem Nachgehen, wird das dazu führen, das wir noch mehr wollen: den oder die nicht nur nackig zu sehen, sondern auch überall anzufassen. Und häufig beachtet man dann gar nicht, was die andere Person eigentlich will, oder was das für einen Dritten bedeutet. Wenn zum Beispiel euer Papa mit einer anderen Frau ins Bett gehen würde: Das würde doch eurer Mama sehr weh tun. Und damit es gar nicht so weit kommt, ist es ganz gut nichts zu tun, was das eigene Verlangen ungebührlich steigert.”
„Wie zum Beispiel, wenn die Malika dem Ravi sein Zipfelchen sehen will!” rief ein anderer Schüler.
Bhikkhunī Manisha nickte: „Das ist ein gutes Beispiel, noch besser wäre es wenn jeder von uns bemerken würde, wo bei ihm selbst so ein Verlangen ist - und wenn wir dann damit aufhören. Genau das ist gemeint, wenn wir uns vornehmen, nicht falsch in der Sinnenwelt herumzustapfen: Fang bei dir selbst an!”
Schließlich nahmen sie noch den fünften Vorsatz durch, in dem es darum geht, keine bewusstseinstrübenden Mittel zu nehmen - und statt dessen die Achtsamkeit zu stärken.
Als der Unterricht zu Ende war und die Kinder den Unterrichtsraum verließen, kam Pratap zu Bh. Manisha und bedankte sich nochmals herzlich für ihre Vermittlung. Gulzari bemühe sich jetzt ganz stark, ein guter, verständnisvoller Vater zu sein – auch wenn er das noch ziemlich ungeschickt mache. Aber er sei so froh, dass Bhikkhunī Manisha ihnen geholfen habe.
Zu diesem Zeitpunkt saß nur die verstört wirkende Jayanna noch auf ihrem Platz. Sie verfolgte genau, dass Bh. Manisha offensichtlich dem Pratap bei seinem Problem geholfen hatte. Sie wusste natürlich genau, dass auch Pratap unter dem Tod seiner Mutter litt - auch wenn die Verhältnisse im Hause des Schmieds anders waren als das Problem, das sie hatte.
Als Pratap den Raum verlassen hatte, setzte sich Bh. Manisha neben Jayanna. Die hatte offenbar etwas auf dem Herzen, wusste jedoch nicht, wie sie es ausdrücken sollte. Bh. Manisha legte ihren Arm um das Kind: „Mit mir kannst du über alles sprechen - brauchst nichts zu verschweigen. Manchmal hilft es, einfach nur auszusprechen, was einem auf dem Herzen liegt. Und manchmal kann ich dann wirklich helfen. So wie dem Pratap.”
Es dauerte seine Zeit - das Kind rang offensichtlich um die richtigen Worte. Bh. Manisha ermunterte das Mädchen: „Ich weiß, dass es um das falsche Wandeln in der Sinnenwelt geht. Um deinen Vater, und es ist jetzt nicht das Problem, dass er Fisch isst.”
Das Mädchen nickte. Aber es schwieg.
„Macht er etwas mit deinem Körper, fasst er dich an - oder so?”
Jetzt weinte das Kind heftig. Bh. Manisha nahm sie in die Arme: „Weine ruhig, liebes Kind, das hilft. Und was auch hilft, ist es auszusprechen. Danach wird es dir schon besser gehen. Und dann suchen wir gemeinsam nach einer Lösung. Ja?”
Das Mädchen nickte, weinte noch ein, zwei Minuten weiter. Dann setze sie sich zurück, sah Bh. Manisha an, aber schwieg noch immer.
„Ich bin deine Vertraute. Ich bin ganz auf deiner Seite. Und ich werde einen Weg finden, dir zu helfen. Versprochen!”
Jayanna rang noch immer um Worte, schließlich sagte sie: „Es ist so ähnlich wie bei dem, was vorhin über Kamika gesagt wurde, dass sie ihrem Bruder ans Zipfelchen fasst, wenn er schläft!”
„Fasst dich dein Papa zwischen die Beine, wenn er glaubt, dass du schläfst?”
Jayanna nickte.
„Und fasst du ihn auch an seinen Zipfel?”
„Nein!” Jayanna sah die Lehrerin entsetzt an.
„Aber hast du vielleicht Angst, dass er das will. Demnächst?”
Jayanna verbarg ihr Gesicht als sie nickte.
„Das hat doch sicher einen Grund, dass du das glaubst.”
Ohne ihrer Lehrerin ins Gesicht zu sehen nickte sie und sagte dann schließlich: „Wenn er, also wenn er mich da unten anfasst und glaubt, dass ich schlafe ... dann macht er noch etwas.”
„Was macht er denn noch?”
Ich weiß nicht genau, aber ich glaube er macht igrendwas mit seinem Zipfel. Er wackelt dann irgendwie und zum Schluss stöhnt er und nimmt seine Finger von mir.”
„Das war sehr tapfer von dir, dass du mir das gesagt hast. Ich nehme an, dass du willst, dass das aufhört.”
„Natürlich!”
„Und wenn das aufhören würde, möchtest du dann bei deinem Vater bleiben.”
Jayanna schüttelte den Kopf. „Ich will weg von dem Fischschlächter! Er stinkt nach seinem widerlichen Handwerk. Und so ähnlich riecht es auch, wenn er das nachts gemacht hat!”
„Du willst also von ihm weg?”
„Unbedingt!”
„Und weisst du, wohin du statt dessen möchtest?”
Jayanna sah ihre Lehrerin traurig an: „Am liebsten würde ich jetzt zu dir - aber das geht ja nicht, du bist ja einen Nonne!”
„Wo ein Problem ist und ein fester Wille, da ist auch eine Lösung!” Bh. Manisha klang nicht nur ganz resolut, sie war auch bereit, ihrem Namen alle Ehre zu machen: Sie war Karunadakini, ein Engel der Barmherzigkeit, - und sie würde das Problem lösen. - „Komm mit!”
Jayanna zuckte zusammen: „Zu ihm? Nein, nicht, das wird alles noch schlimmer machen!”
„Wird es nicht. Ich bin deine Lehrerin! Heute wirst du von mir etwas lernen, dass du dein ganzes Leben nicht vergisst. Du wirst sehen, wie man im Einklang mit dem Dharma beherzt handelt, und wie sich so alles zum Guten wandelt. Und jetzt komm: Wir beide gehen jetzt den Pfad der Befreiung!”
Verwundert ob der Entschlossenheit ihrer Lehrerin folgte sie dieser. Es ging schnurstracks zum Haus von Hema, dem Fischer. Der spießte gerade eine Reihe mittelgroßer Fische zum Räuchern auf, er schien nichts Gutes zu ahnen, als er seine Tochter in Begleitung ihrer Lehrerin kommen sah.
„Jayanna leidet unter deinem Lebenswandel, Hema. Sie leidet darunter, dass du Fische fängst und tötest. Was hältst du davon, wir suchen dir eine andere Beschäftigung, dass deine Tochter wieder stolz zu dir aufblicken kann?”
Jayanna schaute sie entsetzt an, aber das nahm Bh. Manisha jetzt in Kauf. Der Fischer lachte auf: „Damit die blöde Kleine sich wohl fühlt, soll ich meinen herrlichen Beruf aufgeben. Eher würde ich die Kleine weggeben!”
Bh. Manisha nickte: „Das ist eine gute Alternative!”
„Du willst mir mein Kind wegnehmen, blöde Nonne? Vielleicht weil du keine hast - weil du keinen Kerl abgekriegt hast? Jayanna ist mein Besitz!”
„Jayana ist genau so wenig dein Besitz, wie die Fische im See. Und ich werde nicht zulassen, dass du sie genau so ruinierst, wie die Fische - deinen Gelüsten zuliebe. Du hast zwei Möglichkeiten, Hema. Entweder du bittest mich, Jayanna in meine Obhut zu nehmen...”
„Oder?” fragte der Fischer höhnisch.
„Oder ich nehme sie mit und lasse noch heute eine Ratssitzung zusammentreten. Dann werden wir über das reden, was du nachts mit deiner Tochter machst, wenn die Geilheit, die durch den übermäßigen Fischgenuss hervorgerufen wird, dich wieder überkommt - wenn du die Finger weder von deiner Tochter noch von deinem Schwanz lassen kannst!”
Man sah dem Fischer das Entsetzen an.
Bh. Manisha dachte jetzt laut nach: „Ja - das wäre sicher der bessere Weg, wenn ich den Rat zusammenrufe. Dann würde man dich gewiss des Dorfes verweisen - und die Fische könnten in Frieden vor dir leben. Ja, ich glaube so machen wir´s. Komm Jayanna!” Bhikkhunī Manisha wendete sich zum Gehen.
„NEIN!!!” schrie der Fischer uns sank auf die Knie.
Bh. Manisha sah sich nach ihm um.
„Nein, bitte das nicht! Ich habe Frau und Kinder verloren. Ich weiß nicht, wo ich hingehen soll, bitte zerstöre mein Leben nicht!”
Bh. Manisha verschränkte die Arme, baute sich vor dem am Boden winselnden Mann auf und sah von oben auf ihn mit finsterem Blick herab: „So jetzt mache ich dir ein letztes Angebot, Hema. Und ich feilsche nicht! Wenn ich ausgeredet habe, antwortest du entweder mit `ja´ oder aber mit `nein´. Andere Optionen gibt es nicht. Und jetzt mein Angebot: ich nehme das Kind in meine Obhut - du hast dann mit Jayanna nichts mehr zu tun. Du darfst weiter Fische zum Eigenbedarf fangen und verzehren, aber du darfst keine Fische mehr eintauschen, niemanden mehr mit Fisch beliefern. Du wirst statt dessen wieder einer geregelten Arbeit nachgehen. - Ja oder nein?”
Hema war zusammengesunken. Sein fetter Körper sass wie ein Häufchen elend auf dem Boden.
„Antworte jetzt – oder ich gehe!”
Tränen rannen über Hemas Gesicht. „Ja”, sagte er, „ja, ich bin einverstanden.”
„Gut”, antwortete Bh. Manisha. Wenn du in einem einzigen Punkt unseren Vertrag brichst, bringe ich die ganze Sache vor den Rat – alles, schonungslos. Wenn du aber vertragstreu bleibst, bleibt dein nächtliches Fehlverhalten das Geheimnis von uns Dreien!”
Das Häufchen Elend, das von dem einst stolzen Fischer übriggeblieben war, nickte, während ihm Tränen übers Gesicht liefen.
Dann wandte sich Bh.
Manisha zum Gehen, nicht ohne dem
Kind zugenickt zu haben, das ihr jetzt folgte. Es
dauerte ein oder zwei Minuten, bevor Jayanna ausdrücken
konnte, was sie empfand.
„Das war stark, Bhikkhuni Manisha, das werde ich nie, nie, nie vergessen”, sagte Jayanna nach einer Weile, sie gingen noch immer Richtung Dorfmitte.
„Heute hast du mehr gelernt als in unserem Schulunterricht. Manchmal ist praktisches Handeln der beste Lehrmeister.”
„Du, Bhikkhuni Manisha, du bist die beste Lehrmeisterin – das war wie in den Gechichten, die man sich von Amita und Yuz erzählt!”
„Danke, Jayanna - das war das schönste Lob, das ich je bekommen habe.”
In diesem Moment sehen sie Gulzari, den Schmied nachdenklich die Straße entlang kommen.
„Betrübt
dich
etwas, Gulzari? Hat es etwa mit Pratap zu tun?”, ergriff die Bh. Manisha sofort
wieder die Initiative.
Der Schmied sah die Nonne etwas hilflos an: „Ja... oder eigentlich: nein, eher mit mir. Ich bemühe mich, ein guter Vater zu sein, aber ich bin so hilflos... Ich glaube ich kann kein einfühlsamer Vater sein. Er braucht eigentlich so etwas wie eine Mutter ... ich bin so furchtbar hilflos. Ich habe früher hier in der Schule gelernt: Wo ein Wille ist ist auch ein Weg – man muss ihn nur finden. Und man hat mir auch beigebracht: wenn der Schüler reif ist, erscheint der Lehrer. Aber das stimmt nicht, ich bin reif dafür belehrt zu werden, wie ich mit meinem Sohn umgehen kann – aber es erscheint kein Lehrer!” In diesem Moment schossen ihm Tränen in die Augen.
„Es heißt auch: `Wer Augen hat, der sehe´2, also schau hin, Gulzari, die Lehrerin steht vor dir. Ich bin bereit, die Mutter deines Sohnes Pratap und dieses Mädchens zu sein. Sie heißt Jayanna. Auch sie hat ihre Mutter durch die Seuche verloren. Soll ich die beiden Kinder zu mir nehmen – oder wollen wir beide deren Eltern sein – als Mann und Frau?”
„Wie – als Mann und Frau? - Du bist doch eine Nonne!”
„Eben, und daher folge ich dem Dharma. Eine der drei unabänderlichen Tatsachen, die der Dharma beschreibt, ist Anicca, Vergänglichkeit.3 Alles ist vergänglich. Ich war nicht immer Nonne - und ich muss es auch nicht immer bleiben. So wie Amita. Ich kann morgen wieder Manisha sein - wie vor meiner Ordination – aber im Herzen und von meiner Berufung werde ich immer Karunadakini bleiben, einer Dienerin des tätigen Mitgefühls.”
Gulzari war noch immer ganz verwirrt: „Meinst du, willst du damit sagen, du bist bereit, meine Frau zu werden?”
„Nur wenn wir neben deinem Sohn auch Jayanna als unsere Tochter aufnehmen!”
Gulzari fiel auf die Knie: „Gestern, als wir am Grab von Janani, meiner Frau, saßen und du Pratap und mich versöhnt hast, da war es mir als würde meine Frau sagen: `Diese Frau da´, also du Bhikkhuni Manisha, `sollte jetzt Prataps Mutter sein.´ Ich denke, meine liebe Janani würde es wollen!”
Bh. Manisha informierte ihre Ordensschwestern und Brüder, diese waren höchst erstaunt. Sie wussten aber natürlich von der Vergänglichkeit aller Dinge, von Anicca und akzeptierten ihren Entschluss. Dann ging Bh. Manisha zur heiligen Familie.
Amita umarmte sie: „Ich kann dich gut verstehen. Mir ging es ähnlich wie dir. Ich wünsche mir nur, dass du uns trotzdem als Lehrerin erhalten bleibst: Wer sollte den Dharma Kindern besser vermitteln können, als eine Frau, die so tiefen Einblick in den Dharma hat wie eine ehemalige Nonne - und die doch Mutter ist. Manisha – du bist wie ich, nur jünger. Trage du zur Weiterentwicklung der Mettā-Sangha bei.”
Und das tat Manisha dann auch, als Lehrerin und als Mutter. Sie gebar ein Jahr darauf Bahadur, der später die Schmiede seines Vaters übernehmen sollte.
Fußnoten
1 Der gesamte Pfad der Befreiung mit allen 17 Stufen findet sich am Ende von Kapitel 16.
2 „Wer Augen hat, der sehe!“ ist ein Satz vom Buddha, meist sagte dieser jedoch einfach: „Komm uns sieh“, nämlich wenn er Mönche ordinierte. In ähnlicher Weise formulierte Jesus: „Wer Ohren hat, der höre“ (Matt. 11,15)
3 Laut dem Dharma sind die drei Wesensmerkmale alles abhängig von Bedingungen entstandenen Dukkha (Unvollkommenheit), Anicca (Vergänglichkeit) und Anatta (Fehlen eines festen Wesenskerns).
Erläuterungen
Anicca – Vergänglichkeit; alles was in Abhängigkeit von Bedingungen entstanden ist, verändert sich und vergeht, eines der drei Lakshanas, der Grunderkenntnisse über alles Existierende (die anderen sind Leidhaftigkeit und Ichlosigkeit). Anicca ähnelt dem abendländischen Vanitasgedanken.
Bhikkhu = Mönch, abgekürzt: Bh.
Bhikkhuni = Nonne, abgekürzt: Bh.
Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha seine Erleuchtung erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)
ḍākinī – ist im Vajrayana eine weiblicher himmlischer Geist (engl.: Skywalker), mit dem ein Yogi üblicherweise auf Leichenplätzen in Kontakt kommt. Man kann diese Figuren mit den Musen aus dem europischen Kulturraum vergleichen. Die männliche Variante ist ein Daka.
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Grüne Tārā – Bodhisattva, die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen, um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut, denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen, genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die bekannteste davon. Ihr Bild ziert unseren Meditationsraum in Gelnhausen.
Karunā = Mitgefühl
Kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte
Mettā – (Pali) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind
Mettā Bhāvanā – Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für eine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen.
Mettā-Orden – Orden der Mönche und Nonnen der Mettā-Sangha
Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft
Tārā – siehe Grüne Tārā
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