Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel
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am 2.1.2026
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Nilay wuchs in den folgenden Jahren heran und bald merkte er, dass ihn etwas von den meisten anderen Kindern unterschied. Er erkannte es daran, dass sich die meisten gleichaltrigen Kinder ihm gegenüber etwas anders verhielten, als gegenüber den anderen Kindern. Er sagte das seiner Schwester Maria.
Die klärte ihn auf: „Das geht mir genauso. Hier im Dorf gibt es eigentlich keine Rangunterschiede. Alle werden ziemlich gleich behandelt. Es gibt nicht so wie anderswo verschiedene Kasten, höhere und niedrigere. Es gibt auch nicht Reiche, die sich alles leisten können und Arme, die hungern müssen. Es gibt aber dennoch zwei Personen, die wesentlich angesehener sind als anderen, und das sind unsere Eltern. Das wissen diese Kinder und daher halten sie sich uns gegenüber eher zurück. Du hast sicher schon gehört, dass ein Kind zu einem andern sagt `Du bist aber blöde!´, aber hat das schon einmal jemand zu dir gesagt?“
Nilay überlegte, dann sagte er: „Doch, einmal hat das ein Junge zu mir gesagt, aber er wurde gleich von einem anderen zurückgewiesen, der sagte `Mensch das kannst du doch Nilay nicht sagen, das ist der Sohn von Amita und Yuz.´“
„Siehst du, wir werden anders behandelt, weil wir die Kinder unserer Eltern sind, die die anderen `das heilige Paar´ nennen.“
Nilay sann eine Weile nach. Dann fragte er: „Dann müsste es doch woanders anders sein. Also wenn ich in ein anderes Dorf käme, dann würde man mich auch `Blödmann´ nennen oder so?“
Maria nickte: „Bestimmt. Aber ganz genau kann ich dir es nicht sagen, vermutlich wäre das von deiner Kaste abhängig, aber auch von deinem Geschlecht. Also als Junge wärst du dort wichtiger als ein Mädchen aus der gleichen Kaste, aber weniger wichtig als die Jungen aus höheren Kasten.“
Erneut dachte Nilay nach. Dann sagte er: „Das mit den Kasten verstehe ich nicht. Alle im Dorf schimpfen darauf, aber woanders scheint es sehr wichtig zu sein. Wenn ich mal groß bin, gehe ich in ein anderes Dorf, um es mir einmal anzusehen.“
„Aber dort soll es doch voll blöde sein, Nilay!“
Der nickte: „Ja das sagen alle. Das glauben alle. Ich möchte es aber wissen. Ich möchte nicht nur glauben, was alle sagen.“
Jetzt war es an Maria, nachzudenken. „Ich glaube ich hätte davor Angst. Hier bin ich geschützt, weil hier alle freundlich sind. Dort wäre ich nicht geschützt, weil ich keine Kaste habe, weil ich noch dazu ein Mädchen bin und niemand würde in mir die Tochter des hl. Paares sehen. Mir würde das alles Angst machen. Aber wenn du später wirklich dorthin gehen solltest, musst du unbedingt zu mir zurückkommen und es mir erzählen.“
Nilay, der zwei Jahre jünger war als seine Schwester, kam sich jetzt besonders wichtig vor. Dann würde er ja einen Wissensvorsprung vor Maria haben. Stolz antwortete er: „Versprochen Maria, wenn ich herausgefunden habe, wie es woanders ist, wenn ich es also wirklich weiß und nicht nur glaube, dann werde ich zu dir zurückkehren und es dir berichten!“
Maria freute sich darüber: „Und dann werde ich dich als meine großen Bruder betrachten!“ Sie umarmte ihren Bruder und küsste ihn auf die Wangen. Nilay kam sich mächtig wichtig vor. Er hatte ein Thema gefunden, dass ihn auf Jahre, vielleicht sogar auf Jahrzehnte beschäftigen würde.
Das hatte sich zu der Zeit abgespielt, als Nilay zur Schule kam, er war damals etwa fünfeinhalb Jahre alt. Und auch während seiner Schulzeit ließ ihn das Thema nicht los. Begleiten wir Nilay einmal in seinen Schulunterricht. Er ist jetzt sieben Jahre alt und seine Lehrerin ist Shanti, die Tochter der ehemaligen „Herrschaften“ des Dorfes, von Sita und Jagan.
Balu, einer von Nilays Klassenkameraden, fragte die Lehrerin: „Ich hab da mal eine Frage, Shanti, du warst doch früher eine Angehörige dieser ganz wichtigen Kaste, der Adelskaste, wie hieß die gleich noch mal?“
Shanti sah Balu an: „Du meinst die Kṣatriya! Ja, das war die angesehenste Kaste, der Adel, es gab noch drei andere Kasten, die waren alle weniger angesehen und außerdem gab es noch Kastenlose, bei uns im Dorf aber nur eine Familie, die mussten die blödesten Arbeiten machen, die Latrinen säubern und so. Was möchtest du denn wissen, Balu?“
Der rückte jetzt heraus: „Also wenn man doch vorher so wichtig war, ist es dann nicht irgendwie ärgerlich, wenn man das nicht mehr ist. Wenn man nur noch so ist wie alle anderen. Also wenn mir das so ergangen wäre, ich weiß nicht, ob ich dann nicht woanders hingegangen wäre, wo ich wieder zu den wichtigsten Leute gehören würde, wo man mich wie einen Prinzen behandeln würde.“
„Das ist eine interessante Frage. Ich kann mir vorstellen, dass manche von euch lieber ein Prinz oder eine Prinzessin wären. Wenn ihr allerdings weggehen würdet, wäret ihr das nicht, denn keiner von euch gehört in der Welt da draußen der Kṣatriya-Kaste an. Was also hält mich hier? Ich kannte die Welt vorher. Ich wäre angesehener gewesen, aber ich hätte mich niemals spirituell weiterentwickeln können, weil ich dann nichts von Yuz und Amita gelernt hätte. Wenn die beiden hier nicht aufgetaucht wären, wäre ich von meinen Eltern verheiratet worden. An irgendeinen Adligen woanders, denn hier im Dorf gab es ja keinen. Ich wäre die Frau irgendeines Mannes der Kriegerkaste geworden, und die sind in der Regel barsch und herrisch. So aber habe ich die Chance gehabt, mir einen Mann aussuchen zu können, der mir selbst gefiel, meinen wunderbaren Mohit! Einen Mann, der hierhergezogen ist, weil dies der beste Ort ist. Es ist meines Wissens der einzige Ort, wo man spirituell gebildet wird wie in einem Kloster, wo alle gleichberechtigt sind, wo Mettā gelebt wird. Meine Schwester Amandita wurde verheiratet, das war noch bevor Amita und Yuz herkamen. Sie wurde die Frau eines Kṣatriya, eines Kriegers. Er misshandelte sie und ihr Kind. Schließlich ist sie wieder hierher geflohen. Die Mettā-Sangha ist vermutlich der beste Ort in der Welt, mit Sicherheit aber der Beste, von dem ich jemals gehört habe.“
Jetzt meldete sich Nilay: „Shanti, das klingt alles ganz toll. Aber warst du eigentlich schon mal woanders?“
„Ja, Nilay, als Kind war ich zweimal in andern Orten. Das kam mir damals ganz normal vor, aber da kannte ich noch nicht die Mettā-Sangha, das war ja, bevor deine Eltern hierher kamen. Ich habe es aber auch von Śiva gehört, einem Kaufmann, der sehr viel von anderen Städten weiß, denn der kommt viel herum, und auch der sagt, dass das hier der beste Ort auf der Welt sei. Und ganz besonders viel habe ich auch von Yuz gelernt, von deinem Vater, der nicht nur ganz Bhārat Gaṇarājya bereist, sondern auf viele andere Länder. Ich kennen keinen anderen Menschen, der so weit in der Welt herumgekommen ist. Nirgends war es so gut wie bei uns, daher ist er hierher gekommen und hat diesen idealen Ort geschaffen, dafür bin ich ihm unendlich dankbar.”
Nilay aber war damit nicht zufrieden. Jeder sagte das. Aber wenn doch fast alle Menschen woanders lebten und gar nicht daran dachten hierher zu kommen, dann denken die doch vermutlich auch, dass es bei ihnen ganz in Ordnung ist. Nilay war unzufrieden und Shanti sah ihm diese Unzufriedenheit an. Daher fragte sie ihn:
„Was lässt dich zweifeln, dass es hier so gut ist?“
Nilay schaute etwas grimmig drein, was sollte er seiner Lehrerin antworten, er der Sohn des hl. Paares, das alle hier verehrten, dann kam ihm eine Idee und er antwortete: „Recht habe ich, wenn ich da Zweifel hege. In einer Sache, bei der ich im Unklaren bin, ist mir Zweifel aufgestiegen. Geht nicht nach Hörensagen, nicht nach Überlieferungen, nicht nach der Autorität heiliger Schriften, glaubt nicht einfach Lehrern oder Priestern, glaubt nicht an die Autorität eines Meisters!“
Die Mitschüler/innen sahen Nilay fragend an, und die Lehrerin klärte sie auf: „Das, was Nilay da zitiert, steht ziemlich genau so im Kalama-Sutta einer wichtigen Lehrrede des Buddha. Aber, was mich interessiert: welchen Schluss ziehst du daraus, Nilay?“
Der dachte einen Moment nach, dann antwortete er seiner Lehrerin: „Ich ziehe daraus gar keinen voreiligen Schluss. Ich weiß nur, dass der Buddha mir empfehlen würde keine voreiligen Schlüsse zu ziehen. Aber er ermutigte seiner Anhängerinnen und Anhänger, die Wahrheit selbst herauszufinden. Wann immer er Mönche ordinierte sagte er: `Komm und sieh selbst´. Ich denke, ich sollte dem Rat des Buddha folgen.“
Während Shanti ihren Schüler noch nachdenklich betrachtete, melde sich ein Mädchen mit einer Frage zur Rolle der Frau außerhalb der Mettā-Sangha. Der Unterricht nahm seinen normalen Fortgang.
Am Ende des Unterrichts, als die Kinder den Unterrichtsraum verließen, bat Shanti Nilay noch zu sich: „Nilay, was hast du gemeint, als du sagtest `Ich denke, ich sollte dem Rat des Buddha folgen´?“
Nach kurzem Zögern antwortete Nilay seiner Lehrerin: „Weißt du, Shanti, mir geht es so wie den Kalamern, also den Leuten, denen der Buddha die Lehrrede hielt, die ich vorhin zitiert habe. Ich will nicht einfach glauben. Ich möchte das, was ich glauben soll, selbst überprüfen. Dazu muss ich aber früher oder später von hier weggehen um die Stichhaltigkeit der Aussage, dass dies hier der beste Ort in der Welt sei, selbst zu überprüfen.“
„Was meinst du mit früher oder später?“
„Das weiß ich auch nicht. Jedenfalls nicht heute und nicht morgen. Aber ich werde auch nicht warten bis ich so alt bin wie du!“
Shanti war damals Anfang 20. Sie nickte: „Das kann ich gut verstehen. Vorläufig bist du aber dazu viel zu jung. Man würde dich einfangen und als Sklaven verkaufen. Auch später ist es nicht ungefährlich. Deine Mutter hat mit 15 ihre Eltern verlassen, dabei war sie aber nicht allein, dein Vater und dein Onkel Nilay haben sie nach Bodh Gaya begleitet. Dein Vater hat auch seine Heimat verlassen, ich glaube er war damals 14. Das war schon sehr ambitioniert. Bitte versprich mir, dass du auch nicht früher weggehen wirst. Und noch etwas: sprich auf jeden Fall vorher mit deinen Eltern! Vor allem dein Vater wird dir einige hilfreiche Tipps geben können.
Nilay biss sich auf die Zunge, dann sagte er: „Ich verspreche, dass ich vorher mit meinen Eltern darüber sprechen werde. Aber bitte versprich du mir auch, dass du meinen Eltern nicht sagen wirst, dass ich die Mettā-Sangha verlassen werde.“
Shanti dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie: „Abgemacht, du sprichst mit deinen Eltern zu gegebener Zeit über deinen Wunsch, vorübergehend von hier wegzugehen und ich sage deinen Eltern nicht, dass du weggehen möchtest.“
„So machen wir es!“ bestätigte Nilay.
Shanti hatte nachgedacht, bevor sie die Abmachung formulierte. Sie hatte versprochen, dem hl. Paar nichts von Nilays Wunsch wegzugehen, zu erzählen. Dennoch sah sie sich verpflichtet zumindest seiner Mutter einen Hinweis zugeben, dass Nilay nicht einfach glauben mochte, dass dies hier der beste Platz in der Welt sei. Sie wartete auf eine günstige Gelegenheit.
Diese ergab sich einige Tage später, als die beiden Frauen einander trafen. „Irgendwelche Probleme mit Nilay in der Schule“ fragte Amita die Lehrerin, wie üblich, wenn sie sich trafen.
„Nein, nein, keinerlei Probleme; dein Sohn ist ein ausgezeichneter Schüler, arbeitet mit, denkt mit, wie wir es beide auch nicht anders erwartet haben, und er hat den gleichen kritischen Geist wie sein Vater.“
„Was meinst du damit Shanti, was hinterfragt er kritisch?“
Die Lehrerin erklärte: „Wir alle schätzen diesen Ort und selbstverständlich versuche auch ich den Schülerinnen und Schülern zu vermitteln, welches Glück sie haben, hier zu leben. Nilay verweist dann allerdings darauf, das müsse man vorerst glauben, denn wissen könne man es nur, was man selbst verglichen habe.“
Amita nickte: „Ich verstehe, was du damit sagen willst. Das könnte darauf hindeuten, dass er dies selbst überprüfen möchte. Ich werde gelegentlich darüber mit ihm sprechen, danke Shanti, dass du mir Bescheid gesagt hast.“
„Eins noch, Amita, mir wäre es sehr recht, wenn du ihm nichts sagst, dass du die Information von mir hast.“
„Keine Angst, Shanti, da werde ich drauf aufpassen, du kannst dich auf mich verlassen. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du mich informiert hast. Uns geht es schließlich beiden um den Schutz unserer Kinder!“
Amita wartete auf eine günstige Gelegenheit mit ihrem Sohn dessen Wunsch, „die Welt da draußen“ kennenzulernen, zu erörtern. Diese ergab sich etwa einen Monat nach dem Gespräch mit der Lehrerin. Nilay kam nach Hause und seine Mutter saß mit einer Näharbeit vor dem Haus. Das war immer eine gute Gelegenheit, mit ihr ins Gespräch zu kommen und Nilay beschloss, diese beim Schopf zu ergreifen.
„Du, Mutter, du hast mir doch den Namen deines Bruders Nilay gegeben, wie war der denn so?“
Amita lächelte: „Nilay, der war so ähnlich wie du! Schon einmal im Äußeren, man könnte dich für eine jüngere Ausgabe deines Onkels halten. Yuz und ich haben das unmittelbar nach deiner Geburt gesehen. Als du erstmals deine Augen öffnetest, glaubten wir beide in die Augen deines Onkels Nilay zu blicken. Da wussten wir sofort, dass wir dich Nilay nennen.“
Sie blickte einen Augenblick versonnen ins Leere, bevor sie – wie zu sich selbst – sagte: „Ich kann mir gar nicht vorstellen wie er jetzt aussehen mag. Als wir uns getrennt haben, war er etwa 20 – und das ist jetzt schon über 20 Jahre her. Ich werde ihn wohl nie wiedersehen.“
Nilay war aber mit dieser Aussage nicht zufrieden: „Das meine ich nicht. Ich wollte wie wissen, wie so seine Art war, sein Verhalten, seine Wünsche, seine Träume!“
„Ich verstehe, was du meinst, Nilay. Du suchst danach, ob da eine Seelenverwandtschaft ist. Also zunächst einmal: er war der freundlichste Mensch in meiner Familie. Mein Bruder und ich, wir waren damals unzertrennlich, er war der ältere Bruder, zu dem ich aufsehen konnte und auf den ich mich immer verlassen konnte. Und es bedrückt mich noch heute, dass er sich in einem entscheidenden Moment nicht auf mich verlassen konnte - damals in Bodh Gaya, als ich ins Kloster ging, obwohl ich wusste, dass er meinen Eltern versprochen hat auf mich aufzupassen und mich heil wieder zurück zu bringen.“ Amita traten unwillkürlich Tränen in die Augen. Das war sicher das, was sie am meisten belastete, dass sie den Menschen, auf den sie voll vertrauen konnte, so enttäuscht hatte.
„Weißt du, Nilay, das tut mir so entsetzlich leid! Ich habe ihn so furchtbar enttäuscht – aber es musste sein. Wenn ich das nicht getan hätte, wäre ich an irgendeinen Kaufmann verheiratet worden. Ich hätte nicht den Dharma studieren können, ich hätte nicht alles das lernen können, was ich Kloster lernen konnte und was mich erst zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Es gäbe dann wohl auch nicht die Mettā-Sangha und diesen Ort, so wie er heute ist. Und es gäbe auch dich nicht und deine Schwestern. Ich denke, ich habe damals richtig gehandelt. Aber ich habe dabei das Vertrauen eines geliebten Menschen missbraucht. Und sicher auch meine Eltern furchtbar enttäuscht! Aber sie hätten mich nie gehen gelassen.“
Sie wischte sich die Tränen aus den Augen und von den Wangen, bevor sie fortfuhr: „Weißt du, das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann ist, dass du mich eines Tages so verlässt, wie ich das damals meiner Familie gegenüber getan habe. Solltest du, lieber Nilay, eines Tages den Wunsch haben fortzugehen, bitte tue das nicht heimlich. Bitte versprich mir, dass du das nicht tust. Und ich werde dir versprechen, dass ich dir keine Steine in den Weg legen werde, falls du irgendwann das Gefühl hast, weggehen zu müssen. Ich würde dich dabei sogar unterstützen und dir - so weit mir das möglich ist - helfen. Es wäre allerdings schön, wenn du dann irgendwann wieder kämst, sei es um ganz hier zu bleiben oder auch nur, um mich zu besuchen.“
Nilay war erstaunt zu hören, dass seine Mutter seinen inneren Wunsch, die Welt da draußen kennenzulernen, erahnt hatte. Er konnte aber auch ihre Ängste verstehen: „Mutter, ich verspreche es dir, dass ich dich und unser Dorf nicht heimlich verlassen werde! Und ich werde dich beim Wort nehmen und bitten mich zu unterstützen und zu beraten, wenn es einst so weit ist!“
Mutter und Sohn umarmte sich und hielten sich fest, während beiden die Tränen über die Wangen liefen. Beide wussten in diesem Augenblick, dass der Tag seines Auszuges kommen würde, dennoch waren sich beide in diesem Augenblick nie so nah wie jetzt, nie seit ihrer Entbindung. Minutenlang verharrten sie so, dann ließen sie einander los und wischten sich die lachend ihre Tränen ab.
Sie schwiegen eine Zeitlang, dann fragte Nilay: „Und mein Onkel Nilay, der wollte nie von zuhause weg?“
Amita zuckte mit dem Schultern: „Er hat nie davon gesprochen, auch nichts in der Art angedeutet. Nein, ich glaube nicht. Jedenfalls nicht, solange ich noch im Hause meiner Eltern war.“
„Dann habe ich also diesen Wunsch nicht von ihm, sondern von dir, Mutter!“
Amita sah ihren Sohn kurz nachdenklich an, dann antwortete sie bestimmt: „Nein, Nilay, den hast du nicht von mir. Ich wollte weg, weil ich vom Dharma, gekostet hatte, weil Yuz ihn mir gelehrt hatte. Ich wollte optimale Bedingungen um den Dharma zu studieren und zu praktizieren. Ich glaube, es gibt keinen besseren Ort auf der Welt, um den Dharma zu studieren und zu praktizieren als hier bei uns in der Mettā-Sangha. Daher kannst du den Wunsch nicht von mir haben. Den hast du von deinem Vater. Der ist als junger Mann in die Welt gegangen, weil er den Wunsch hatte, etwas besseres zu finden, als den Glauben, den sie in seiner Heimat hatten, den Glauben an einen strengen und zornigen Gott namens JHWH. Wie ist das denn bei dir, Nilay. Glaubst du auch, dass du etwas Besseres finden kannst als das, was wir hier praktizieren?“
Nilay dachte eine Weile nach, dann konnte er ausdrücken, was ihn umtrieb: „Nein Mutter, das glaube ich nicht. Aber ich weiß es nicht. Hier wird gesagt, das hier sei das Beste, was es gäbe. Augenscheinlich sehen das die meisten Menschen woanders doch anders, sonst würden alle hierher kommen, um von Vater und dir unterwiesen zu werden. Offensichtlich glauben sie etwas anderes. Ich will aber nicht nur glauben, ich will wissen. Und dazu muss ich vergleichen können. Ich will wissen, was die anderen denken, ich will es von ihnen selbst gesagt bekommen, in ihren eigenen Worten. Ich glaube ich bin vernünftig genug, dann abwägen zu können, was das Bessere ist. Dann werde ich es wissen, und nicht nur glauben.“
„Du weißt aber schon, dass es da draußen gefährlich ist? Wenn du im Kindesalter weggehst, wirst du gefangen und in die Sklaverei verkauft. Selbst für einen jungen Mann allein ist es nicht einfach, es wäre besser, wenn du auch dann nicht alleine wärst.“
Jetzt schüttelte Nilay den Kopf: „Mutter sei jetzt nicht überängstlich. Du bist als Frau alleine aus dem Kloster weg, obwohl deine Äbtissin sagte, wie gefährlich das ist, wegen der wilden Tiere und der üblen Männer.“
Jetzt musste Amita wieder weinen, während sie nickte, denn das, was er sagte, stimmte; aber Nilay tröstete sie: „Mutter, ich werde mich vorher mir dir beraten. Ich werde auch mit Vater darüber sprechen, wenn es so weit ist. Und ich verspreche dir, das Dorf nicht zu verlassen, bevor der Bartwuchs einsetzt!“
Jetzt strahlte Amita, obgleich ihr noch die Tränen auf das Kleid tropften: „Ich danke dir Nilay, dass ist genau das Versprechen das ich mir von dir erhofft hatte.“
So hatten Nilay und seine Mutter einen Pakt geschlossen. Einen Pakt, an den sich beide hielten, wie das bei ehrenwerten Menschen üblich ist.
Erläuterungen
Bhārat
Gaṇarājya
– (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha sein Erwachen erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)
Bodhisattva – Figur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben, sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seiner Erleuchtung verwendet.)
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Grüne
Tārā
– Bodhisattva,
die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie
wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen,
um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand
zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut,
denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen,
genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es
noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die
bekannteste davon.
Kālāma Sutta – Lehrrede, die der Buddha an die Kalamer, die Einwohner der Stadt Kalama, hielt. Es findet sich im Pali-Kanon in der Anguttara Nikāya III.,66
Kaste – die indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion in streng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, Priester), kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय, Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: वैश्य = Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit शूद्र, = Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden. Kṣatriya (Sanskrit: क्षत्रिय) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte
Mettā – (Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.
Mettā Bhāvanā
– Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā
entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für
sich selbst,
(2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) für
eine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige
Person (Feind) und (5) für allen fühlenden
Wesen.
Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft
Sangha – spirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der Schülerinnen und Schüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)
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