Horst
Gunkel, Band
4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 19
letztmals bearbeitet am
29.04.2026
Die fett und kursiv gedruckten Begriffe sind am Ende der
Seite erläutert.
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Zwei
Jahre später hatte sich alles eingespielt: Es gab das Kloster,
bestehend aus dem Mönchs- und dem Nonnenwohnheim, die mehr als 15
Minuten Fußweg voneinander entfernt lagen - und vergrößert worden
waren, groß genug für jeweils zehn Frauen bzw. Männer. Und es gab am
Verbindungsweg zwischen den beiden Wohnheimen die Bibliothek, in dem
sich die 45 Bände des Pāḷi-Kanons befanden -
außerdem ein
Lesetisch mit Schemeln davor, zwei Sitzkissen auf dem Boden mit
jeweils einem kleinen Lesepult davor und zwei Schreibpulte – an
dem Texte kopiert werden konnten. (Man schrieb damals grundsätzlich im
Stehen.)
Unter Anleitung von MDM hatten hier Bhikkhunī Manisha und Bhikkhunī Maria die Kunst des Schreibens, den Umgang mit Tusche und Feder, gelernt. Lesen konnten sie bereits, wie alle, die als Kinder die Schule der Mettā-Sangha besucht hatten. Inzwischen leitete MDM zwar weiter die Schreibstube, aber das Kopieren oblag den beiden Nonnen.
Häufig fanden sie eine besonders interessante Lehrrede, die einen weiteren Aspekt des heiligen Lebens betraf. Die beiden brachten dies dann in die Gesprächsrunde der Nonnen ein. Die Mönche erfuhren darüber mitunter auch, wenn sie sich auf einem Spaziergang mit einer Nonne unterhielten. Auch ihnen waren natürlich die Bücher zugänglich, lesen konnten alle (außer SDM).
Solche gemeinsamen Spaziergänge von Mönchen und Nonnen waren zulässig, aber es herrschte Konsens darin, dass diese nur im Umkreis von zwei Meilen um das Dorf stattfanden, dort nämlich, wo man immer damit rechnen konnte, auch andere Dorfbewohner zu treffen, schließlich wollte man keinen Anlass für unangemessene Spekulationen geben.
Verlassen wir jetzt einmal das Kloster und schauen in eine Sitzung des Rates der Mettā-Sangha. Diesem gehörten damals Jagan, der frühere adlige Herr des Dorfes, dessen drei Kinder Raj (Geschäftsführer), Shanti und Sunay, und natürlich Yuz und Amita sowie deren Tochter Taracitta an, außerdem nahm fürs Kloster entweder MDM oder Bhikkhunī Maria teil.
Raj berichtete von den jüngsten Entwicklungen: „Es ist uns gelungen, die Differenzierung der wirtschaftlichen Betriebe voranzutreiben. Wir hatten - wie ihr wisst - vor ein paar Jahren mit dem Projekt begonnen, junge Männer in Kazal zur Lehre gehen zu lassen. Zu Beginn der Mettā-Sangha waren fast alle Bewohner unseres Dorfes Bauern. Mit Yuz kam erstmals ein Schreiner her, er hatte dann einige der ersten Siedler in der Holzverarbeitung unterwiesen. Inzwischen ist mit Chetan einer der jungen Schreiner in Kazal zum Wagner ausgebildet worden, sodass wir in die Fertigung von Wagen einstiegen können, was unser Transportwesen verbessern wird.
Weiterhin hat Jerin das Weberhandwerk gelernt und wir haben auch in Kazal einen Webstuhl gekauft, sodass wir nunmehr in die Tuchproduktion einsteigen können. Auf diese Art wandelt sich unser Dorf allmählich zur Kleinstadt, denn die Anzahl der Handwerker steigt. Es werden damit allmählich weniger Personen in der Landwirtschaft arbeiten. Hatten wir bisher gut die Hälfte unserer landwirtschaftlichen Produkte exportiert, um dafür Waren, wie z. B. Tuche einzukaufen, so werden wir allmählich weniger von Importen abhängig sein, und damit auch weniger anfällig von Preisschwankungen.
Chetan und Jerin haben sich auch zusammengesetzt und den Aufbau des Webstuhls untersucht, sodass der Schreiner Chetan demnächst zwei weitere Webstühle bauen kann. Die Garnerzeugung läuft ja bisher schon gut und zwar sowohl durch die Wollproduktion und diejenigen Frauen, die am Abend die Garne spinnen, als auch natürlich durch die Flachsverarbeitung unten am See.“
„Es gibt auch Handwerke, die mir Sorgen machen“, meldete sich Amita: „Es war schon immer so, das einige Leute mitunter Fische fingen, inzwischen ist es aber so, dass Hema das fast schon gewerbsmäßig macht.“
Sunay wunderte sich: „Wie soll das gehen – gewerbsmäßig? Da es kein Geld gibt, kann er doch keine Erträge erwirtschaften!“
Amita aber hatte nachgeforscht: „Hema ist ziemlich ungeschickt. Wann immer er an seinem Haus etwas machen soll, so gelingt ihm das nicht. Daher machen Nachbarn das für ihn, im Austausch dafür versorgt er sie mit Fisch. Auch einige Haushaltsgegenstände hat er bereits durch Bezahlung mit Fisch erworben.“
Taracitta antwortete ihrer Mutter: „Amita, mich stört das genauso wie dich. Wir werden aber weder den Konsum von Fisch noch den von Fleisch völlig verbieten können. Ich denke, es ist wichtig, im Schulunterricht und im Dharma-Studium immer wieder darauf hinzuweisen, dass Tiere - wie wir Menschen auch - lebende Wesen sind, die leben und nicht sterben wollen, die nicht leiden wollen. Wenn du da Möglichkeiten siehst, wie man den Unterricht und dieses Bewusstsein, diese Empathie mit anderen Lebensformen, verbessern kann, bin ich die erste, die dich dabei unterstützt. Aber Verbote bringen nichts. Selbst wenn man Hemas Familie etwa dadurch bestrafen würde, dass sie nicht mehr im Gasthof essen dürfen, würde das nur dazu führen, dass sie noch mehr Fisch fangen und Fisch essen, es ist sogar mit einer Solidarisierung seiner Kunden zu rechnen. Ganz ähnliches gilt übrigens auch für die Gewohnheit mancher Dorfbewohner, ältere Haustiere zu schlachten. Verbote sind nicht zielführend. Das Einzige, was hilft, ist noch stärkeres Gewicht auf Mettā zu legen: auf Liebe, Achtung, Wertschätzung und Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen.“
Amita nickte: „Ich wollte auch nicht Verboten das Wort reden, es geht mir darum, dem durch größtmögliche Sensibilisierung zu begegnen.“
Raj ergriff wieder das Wort: „Ich wollte noch etwas zur Umstrukturierung der Gewerbetätigkeit sagen: Wir hatten immer einen Schmied im Ort, der jetzige wird sich bald zur Ruhe setzen. Wie wir alle wissen, waren seine Produkte denjenigen unterlegen, die man in den Städten kaufen kann. Wir haben daher seinen Sohn Gulzari vor drei Jahren in die Lehre beim renommiertesten Schmied in Kazal geschickt, obwohl das Lehrgeld dort relativ hoch ist – alle Lehrgelder für die Auszubildenden wurden natürlich aus unserer Gemeindekasse finanziert. Er ist letzte Woche zurückgekehrt und wird in diesen Tagen den väterlichen Betrieb übernehmen. Damit werden wir in Zukunft auch bei Werkzeugen völlig unabhängig von Importen sein. Insbesondere war uns wichtig, dass Gulzari dabei auch die Zulieferung für Metallteile der Wagnerei übernehmen kann, z. B. die Ringe, die um die Holzreifen gelegt werden, so dass unsere Wagen den besten im Lande nicht nachstehen. Hierbei waren wir auf die Expertise von Śiva angewiesen, dessen Karawanen auf einigen Strecken – vor allem im Flachland – auch Fahrzeuge einsetzen.“
Sunaj hatte noch von einem Problem zu berichten: „Als Leiter von Ākāśaloka, muss ich noch auf etwas hinweisen. Unsere Einrichtung ist ja nicht nur ein Pflegeheim für chronisch Kranke und Gebrechliche, sondern behandelt auch akute Krankheiten. Wir haben seit ein paar Tagen eine Frau, die an einer Krankheit leidet, die uns bislang gänzlich unbekannt war. Ihre Haut weist Flecken auf, sie hat hohes Fieber und ihre Atemwege sind angegriffen. Ihr Zustand ist kritisch. Was mich aber besonders besorgt macht: Gestern abend wurde auch die Tochter dieser Frau mit ähnlichen Symptomen eingeliefert - und heute morgen haben sich die gleichen Hautflecken auch bei der Krankenpflegerin gezeigt, die sie bislang gepflegt hat.”
„Das ist übel - das klingt nach einer Pestilenz. Es muss alles getan werden, um die Ausbreitung zu vermeiden!” Das war die Mahnung von Yuz.
Sunay nickte ihm zustimmend zu: „Genau - es ist wohl etwas, wobei wir mit den Methoden der Dämonenaustreibung keine Erfolge haben werden. Dennoch würde ich auch dich, Yuz, bitten, dich irgendwie einzubringen - schließlich habe ich von dir schon mehrfach die Aussage gehört, dass der Glaube Berge zu versetzen vermag. Aber natürlich sind vor allem medizinische Maßnahmen nötig. Gegen das Fieber setzen wir Wadenwickel ein, die stündlich erneuert werden...”
„Es muss aber vor allem gegen die Ansteckungsgefahr vorgegangen werden!”, warf Shanti ein.
Der Leiter von Ākāśaloka nahm diese Anregung auf: „Das ist auch meine wichtigste Maßnahme heute Morgen gewesen. Alle drei Erkrankte wurden aus dem Gebäude nach draußen verlegt. Ihre Lagersätten befinden sich jetzt auf der anderen Seite der Landstraße, an der Ākāśaloka liegt, aöso auf der Wiese, die herunterreicht bis zum See. Wir wissen leider nicht, wie der Krankheitserreger übertragen wird, aber wir vermuten durch Berührung oder durch Körperflüssigkeiten, vielleicht auch durch die Exkremente, möglicherweise sogar durch die Atemluft, denn diese ist ja feucht - enthält also auch eine Körperflüssigkeit. Ich habe Händewaschen nach jeder Berührung mit einem Kranken angeordnet - und gesonderte Entsorgung der Exkremente. Bei allen engen Kontakten, wie beim Säubern der Patienten, soll das Pflegepersonal außerdem ein Tuch vor Mund und Nase tragen. Vorsichtshalber wird das Pflegepersonal auch nicht nach Hause gehen, sondern auf einem anderen Teil der Wiese, 100 Schritte von den Erkrankten entfernt, übernachten. Auf diese Weise hoffen wir zu verhindern, das Erreger vom Pflegepersonal auf die Dorfbewohner übertragen werden. Aber das ist natürlich kein völliger Schutz – ich bin ja jetzt auch hier.”
Das also war der Beginn der bis dahin größten Herausforderung, vor der sich die Mettā-Sangha gestellt sah.
Amita begleitete Sunaj auf dem Weg nach Ākāśaloka - sie wollte sich selbst ein Bild von der Situation machen. Als sie an der Krankenwiese ankamen, kam gerade eine Pflegerin, die ihre erkrankte Kollegin versorgt hatte, sie nahm das Tuch ab, das sie vor Mund und Nase getragen hatte und faltete es zusammen.
Amita sah das mit Sorge: „Du solltest diese Schutztücher nicht zusammenfalten und dann wieder aufsetzen. Wenn du sie zusammenfaltest und wenn wirklich Erreger außen darauf waren, wird ein Teil von ihnen auf das zusammengefaltete Tuchteil gelangen, das du beim nächsten Mal auf dem Mund trägst. So kannst du dich infizieren. Besser ist es, die Tücher gleich in die Wäsche zu geben, und zwar in die Kochwäsche. Die hohe Wassertemperatur wird die Erreger abtöten. Informiere bitte auch deine Kolleginnen darüber. Und jetzt etwas anderes, wie ist der Zustand der Patientinnen?”
„Der Zustand der Ersterkrankten ist weiterhin kritisch - die nächste Nacht wird zeigen, ob sie überlebt. Ihre Tochter hat jetzt höheres Fieber und meine Kollegin auch. Die Atemwege sind bei meiner Kollegin noch relativ frei, bei dem Mädchen aber inzwischen auch stark angegriffen.”
„Gut - danke!” sagte Amita. Sie wollte gerade zusammen mit Sunay die Straße überqueren, als sie sah, dass ein einzelner Wanderer kam und die Terrasse des Neuen Gasthofs ansteuerte, der sich bei Ākāśaloka befand.
„Ach, bitte nehmen sie doch gleich hier Platz!” forderte Sunay ihn auf und schaute Amita an, die ihm bestätigend zunickte.
Die Bedienung kam: „Was darf ich Ihnen bringen?”
„Einen großen Krug Wasser und etwas zu essen, ich habe Hunger.”
„Ich kam Ihnen ein scharfes Gemüsecurry anbieten oder eine Terrine Zucchini-Bataten-Cremesuppe mit Fladenbrot oder aber Brot mit Käse vom Rind und Schaf, dazu einen bunten Salat.”
„Ich nehme die Suppe mit Fladenbrot.”
Als die Bedienung gegangen war, fragte Sunay, der ebenso wie Amita darauf geachtet hatte, dass der Abstand zum Gast mindestens eine Körperlänge betrug: „Sie kommen aus Kazal?”
„Nein, eigentlich von weiter her, ich möchte meine Tochter besuchen, sie wohnt in Taxila, ist dort verheiratet und ich wollte doch einmal wissen, ob ich inzwischen Großvater bin. Aber gestern war ich tatsächlich in Kazal, ich war dort am Abend angekommen. Aber da ist es ganz schrecklich, ein großer Teil der Bewohner ist krank. Man sagt, es habe in dieser Woche bereits über 200 Tote gegeben, inzwischen sei mehr als jeder zehnte Einwohner der Stadt gestorben. Von den Erkrankten würden nur die wenigsten überleben. Eine solche Pestilenz habe es seit Menschengedenken in Kazal nicht gegeben. Da habe ich gemacht, dass ich wegkam!”
Amita sah den Mann ernst an: „Und Sie, fühlen Sie sich krank, irgendwie müde oder schlapp, haben Sie sonstige Beschwerden?”
„Nein, keinerlei Beschwerden, ein bischen schlapp schon, aber das ist ja beim Wandern normal. Aber ich mache mir natürlich auch meine Sorgen.”
„Aus diesem Grunde müssen auch wir hier Schutzmaßnahmen ergreifen. Sie können ihr Mahlzeit hier einnehmen, aber Sie bleiben bitte hier an diesem Tisch. Sie dürfen unser Dorf nicht betreten und sich keinem Bewohner auf weniger als eine Körperlänge nähern, das ist so viel wie zwischen uns beiden jetzt. Sollten Sie im Laufe des Tages oder morgen während ihrer Wanderung erkranken, können Sie hierher zurückkehren. Wir werden Sie dann auf unserer Krankenwiese behandeln, wie unsere Dorfbewohner auch.”
Der Mann sah ernst drein, aber er nickte. Dann wandte sich Amita an Sunay: „Das was ich eben gesagt habe, gilt selbstverständlich für jeden Fremden. Informiere bitte das Personal hier im Neuen Gasthof und in Ākāśaloka. Ich werde Raj beauftragen, dass immer ein Wächter hier an der Straße steht, um Durchreisende von unseren Regeln zu informieren. Ich erwarte, dass du den Rat auf dem Laufenden hältst und uns sagst, wann es angemessen wäre, diese Regeln wieder aufzuheben. Ach und noch etwas, wer ist eigentlich diese Frau, die als erstes erkrankte?”
„Es ist Taniya.”
„Welche Taniya, etwa die Frau des Fischers?”
Sunay nickte, er sah ernst aus: „Denkst du, da besteht ein Zusammenhang?”
Amita schwieg einen Augenblick, bevor sie antwortete: „In einem Punkt bin ich ganz sicher: Es gibt das Karma-Gesetz und es wirkt – häufig aber eher langfristig. Aber kein Mensch – außer vielleicht einem vollkommen Erwachten – ist in er Lage, das Karma-Gesetz so vollständig zu duchschauen, dass er oder sie sagen kann, welches Ereignis ausschließlich oder vorwiegend karmisch verursacht ist.”
Amita ging in den Tempel. Dort saß Yuz auf einem Kissen am Schrein, vor ihm stand Amoghasiddhi, jene grüne Figur, die nicht nur den Weg zum vollkommenen Sieg, zur Befreiung symbolisiert, sondern die auch mit ihrer rechten Hand den Friedensgruß entbietet, die Geste der Furchtkosigkeit. Amita setzte sich neben Yuz. Sie sagte: „Ja, wir werden auch dies Krise meistern. Und nein: wir fürchten uns nicht. Aber wir bitten um Unterstützung für die bevorstehenden schweren Wochen.” Dann schloss auch sie ihre Augen und meditierte mit ihrem Partner gemeinsam.
Am nächsten Tag wurde in der Schule in allen Klassen und Kursen bekanntgegeben: „Wer sich krank fühlt, bleibt bitte zuhause. Wer merkt, dass er wirklich krank ist, meldet sich an dem Tisch vor dem Eingang von Ākāśaloka. Wer nicht sicher ist, ob er krank ist, bleibt den Andachten und der Uposatha-Feier fern.”
Amita hatte sich entschieden ihre Enkelkinder zuhause zu behalten, sie unterrichtete sie dort privat. Nicht dass sie glaubte, dass sei notwendig für deren Sicherheit, aber sie hatte sich schon lange gewünscht, gemeinsam mit ihren vier Enkelkindern den Dharma mit kindlicher Leichtigkeit zu entdecken: Was ist Leiden, wie gehe ich damit um? Was sind Gier, Hass und Verblendung? Wie kann ich vermeiden, dass sie sich manifestieren? Was kann ich tun, wenn sie schon da sind?
Das alles erforschte sie mit den Kindern in Spielsituationen, teilweise sogar im Rollenspiel. Sie wusste, ihre Enkel würden auch Lehrer werden, egal ob als Mönch, Nonne oder Familienvater oder -mutter. Sie wollte, dass dereinst ihren Urenkeln der Dharma auf so spielerisch leichte Art zugängig wäre, wie sie es in diesen Wochen übten.
Allerdings war da auch der Schatten der Realität, der über allem schwebte: Schon am ersten Tag, an dem Tag, an dem die neuen Regeln verkündet wurden, meldete die Krankenstation vier weitere Fälle, einer davon aus der Familie des Fischers - und einer war der Wanderer aus Kazal, der erkrankt zurückgekehrt war. Und auch der erste Todesfall war an diesem Tag zu verzeichnen: Taniya, die Frau des Fischers. Sie wurde noch am selben Tag beigesetzt – im engsten Familienkreis.
Am nächsten Tag gab es zehn Neuinfektionen, am Tag darauf 23. Der folgende Tag, es war der Tag vor Uposatha, brachte 37 Neuinfektionen und drei Todesfälle, darunter die Tochter des Fischers.
Die Uposatha-Feier wurde erstmals nicht im Tempel abgehalten. Da die Teilnehmer außerdem eine Körperlänge Abstand zum nächsten Teilnehmer halten sollten, wurde die Veranstaltung geteilt: Die Männer versammelten sich unter Leitung von Yuz und Mahadevamitta vor dem Tempel. Die beiden wurden unterstützt von Kalenian, der eine getragene Trauermelodie komponiert hatte. Diese Melodie verherrlichte auf eine heitere Weise Amoghasiddhi - und bat ihn um die Gabe der Furchtlosigkeit. Anschließend wurde in einer geleiteten Meditation empfunden, wie die Furchtlosigkeit als grünes von Amoghasiddhi ausgesendetes Licht von den Zuhörern empfangen wurde.
Bei den Frauen fand ein ähnliches Ritual statt, jedoch hatten diese sich vor Ākāśaloka versammelt - und damit in Hörweite sowohl der Bewohner von Ākāśaloka, von denen die meisten aus den Fenstern zuschauten, aber auch in Hörweite der Kranken auf der Krankenwiese. Dieses Ritual wurde geleitet von Amita und Bhikkhunī Manisha, musikalisch unterstützt wurden sie von der wunderschönen Sopranstimme von Yuva und ihrem Chor, so wie von Leierspielern.
Hier stand nicht Amoghasiddhi Pate - wie bei den Männern - sondern die Grüne Tara, die Verkörperung des absoluten Mitgefühls, die mit ihrer gebenden Hand die Wünsche der Zuhörerinnen erfüllt. Die von Bhikkhunī Manisha2 geleitete Meditation arbeitete auf die gleiche Weise, wie bei den Männern damit, dass Zuversicht in Form grünen Lichtes von Tara auf die Zuhörerinnen herabströmte und diese mit Zuversicht und Kraft erfüllte.
Zum Abschluss der Zeremonie erschien dann doch ein Mann auf der Bühne: Sunay, der Leiter von Ākāśaloka.
Er verkündete: „Wir hatten heute das erste Mal eine rückläufige Zahl von Infizierten. Nachdem es gesten 37 waren ist die Zahl heute auf 29 zurückgegangen. Seit Beginn dieser Uposatha-Veranstaltung, sind übrigens keine Neuinfizierte mehr eingeliefert worden.” Dann machte er eine Niederwerfung, eine Verbeugung mit dem ganzen Körper, vor dem Bild Taras.
Die Frauen gingen zuversichtlich nach Hause. Von den fünf Toten dieses Tages hatte Sunay wohlweislich nicht gesprochen: es ging schließlich darum, Zuversicht zu verbreiten, nicht Defätismus.
Während von Taxila und Kazal Horrornachrichten eintrafen, war die Seuche in der Mettā-Sangha zwar keineswegs besiegt - nein, sie wütete hier, wie auch in den anderen befallenen Gebieten, insgesamt drei Monate und forderte im Dorf 93 Todesopfer, in Kazal war die Zahl der Opfer bei etwa 1400, was etwa ein Fünftel der Bevölkerung war, in Taxila sollen über 10.000 Menschen umgekommen sein.
Nach gut drei Monaten lief in der Mettā-Sangha alles wieder im Normalbetrieb, auch wenn noch neun Personen auf der Krankenwiese lagen, einen Monat später wurde diese Einrichtung aufgehoben, da es nachts jetzt draußen zu kalt wurde. Außerdem konnten die vier verbliebenen Bettlägrigen in einem gemeinsamen Zimmer untergebracht werden, alle vier überlebten und konnten nach zweiwöchigen stationären Aufenthalt entlassen werden.
Das Krankenzimmer, die sog. „Seuchenabteilung”, war übrigens das ehemalige Krankenzimmer Sitas, die eines der beiden prominenten Opfer der Epidemie war, das andere war Jawaharlal. Beide wurden unter relativ großer Teilnahme der Bevölkerung – trotz der damals noch nicht überstanden Seuche – beigesetzt, diese Zeremonie wurde übrigens von Bhikkhunī Maria geleitet. Sie sagte unter anderem:
„Diese beiden Menschen - Sita und Jawaharlal - waren mit Sicherheit die umstrittetnsten Persönlichkeiten unseres Dorfes, der Mettā-Sangha. Es gab Zeiten, da wünschten die meisten Bewohner hier ihnen den Tod. Sita hatte dieses Dorf volle zehn Jahre lang tyrannisiert, bis Yuz und Amita hier auftauchten und den äußeren Dämon, der von Sita Besitz ergriffen hatte, bannten. Aber der innere Dämon dieser Frau aus der Kaste der Kṣatriyas - die Trunksucht - war noch nicht gebannt. Sie wirkte noch, als dieses Dorf dabei war, sich in die Mettā-Sangha zu verwandeln. Alle früchteten damals, der Terror würde wiederkehren, als die Bewohner sich im alten Tempel, dem heutigen Schulgebäude, versammelt hatten und die Verfluchungen Sitas mitanhören mussten. Genau in diesem Moment schlug das Karma-Gesetz zu: Sita stürzte die Treppe hinab. Dies rettete diese Sangha, und es legte auch die Basis für die Rettung Sitas. Aus der früheren Tyrannin wurde - dank unserer Fürsorge, dank unseres Mettā! - allmählich eine liebenswerte, sympathische Dharma-Jüngerin. Ihre Entwicklung ist ein Musterbeispiel für die segensreiche Wirkung von Mettā - jener Tugend, der sich diese unsere Sangha verschrieben hat. Ich persönlich kenne nur die liebenswerte Sita. Die dämonische, tyrannische Sita kenne ich nicht persönlich, aber ich kenne sie, wie die meisten von euch aus unserem Schulunterricht.”
Mahadevamitta trat jetzt vor die Trauergesellschaft: „Mir geht es ähnlich wie meiner Schwester Bhikkhunī Maria - auch ich habe nur den späten, der freundlichen Jawaharlal kennengelernt. Aber die Älteren von uns wurden noch Augenzeuge davon, wie dieser Mann hier – vor aller Augen – seiner Ehefrau mit dem Schwert einen Arm abschlug. Es war das bislang einzige Verbrechen, das in der Mettā-Sangha begangen wurde. Schon vorher hatte Jawaharlal, übrigens auch aus der Kaste der Kṣatriya, Gräueltaten im Krieg verübt und auch gegen seine Familie. Jai-i, heute ein Lehrer unserer Schule, hat er als Baby mit dem Fuß an die Wand gekickt. Die meisten von uns haben diese Geschichten in der Schule kennen gelernt: Sie sind ein Paradebeispiel für das Wirken von Karma. Jawaharlal ging durch die Hölle, er kam winselnd hierher und bat Yuz, von ihm mit dem Schwert gerichtet zu werden. Yuz ließ jedoch das Schwert in eine Pflugschar umschmieden und bekehrte Jawaharlal einzig mit der Kraft von Mettā. Zuletzt hatte Jawaharlal bei uns als Schullehrer gearbeitet. Die beiden werden uns fehlen, als Menschen, aber auch als Lehrbeispiel für das Wirken von Mettā, wenn wir nicht ihr Gedenken hochhalten.”
Und zu aller Überraschung trat jetzt die junge Nonne Bhikkhunī Manisha noch vor. Niemand wusste was sie, die mit all dem überhaupt nichts zu tun hatte, sagen wollte.
Sie sah sich um und sagte: „Mahadevamitra hat recht, es ist absolut notwendig, das Andenken an die beiden hochzuhalten, denn sie sind ausgezeichnete Lehrbeispiele dafür, wie Mettā wirken kann, wenn es stark ist, dauerhaft und gemeinschaftlich angewendet wird. Ich möchte daher anregen, dass wir hier im Ort, am besten vorn an der Landstraße, ein Denkmal errichten: ein Denkmal für Sita und Jawaharlal, das die beiden vor und nach ihrer Wandlung darstellt. Aber nicht etwa, weil sie so wichtige Perönlichkeiten sind. Amita und Yuz sind eindeutig die impossantesten Personen nicht nur in der Mettā-Sangha, sondern vielleicht die denkmalwürdigsten lebenden Personen in ganz Bhārat Gaṇarājya, sondern weil sie Entwicklung von Sita und Jawaharlal ein Denkmal für das ist, was im Mittelpunkt unserer Sangha steht, der Mettā-Sangha. Ich kann mir kein eindrucksvolleres Beispiel für Mettā ausdenken als das Leben und die Wandlung dieser beiden einst meistgehassten Personen in diesem Dorf. Setzen wir Mettā ein Denkmal, setzen wir der Kraft ein Denkmal, die uns eint und die die Welt zu einem besseren Ort zu formen in der Lage ist!”
Bhikkhunī Manisha erhielt dafür wohl den langanhaltensten Applaus, den es bis dahin überhaupt jemals in der Mettā-Sangha gab. Es war ganz erstaunlich, dass es den ausgerechnet für ein Nichtmitglied der heiligen Familie gab.
Die Mettā-Sangha war erwachsen geworden.
Fußnoten
2 Ihr Ordensname ist – wir erinnern uns vielleicht – Karunadakini, das Wort bedeutet „weibliche Gottheit des Mitgefühls“
Erläuterungen
Ākāśaloka – ākāśa = blauer Himmel, Weltraum, Universum; loka = Ort, Lokalität; dann bedeutet also ākāśaloka : „Himmelsort”, „himmlischer Ort” oder eben „Ort des himmlischen Friedens”. In dieser Erzählung heißt, das Pflegeheim und Krankenhaus so.
Amoghasiddhi – ein nicht-historischer Buddha. Seine Hautfarbe ist grün, er gehört zur Karma-Familie, sein Name bedeutet „vollständiges Gelingen“ und er wird üblicherweise mit der Geste der Furchtlosigkeit dargestellt.
Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien
Bhikkhu = Mönch
Bhikkhuni = Nonne
Buddha – wörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismus erreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.
Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wortbedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.
Erwachen – andere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale Leidhaftigkeit, Vergänglichkeit und Ichlosigkeit völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.
Erwachter – die deutsche Übersetzung von “Buddha”
Grüne Tārā – Bodhisattva, die für grenzenloses Mitgefühl zu allen Wesen steht. Sie wird immer sitzend dargestellt, im Begriff aufzustehen, um den leidenden Wesen aktiv zu helfen, ihre rechte Hand zeigt die Geste der Wunschgewährung. Sie hat grüne Haut, denn sie gehört zu einer Gruppe von grünen Wesen, genannt die Karmafamilie. Neben der Grünen Tārā gibt es noch 20 weitere Tārās, die Grüne Tārā ist aber die bekannteste davon. Ihr Bild ziert unseren Meditationsraum in Gelnhausen.
Karma – im Buddhismus jede absichtlich ausgeführte Handlung. Es wird davon ausgegangen, dass Handlungen Folgen haben, die (auch) auf den Verursacher zurückwirken. Im Hinduismus hingegen wird meist davon ausgegangen, dass es karmisch heilsam sei, sich an die Regeln und Beschränkungen seiner Kaste zu halten und die Brahmanen (bezahlte) Opfer für einen bringen zu lassen.
Kaste – die indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion in streng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: brāhmaṇa = Priester), kṣatriya (Sanskrit: Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit: Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eine Apartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berühren durfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden.
Kṣatriya (Sanskrit) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte
Mettā – (Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung,(nichterotische)Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das,was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.
Mettā Bhāvanā – Meditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) füreineneutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen.
Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft
Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u.a. die Lehrreden des Buddha enthalten.
Prakrit (Sanskrit: prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischenSprachen,die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundert v. Chr.bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen.
Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.
Sangha – spirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der SchülerinnenundSchüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.) – (sanskr., auf Pāḷi: saddhā) gläubiges Vertrauen, Vertrauen in die drei Juwelen
Taxila - war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)
Theravāda - eine der frühen Schulen des Buddhismus, die einzige davon, die noch existiert. Theravāda bedeutet „Schule der Älteren“, was darauf hinweisen soll, dass ihre Anhänger den Buddhismus so praktizieren, wie das der Buddha selbst gemacht hat. Bei ihnen stehen die Lehrereden des Pāḷi-Kanon, der ältesten buddh. Schriften im Mittelpunkt.
Uposatha – heißt wörtlich Fastentag. Alle sieben Tage ist Fastentag: bei Neumond, bei Vollond und bei Halbmond (es galt der Mondkalender). An diesen Tagen waren die Laienanhänger der Jains dazu aufgerufen zu leben wie die Mönche an den übrigen Tagen, die Mönche aber fasteten. Die Regeln bei den Buddhisten sind anders, dort sollen zwar die Laien auch enthaltsam leben und auf alle Unterhaltung (Musik, Gesang, Theater) verzichten. Die Mönche machen an diesem Tag das „Eingeständnis von Fehlern”, eine Art Beichte.
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