Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 17                                     letztmals bearbeitet am 19.04.2026
Die fett und kursiv gedruckten Begriffe sind am Ende der Seite erläutert.
Beachte auch die Fußnoten, die kann man anklicken.


17 - Eintreffen der Siedler aus dem Himalaya


Die „Siedler aus dem Osten“ in der Mettā-Sangha

Ein gutes Vierteljahr später waren die „Siedler aus dem Osten“, wie sie jetzt genannt wurden, in die üblichen Abläufe der Mettā-Sangha bereits voll integriert. Die Bezeichnung „Siedler aus dem Osten“ erhielten sie, weil alle bisherigen Siedler aus dem Umkreis von 200 Meilen um die Mettā-Sangha kamen und damit aus dem Nordwesten von Bhārat Gaṇarājya, während diese neuen Siedler aus dem Nordosten kamen. Das konnte man an ihrem unterschiedlichen Prakrit-Dialekt – noch – deutlich heraushören.

Als nächstes stand jetzt an, das Paar aus Jammu abzuholen, das schwangerschaftsbedingt diesen letzte Teil der Reise von Pataliputra ins Kaschmirtal vor vier Monaten im Winter nicht angetreten hatte. Mit der Abholung hatte Mahadevamitta, der sich für die Siedler aus dem Osten verantwortlich fühlte, Nadesh und Aarany, eine der ehemaligen Bediensteten Nilays, beauftragt: mithin zwei Personen, die dem in Jammu zurückgebliebenen Paar bekannt waren. Seine Wahl fiel auf Nadesh, weil der sich während der Reise zu so etwas wie ihrem Anführer in praktischen Belangen gemausert hatte, und auf Aarany, weil die früher als Kindermädchen in Nilays Haus tätig war und sich auch mit Säuglingen auskannte.

Die Heimführung der jungen Familie verlief völlig problemlos, und der Bautrupp hatte inzwischen bereits den Bau von deren Hütte soweit abgeschlossen, dass sie sofort einziehen konnten: „Wenn ich mit allem gerechnet hätte: damit nicht!“ sagte die junge Mutter gerührt, und ihr Mann meldete sich sofort zum Bautrupp, wie er sagte: „Um etwas von dem zurückzugeben, was die Mettā-Sangha für uns getan hat.“

Neben der Integration der Siedler aus dem Osten stand der Aufbau klösterlicher Strukturen in den beiden Einsiedeleien jetzt im Mittelpunkt der Neuerungen. Hatte es bereits seit einigen Jahren diese beiden Einsiedeleien mit quasi-monastischen Strukturen gegeben, die Männereinsiedelei mit vier und die der Frauen mit drei Bewohnerinnen, so war jetzt in jede dieser beiden Einrichtungen ein Mönch bzw. eine Nonne eingezogen. Die Leute der Mettā-Sangha sprachen bereits von den `beiden Klöstern´, obwohl dies keine offiziellen von irgendeiner religiösen Organisation anerkannten Klöster waren.

Einen Unterschied machte aber der Einzug der Ordinierten für die alteingesessenen Einsiedler/innen. Waren das bislang egalitäre Einrichtungen, in denen die drei Frauen bzw. die vier Männer die Entscheidungen jeweils gemeinsam trafen, so waren jetzt die Ordinierten so etwas wie Abt und Äbtissin. Sollte etwas neu eingeführt werden, so hörte der Abt bzw. die Äbtissin zwar die Meinung der anderen an, die Entscheidung lag aber dann bei der Führungsfigur. Dazu muss man allerdings sagen, dass Mahadevamitta und Bhikkhunī Manisha die Wünsche und Bedenken ihrer Mitbewohner/innen wirklich immer berücksichtigten, soweit das möglich war.

Sollte etwas besprochen werden, was beide Klöster betraf, so trafen sich Devamitta, Bhikkhunī Manisha und Maria und entschieden gemeinsam – also nicht nach dem Mehrheitsprinzip. Maria war bislang diejenige, die die Interessen der Eremitagen in der Ratsversammlung vertrat. Mahadevamitta und Bhikkhunī Manisha hatten sie gebeten, dies weiter zu tun. Daher machte es natürlich Sinn, wenn sie alles Wichtige gemeinsam besprachen, so auch heute.


Transformation der spirituellen Gemeinschaften

Hören wir in diese Sitzung herein. Mahadevamitta brachte einen Vorschlag ein: „Liebe Freundinnen, die bisherigen Einsiedler haben sich in der Kleidung nicht von den anderen Dorfbewohnern unterschieden. Wenn Karunadakini und ich aber gelbe Roben tragen, die anderen Einsiedlerinnen aber wie die in Familien lebenden Dorfbewohner gekleidet sind, ist das gewissermaßen eine Abwertung für sie. In den Klöstern gab es immer Novizen - diese trugen auch Roben, allerdings spezielle Novizenroben. Ich könnte mir gut vorstellen, etwas in der Art hier auch einzuführen.“

Karunadakini stimmte ihm unter Vorbehalt zu: „Inhaltlich hast du völlig recht, da kann ich deinen Vorschlag nur unterstützen. Allerdings gibt es spezielle Regeln für Novizinnen und Novizen, die wir hier nicht alle einführen können. Außerdem können Novizen nur von einem anerkannten Abt eines anerkannten Klosters aufgenommen werden. Also im Beispiel von dir, Maria: dann wenn du demnächst irgendwann ins Kloster Ghora Katora gehst und dort von Ayya Karuna als Novizin angnommen wirst.”

Maria frühlte sich dadurch irgendwie angesprochen: Aber Karunadakini, es geht doch gar nicht darum, dass wir jetzt Novizinnen werden wollen. Es geht doch nur darum, unsere Rolle als Bewohnerinnen der Eremitage an der Kleidung sichtbar zu machen, und ich meine: Das könnten wir durchaus tun. Diese `Eremitenkleidung´ muss sich deutlich von der Kleidung der Dorfbewohner, aber auch von der der Ordinierten und der Novizen unterscheiden. Und das lässt sich recht leicht bewerkstelligen.”

Karunadakini sah ihre Freundin an: Klingt so, als könntest du dir etwas ganz Bestimmtes vorstellen?”

Du hast recht, ich habe da eine Idee: Der normale ungebleichte Stoff ist hellgrau. Die Brahmanen tragen weiß - zumindest, wenn sie in amtlicher Funktion agieren, die Katriyas tragen auch weiß, um zu zeigen, dass sie sich gebleichte Stoffe leisten können und keine schmutzige Arbeit verrichten müssen. Die Mönche tragen gelbe Roben, um zu zeigen, dass sie – anders als diese vornehmen und mit Dünkel behafteten Kasten – ihre Wäsche am schlammigen Flussufer waschen und nicht bleichen. Wir aber wohnen hier an diesem wunderschönen See, in dem eine bestimmte Algenart stark verbreitet ist, die Spirulina1, in deren warmen Sud lassen sich Kleider wunderbar blau färben, das ist sogar etwas, was wir hier in der Fraueneremitage allein durchführen können. Ich schlage vor, dass unsere Eremitinnen und Eremiten in Zukunft blaue Roben tragen.“

Genial!“, sagte Mahadevamitta.

Dann ist das so beschlossen!“, stellte Karunadakini fest. Und du, Maria informierst den Rat der Mettā-Sangha davon - ja?“

Klar“, antwortete diese.

In ebensolcher Art wurden nunmehr alle Entscheidungen bezüglich der Eremitagen beschlossen, die von den Bewohnern in Zukunft einfach `Klöster´ genannt wurden.



Im Jahr 71 hatten die Ostsiedler ihre Heimat verlassen, Anfang 72 waren sie bei der Mettā-Sangha angekommen. Ende 73, bevor der Winter in den Bergen am härtesten wurde, zog dann eine Karawane der Mettā-Sangha Richtung Pataliputra um den möglichen Siedlern vom Zustand der Mettā-Sangha zu berichten, und möglichst viele von denen zum Nachzug zu animieren. So war es mit den Anhängern Mahadevamittas vereinbart.

Mit ihnen zogen auch die Frauen, die im Kloster Ghora Katora Novizinnen werden wollten, so wie das mit Ayya Karuna abgesprochen war. Es zogen aber auch die Männer mit, die gleiches im Kloster Weiße Wolke vorhatten allerdings gab es mit Aryamitta bislang noch keine entsprechende Absprache. Daher hatte Devamitta einen Brief mit einer entsprechenden Bitte an Aryamitta geschrieben und ihn dem Leiter der Karawane mitgegeben, das war Nadesh, der Aryamitta ja auch persönlich bekannt war.

Insgesamt bestand die Karawane unter der Leitung von Nadesh aus den vier Männern, die bislang in der Männereremitage wohnten, aus Maria, Uma und Riya aus der Fraueneremitage und den Personen, die außer Nadesh den Zustand der Mettā-Sangha bezeugen sollten, das waren Ranjid und seine Frau Laya. Ranjid kennen wir bereits, das war der junge Mann, der vor 20 Jahren mit dem jungen Nilay, also Yuz´ Sohn, und dem Lehrer Kalenian zusammen nach Kazal gegangen war. Seine Ehe mit Laya war kinderlos geblieben, daher hatten die beiden keine häuslichen Verpflichtungen.

Da Ranjid gegenüber seiner Frau viel von seiner Wanderung damals nach außerhalb erzählt hatte, war in beiden die Lust angestiegen, irgendwann einmal eine Reise zu unternehmen. Sie hätten es sich aber allein nicht getraut. So nahmen sie die Gelegenheit gern an, eine große Reise zu unternehmen und dabei noch für die Mettā-Sangha werben zu können.


Eine merkwürdige Frau trifft ein

Nur wenige Tage nachdem diese Leute in Richtung Pataliputra abgereist waren, kam eine der Karawanen, die inzwischen von Śivas Sohn Manmohan geführt wurde, aus Purushapura. Wie üblich blieben diese einen Tag: Manmohan besuchte seinen Vater und wickelte einige Geschäfte hier ab. Raj kaufte einige Werkzeuge, die er im letzten Jahr bestellt hatte, und die Karawane nahm im Tausch dafür überschüssiges Getreide der Mettā-Sangha entgegen.

Das wäre noch völlig normal gewesen, aber diesmal brachte Manmohan auch eine Person mit, die als Kamelführer gearbeitet hatte. Manmohan sagte zu Raj im Vertrauen: Ich habe in Taxila diesen Kamelführer von einer anderen Karawane übernommen, aber ich habe den Verdacht, dass es sich dabei in Wirklichkeit um eine Frau handelt. Er oder sie wollte nur bis hierher mitreisen. Es könnte eine Frau sein, die zur Mettā-Sangha wollte, aber sich verständlicherweise nicht traute, allein zu reisen.”

Raj klopfte Manmohan auf die Schulter: Danke, das war richtig von dir, ich sehe sie mir einmal an!”

Auf dem Weg dahin sah er Amita: Kannst du bitte mitkommen, Amita, es sieht so aus, als wäre da eine eine Frau bei der Karawane, die hierher möchte.”

Die beiden gingen zur Karawane, dort befanden sich mehrere Personen bei der Arbeit. Eine hatte kein Anzeichen von Bartwuchs, arbeitete aber genau wie die anderen Männer. Amita sprach sie an: Ist es richtig, das du zu uns willst?”

Die Person nickte. Offensichtlich wollte sie nicht sprechen - jedenfalls nicht vor ihren Kollegen. Also sagte Amita nur kurz: Komm mit!”

Sie folgte ihnen. Als sie außer Hörweite von den anderen waren fragte Raj: Ist es so, dass du zur Mettā-Sangha möchtest?”

Sie nickte, blickte aber ängstlich: Ja, sehr gern. Wenn ihr mich vielleicht auf Probe annehmen könnt, ich bin ein fleissiger Arbeiter.”

Amita sah sie streng an: Wir sagen hier immer die Wahrheit. Bitte sag deinen letzten Satz noch einmal - aber so, dass er der Wahrheit entspricht.”

Die Unbekannte lief im Gesicht rot an und sah beschämt zu Boden: Es tut mir leid. Es wird nicht wieder verkommen. Also: Ich möchte sehr gern hier bleiben und bin bereit einige Zeit für euch auf Probe zu arbeiten, ich bin eine fleissige Arbeiterin.

Jetzt übernahm Raj: Warum kommst du hierher, es sieht aus als seist du weit gereist, auch dein Prakrit klingt sehr fremd, warum willst du ausgerechnet hierher?”

Ich habe vor langer Zeit von der Mettā-Sangha gehört, seither ist es mein Traum gewesen, hierher zu kommen. Inzwischen hat sich die Gelegenheit ergeben. Ja, es ist wahr: Ich komme von sehr weit her, aus dem Süden von Bhārat Gaṇarājya. Ich war über 1000 Meilen unterwegs, mehr als ein Jahr lang.”

Amita zollte ihr Respekt: Das ist eine ungeheure Leistung, gerade für eine Frau, die sehen muss, einigermaßen sicher reisen zu können, warst du immer mit Karawanen unterwegs?”

Die meiste Zeit, es ist auch fast immer gut gegangen...”

Und da sie die fragenden Gesichter von Amita und Raj sah, ergänzte sie mit niedergeschlagenen Augen und mühsam die Tränen unterdrückend: ...ich möchte nicht darüber sprechen: Aber ich bin ja jetzt zum Glück hier.”

Raj wusste, dass er der Grund war, warum sie nicht weiter sprach, er schickte sich an wegzugehen: Gute Frau, ... ach wie heißt du eigentlich? “

Shyla.”

Gut, Shyla, ich bin hier der Geschäftsführer. Du kannst hier bleiben, solange du willst. Du musst auch nicht auf Probe arbeiten, wir finden schon das Geeignete für dich. Komm morgen zur zweiten Stunde zu mir: du findest mich in diesem großen Haus da vorn. Frag einfach nach Raj!”

Danke, Herr!”

Der fand die Anrede zwar unpassend, sagte aber nichts, sondern wandte sich zu Gehen.

So und wir gehen jetzt erst einmal zu mir nach Hause und plaudern ein bischen, du kannst sicher eine Tasse Tee und etwas Gebäck vertragen”, sagte Amita - und hakte ihren Arm unter den von Shyla, als sie ins Haus der hl. Familie gingen.

Dort setzten sich Shyla, während Amita den Tee aufgoss und Gebäck auf den Tisch stellte.

Du bist sicher die heilge Amita!” wagte Shyla jetzt zu sagen.

Das `heilige´ lassen wir bitte weg - aber ja, ich bin Amita, wo hast du von mir gehört?”

Vor fast 20 Jahren bei uns in Kerala.”

Jetzt war Amita perplex: Ich weiß nicht einmal, wo Kerala liegt. Aber wenn du sagst `bei uns´ nehme ich einmal an, es ist im Süden von Bhārat Gaṇarājya. Aber ich wüsste nicht, wer uns dort kennen sollte.

Nilay war bei uns.”

Meinst du Nilay, den Kaufmann - ein Mann etwa in meinem Alter?”

Nein, nicht in deinem Alter, er war kaum älter als ich. Er hat nur in den höchsten Tönen von dir gesprochen – und von seinem Vater.”

Jetzt musste sich Amita setzen, so erstaunt war sie: Jetzt verstehe ich, du sprichst von meinem Sohn!”

Ja sicher, von Nilay, das ist doch dein Sohn?” Amita klärte Shyla darüber auf, dass ihr Bruder Nilay inzwischen in der Mettā-Sangha wohnte, und dass ihr Sohn Nilay jetzt Mahadevamitta sei.”

Dann ist er wirklich Mönch geworden! Wie schön! Er hat damals schon davon geträumt, Mönch zu werden, als er eine Regenzeit bei uns verbrachte. Ich war damals ganze elf, na, fast zwölf – und seitdem habe ich auch davon geträumt, Nonne zu werden.”

Ihr habt euch wohl sehr gemocht?”

Ja, sehr!”, sagte sie und Amita erkannte, dass er damals wohl ihr absoluter Schwarm war.

Weißt du, Amita, wir waren wie Bruder und Schwester. Er hat mir die Haare geflochten, wie er das früher bei Maria getan hatte.”

Ja, stimmt, jetzt wo du es sagst, sehe ich die beiden vor mit, wie er ihre Zöpfe flocht. Schade, Shyla,- du hast Maria um eine Woche verpasst .”

Um eine Woche – wie schrecklich, ich wollte sie unbedingt kennen lernen! Was ist mit ihr?”

Du wirst sie du schon noch kennenlernen, allerdings wohl erst in etwa vier Jahren – sie ist mit einer Karawane der Mettā-Sangha in das Kloster gezogen, in dem auch ich damals ordiniert wurde. Dafür haben wir jetzt aber erstmals eine Nonne aus diesem Kloster bei uns, wenn du willst stelle ich sie dir vor.”

Davon dass Mahadevamitta auch wieder in der Mettā-Sangha war, hatte sie Shyla bislang noch nichts gesagt. Vielleicht hatte sie Angst, was passiert, wenn er Shyla wiedersieht. Aber auf die Dauer wird sich das nicht verheimlichen lassen, sagte sie sich. Zu Shyla aber sagte sie: Wenn du magst, bringe ich dich jetzt zur Fraueneremitage, da lebt derzeit Bhikkhuni Manisha allein, eine sehr junge Frau, die wohl einst die Äbtissin des Mettā-Sangha-Frauenklosters wird.”

Die möchte ich kennenlernen!” freute sich Shyla, und so machten sich die beiden Frauen auf den Weg. Als sie dort ankamen, sahen sie, dass Bhikkhuni Manisha vor der Eremitage auf dem Boden saß und meditierte.

`Dann soll es wohl so sein´, dachte sich Amita und gab Shyla ein Zeichen, ihr zu folgen. Sie bogen ab auf den Verbindungsweg zur Männereremitage. Sie waren von dieser nur wenige Meter entfernt, da trat Mahadevamitra durch die Tür aus dieser heraus, er war überrascht seine Mutter hier zu sehen und...

Shyla?”, fragte der ungläubig.

Diese starrte ihn genauso ungläubig an: Du hier Nilay?!”

Inzwischen hatte sich Mahadevamitta gefangen: Leider nicht, Shyla - sonst würde ich dich jetzt umarmen, dir ein Wiedersehenskuss geben und dich darum bitten, heute Abend deine Haare flechten zu dürfen. Aber ich bin nicht mehr Nilay, sondern Mahadevamitta.”

Dann möchte ich auch Nonne werden. Wie mache ich das?”

Jetzt musste Mahadevamitta schallend lachen: Wie schön, dass du dir deine unschuldige Art zu fragen erhalten hast. Aber dazu musst du dich leider an Bhikkhuni Manisha wenden.

Die meditiert gerade.”

Nun nutzte Amita die Gelegenheit: Dann möchte ich euch beide bitten, mir in der nächsten Stunde zu erzählen, was das mit euch beiden war – anschließend bringe ich dann Shyla zu Bhikkhuni Manisha.”

Und so erfuhr Amita einiges über Nilays Zeit in Kerala. Immer wenn das Thema dabei auf Shylas Mutter kam - oder wenn es nötig war, Shylas Schwester Prija zu erwähnen, bemerkte Amita eine gewisse Unschärfe in ihren Aussagen, und dass die beiden Augenkontakt miteinander suchten - wie um sich zu vergewissern, dass nicht zu viel gesagt wurde. Aber Amita war einfühlsam genug, sich den Rest denken zu können - und auch so höflich, nicht nachzufragen. Dann brachte sie Shyla zu Bhikkhuni Manisha, die inzwischen ihre Meditation beendet hatte.

Die Rückkehr der Karawane aus Pataliputra

Im Spätfrühling des Jahres 75 war es endlich so weit: Gegen Mittag hörte Amita das Getrappel von zwei galoppierenden Pferden auf der Straße, sie trat auf den Blumenweg und schaute gen Osten, woher sie kommen mussten. Als sie die beiden sah, konnte sie diese zwar noch nicht erkennen, aber sie wusste: sie sind wieder da!

Und tatsächlich waren es Nadesh und Parvati, die da hoch zu Ross einritten.

Wie schön, euch wieder zu sehen, ist alles so gelaufen, wie geplant?”

Inzwischen waren auch Yuz und Raj dazugekommen, als Parvati antwortete: Das mit Ghora Katora hat gut geklappt - auch wenn Ayya Karuna inzwischen krank ist, vermutlich werden wir sie bei uns nächsten Reise nicht wiedersehen. Aber sie hat uns versichert, dass die Nonnenausbildung für die Frauen aus der Mettā-Sangha auch nach ihrem Ableben genauso weitergehen wird.”

Nadesh ergänzte: Im Kloster Weiße Wolke war es nicht ganz so unkompliziert. Wir brauchten drei Gespräche mit Aryamitta - und zum Schluss auch die Unterstützung von Nagamuni. Aber jetzt scheint alles so zu laufen, wie wir das wünschen. Allerdings hat Aryamitta darauf bestanden, dass die dann ordinierten Mönche frei entscheiden können, ob sie zur Mettā-Sangha zurückwollen oder in der Weißen Wolke bleiben wollen. Ich habe das natürlich akzeptiert und ihn darauf hingewiesen, dass selbstverständlich alle Angehörigen unserer Sangha selbst bestimmen können, wo sie leben möchten.”

Raj interessierten mehr die praktischen Belange: Wieviele Siedler bringt ihr mit?”

Insgesamt 127, sie werden in etwa zwei Stunden da sein”, sagte Nadesh, dann wandte er sich an seine Begleiterin: Geh du ins Gasthaus und kündige die 127 fürs Essen an, Parvati. Dann kannst du dich dort erstmal ausruhen, und den Neugierigen, die sich dort einfinden werden, berichten. Raj, du übernimmst alles andere, was zu organisieren ist, nehme ich an? Ich werde zurückreiten und mit den neuen Pilgern aus dem Osten wiederkehren, wenn´s recht ist.”

Offensichtlich war aus Nadesh wähernd dieser Reise eine richtige Führerperönlichkeit geworden. Außerdem harmonierte er mit seiner Schwester auf ganz ungewöhnlich Art, stellte Yuz fest. Und auch Raj machte sich so seine Gedanken.

Die Eingliederung neuer Siedler war inzwischen eine gewisse Routine, die alle paar Jahre erneut abgespult wurde, auch wenn die Zahl der gleichzeitig Ankommenden noch nie so groß war.


Der Unterricht der „Blaugekleideten“

Sehen wir uns statt dessen das an, was keine Routine war, sondern erstmals auftrat. Mit Shyla war zunächst eine einzige Frau zu Bhikkhuni Manisha in die Einsiedelei gezogen, man nannte sie daher `die Blaugekleidete´, denn sie trug jetzt das Gewand der Eremitinnen. In den zwei Jahre, seitdem sie da war, waren dann zwei weitere Frauen aus der Mettā-Sangha `Blaugekleidete´ geworden, außerdem drei Männer, die nunmehr mit Mahadevamitta in der Männereremitage wohnten.

Für die dem Schulalter entwachsenen neuen Siedler gab es im Tempel einmal wöchentlich vormittags eine Fortbildung. Das war eine freiwillige Veranstaltung, zu der man sich anmelden konnte, um sie dann für ein Jahr zu besuchen hatte. Wer diese Studiengänge besuchte, war für den entsprechenden Vormittag von seiner Arbeit freigestellt. Man konnte das beliebig oft hintereinander machen, denn die Themen der Fortbildungsveranstaltungen wechselten. Auf diese Art studierten die Bildungseifrigeren unter den Bewohnern der Mettā-Sangha den Dharma. Die anderen gingen in der Regel nur zur Uposattha-Feier, viele aber auch zur Morgen- und/oder Abendandacht.

Die `Blaugekleideten´ waren ganz von der Arbeit freigestellt. Sie waren so etwas wie Studentinnen und Studenten. Sie besuchten alle Kurse, die angeboten wurden, wobei man sagen muss, dass die Kurse für die Erwachsenen (hierzu zählten alle über zwölf Jahre) inzwischen nach Geschlecht getrennt waren. Die Neusiedler hingegen wurden mit den älteren Schülern - also den neun bis zwölfjährigen -  unterrichtet.

Wir begleiten jetzt Shyla, also eine `Blaugekleidete´, durch einen solchen Tag. Der Tagesablauf beginnt mit dem Hellwerden (also etwas früher, als der Sonnenaufgang). Das Aufwachen ist kein Problem, da die Eremitagen Hühner halten und die Hähne für den Weckruf sorgen. Es bleiben nach unserer heutigen Zeitrechnung etwa 20 Minuten, dann findet eine relativ kurze Morgenmeditation statt. Anschließend geht es zur Morgenandacht, die zur ersten Stunde stattfindet. Zur zweiten Stunde wird im Gasthof gefrühstückt. Danach begeben sich die `Blaugekleideten´ in den Frauenstudienkurs. Das Thema dieses Studienkurses ist der `Weg zur Befreiung´, die einzelnen Stufen des `Weges zur Befreiung´ sind an der Tempelwand angeschrieben.2

Die Kursleiterin ist Yuva, aber auch Bhikkhuni Manisha ist anwesend, wie immer, wenn ihre `Blaugekleideten´ einen Kurs besuchen, das sind neben Shyla noch Aleika, Benisha und Gandari.

Yuva beginnt den Unterricht: Guten Morgen, liebe Dharma-Freundinnen. Wir ihr wisst, beschäftigen wir uns mit dem `Stufenweg zur Befreiung´. Die ersten beiden Schritte haben wir ja schon kennengelernt. Wer sagt mir bitte zum Einstieg nochmal etwas zum ersten Schritt? - Ja, bitte, Radha.”

Die erläutert: Der erste Schritt ist Dukkha, das Unbefriedigende, vielleicht sogar das Leidhafte. Es ist das, was wir alle erfahren, auch wenn wir überhaupt nicht den Dharma praktizieren. Es ist das, was wir nicht mögen. Als Dharma-Praktizierende erkennen wir es als Dukkha und schicken uns an, es zu überwinden, indem wir den Stufenweg zur Befreiung gehen.”

Yuva möchte es noch einen Schritt praktischer, daher fragt sie nach: Kannst du das bitte noch einmal an ein oder zwei Beispielen erläutern. Ist dir heute Morgen schon Dukkha begegnet.”

Die Gefragte hat damit keinerlei Schwierigkeiten: Klar kann ich das, Yuva, Dukkha lauert schließlich überall auf einen. Das erste Dukkha ist mir heute morgen widerfahren, als mich die beginnende Geschäftigkeit im Dorf geweckt hat: `Mist, die Nacht ist schon rum´, durchfuhr es mich da.”

Selbstverständlich erntete sie zustimmendes Lachen ihrer Mitschülerinnen, daher entschloss sie sich gleich noch eine weitere Kostprobe zu geben: Auch beim Frühstück lauerte Dukkha, ich wollte mir von dem leckeren Pflaumenmus nehmen, aber sie war alle.”

Erneute Heiterkeit, und Yuva fragte: Bist du dann in die Küche gerannt und hast das Personal heftig beschimpft?”

Natürlich nicht, ich bin ja kein gemeiner Weltling!”

Jetzt schmunzelte Yuva: Nein, natürlich nicht! Das hätte nur der gemeine Weltling gemacht, aber was hat die weise, den Dharma praktizierende Radha gemacht?”

Und diese berichtete stolz: Die weise, den Dharma praktizierende Radha, hat sich statt dessen Orangenmarmelade genommen und dann deren Geschmack genossen.”

Einen Applaus, für die weise, den Dharma praktizierende Radha”, forderte Yuva jetzt, und tatsächlich applaudierten die Mitstudentinnen heftig. Dann fragte sie weiter: Und was war der zweite Schritt auf dem Stufenweg, mit dem wir uns beim letzten Mal beschäftigten? Ja, bitte, Aleika.”

Der zweite Schritt ist Śraddhā, das ist gläubiges Vertrauen. Wenn ich kein gläubiges Vertrauen in den Dharma hätte, wäre ich nicht blaubekleidet. Ich habe durch diese Lehre soviel Gutes erfahren, habe so häufig festgestellt, wie es mich weiter gebracht hat. Und ich sehe doch auch, wieviel besser es in der Mettā-Sangha ist als anderswo. Und weil ich aus Erfahrung so überzeugt bin vom Dharma, vertraue ich auch darauf, dass es mir weiter helfen wird. - Genauso wie Radha hätte ich auch die Abwesenheit von Pflaumenmus abgehakt, ohne dass Ärger in mir aufgestiegen wäre. Ich hätte darauf vertraut, dass die anderen Sachen, die es bei der Mettā-Sangha gibt, auch lecker sind, und mich dann dem wonnehaften Geschmack von Orangen­marmelade hingegeben.”

Das ist interessant!” schaltete sich jetzt Bhikkhuni Manisha ein. Ich sehe da zwei Elemente drin. Einmal ist da ein gewisses Vertrauen, das der Rest auch gut ist. Und zum anderen kommt eine Abwägung herein, die Abwägung: Wie kann etwas anderes sein? Wie sind die anderen Marmeladen? Das war aber kein blindes Vertrauen, sondern du hast abgewogen: ich bin bei der Mettā-Sangha, ich weiß aus Erfahrung, dass das Küchenpersonal leckere Sachen hinstellt. Auf dieser Grundlage kann ich mich vertrauensvoll entscheiden, einen anderen Fladenaufstrich zu nehmen. Das war ganz schön weise, von dir!”

Benisha, eine andere `Blaugekleidete´, stand auf und verbeugte sich tief vor Aleika: Ich verneige mich ehrerbietig vor der weisen Aleika, die aufgrund von Vertrauen, von Śraddhā - und zusätzlich aufgrund ihres weisen Erwägens die weiseste aller Entscheidungen getroffen hat: Sie aß Orangenmarmelade! Applaus für die weise Aleika!”

Natürlich applaudierten wieder alle. Als sich die heitere Überschwänglichkeit allmählich gelegt hatte, versuchte Yuva, wieder zum ernsthaften Studium zurückzukehren:

Es ist schön, wenn wir das mit solch heiterer Gelassenheit betrachten können, aber wir dürfen uns auch nicht scheuen, zu sehen und einzuüben, worum es dabei geht. Aleika hat eine gewisse Abwägung getroffen, und ihr habt die Ansätze von Weisheit darin gelobt. Es geht also darum, die Dinge weise zu erwägen, und damit habt ihr mit heiterer Leichtigkeit unser heutiges Thema aufgegriffen: den dritten Schritt auf dem Pfad zur Befreiung, der ist nämlich weises Erwägen - auf Pali: Yoniso Manasikāra.”

Jetzt muss ich mich mal ganz dumm stellen”, begann Charu ihren Beitrag. Das Wort `Manasikāra´ kenne ich, das gibt es ja auch in Prakrit, etwas anders ausgesprochen, aber das ist mir klar, denn das heißt `unterscheiden´ oder `abwägen´. Aber das Adjektiv davor, das Eigenschaftswort yoniso - das bedeutet soviel wie `mittels der Yoni´. Soll ich das wirklich mit meinem Intimbereich abwägen?”3

Selbstverständlich lachten jetzt wieder alle, manche schauten allerdings auch etwas verstört drein, oder verwundert. Schließlich ergriff Bhikkhuni Manisha das Wort:

Ja, dieser Begriff führt gewöhnlich zu Verwunderung, zu Heiterkeit. Das war auch bei uns im Kloster so - oder vielleicht gerade da, weil dort bekanntlich der Gebärmutter keine allzu großer Beachtung geschenkt wird. Yoni bedeutet medizinisch zwar Gebärmutter, es bedeutet aber auch `Ursprung´, `Grund´ oder `Matrix´. Mit anderen Worten, man soll einer Sache auf den Grund gehen: woher kommt etwas, was ist der Grund dafür, dass es existiert. Umgekehrt ist alles, was jetzt existiert, auch der Ursprung dessen, was morgen sein kann.”

Aha, das wusste ich nicht. Aber was hat das mit meinem Pflaumenmus zu tun?” fragte Aleika.

Bhikkhuni Manisha schmunzelte: Vielleicht hättest du sogar noch etwas weiser nachdenken können, Aleika. Erinnerst du dich noch an den späten Frost im letzten Frühjahr?”

 Aleika nickte.

Damals ist ein Großteil der Pflaumenblüten, vor allem bei den Bäumen, die ungeschützt standen, erfroren. Folglich gab es nur wenige Pflaumen, also konnte nur wenig Pflaumenmus produziert werden, folglich musste es – unveränderte Konsumgewohnheiten unterstellt – im Laufe dieses Jahres, bevor neues Mus aus der kommenden Ernte produziert werden konnte, zu Ende gehen. Eine erboste Reaktion auf das Küchenpersonal wäre also nicht nur unsinnig, sondern auch ungerecht. Yoniso Manasikāra weist also darauf hin, dass alles in Abhängigkeit von Bedingungen entsteht. Fehlt eine Bedingung – z. B. die ausreichende Pflaumenblüte im Vorjahr – so hat dies Folgen. Yoniso Manasikāra weist uns daraufhin, das Wirkungsgefüge genauer zu betrachten – übrigens nicht nur hinsichtlich der Ursachen der Ereignisse, sondern auch hinsichtlich der Folgen unserer Handlungen. Und wenn wir die Folgen unsrer Handlungen rechtzeitig erwägen – also bevor wir Handeln – können wir negative Folgen vermeiden, die wir (oder andere) andernfalls erleiden würden.”

Ganz schön anspruchsvoll”, sagte eine der Studentinnen.

Ja, dumm bleiben ist einfacher, führt aber zu mehr Leiden”, kommentierte Shyla. Bhikkhuni Manisha hörte das mit Wohlgefallen.

Das Prinzip des weisen Erwägens wurde noch weiter besprochen. Wir aber machen einen kleinen Sprung bis zum Nachmittag, dort pflegte nämlich Bhikkhuni Manisha mit ihren blaugekleideten Frauen das jeweilige Themengebiet des Vormittags im kleineren Kreis noch zu vertiefen. Die Frauen saßen jetzt vor ihrer Eremitage.


Drei Wegbeschriebungen, ein Ziel

Gandari begann mit einer ziemlich provokativen Frage: Also ich hatte im letzten Jahr einen Kurs zum Edlen Achtfältigen Pfad belegt. Dort haben wir diesen Pfad, der zum Erwachen führen soll, lang und breit besprochen und – wie ich fand – auch durchaus überzeugend. In diesem Kurs jetzt geht es um den Pfad zur Befreiung. Ist Befreiung etwas anderes als Erwachen? Oder - wenn nicht: führen da zwei verschiedene Pfade hin, einer mit acht Pfadgliedern und einer mit 17? Kann ich mir aussuchen, welchen ich gehen soll - oder weiß man schlicht nicht genau, welcher der richtige ist?”

Wenn ich da gerade noch etwas ergänzen darf”, verkomplizierte Shyla jetzt die Sache noch, Nilay, also der heutige Mahadevamitta, hat mir vor 20 Jahren beigebracht, man solle den Dreifachen Pfad gehen, das sei der Weg des Dharma. Gibt es also drei verschiedene Pfade? Drei Dinge zu tun - wie auf dem Dreifachen Pfad - fand ich recht einfach, und ich weiß auch noch, was es ist: Ich habe mich nämlich 20 Jahre lang bemüht, danach zu handeln, auch wenn das mit der Meditation oft nicht so richtig geklappt hat.”

Es ist gut, dass ihr das fragt. Ich möchte zunächst ganz kurz etwas zum Edlen Achtfältigen Pfad sagen, den einige von euch schon studiert haben”, begann Bhikkhuni Manisha ihre Erläuterungen.

Der Edle Achtfältigen Pfad ist keine zeitliche Abfolge von Pfadgliedern, die man nacheinander durchschreitet. Es handelt sich vielmehr um acht Baustellen, an denen wir immerwährend arbeiten müssen. Wir müssen unsere Vision vom Ziel und vom Weg dorthin ständig verbessern, das ist das erste dieser acht Pfadglieder. Wir müssen ständig an unserer Entschlossenheit arbeiten, den Pfad zu gehen - damit wir nicht nachlässig werden. Das ist das Zweite. Als Drittes müssen wir unsere Gedanken unter Kontrolle behalten, dürfen uns als beispielsweise nicht in Wut hineinsteigern. Viertens müssen wir auch auf unsere Sprache achten, denn viele Missverständnisse entstehen daraus, dass jemand die Sprache unachtsam gebraucht. Als Fünftes müssen wir immer auf unser Handeln achten: Handle ich aus Mettā, oder handle ich egoistisch? Das ist übrigens auch der Grund, warum wir uns Mettā-Sangha nennen. Sechstens müssen wir immer eifrig und strebsam sein, damit unsere Energie auf dem Pfad nicht verloren geht. Der siebte Punkt ist ganz grundlegend: Sei achtsam! Ohne Achtsamkeit ist unser heutiges Thema, weises Erwägen, Yoniso Manasikāra, schlicht nicht möglich. Als Achtes schließlich ist es wichtig zu meditieren, um uns geistig zu festigen, um das vorher bereits intellektuell Verstandene zu absorbieren, es muss uns gewissermaßen in Fleisch und Blut übergehen. Der Edlen Achtfältige Pfad zeigt unsere acht Baustellen auf, an denen wir immer arbeiten müssen.”

Gut, da ist keine Reihenfolge drin, dann zeigen die anderen beiden Beschreibungen wohl eine Reihenfolge auf, und ich schätze Mal, der Dreifache Pfad zeigt die drei großen Wegabschnitte vor, während dieser 17-teilige Pfad zur Befreiung den Dreifachen Pfad detaillierter erklärt, oder?” vermutete Shyla.

Genial! Besser hätte ich es auch nicht erklären können!” lobte Bhikkhuni Manisha.

Benisha schüttelte den Kopf: Nein, das kann doch nicht sein, denn der Dreifache Pfad besteht doch aus Etihk, Meditation und Weisheit! Und der Pfad bis zur Befreiung beginnt mit Dukkha, Leiden – dann müsste Leiden ja ein Teil der Ethik sein.”

Bhikkhuni Manisha klärte sie auf: Die Beschreibung des Abschnitts Ethik beginnt hier noch gar nicht. Dukkha hat jeder, erfährt jeder. Nur: wie wir darauf reagieren, ist unterschiedlich. Wir können unweise reagieren. Wenn dich zum Beispiel jemand ärgert - und du haust ihm deswegen ins Gesicht, ist das zwar eine verständliche Reaktion, aber es beseitigt keine Probleme. Dadurch hast du vermutlich noch mehr Probleme bekommen.”

Shylas Augen leuchteten auf: Dukkha hat jeder. Wenn wir unweise reagieren, verstärken wir entweder das Problem, oder wir fliehen davor, aber wir lösen es nicht. Wenn wir Śraddhā haben, wenn wir Vertrauen in den Dharma gefasst haben, dann haben wir uns entschlossen, das Probem zu lösen - und schlagen den Pfad zur Befreiung von Dukkha ein. Dann erst gehen wir diesen Pfad, und daher beginnt die eigentliche Wegbeschreibung erst bei der dritten Stufe. Von da an, ab Punkt 3 dieser Liste, wird der Pfad der Ethik beschrieben - irgendwann der der Meditation - und schließlich der der Weisheit.”

Toll, Shyla, und danke auch den anderen, dass ihr geholfen habt, Shyla auf die richtige Fährte zu locken. Die genaue Beschreibung des Pfades, die Einzelheiten der Ethik, beginnen beim dritten Punkt: bei Yoniso Manasikāra. Der erste Punkt, Dukkha, das Unschöne, ist das, wovon alle wegwollen. Diejenigen, die dann Śraddhā entwickeln, also Vertrauen in den Pfad, die werden beginnen, diesen zu beschreiten. Und davon, von diesem Pfad, haben wir den allerersten Punkt heute Vormittag kennengelernt: Yoniso Manasikāra.”

Und wie weit geht von diesen 17 Schritten dann der Abschnitt Ethik, und was sind das für Punkte”, wollte Aleika wissen.

Das werden wir im Laufe des Studienkurses im Einzelnen erfahren - und natürlich hier hinterher vertiefend besprechen und auch Übungen dazu machen. Aber die einzelnen Pfadglieder des Abschnittes `Ethik´ kann ich dir natürlich jetzt schon mal aufzählen, das sind 3. Yoniso Manasikāra (weises Erwägen), 4. Sati-Sampajañña, (Achtsamkeit und Wissensklarheit), 5. Indriya Samvara (Zügelung der Sinne), 6. Sīla Samvara – ethisches Verhalten und 7. Avippatisāra (Gewissensreinheit).”4


© 2026 Copyright by Horst Gunkel, Vacha

Fußnoten

1 Spirulina Blau (Phycocyanin) ist der einzige natürliche blaue Farbstoff, der auch für Lebensmittel verwendet wird. Er wird aus der Spirulina-Alge gewonnen (lat. Spirulina platensis). Diese ist eine Mikroalge, die sowohl in Salz- als auch in Süßwasser gedeiht. Das Chlorophyll, mit dem sie Kohlendioxid in Sauerstoff umwandelt, färbt sie blau-grün.

2 Die Liste des Stufenwegs zur Befreiung befinden sich am Ende des Kapitels 16.

3 Yoni bedeutet in den indischen Sprachen „Gebärmutter“ oder „Scheide“.

4 Der Pfad zur Befreiung wird ausführlich erklärt in „Horst Gunkel: Evolviere zur/zum Buddha“ (=Gelnhäuser buddhistische Reihe, Band 7).



Erläuterungen

Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Bhikkhu = Mönch
Bhikkhuni = Nonne
Brahmāeiner der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als derSchöpfer. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott.

Brahmaneneine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen

Brahmanismusindische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. DerB.heute als Hinduismus bezeichnet.

Buddha – wörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismus erreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.

Cherubim - sind Engel, sie sind Repräsentanten sowohl der Kraft JHWHs in der Schöpfung als auch der Regierung Gottes. Sie wurden in den Garten Eden gesetzt, um den Baum des Lebens nach dem Sündenfall zu bewachen (1. Mo 3,24)

Dekalog – (altgriechisch: δεκάλογος dekálogos) die Zehn Gebote

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. DasWortbedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Dharma-Cakra – das achtspeichige „Rad der Lehre“ das Symbol für den Dharma („Buddhismus“), die acht Speichen stehen für den Edlen Achtfältigen Pfad.

Dreifacher Pfad – einfachste Beschreibung des buddhistischen Pfades aus (1) Ethik, (2) Meditation und (3) Weisheit, eine ausgearbeitete Version zeigt das upanisā-Sutta auf.

Dukkha – ein zentraler Begriff der Lehre Buddhas, am einfachsten mit „Unvollkommenheit“ oder „Unzulänglichkeit“ zu übersetzen, besser wäre „das Gefühl, dass etwas letztendlich nicht vollkommen zufriedenstellend ist. Älteste Übersetzungen von Buddhas Lehre übersetzten „Leiden“, was dazu führte, dass der Buddhismus als pessimistisch galt, denn letztendlich ist alles Vergängliche unvollkommen (dukkha).

Edle Achtfältige Pfad, der – erste und zentrale Beschreibung des Buddha für den Pfad zur Erleuchtung. Hier werden acht Baustellen genannt, an denen wir arbeiten müssen: 1. Rechte (oder Vollkommene) Vision (Ansicht), 2. Rechte Entschlossenheit, (3) Rechtes Denken, (4) Rechtes Handeln, (5) Rechter Lebenswandel, (6) Rechtes Bemühen, (7) Rechte Achtsamkeit, (8) Rechte meditative Versenkung

Erwachen – andere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale Leidhaftigkeit, Vergänglichkeit und Ichlosigkeit völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.

Erwachter – die deutsche Übersetzung von “Buddha”

Jammu – Stadt in Indien, heute zweitgrößte Stadt des indischen Unionsterritoriums Jammu und Kaschmir. Sie ist die zweitgrößte Stadt dieses Territoriums und dient wegen ihren milderen, subtropischen Klimas im Winter als die Hauptstadt des Territoriums. Im Sommer ist die Hauptstadt die größte Stadt dieses Territoriums, Srinagar, die in etwa dort liegt, wo sich die Mettā-Sangha unseres Buches befunden haben soll.

JHWH – ist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er keine Konsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.

karunā = Mitgefühl

Katriya (Sanskrit: क्षत्रिय) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte

Mahāsāṅghika – (Große Gemeinde) Name einer frühen Schulrichtung des Buddhismus. Sie entstand 137 Jahre nach dem Tod des Buddha, kurz nach dem zweiten Konzil von Vaiśālī. Hiermit hat sich gewissermaßen die spätere Spaltung in Theravada und Mahayana angekündigt.

Mettā(Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung,(nichterotische)Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das,was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) füreineneutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen. 

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

Mitgefühl – (karunā) ist das Gefühl, wenn Mettā auf ein leidendes Wesen trifft. Es ist etymologisch verwandt mit caritas (lat.: Barmherzigkeit) und mit to care (engl.: sich kümmern um).

muditā – Mitfreude

PāḷiPāḷi ist eine Schriftsprache, in der in erster Linie buddhistische Texte niedergeschrieben sind, sie wurde vom 6. Jhd. v. u. Z. bis zum 10 Jhd. u. Z. verwendet (mittelindische Zeit), ältere Texte sind altindisch, die zuständige Schriftsprache ist Sanskrit. Es wird angenommen, dass Pāḷi aus dem Dialekt Magadhi abgeleitet wurde, dem Dialekt, der in Maghada, gesprochen wurde, einem der nordindischen Staaten, in dem sich der Buddha oft aufhielt. Das Wort Pāḷi bedeutet „Textzeile“, woraus schon deutlich wird, dass es sich um eine typische Schrift­sprache handelt.

Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u.a. die Lehrreden des Buddha enthalten.

Pataliputra Die Stadt (das heutige Patna) an der Mündung des Son in den Ganges wurde zu Buddhas Zeit von König Ajatasattu (unter dem namen Pataligama) gegründet worden. Ajatasattus SohnUdayin machte sie dann zur Hauptstadt des Königreiches Maghada. Sowohl der Buddha als auch Mahavira besuchten die Stadt mehrfach und im Jahr 253 v.u.Z. fand hier dasdritte buddhistische Konzil statt.

Pīti – Verzückung, Begeisterung, Ekstase

Prakrit (Sanskrit: prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischenSprachen,die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundert v. Chr.bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen.

Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vor wenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden.

Sabbath - jiddisch Schabbes ist im Judentum der siebte Wochentag, ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Seine Einhaltung ist eines der Zehn Gebote. Er beginnt am Vorabend und dauert von Sonnenuntergang am Freitag bis zum Eintritt der Dunkelheit am folgenden Samstag, denn im jüdischen Kalender dauert der Tag vom Vorabend bis zum Abend des Tages – nicht von 0 bis 24 Uhr. Dies ist abgeleitet aus dem Schöpfungsbericht, dort heißt es „und es war Abend und es war Morgen, ein Tag“.

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der SchülerinnenundSchüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.) – (sanskr., auf Pāḷi: saddhā) gläubiges Vertrauen, Vertrauen in die drei Juwelen

Sanskrit – eine altindische Schriftsprache, die um 1500 v.u.Z. entstand, um dieVeden,die heiligen Texte des Hinduismus niederzuschreiben.

Śraddhā – (sanskr., auf Pāḷi: saddhā) gläubiges Vertrauen, Vertrauen in die drei Juwelen

Seraphim (Singular: der Seraph) sind Engel, die in den Lehren von Judentum, Christentum undIslam von Gott erschaffen wurden und ihm untergeordnet sind. In der Berufungsvision des Jesaja (Jes 6,1–7) werden solche Mischwesen, die zum Hofstaat JHWHs gehören, als Seraphim bezeichnet. Die Tradition weist ihnen den fünften Rang in der Hierarchie der Engel des Judntums und gemeinsam mit den Cherubim und Thronen den ersten in der Ordnung der neun Chöre der Engel des Christentums zu. Im Islam werden Seraphim nur selten erwähnt, finden aber Referenz als Engel im „höchsten Rat“, die über die Erschaffung des Menschen diskutieren und zu denen manche Berichte auch Gabriel, Raphael und Iblis (Satan) zählen.

Taxila war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)

Uposatha – heißt wörtlich Fastentag. Alle sieben Tage ist Fastentag: bei Neumond, bei Vollond und bei Halbmond (es galt der Mondkalender). In der Mettā-Sangha findet an diesem Tag eine Ritualfeier statt, bei der sich Meditation, Gesang, Vortrag und Gesprächsgruppen abwechseln.

Vesakh - erinnert an die Geburt und das Erwachen des Buddha. Es richtet sich nach dem Mondkalender und wird bei Vollmond im Mondmonat Vesakh gefeiert, das ist im April oder Anfang Juni.

vimukti (oder in Pāḷi: vimutti) – Befreiung, ist gleichbedeutend mit Erwachen oder Erleuchtung, man ist befreit vom Ego und damit auch von Wiedergeburt

Yoniso Manasikāra - „weises Erwägen“


Zurück zur Übersicht Band 4: Nilay - der Sohn Jesu

zur Seite Die Jesus-Trilogie

zur Heimatseite

© 2026 Copyright by Horst Gunkel, Vacha