Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 15                                    letztmals bearbeitet am 18.02.2026
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15 - Nilay reist wieder nach Bodh Gaya



Ein ungewöhnlicher Besuch und Devamittas Plan

Devamitta hatte seinem Onkel Nilay zugesagt, einen Krankenbesuch und ein Ritual bei seiner Frau Salita zu durchzuführen. Da Salita jedoch nicht nur keine Anhängerin des Buddha war, sondern den Glauben ihres Mannes definitiv ablehnte, hatte sich Devamitta etwas Besonderes ausgedacht:

„Sage deiner Frau, ein geheimnisvoller Brahmane aus Kaschmir wäre in der Stadt und hätte sich nach ihr erkundigt. Dieser hätte geheimes Wissen und habe eine Botschaft für sie.“

Es käme, so sagte er ihm weiter, für ihr erstes Zusammentreffen nur ein ganz bestimmter Tag und eine ganz bestimmte Zeit infrage. Das solle er ihr mitteilen, um die Angelegenheit möglichst wundersam erscheinen zu lassen.

An dem besagten Tag begab sich Devamitta dann ins Haus seines Onkels. Nilay erwartete ihn bereits zusammen mit seiner Enkelin Manisha, die ganz begeistert war, dass ein buddhistischer Mönch kam.

Nilay stellte sie vor: „Das, lieber Devamitta, ist meine Enkelin Manisha, sie ist Vollwaise, da mein Sohn Aryan, also ihr Vater, zusammen mit seiner Frau vor einigen Jahre einer Pestilenz zum Opfer gefallen ist. Seitdem haben meine Frau und ich Manisha erzogen.“

Das Mädchen, das etwa zwölf Jahre alt war, war sichtlich aufgeregt: „Guten Tag, Ehrwürdiger Devamitta! Ich freue mich ganz sehr, einen Mönch bei uns begrüßen zu können. Mein Opa hat mir auch schon ganz viel vom Buddha erzählt, und ich weiß auch schon eine ganze Menge vom Dharma. Meine Oma mag das nicht, aber ich finde es ganz toll! Schade, dass beim Kloster keine Mädchen mehr unterrichtet werden, wie ganz früher einmal war, als Opas Schwester Amita noch hinging. Sonst würde ich dort gern dran teilnehmen.“

Devamitta lächelte das Mädchen an: „Wie schön, dass dir dein Opa so viel erzählt hat! Vielleicht ergibt sich ja irgendwann eine Gelegenheit, dass auch du weiter im Dharma unterrichtet wirst. Wenn du das ganz fest willst, wird sich bestimmt eine Möglichkeit dazu ergeben.“

Seid ihr sicher Devamitta? Ich weiß nicht so recht. Wenn ich auf der Straße Mönche treffe und sie anspreche, schauen sie immer weg oder antworten nicht - und wenn doch, dann nur ganz kurz und sehen anschließend zu, dass sie fortkommen. Es ist fast so als hätten sie Angst vor mir.“

Jetzt musste Devamitta lachen: „Nein, Manisha, sie haben keine Angst vor dir, sondern vor sich selbst.“

Das verstehe ich nicht.“

Ich werde es dir ein andermal erklären. Heute muss ich mich erst einmal um deine Oma kümmern.“

Manisha schaute skeptisch drein: „Ich glaube nicht, dass das funktioniert, Oma lehnt den Buddha und den Dharma ab, obwohl sie eigentlich gar nichts davon weiß. Ich glaube nicht, dass du da etwas ausrichten kannst.“

Devamitta lächelte das Mädchen an: „Manchmal ist der direkte Weg nicht zielführend. Dann kann es besser sein, geschickte Mittel anzuwenden. Was glaubst du, wem deine Oma vertrauen würde?“

Manisha zuckte mit den Schultern: „Also grundsätzlich nur einem Brahmanen, wenn der etwas auf Sanskrit brabbelt und dann irgendeinen Hokuspokus veranstaltet. Dann glänzen ihre Augen und sie macht alles, was der Brahmane will. Das wird dann immer mal ganz schön teuer!“

Danke für deine Beratung - dann werden wir es genau so machen. Du und Nilay, ihr dürft dabei sein – verhaltet euch aber ganz mucksmäuschenstill, außer wenn ihr gefragt werden solltet. Woran glaubst du denn, dass deine Oma einen Brahmanen erkennt?“

Brahmanen tragen immer weiße Kleidung - und die klugen Brahmanen können auch Sanskrit rezitieren.“

Devamitta lächelte sie an: „Ich glaube nicht, dass deine Oma den Unterschied zwischen Sanskrit und Pali erkennt – und ich spreche Pali. Und ich nehme sicher an, dass dein Opa Nilay auch weiße Kleidung für mich hat.“

Nilay nickte und verschwand, um weiße Kleidung zu hören. Jetzt formulierte Manisha aber weitere Bedenken:

„Du hast einen geschorenen Kopf, Devamitta, eine Glatze, so würden Brahmanen nie herumlaufen. Wenn sie ganz alt sind, haben sie manchmal auch eine Glatze, aber bei dir sieht man, dass dein Kopf rasiert ist!“

Das ist ein guter Einwand - aber im Gesicht rasieren sich doch manche Brahmanen auch, oder?“

Ja sicher, Devamitta, das ist gar nicht mal so selten, aber das Kopfhaar rasieren sie nie.“

In diesem Moment kam Nilay wieder mit weißen Gewändern: „Da dürfte etwas Passendes dabei sein!“

Ich geh´ dann mal raus!“ sagte Manisha, als der Mönch sich anschickte, seine Robe abzulegen.

Nein, bleib hier, Manisha, ich brauche dich doch noch als Beraterin! Du kannst dich ja umdrehen, wenn du magst.“

Selbstverständlich drehte sich das Mädchen sofort um - außerdem bekam sie vor Verlegenheit rote Ohren, was Devamitta für ein gutes Zeichen hielt. Inzwischen hatte er die brahmanischen Gewänder angezogen, zwei weitere weiße Tücher lagen noch vor ihm.

„Du kannst dich wieder herumdrehen, Manisha, ich bin fertig.“

Das Mädchen betrachtete sich Devamitta in den ungewohnten weißen Gewändern. Sie war noch nicht ganz zufrieden: „Du hast immer noch einen rasierten Schädel!“

Da nahm Devamitta eines der verbliebenen weißen Tücher und bedeckte damit seinen Kopf - er sah jetzt aus wie ein Beduine:

„Wir müssen es noch irgendwie befestigen,“ sagte er und ergriff eine Tonschale, die von passender Größe sein dürfte und stülpte es sich auf den Kopf.

So einen Brahmanen habe ich noch nie gesehen! Das glaubt dir doch kein Mensch! Außerdem sieht es albern aus“,kritiserte Manisha.

Devamitta lächelte sie an: „Doch, Manisha, deine Oma wird es glauben, denn der Glaube versetzt Berge! Außerdem ist es nicht albern, sondern skurril, fremdartig – wie bei einem Weisen aus einem fernen Land.“

Damit griff er einige Palmblätter, die in der Ecke lagen und faltete sie an einem Ende zusammen. Anschließend steckte er sie mit der gefalteten Seite unter seinen Tonhelm, sodass die Spitzen etwa eine Handbreit nach unten herausstanden. Die gefalteten Teile der Palmblätter gaben jetzt dem Tontopf Halt auf seinem Kopf. Nilay und Manisha sahen ihn entgeistert an und Nilay bestätigte seine Enkelin: „Das glaubt dir doch kein Mensch!“

Devamitta schaute das Mädchen verschmitzt an: „Mir nicht. Aber dir Manisha! Wenn ich dir ein Zeichen gebe, bevor ich zu deiner Oma gehe, läufst du zu ihr und berichtest ganz aufgeregt: „Der Brahmane ist da! Der große Wundertäter aus dem Kaschmirtal! Und stell dir nur vor, er sieht genauso aus, wie ich es immer gehört habe, er trägt dieses Kaschmirtuch auf dem Kopf und darauf noch so etwas Merkwürdiges mit Palmblättern, genau wie in den alten Geschichten!“

Und du glaubst das hilft?“ fragte das Mädchen verunsichert.

Wenn du es mit begeisterter Überzeugung vorträgst, wird es funktionieren! Und jetzt noch etwas, habt ihr irgendwelche religiösen Symbole des Brahmanismus im Haus?“

Onkel Nilay überlegte: „Früher hat Salita immer im Obergeschoss vor einem Schrein gebetet, dort stehen Figuren von Brahmā, Śiva und Viṣṇu, außerdem Öllämpchen.”

Hole sie her!”

Nachdem nun auch diese Gegenstände in der Küche bereitstanden und sich Devamitta bei den beiden über weitere Einzelheiten der Familie informiert hatte, fragte er Manisha, ob sie bereit sei, ihrer Großmutter jetzt, wie verabredet, von seiner Ankunft zu berichten. Das Mädchen bejahte, atmete tief durch - dann rannte sie los.


Salitas Heilung und Manishas Zukunft

Manisha stürmte ins Krankenzimmer ihrer Oma: „Ehrwürdige Großmutter, es ist wirklich geschehen! Es ist fast wie im Märchen! Der Brahmane ist da! Der große Wundertäter aus dem Kaschmirtal! Und stell dir nur vor - er sieht genauso aus, wie ich es immer gehört habe, er trägt dieses Kaschmirtuch auf dem Kopf und darauf noch so etwas Merkwürdiges mit Palmblättern, genau wie in den alten Geschichten!“

Ein strahlender Glanz erschien auf dem Gesicht der kranken, alten Frau - sie reckte ihre Hände gen Himmel: Danke Viṣṇu, dass du meine Gebete erhört hast!”

Kurz darauf erschien Devamitta in der Tür und Salita begrüßte ihn freudig: Ich bin so glücklich, Euch hier zu sehen, und Ihr seht tatsächlich ganauso aus, wie man es von den wundertätigen Brahmanen des Kaschmirtals immer erzählt...” - sie zögerte etwas, bevor sie ergänzte, ...allerdings erscheint Ihr mir sehr jung!”

Devamitta lächelte sie an: Ich war vor mehr als 50 Jahren bei Elia Ahuri, dem wundertätigen Brahmanen vom Berge Meru, der gab mir vom Elixir der ewigen Jugend zu trinken.”

Sie sah ihn ungläubig an: Heißt das - Ihr seid unsterblich?”

Nein, das nicht. Kein Mensch wird älter als 120 Jahre, aber das von Viṣṇu gesegnete Wasser der Ladi-Quelle vermag das auszurichten, was mir vor mehr als 50 Jahren zuteil wurde. Seitdem hat sich mein Aussehen nicht verändert.”

Devamitta sah sich um, dann monierte er: Übrigens vermisse ich hier ein Abbild von Viṣṇu!”

Er wandte sich jetzt an Manisha: Besorge schnell Abbilder der wichtigsten Götter, und bringe Öllampen – ach, und sage auch deinem ungläubigen Vater er solle gefälligst herkommen!”

Als Manisha den Raum verlassen hatte, wandte er sich an die Frau: Ich nehme an, Ihnen geht es nicht nur um sich - sondern auch darum, dass ihr ungläubiger Sohn und dieses Mädchen wieder auf den rechten Weg geführt werden, oder?”

Genau so ist es, ehrwürdiger Brahmane! mir ist es am wichtigsten, dass ich weiß, dass diese beiden wieder auf den rechten Weg geführt werden, dann kann ich beruhigt sterben!”

Ihr habt ein großes Herz, gute Frau, und ich kann Euch versichern, dass Ihr in einer sehr angesehenen Familie wiedergeboren werdet. Und wenn es recht ist, werde ich nachher, wenn die beiden da sind, Śiva bitten, sie vom Irrglauben zu erlösen, indem er diese ihre irrigen Anischten zerstört. Außerdem werde ich  Brahma bitten, sie auf den rechten Weg zu führen. Ich werde einen mächtigen Zauber aussprechen – aber keine Angst, die beiden werden das gar nicht bemerken, da ich es selbstverständlich auf Sanskrit rezitieren werde.”

Salita sah Devamitta mit strahlendem Augen und einem dankbaren Lächeln an. Endlich wurden ihre Gebete erhört - so wähnte sie.

Nunmehr kamen Manisha mit den Figuren der drei höchsten hinduistischen Gottheiten, sowie Nilay mit Öllampen und Räucherwerk. Devamitta arrangierte alles auf einem Schränkchen, sodass es die Kranke gut sehen konnte - dann wandte er sich an Nilay und Manisha: Auf die Knie mit euch und schaut auf die Figuren von Śiva, während ich die heiligen Texte rezitiere!”

Die taten, wie ihnen geheißen und Devamitta begann buddhistische Texte aus Pali zu rezitieren, wobei er das Wort `Buddha´ durch `Brahma´ ersetzte. Währenddessen vollführte er bedeutsam wirkende Bewegungen - und entzündete Räucherwerk, das er mit Gesten der Demut vor die Götterfiguren legte. Zum Schluss legte er die rechte Hand segnend auf die Stirn der alten Frau, über deren Wangen Tränen der Freude flossen.

Schließlich zeigte Devamitta auf Nilay und Manisha und sprach: Ihr beiden aber werdet den Rest eures Lebens von den unwürdigen Göttern ablassen, ihr werdet keinem Götzen mehr dienen - sondern der heiligen Lehre, dem ewigen Gesetz, das am Anfang gut ist, in der Mitte gut ist - und am Ende gut ist!”1

So sei es!” antwortete Nilay.

Dein Wille geschehe!” sagte Manisha mit niedergeschlagenen Augen.

Nilay sah, dass seine Frau erstmals seit langem wieder glücklich war - und umarmte sie. Dann ging auch Manisha zu ihrer Großmutter, legte die Arme um sie und küsste sie auf die Stirn. Als Salita sich bei dem vermeintlichen Brahmanen bedanken wollte, war dieser verschwunden. Dort, wo er zuletzt gestanden hatte, war lediglich ein Tontopf, der so aussah, wie der, den er auf dem Kopf getragen hatte - und in diesem Tontopf stand eine Pflanze, eine Utpala-Blume2.

Salita betrachtete die Pflanze ehrfürchtig - Tränen der Freude sammelten sich in ihren Augen, liefen die Wangen herab und benässten ihr Krankengewand. Sie lächelte selig als sie sprach: Dieser Brahmane ist wahrhaft der Bote von Śiva. Das ich das noch erleben durfte! Es ist das Beste, was mir jemals geschehen ist!”

Salita wurde in den nächsten Monaten schwächer, aber sie war so glücklich, wie seit über einem Viertel Jahrhundert nicht mehr. Ihre Schmerzen hielten sich in Grenzen, und schließlich verstarb sie wenige Wochen nach dem wundersamen Ritual. Ihre Beisetzung wurde von wirklichen Brahmanen vollzogen.

Nachdem Salita beigesetzt war, und die dazu angereiste Verwandtschaft wieder nach Hause zurückgekehrt war, trafen sich Devamitta, Nilay und Manisha regelmäßig.


Ein Plan - und wieder nach Bodh Gaya

Bei einem der ersten Treffen sagte Nilay: Meine Kinder sind aus dem Haus, meine Frau ist tot. Ich habe jetzt nur noch, dich Manisha. Wie du weißt, bist du Eka, einem reichen Kaufmann versprochen, die Hochzeit soll in zwei Jahren sein.”

Du aber weißt, Nilay, dass ich das nicht möchte!”

Wenn du ihn nicht heiratest, hat unsere Familie ihr Gesicht verloren, wir werden geächtet sein.”

Manisha kamen die Tränen: Dann laufe ich weg! Ich mache es wie Amita, ich gehe ins Kloster!”

Devamitta legte ihr beruhigend die Hand auf den Unterarm – obwohl Mönchen die Berührung von Frauen und Mädchen streng verboten ist – aber er war sicher, dass die beiden ihn nicht verrieten: Es gibt einen besseren Weg für dich, Manisha, und auch für dich Onkel Nilay, und du weißt es!”

Der nickte: Ich weiß es - aber ich fürchte mich vor der Reise dahin!”

Manisha war plötzlich hellwach: Ihr meint die Mettā-Sangha? Klar, ich komme auch mit!”

Jetzt war ausgesprochen, was alle drei, jeder für sich, in der Vergangenheit schon erwogen hatten, aber es war ausgerechnet Devamitta, der bremste: Ich möchte, wenn ich zurückkehre, den Pāḷi-Kanon mitnehmen. Das ist der Grund warum ich ins Kloster Weiße Wolke gegangen bin. Ich möchte alle wichtigen Teile des Pāḷi-Kanon mitnehmen, mindestens aber die Majjhima Nikāya und die Dīgha Nikāya, in diesen beiden Sammlungen sind die wichtigsten Lehrreden des Buddha gesammelt. Dazu brauche ich noch drei Jahre.“

Das erschien aus der Sicht eines jungen Mädchens eine ewig lange Zeit: „Drei Jahre! Unmöglich - bis dahin soll ich doch längst verheiratet sein!“

Genau wie damals Amita“, sagte Devamitta.

Und die ist in Bodh Gaya verschwunden“, ergänzte Nilay.

Gerade hattest du mich überzeugt, dass die Mettā-Sangha besser für mich ist als ein Kloster, und jetzt wollt ihr mich doch dort wieder hinschicken“, warf sie ihrem Opa vor.

Das Kloster würde dich vor der Eheschließung schützen. Es würde dir außerdem eine gute Dharma-Bildung ermöglichen, das war bei Amita auch so. Vielleicht willst du danach im Kloster bleiben - wenn nicht, kommst du mit zur Mettā-Sangha – in drei Jahren“, sagte ihr Großvater und ergänzte:

„Das einzige Problem dabei habe doch ich, ich muss mit der Schande leben, zum zweiten Mal eine junge Familienangehörige in Bodh Gaya verloren zu haben und außerdem habe ich das Problem mit der Familie deines Verlobten. Und dann ist da noch die Ungewissheit, ob ich in meinem Alter die Reisestrapazen schaffe.“

Devamitta wiegelte ab: „Das letztere dürfte das kleinste Problem sein. Du reist schließlich nicht allein - ich bin auch dabei. Außerdem hast du Geld, du kannst auch ganz oft in Gästehäusern übernachten. Weiterhin hast du Freunde hier, die auch seit langem zu den Dharma-Unterweisungen gehen. Wir könnten diese drei Jahre nutzen, um noch mehr Leute für die Mettā-Sangha zu begeistern! Lasst uns doch daraus ein gemeinsames Projekt machen: Manisha erhält eine erstklassische Ausbildung im Kloster, ich kopiere den Pāḷi-Kanon und du suchst weitere Siedler für die Mettā-Sangha, nämlich die Leute, die der Lehre des Buddha folgen, aber nicht ins Kloster gehen können, weil sie Familie haben. Lasst uns dieses Projekt beschließen - und in drei Jahren losgehen.“

Er streckte seine Hand aus. Manisha war die erste die einschlug. Nach einem tiefen Seufzer schlug auch Nilay ein - dazu sagte er noch: „Gut, dann werde ich jetzt erst einmal daran arbeiten, mein Bodh-Gaya-Trauma zu überwinden.“

Ein Plan war gemacht.

Am nächsten Tag ging Devamitta zu seinem Abt Aryamitta: Ich möchte Euch bitten, mir eine Reise nach Bodh Gaya zu gestatten. Ich möchte die heiligen Stätten besuchen - und natürlich unter dem Bodhi-Baum meditieren.”

Aryamitta sah seinem Gegenüber lang in die Augen, dann antwortete er: Und du möchtest die Reise mit Nilay unternehmen.”

Devamitta stutzte einen Augenblick - ihm war plötzlich klar geworden, dass seinem Abt seine Identität bekannt war. Aber statt die Gelegenheit zu nutzen, sich zu offenbaren, sagte er nur: „Das ist richtig. Nilay war bereits als junger Mann einmal dort - und hatte da ein schlimmes Erlebnis. Ich glaube eine zweite Reise dorthin kann ihn von seinem Trauma befreien.“

Und ihr werdet noch jemanden dorthin mitnehmen?“

Devamitta hatte diese Frage befürchtet, er musste es gestehen: „Nilay hat eine Enkelin, die möchte buddhistische Nonne werden. Nilays Schwester ist in Bodh Gaya ordiniert worden, aber es wäre nicht gut, das Mädchen allein auf die Reise zuschicken.“

Es ist nicht schicklich, wenn ein Mönch mit einem jungen Mädchen reist, das ist dir doch klar.“

Ich reise mit Nilay. Das Mädchen reist mit ihrem Großvater, um Nonne zu werden. Ich kann daran nichts Unschickliches finden.“

Für Dritte wird das nicht ersichtlich sein. Daher ist es nicht gut. Aber ich werde es dir nicht verbieten, weil es für das Mädchen gut ist, Nonne zu werden. Aber in einem Punkt irrst du, Devamitta: Amita ist nicht in Bodh Gaya ordiniert worden.“

Jetzt war Devamitta höchst verwundert: „Nicht?“ Er zögerte einen Augenblick, suchte nach Worten. Schließlich fuhr er fort: Aber Nilay hat mir doch gesagt, dass sie dort einem Engel ins Kloster gefolgt sei – wobei mir die Sache mit dem Engel merkwürdig vorkam.“

Es zeigte sich, das Aryamitta wesentlich besser informiert war, als er. Der Abt erläuterte ihm: „Amita ist seinerzeit natürlich nicht von einem Engel abgeholt worden, das ist Unsinn! Sie wurde vielmehr von einer Nonne mitgenommen, und zwar von Ayya Karuna. Wenn ihr also wollt, dass Nilays Enkelin – ich nehme an, es handelt sich um Manisha – dem Beispiel ihrer Großtante Amita folgt, dann müsst ihr in Bodh Gaya nach Ayya Karuna fragen.“

Devamitta starrte den Abt an - der schien ja noch viel besser informiert und von viel klarerem Verstand, als er das bisher dachte. Ihm wurde klar, dass auch außerhalb der Mettā-Sangha höchste Weisheit zuhause war, zumindest bei einige wenigen hoch entwickelten Mönchen und vermutlich auch bei Nonnen. Ayya Mudita könnte eine solche sein, sie war immerhin die Dharma-Lehrerin seiner Mutter! Devamitta verbeugte sich tief vor seinem Abt: „Großer Meister, ich danke Euch für diese Belehrung.“


Die Reise mit Nilay und Manisha

Zwei Wochen später verließ Devamitta das Kloster Weiße Wolke für seine Reise; der Weg führte ihn zunächst zu Nilays Haus, wo er diesen und Manisha abholte. Die beiden waren höchst aufgeregt, wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Für Nilay ging es um die Bewältigung eines Traumas, dass ihn viele Jahre heftig verfolgt hatte und das er jetzt glaubte, endgültig überwinden zu können. Für Manisha war es der Abschied aus der Kindheit und der Beginn des spirituellen Lebens. Außerdem war Manisha noch nie weiter als als fünf Meilen von ihrem Elternhaus entfernt gewesen - nun ging es in die weite Welt. Nilay war als Kaufmann natürlich öfter unterwegs gewesen, allerdings hatte auch er keine solche Fernreisen unternommen wie Devamitta.

Als sie die südliche Gebirgskette des Himalaya überwunden hatten, ging es abwärts. Wobei auch die Worte `südlichste Gebirgskette des Himalaya´ übertrieben klingen. Das Kloster Weiße Wolke lag im südlichsten Tal das Himalaya - und der Pass, den sie überquerten, hatte gerade einmal eine Höhe von etwa 1000 m über NN. Dahinter folgte eine Hügellandschaft, die allmählich in die Ebene - oder das Urstromtal des Ganges - überging. Sie durchschritten in der ersten Tagen noch Wälder, dann war die Gegend allmählich stärker landwirtschaftlich geprägt, und das Klima wurde wärmer. Es ging entlang des Flusses Gandak zum Ganges.

Eines nachts lagerten sie an einer lauschigen Stelle in Flussnähe, dessen Ufer an vielen Stellen von hohem Schilf umgeben war, es gab jedoch auch eine Stelle, wo man bis direkt an den Fluss gehen konnte. Dort lagerten sie für die Nacht: Da alle von den Strapazen geschwitzt waren, ging sie einzeln nacheinander runter zum Fluss, um dort zu baden.

In der Morgendämmerung erwachte Devamitta, es war ein milder Sommermorgen, und er wollte gerade einen Spaziergang machen, runter zum Ufer, als er sah, dass Manishas Lager leer war. `Sie ist schon aufgestanden´, dachte er sich. Und dann - auf einmal - kam ihm eine Erinnerung. Es war eine Erinnerung an eine Geschichte, die seine Mutter ihm und seiner Schwester Maria einmal erzählt hatte. Damals nämlich, als Manisha zusammen mit Jesus und Nilay nach Bodh Gaya gingen, hatten sie auch an einem Fluss übernachtet, an dem es Schilf gab. Damals war Amita ganz früh aufgewacht, weil sie ihre Periode bekommen hatte. Sie ging herunter zum Fluss, um sich zu säubern. Plötzlich sei Jesus am Ufer aufgetaucht, als sie sich gerade wusch und sah sie – nackt wie sie war. Er habe `Entschuldigung´ gestammelt, sei weggerannt und sei dann sehr verstört gewesen.

Ich glaube, er war damals schon einwenig verliebt in mich”, hatte Amita ihren Kindern gesagt. Devamitta lächelte: das muss genau hier gewesen sein. Er wartete bis Amisha zurückkam.

Na, alles wieder sauber?” fragte Devamitta. Manisha stutze: Hast du etwa...”

Keineswegs, Manisha, nein, keineswegs, ich bin ein Mönch und bin glücklich damit.” Dennoch wirkte sie etwas verstört. Als später Nilay zum Fluss ging, um sich zu waschen, erzählte er Manisha diese Anekdote. Jetzt musst auch sie lachen: Ich freue mich darauf deine Eltern eines Tages kennen zu lernen!”

Ja, Manisha, ich freue mich auch auf die Rückkehr. Die beiden sind die ungewöhnlichsten Menschen die ich kenne.”

Dann machte er eine kurze Pause: Aber Maharadesh und Ayyamitta sind ähnlich beeindruckend.”

Auf ihrem Weg nach Süden überquerten sie den Ganges in Pataliputra. Devamitta und der Kaufmann Nilay kannten die Stadt, aber für Manisha war die Großstadt etwas völlig Neues, niemals hätte sie geglaubt, dass es solche Metropolen gibt – und das obwohl die Stadt gar nicht wirklch zu den Metropolen zählte. Benares und Antioch waren weitaus größer, aber für ein Mädchen vom Lande war diese Stadt ebenso beeindruckend wie erschreckend. Und natürlich war auch die Überquerung des Ganges für das Mädchen ein großes Erlebnis. Selbstverständlich nahmen sie die Fähre, denn Nilay hatte Geld. In der Stadt übernachteten sie auch in einem Gasthaus, was für Manisha auch ein ganz neues Erlebnis war.

Von Pataliputra war es nicht weit bis zum Falgu-Fluss, an dem sie entlang nach Gaya gelangten - einer Stadt, die dadurch bekannt wurde, dass der Buddha weniger als 10 Meilen entfernt unter dem Bodhi-Baum sein Erwachen hatte. Sie erreichten diesen Platz im Wald, Bodh Gaya, an einem Abend. Es gab hier Häuser, in denen die buddhistischen Pilger übernachten konnten.

Am nächsten Morgen gingen sie gemeinsam zum Bodhi-Baum, wo bereits zahlreiche Pilger meditierten. Sie setzten sich dazu und genossen die innere Verbindung mit dem großen Heiligen, der hier vor 600 Jahren sein Erwachen hatte. Lediglich Nilays Meditation war an diesem Tag gar nicht gut - ganz oft öffnete er die Augen etwas, wenn er in der Nähe ein Geräusch hörte, denn er fürchtete unterbewusst, dass seine Enkelin auf genauso geheimnisvolle Art verschwinden könnte wie einst seine Schwester.

Etwa zwei Stunden später beendeten sie die Meditation. Sie suchten nach Nonnen, und wo immer sie solche sahen, erkundigten sie sich nach Ayya Karuna. Da die meisten Nonnen aber in Gruppen von weither angereist waren, um einmal im Leben unter den Bodhi-Baum zu meditieren, dauerte es eine Weile, bis sie fündig wurden. Devamitta hatte einen älteren Devotionalenhändler nach ihr gefragt, und der wusste:

Ayya Karuna kommt nur einmal im Jahr hierher, mit ihren Novizinnen. Ihr Kloster ist heißt `Ghora Katora´ und liegt am gleichnamigen See, etwa drei Tage von hier in der Nähe von Rājagṛha.”

Das ist ungefähr dort, wo mein Vater bei Amar Yadoo war!” wusste Devamitta.

Sie blieben noch drei Tage, um die Meditationen unter dem Bodhi-Baum zu genießen, dann machten sie sich auf den Weg. Am Abend des dritten Tages ihrer weiteren Wanderschaft, erreichten sie das Ufer des Sees Ghora Katora. Hier übernachteten sie. Am nächsten Morgen suchten sie das Kloster auf.

Am Eingang des Klostergeländes saßen vier Nonnen - drei davon meditierten, die vierte hielt Wache. Unsere drei Reisenden setzten sich in etwas dreißig Schritt Entfernung schweigend nieder - und machten der Wächterin damit klar, dass sie ein Anliegen vorzutragen hätten, sobald die anderen Nonnen ihre Meditation beendet hätten.

Sobald das der Fall war, informierte Devamitta die Wächterin, dass Manisha die Absicht hätte, Novizin zu werden. Er wollte aber zunächst mit Ayya Karuna sprechen.

Das ist schlecht möglich, Ayya Karuna ist eine vielbeschäftigte Frau, und sie unterhält sich eigentlich nie mit Männern.”

Nilay und Manisha waren schon ziemlich enttäuscht - doch Devamitta sagte: Teilen Sie bitte der Ehrwürdigen Ayya Karuna mit, dass ich eine Botschaft von Upekkhāloka für sie habe.”

Die Nonne nickte und ging ins Kloster zurück, um es auszurichten.

Wer ist Upekkhāloka?”, fragte Nilay.

Devamitta sah ihn ernst an: Ich soll diesen Namen niemals benutzen und habe ihn auch noch nie ausgesprochen, ihr beide solltet das auch nicht tun. Es ist der Ordensname meiner Mutter, als sie Nonne war.”

Und als die anderen ihn fragend ansahen, ergänzte er: Amita war, als sie Upekkhāloka hieß, hoch angesehen - man ging davon aus, dass sie Äbtissin eines großen Klosteres werden würde. Wenn jemand erfährt, dass sie den Nonnenstand aufgegeben und Kinder bekommen hat, könnte das ungünstigen Einfluss auf andere Nonnen haben.”

Bald darauf kam die Ehrwürdige Ayya Karuna.

Ich möchte mit Euch unter vier Augen sprechen”, bat Devamitta. Sie gingen etwa dreißig Schritte zur Seite, er stellte sich der Nonne mit seinem Ordensnamen vor.

Ayya Karuna fragte ihn: Ihr kennt Upekkhāloka? Sie hat unser Kloster vor langer Zeit verlassen und wir alle waren darüber bestürzt. Bislang sind wir davon ausgegangen, dass sie ein Opfer wilder Tiere oder wilder Männer geworden ist. Wenn wir aber nach so vielen Jahren eine Botschaft von ihr erhalten, dann scheint dem nicht so zu sein.”

Nein, Ehrwürdige Ayya Karuna. Amita, wie Upekkhāloka damals noch hieß, ich nehme an, ihr erinnert euch daran, war vor langer Zeit mit zwei Männern, einem Mönch und ihrem Bruder in Bodh Gaya, wo ihr sie abholtet.”

Das ist richtig, ich gehe immer einen Vollmond nach Vesakh mit meinen Novizinnen dorthin, dann ist es nicht so voll wie zu Vesakh vor allem sind dann nicht so viele Männer da. Am Morgen bevor ich damals dorthin ging, hatte ich eine Vision in meiner Meditation: Ich sah eine junge Frau unter dem Bodhi-Baum sitzen und hörte eine Stimme: `Geh und hole diese Frau, sie wird eine Nonne werden. Dies ist das Bedeutendste, was du in deinem Leben erreichen kannst.´ In der Tat fand ich dort Amita - sie sah genauso aus, wie in meiner Meditation und sie schien nur darauf zu warten, von mir abgeholt zu werden. Sagt, was ist aus ihr geworden?”

Devamitta sah ihr lange und bedeutungsvoll in die Augen, und Ayya Karuna erwiderte hoffnungsvoll den Blick. Natürlich wusste Ayya Karuna, dass sie nie einem Mann in die Augen blicken solle, und auch Devamitta wusste, dass er sie nicht so anblicken durfte, aber in diesem Fall konnte das nicht gelten. Schließlich erklärte er ihr: Es ist richtig, das ist wohl das Bedeutungsvollste, was ihr in diesem Leben gemacht habt, obwohl alles so völlig anders kam, als es alle Beteiligten erwartet hatten. Amita hatte von einem Mönch, der genau wie ich, Devamitta hieß, den Dharma gehört.”

Ich weiß, und sie war begeistert davon! Dieser Mönch wart aber nicht Ihr.”

Nein, das war ich nicht. Amita hat damals dann darauf bestanden, dass sie zusammen mit diesem Mönch nach Bodh Gaya geht.”

Ein Mönch und eine junge Frau, das ist doch völlig ... das geht doch gar nicht.”

Devamitta nickte: „Aber es ging, weil dieser Mönch einen anderen Mönch mitnahm und Amita ihren Bruder Nilay. Dieser Bruder Nilay ist der Mann mit dem ich hier bin.”

Die Nonne nickte und warf einen Blick auf Nilay, dann fragte sie: „Aber ihr Verschwinden, ihr Weggang aus dem Kloster?“

Sie hatte – wie Ihr – in der Meditation eine Vision, eine Vision über den Mönch, bei dem sie zuerst vom Dharma gehört hatte. Dieser Mönch hatte inzwischen versucht, die gute Lehre in einem fernen Land zu verbreiten, im Römischen Reich. Dafür wurde er zum Tode verurteilt und ans Kreuz genagelt. Nur durch Eingreifen der Götter wurde er gerettet - und kehrte zurück nach Bhārat Gaṇarājya. In ihrer Vision erfuhr Upekkhāloka, also Amita, dann, dass dieser Mann zurück ist und dass sie mit ihm gemeinsam eine Sangha neuen Typs aufbauen kann. Eine Sangha, die nicht aus Laienanhängerinnen und Laienanhänger besteht, nicht aus Mönchen, nicht aus Nonnen. Sondern eine Sangha, in der Männer und Frauen immerdar den Dharma praktizieren, gemeinsam an der Überwindung von Gier, Hass und Verblendung arbeiten.”

Und dorthin ist sie als Nonne gegangen?”

Nein, um mit diesem Mann, dem ehemaligen Mönch Devamitta, heute heißt er Yuz, die Sangha zu leiten, nahm sie ihren Namen Amita wieder an.”
Um Himmels Willen, ist sie etwa mit diesem Mann ... sind die beiden etwa ein Paar geworden?”

Ja, Ehrwürdige Ayya Karuna, die beiden sind ein Paar geworden, man nennt sie in Kaschmir das `heilige Paar´, und sie haben drei Kinder. Ich bin ihr Sohn!”

Ayya Karuna war sehr verstört - doch dann sagte sie: Aber Ihr seid wenigstens wieder Mönch geworden!”

Ja, weil ich den Dharma von klein auf von meinen Eltern und in unserer Dharmaschule vermittelt bekommen habe!”

Und deine Geschwister?”

Die klügste von uns drei Kindern, hat ihererseits geheiratet, sie wird eines Tages die Leitung der Mettā-Sangha übernehmen. Meine andere Schwester, Maria, wäre auch gern Nonne. Ich werde zur Mettā-Sangha zurückkehren und ganz in der Nähe ein Kloster errichten, damit junge Männer aus der Mettā-Sangha Mönch werden können, wenn sie das wollen!”


Ein neuer Anfang: Manisha wird zur Novizin

Das ist sehr löblich von euch, Devamitta!”

Meine Schwester Maria wäre auch gern Nonne - das aber ist in Kaschmir nicht möglich. Würde sich aber eine andere Nonnen bei uns ansiedeln, dann könnte dort auch ein Nonnenkloster entstehen und meine Schwester dort eintreten. Und jetzt kommt diese junge Frau ins Spiel: Sie ist die Enkelin von Nilay, sie möchte Nonne werden und sie ist bereit, später ein Kloster in der Mettā-Sangha zu gründen. Dann hätten auch junge Frauen aus der Meta-Sangha die Möglichkeit Nonne zu werden. Und auch meine Schwester Maria. Auf diese Art würde sich das vollenden, was damals begann, als Ihr Eure Vision davon hattet, Amita unter dem Bodhi-Baum zu finden.”

Ich muss euch etwas gestehen, Devamitta, ich hatte heute morgen zum ersten Mal seit damals wieder eine solch starke Vission, mir ist ein Deva erschienen und hat gesagt: `Heute kannst du damit beginnen, das zu vollenden, was du vor vielen Jahren unter dem Bodhi-Baum begonnen hast.´

Sie unterhielten sich noch etwas, schließlich fragte Ayya Karuna: Wie soll Manisha schließlich von hier zur Mettā-Sangha kommen?”

In drei Jahren werdet Ihr mit Euren Novizinnen wieder in Bodh Gaya sein - Ihr habt dann eine junge Nonne bei Euch. Nilay und ich werden sie abholen und zur Mettā Sangha bringen.”

Was natürlich gegen die Nonnenregeln ist”, stellte Ayya Karuna fest.

Natürlich”, sagte Devamitta, manchmal muss man gegen die Regeln verstoßen, damit der Geist der Regeln eingehalten wird. Hätte Upekkhāloka nicht gegen die Regeln verstoßen, gäbe es weder mich noch die Mettā-Sangha. Und hätte der Buddha nicht gegen die Regeln verstoßen, so wäre niemals eine Nonne ordiniert worden.”

Wir sehen uns in drei Jahren, am Vollmond nach Vesakh, Devamitta.”

Wir sehen uns in drei Jahren, am Vollmond nach Vesakh, Ayya Karuna.”

Nachdem sie sich von Manisha verabschiedet hatten, traten Devamitta und Nilay die Heimreise an. Hier besprachen sie, in welcher Weise Nilay die kommenden drei Jahre nutzen sollte, um bei denen, die den Dharma kannten, bei Freunden und bei Kaufleuten für das Projekt `Auf zur Mettā-Sangha´ zu werben.

So hatte jeder der drei etwas zu tun: Nilay informierte Anhänger des Buddha über die Mettā-Sangha, Devamitta kopierte eifrig den Pāḷi-Kanon und Manisha wurde zu Karunadakini3 (Bhikkhunī Manisha).


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Fußnoten

1 Die Lehre, die am Anfang gut ist, in der Mitte gut ist und am Ende gut ist“, ist eine Bezeichnung für den Dharma, den der Buddha verwendete. Natürlich wusste das Salita nicht, aber Nilay und Amisha verstanden es sehr wohl.

2 Der blaue Lotus (Utpala) steht für Ausdauer, Weisheit und innere Beständigkeit. Diese Blume symbolisiert die Fähigkeit, die eigene Wahrnehmung und die Kontrolle über Körper und Geist zu meistern. Die Blüte ist ein Symbol für den ständigen Fortschritt auf dem Weg zu innerer Ruhe und spiritueller Erleuchtung, wobei sie für Klarheit und Konzentration steht.

3 Karunadakini bedeutet soviel wie „Engel des Mitgefühls“. Normalerweise werden Mönche und Nonnen mit ihrem Ordensnamen angeredet, ihr früherer bürgerlicher Name wird nicht mehr verwendet, was soviel bedeutet wie, dass sie in ein neues Leben eingetreten sind mit einer neuen Identität. Um die Leser/innnen nicht zu verwirren, verwenden wir in diesem Buch jedoch ihre alten bürgerlichen Namen für die von nun an als Mönch oder Nonne ordinierte Personen weiter, versehen diesen aber mit dem Zusatz Bhikkhu (= Mönch) bzw. Bhikkhunī (= Nonne).



Erläuterungen

Antioch – war eine der Hauptstädte des Seleukidenreiches, Neugründung im Jahre 300 v.u.Z. (nach einem Erdbeben). Die Stadt heißt heute Antakya und liegt im äußersten Süden der Türkei an der syrischen Grenze (nahe Aleppo). 64 v.Chr. verleibte sich das Römische Reich die Reste des Seleukidenreiches ein, Antioch wurde zur Hauptstadt der Provinz Syrien (neben Ägypten die reichste Provinz des Römischen Reiches). Zu Jesu Zeiten hatte Antioch 500.000 Einwohner und war damit eine der vier größten Städte des Reiches (neben Rom, Alexandria und Karthago).

Benares(heute: Varanasi im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die bisauf das 11.Jh. v.u.Z. Zurückgeht). Es ist die Stadt, wo der Buddha erstmals den Dharma darlegte. Sie gilt als spirituelle Hauptstadt Indiens und zieht nochheuteunzählige Hindu-Pilger an, die hier im heiligen Wasser des Ganges baden und Bestattungsrituale vornehmen. In den gewundenenStraßen derStadt liegen rund 2.000 Tempel.

Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha seine Erleuchtung erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)

Bodhi – siehe Erwachen

Bodhi-Baum - Baum, unter dem der Buddha saß, als er „erwachte“, also zur Zeit seiner Erleuchtung

Brahmāeiner der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als derSchöpfer. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott.

Brahmaneneine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen

Brahmanismusindische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. DerB.heute als Hinduismus bezeichnet.

Devas – „Götter“ im Hinduismus und Buddhismus, etwa vergleichbar mit den Engeln im Judentum, Christentum und Islam

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. DasWortbedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Dīgha Nikāya - Die Sammlung der längeren Lehrreden, sie enthält die 34 längsten Lehrreden des Buddha.

Erwachen – andere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale Leidhaftigkeit, Vergänglichkeit und Ichlosigkeit völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.

Erwachter – die deutsche Übersetzung von “Buddha”

Guruspiritueller Lehrer und/oder Anführer

Majjhima Nikāya = Mittlere Sammlung, in diesem Teil des Pāḷi-Kanons sind die mittellangen Lehrreden des Buddha zusammengestellt, 152 Stück an der Zahl

Meru – dieser Berg bildet gemäß der hinduistischen, jainistischen und der buddhistischen Kosmologie den Weltenberg im Zentrum des Universums.

Mettā(Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung,(nichterotische)Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das,was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) füreineneutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen. 

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

PāḷiPāḷi ist eine Schriftsprache, in der in erster Linie buddhistische Texte niedergeschrieben sind, sie wurde vom 6. Jhd. v. u. Z. bis zum 10 Jhd. u. Z. verwendet (mittelindische Zeit), ältere Texte sind altindisch, die zuständige Schriftsprache ist Sanskrit. Es wird angenommen, dass Pāḷi aus dem Dialekt Magadhi abgeleitet wurde, dem Dialekt, der in Maghada, gesprochen wurde, einem der nordindischen Staaten, in dem sich der Buddha oft aufhielt. Das Wort Pāḷi bedeutet „Textzeile“, woraus schon deutlich wird, dass es sich um eine typische Schrift­sprache handelt.

Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u.a. die Lehrreden des Buddha enthalten.

Pataliputra Die Stadt (das heutige Patna) an der Mündung des Son in den Ganges wurde zu Buddhas Zeit von König Ajatasattu (unter dem namen Pataligama) gegründet worden. Ajatasattus SohnUdayin machte sie dann zur Hauptstadt des Königreiches Maghada. Sowohl der Buddha als auch Mahavira besuchten die Stadt mehrfach und im Jahr 253 v.u.Z. fand hier dasdritte buddhistische Konzil statt.

Prakrit (Sanskrit: prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischenSprachen,die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundertv. Chr.bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen.

Rājagṛha – zu Buddhas Zeiten die Hauptstadt des Königreichs Maghada. Hier fand kurz nach Buddhas Tod das erste buddhistische Konzil statt. Heute ist die 50.000 Einwohner zählende Stadt relativ unbedeutend, sie heißt jetzt Rajgir und liegt im indischen Bundesstaat Bihar. In unmittelbarer Nähe lag die größte buddhistische Universität, wo gleichzeitig etwa 15.000 Studierende von 1000 Professoren unterrichtet wurden (Diese Zahlen beziehen sich aufs 5. Jhd. u.Z.)

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der SchülerinnenundSchüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)

Sanskrit – eine altindische Schriftsprache, die um 1500 v.u.Z. entstand, um dieVeden,die heiligen Texte des Hinduismus niederzuschreiben.

Śiva – (sanskrit: Glückverheißender) ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. Als Bestandteil der „hinduis­tischen Trinität“ (Trimurti) mit den drei Aspekten des Göttlichen, also mit Brahma, der als Schöpfer gilt, und Vishnu, dem Bewahrer, verkörpert Śiva das Prinzip der Zerstörung. Außerhalb dieser Trinität verkörpert er Schöpfung und Neubeginn ebenso wie Erhaltung und Zerstörung.

Veden – heilige Schriften des Hinduismus. Die vier klassischen Veden sind Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharveda. Alle hinduistischen Religionen akzeptieren die Unantastbarkeit dieser vier Veden, jedoch rechnen einzelne Glaubensrichtungen individuell oft noch weitere Schriften hinzu.

Vesakh - erinnert an die Geburt und das Erwachen des Buddha. Es richtet sich nach dem Mondkalender und wird bei Vollmond im Mondmonat Vesakh gefeiert, das ist im April oder Anfang Juni.

Viṣṇu - (sanskr.; sprich: Wischnu) ist eine der wichtigsten Formen des Göttlichen im Hinduismus und kommt bereits in den Veden vor. Er gilt als das bewahrende Prinzip.


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