Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 14                                letztmals bearbeitet am 27.03.2026
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14 - Der Onkel und die Ordination


Der doppelte Nilay

Ein halbes Jahr später war es so weit: Nilays Ordination stand an. In den vergangenen sechs Monaten hatte Nilay nachmittags mit Viryakirti in der Schreibstube gearbeitet, wobei ihm das Schreiben flinker von der Hand ging als dem alten Mann. So kam es, dass während Viryakirti eine Seite schrieb, Nilay diese insgesamt zweimal abschrieb – einmal fürs Kloster Weiße Wolke und einmal für die Mettā-Sangha.

Vormittags unterrichtete Nilay die Novizen zusammen mit Gossananda, wobei die beiden Lehrer auch voneinander lernten. Nilay lernte die systematische Herangehensweise an ein Themenfeld, um es tiefer zu durchdringen, während Gossananda die spielerische Leichtigkeit von Nilay übernahm, der so unterrichtete, wie er es aus der Mettā-Sangha gewohnt war.

Zwei Tage vor dem Ordinationstermin geschah etwas Außer­gewöhnliches. Nilay ging gerade am Eingang des Klosters vorbei, da sah er ihn! Er unterhielt sich mit Nagamuni, dem Mann, der Unterricht für Laien abhielt. Nilay stutzte - es war ihm, als würde er in einen Zerrspiegel schauen, einen Spiegel, der ihm seinen eigenen Körper um 30 Jahre gealtert vorzeigte. Als der andere ihn erblickte, stutzte auch der. Nilay ging auf den Älteren zu. Nun bemerkte auch Nagamuni die Ähnlichkeit der beiden, er sah verstört von einem zum anderen.

Nilay fasste sich als erster und sprach den Älteren an: Nilay, lass uns ein paar Schritte gehen.”

Der Ältere folgte ihm, dann fragte dieser: Woher wusstest du, dass ich Nilay heiße? Und wer bist du?”

Ich kenne dich von klein auf. Meine Mutter hat oft von dir erzählt. Mein Name ist übrigens Nilay.”

Wie?”, fragte jetzt der Ältere, du siehst nicht nur aus wie ich, du heißt auch noch so?” - In diesem Moment fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Amita ist deine Mutter!”

Der Jüngere lächelte: Ja, Onkel Nilay, so ist es. Als ich zur Welt kam und mich meine Eltern sahen, wussten sie, dass sie mich Nilay nennen würden, nach dir!”

Wer ist dein Vater? Ich dachte immer, Amita wäre Nonne geworden.”

Ist sie auch, damals in Bodh Gaya, sie macht sich übrigens noch heute Vorwürfe, weil sie dich damals im Stich gelassen hat.”

Der ältere Nilay zuckte die Achseln: Ich hatte es irgendwann überwunden - aber wenn sie doch Nonne war...”

Sie war zehn Jahre Nonne, dann hat sie eine Vision gehabt und das Kloster verlassen. Sie ist nach Kaschmir gegangen und hat dort Jesus wiedergetroffen.”

Jesus? Wer ist das? Ist das ihr Mann?

Du kanntest ihn unter dem Namen Devamitta...”

Die beiden hatten sich selbstverständlich viel zu erzählen, während sie im Klostergarten auf- und abgingen. Schließlich fragte der Jüngere der Beiden: Onkel Nilay, was hat dich heute eigentlich hierhergeführt?”

Weißt du Devamitta, ich war doch zusammen mit Amita früher in dem Dharma-Kurs, den dein Vater abhielt. Nach Amitas Verschwinden damals in Bodh Gaya hat Aryamitta dafür gesorgt, dass dein Vater nur noch die etwas erfahreneren Männer unterrichtete, Nagamuni unterrichtete alle anderen. Ich kam einige Zeit gar nicht mehr, weil ich durch das Verschwinden Amitas erhebliche Probleme mit meinen Eltern hatte, denn ich wollte ja auf der Reise nach Bodh Gaya auf sie aufpassen. Es dauerte mindestens ein halbes Jahr, bis ich wieder an den Kursen deines Vaters teilnahm. Aber wir waren dann eigentlich keine Freunde mehr- Amitas Verschwinden stand zwischen uns. Devamitta - also dein Vater - war jetzt nurmehr mein Lehrer. Als er dann das Kloster verließ, übernahm Nagamuni auch den Gesprächskreis der erfahrenen Männer. Dem gehöre ich bis heute an, es ist meine Dharma-Anbindung. Nagamuni ist mein Ansprechpartner und mein spiritueller Berater. Heute habe ich ihn aufgesucht, um ihn etwas zu fragen. Meine Frau ist seit einiger Zeit krank - und da wollte ich ihn bitten, ein Ritual zu machen, um ihr zu helfen. Er sagt aber, dass das keinen Sinn hat, weil sie keine Zuflucht zu Buddha, Dharma und Sangha genommen hat.”

Nilay sah seinen Onkel eine Zeit lang an - schließlich bot er ihm an: Wenn du möchtest, kann ich ein Ritual durchführen, zunächst muss ich aber etwas über eure Familie und auch über die Eltern und Geschwister deiner Frau erfahren. Ist ihre Krankheit sehr ernst?”

Wir haben nicht nur den hiesigen Arzt konsultierte, sondern auch einen Heiler aus den Bergen kommen lassen. Beide haben uns gesagt, dass die Krankheit unheilbar ist. Der Arzt meinte, sie habe nur noch ein halbes Jahr, der Heiler sprach von bis zu zwei Jahren, aber dann mit erheblichen Schmerzen.”

Ich werde ein Ritual vollziehen, dass zwar ihre Krankheit nicht verschwinden lässt, aber ihr Zuversicht gibt.

Onkel Nilay freute sich über das Angebot seines Neffen und gab ihm die gewünschten Informationen.

Aryamitta blickt durch

Während Nilay und sein Onkel Nilay im Klostergarten unhergingen, sah sie aber noch einer, und zwar Aryamitta. Erst wollte er seinen Augen nicht trauen - doch dann erschlossen sich ihm alle Zusammenanhänge. Das Geheimnis des Nilay, das ihm bisher rätselhaft erschien, hatte sich mit einem Mal gelüftet: Nilay war kein anderer als der Sohn seines früheren Freundes und Mönches Devamitta. Jetzt war ihm alles klar. Er aber, Aryamitta, beschloss, das Versteckspiel weiter mitzumachen.

Die Ordination

An einem Uposatha fand dann die feierliche Ordination von insgesamt drei Novizen statt. Ein junger Mann war drei Jahre Novize gewesen, einer sieben Jahre - und der dritte war Nilay. In einer feierlichen Zeremonie wurden die drei, einer nach dem anderen, von Aryamitta in den Orden aufgenommen, als letzter Nilay.

Und nachdem Nilay gesalbt worden war und die traditionellen Verse auf Pāḷi rezitiert worden war, verkündete Aryamitta mit fester Stimme, während er Nilay in die Augen sah: Willkommen im Orden des Buddha, Mönch Devamitta!”

Nilay/Devamitta zuckte zusammen, als er den früheren Ordensnamen seines Vaters hörte und er starrte Aryamitta ungläubig an. Er sah seinem Abt an, dass dieser seine Identität kannte. Und Aryamitta sah, das Devamitta das wusste.

Die beiden haben allerdings auch in den folgenden Jahren nie darüber gesprochen.


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Erläuterungen
Benares(heute: Varanasi im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die bisauf das11.Jh. v.u.Z. Zurückgeht). Es ist die Stadt, wo der Buddha erstmals den Dharma darlegte. Sie gilt als spirituelle Hauptstadt Indiens und ziehtnochheuteunzählige Hindu-Pilger an, die hier im heiligen Wasser des Ganges baden und Bestattungsrituale vornehmen. In dengewundenenStraßen derStadt liegen rund 2.000 Tempel.

Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha seine Erleuchtung erreichte. Das Wortist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)

Bodhisattva – Figur im Mahāyāna-Buddhismus. Bodhisattvas sind Wesen, die Erleuchtung nicht nur für sich selbst anstreben,sondern zum Wohl aller Wesen. (Im Theravāda wird das Wort nur für den späteren Buddha vor seiner Erleuchtung verwendet.)
Brahmāeiner der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als derSchöpfer. Der Buddhismus kenntkeinen Schöpfergott.

Brahmaneneine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen

Brahmanismusindische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. DerB.heuteals Hinduismus bezeichnet.

Buddha – wörtlich: Erwachte/r; eine Person, die das Ziel des Buddhismuserreicht hat und damit befreit ist von den Fesseln des Ichglaubens.

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha.DasWortbedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Mettā(Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen,Zuneigung,(nichterotische)Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet,denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es istdas,wasbeispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3)füreineneutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen. 

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

PāḷiPāḷi ist eine Schriftsprache, in der in erster Linie buddhistische Texteniedergeschrieben sind, sie wurde vom 6. Jhd. v. u. Z. bis zum 10 Jhd. u. Z. verwendet (mittelindische Zeit), ältere Texte sindaltindisch, die zuständige Schriftsprache ist Sanskrit. Es wird angenommen, dass Pāḷi aus dem Dialekt Magadhi abgeleitet wurde, dem Dialekt, der inMaghada, gesprochen wurde, einem der nordindischen Staaten, in dem sich derBuddha oft aufhielt. Das Wort Pāḷi bedeutet „Textzeile“, woraus schon deutlich wird, dass es sich umeine typische Schrift­sprache handelt.

Pāḷi-Kanon – älteste Schriftensammlung des Buddhismus, hier sind u.a. dieLehrreden des Buddha enthalten.

Pataliputra Die Stadt (das heutige Patna) an der Mündung des Son in den Ganges wurde zu Buddhas Zeit von König Ajatasattu (unter dem namen Pataligama) gegründet worden. Ajatasattus SohnUdayinmachte sie dann zur Hauptstadt des Königreiches Maghada. Sowohl der Buddha als auch Mahavira besuchten die Stadt mehrfach und im Jahr 253 v.u.Z. fand hier dasdrittebuddhistische Konzil statt.

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der SchülerinnenundSchülerdes Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)

Uposatha – heißt wörtlich Fastentag. Alle sieben Tage ist Fastentag: beiNeumond, bei Vollond und bei Halbmond (es galt der Mondkalender). An diesen Tagen waren die Laienanhänger der Jains dazu aufgerufen zuleben wie die Mönche an den übrigen Tagen, die Mönche aber fasteten. Die Regeln bei den Buddhisten sind anders, dort sollen zwardie Laien auch enthaltsam leben und auf alle Unterhaltung (Musik, Gesang, Theater) verzichten. Die Mönche machen an diesem Tag das“Eingeständnis von Fehlern”, eine Art Beichte.


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