Horst Gunkel, Band 4 der Metta-Sangha-Saga: Nilay - der Sohn Jesu - Kapitel 12                                       letztmals bearbeitet am 11.03.2026
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12 - Auf Jesu Spuren in Pataliputra


Die Suche nach der Wahrheit

Der Weg von Benares nach Pataliputra war in zehn Tagen zu schaffen. Das war für Nilay inzwischen keine große Entfernung, und es ging ja auch immer entlang des Ganges. Wie er von seinem Vater wusste, war dieser mehrere Jahre hier in Pataliputra gewesen. Er hatte in dieser Zeit bei einer Brahmanenfamilie gelebt, die ihn in die Veden eingeweiht hatte, da sich Jesus als einen Rabbiner ausgegeben hatte, was diese Brahmanen für die jüdische Variante der Brahmanenkaste hielten. Nur die Brahmanen durften nämlich die Veden studieren. Jesus hatte dann aber auch Angehörige der unteren Kasten heimlich in die Veden eingeführt, wobei er darauf geachtet hatte, dass er ihnen nur Geschichten erzählte, die nicht im Widerspruch zu seinem eigenen Glauben standen. Es waren meist Geschichten, die eine bestimmte Moral, eine ethische Richtschnur vermittelten.

Als das herausgekommen war, hatten die Brahmanen ihn verfolgt und Jesus musste fliehen, weil die man ihm nach dem Leben trachtete. Nilay andererseits war von zuhause weggegangen, um die Welt kennen zu lernen. Ihn interessierte ganz besonders, wie diese Brahmanen die Geschichte der Ereignisse um seinen Vater darstellten. Er hatte sich lange überlegt, wie er es anstellen könnte, bei den Brahmanen zu recherchieren, ohne selbst in Gefahr zu kommen oder seinen Vater in Gefahr zu bringen. Er hatte eine Idee und war bereit, genau die Leute aufzusuchen, bei denen Jesus früher gelebt hatte.

Er wusste, dass zwei Männer - Rahul und dessen Sohn Navin - damals Priester des Brahma-Tempels (einer der drei Großen Tempel von Pataliputra) waren. Er machte also den Tempel in der Stadt ausfindig und erkundigte sich, wo es in der Nähe eine Herberge gab. Weniger als 200 Schritte vom Brahmatempel entfernt mietete er sich ein. Die ersten Nacht kostete drei Kupfermünzen, sagte ihm der Wirt, die nächsten beiden Nächte zusammen drei Kupfermünzen und wenn Ihr länger bleibt, jede weitere Nacht noch eine Münze. Er stellte fest, dass diese Herberge der in Taxila recht ähnlich war, auch hier gab es im Erdgeschoss einen Schankraum, in dem kalte und warme Mahlzeiten angeboten wurden.

Am späten Nachmittag stattete er dem Tempel einen Besuch ab. Er hielt sich einige Zeit dort auf und setzte sich in die Nähe einer Statue, die den Schöpfergott Brahma darstellte, nieder - und betrachtete diese eine Zeit lang. Dann versenkte er sich in eine Meditation.

Nach einiger Zeit hatte er den Eindruck, beobachtet zu werden, also beendete er seine Meditation und machte drei Nieder­werfungen vor der Brahmafigur. Danach stand er auf, drehte sich um und sah dem Mann ins Gesicht, der ihn beobachtet hatte - offensichtlich ein junger Brahmane, kaum älter als er selbst. Nilay grüßte ihn. Dieser erwiderte den Gruß und fragte dann: „Es ist schön einen so ernsthaft praktizierenden jungen Mann zu sehen. Allerdings wundert es mich, denn ich kenne Euch nicht, seid Ihr womöglich auf der Durchreise?“

Ja, das habt Ihr richtig erkannt. Ich komme von weit her und möchte mehr über meinen Vater herausbekommen - ihn womöglich sogar finden. Meine Mutter wurde mit ihm verheiratet und er zeugte mich. Aber ich war noch keine zwei Jahre alt, da verließ er uns und ich habe seitdem nichts mehr von ihm gehört. Allerdings hat mir meine Mutter viel von ihm erzählt. So habe ich mich vor vielen, vielen Monden auf den Weg gemacht, ihn zu finden.“

Wo seid Ihr denn her?“, wollte der junge Brahmane wissen.

Ich komme weit aus dem Süden, aus Kerala.“

Und wieso sucht Ihr gerade hier nach ihm?“

Ich suche überall dort, wo er sich einmal aufgehalten hat, um Näheres über ihn zu erfahren, zuletzt war ich in Benares bei Maharadesh!“

Oh, bei dem großen Meditationsmeister! Jetzt verstehe ich, warum Ihr hier meditiertet. Was habt Ihr dort getan, habt ihr etwas über Euren Vater herausgefunden?“

Leider nichts, was ich nicht schon wusste, aber ich habe die Gelegenheit genutzt, mich bei ihm in die unkörperlichen Vertiefungen einführen zu lassen, wie das auch mein Vater tat.“

Donnerwetter, in die unkörperlichen Vertiefungen! Das ist starker Tobak, das ist ganz hohe Kunst, alle Achtung! Sagt, wie kann ich euch helfen?“

Jetzt war Nilay durch diese Unterhaltung dahin gekommen, wo er hin wollte, also eröffnete er dem Brahmanen: „Ich suche die Brahmanen mit denen er Kontakt hatte,. Das dürfte aber schon über 30 Jahre her sein, einen gewissen Rahul und seinen Sohn Navin.“

Rahul ist schon lange verstorben, aber Navin gehört zu den drei Brahmanen, die diesen Tempel leiten, er ist sogar der Älteste unter ihnen...“

An dieser Stelle stockte dem Brahmanen der Atem und er sah Nilay entsetzt an: „Seid ihr etwa der Sohn von diesem Jesus von Nazareth?“

Nilay sah betreten zu Boden: „Ja, ich gestehe es - aber er ist aus meinem Leben und dem meine Mutter auf genauso unwürdige Weise verschwunden, wie er hier verschwand. Ich aber möchte alles über ihn wissen und versuchen ihn dann zu finden. Glaubt Ihr nicht auch, er muss für seine Taten zur Rechenschaft gezogen werden?“

Unbedingt!“ pflichtete der Brahmane ihm bei, bevor er ergänzte: „Ich werde Navin davon in Kenntnis setzen. Seid morgen zur dritten Stunde hier. Ich werde dafür sorgen, dass Navin auch kommt.“

Ihr sein mir eine große Hilfe, vielen Dank, mögen die Götter Euch allzeit wohlgesinnt sein!“, bedankte sich Nilay.

Dann ging er in seine Herberge zurück, aß etwas und legte sich dann auf sein Lager, um nachzudenken. Er wusste, dass er nicht recht gesprochen hatte, dass er nicht die Wahrheit gesagt hatte - und dass er darüber hinaus auch noch schlecht über seinen Vater gesprochen hatte. Aber er wollte alles wissen - auch das, was die Gegner seines Vaters von ihm erzählten, wie sie sein Wirken empfanden. `Erst wenn ich meinen Vater aus allen Blickwinkeln betrachtet habe, auch aus dem seiner Gegner, kann ich mir ein vollständiges Bild machen. Bisher hat sich herausgestellt, dass er ein phantastischer Mensch ist, so wie ich ihn kenne. Aber ich möchte alles über ihn wissen. Alles!´


Nilay lost einen ungeklärten Kriminalfall

Am nächsten Morgen zur angegebenen Zeit begab sich Nilay wieder in den Tempel. Als er diesen betrat, standen drei Brahmanen beieinander: Hema, derjenige mit dem Nilay tags zuvor gesprochen hatte, ein alter Mann, der wohl  schon 70 Jahre alt sein mochte, und einer in mittleren Jahren, Nilay schätzte ihn auf etwa 40. Hema machte sie miteinander bekannt: „Das hier ist Navin, der oberste Herr dieses Brahma-Tempels und das ist Nadi, sein Sohn, der auch zu den drei leitenden Brahmanen dieses Tempels gehört, er war noch ein Kind, als Euer Vater hier war.“ Die beiden machten eine angedeutete Verbeugung - ihr Gesicht drückte allerdings Missfallen aus.

Und dieser junge Mann ist Nilay aus Kerala, der Sohn des Jesus von Nazareth.“ Nilay machte eine tiefe Verbeugung vor den beiden Brahmanen, dann sagte er: „Ich weiß, dass mein Vater einige Jahre bei Euch wohnte und dann große Ungemach über Euch brachte - das bedaure ich sehr. Leider habe ich keine eigene Erinnerung an Jesus, denn er verließ meine Mutter und mich, als ich noch ein kleines Kind war. Ich kenne ihn nur aus den Erzählungen meiner Mutter, die wiederum über die Zeit, bevor sie ihn traf, nur das wusste, was er ihr erzählt hatte. Man muss wohl davon ausgehen, dass ich recht einseitig informiert bin. Ich möchte mir gern ein vollständiges Bild von ihm machen, daher suche ich die Leute auf, die ihn kannten.“

Nachdem man sich gesetzt hatte erklärte Navin: „Wir haben zwei sehr unterschiedliche Eindrücke von Jesus gehabt. Er kam und half uns bei der Renovierung unseres Hauses. Er bat dafür in die Veden eingeführt zu werden. Wir brachten ihm die Sanskrit-Schrift bei und studierten gemeinsam die Veden, dabei haben wir ihn wie einen Brahmanen behandelt, denn er stammte aus der Priesterkaste der Juden, hatte er erklärt.“

Nadi ergänzte: „Wir fanden ihn ganz toll, er spielte mit uns Kindern und hatte eine sehr freundliche Art. Wir mochten ihn sehr und er unternahm auch einiges mit uns, ließ uns sogar kleine Arbeiten beim Hausumbau verrichten.“

Jetzt übernahm Navin wieder: „Aber eines haben wir ihm völlig klar gemacht: Nur wir Brahmanen dürfen die Veden verkünden, und zwar vor allem den Katriyas, dem Adel, bei manchen Veranstaltungen sind auch Vaiśyas zugelassen - aber unter keinen Umständen die unwürdigen Śūdras oder gar die Dalits. Und obwohl ihm das klar war, hat sich Jesus heimlich mit Vaiśyas und Śūdras getroffen und hat ihnen die Veden dargelegt - er hat gewissermaßen Perlen vor die Säue geworfen und damit die heiligen Schriften entweiht.”

Nilay nickte: Das ist sicher ein grober Vertrauensbruch, das hätte er nicht tun dürfen.”

Zumal er vorgegeben hatte, die Veden studieren zu wollen, weil er alle heiligen Schriften studieren wollte, um zu sehen, was für die Juden in Palästina hilfreich sein könnte. Vermutlich ist er aber nie dorthin zurückgekehrt, wenn er vor nicht einmal 20 Jahren euch hier gezeugt hat!”

Da muss ich dagegenhalten, er ist tatsächlich zunächst zurückgegangen nach Palästina und hat dort seine Lehre von Brahma verkündet, allerdings gab es dort ähnliche Probleme wie hier bei euch. Die Rabbiner waren erzürnt, und er wurde zum Tode durch Kreuzigung verurteilt.”

Und warum wurde das Urteil nicht vollstreckt?”

Es wurde ja vollstreckt, er wurde gekreuzigt, dann hieß es, sein Tod sei festgestellt worden und man hat ihn zu Grabe getragen.”

Das verstehe ich jetzt nicht, wunderte sich Nadi, wie konnte er dann später Euch zeugen?”

Da kommt wieder seine Erfahrung hier aus Bhārat Gaṇarājya zum Tragen. Er war nämlich gar nicht weit von hier bei einem Guru namens Amar Jadoo, und hat dort die Kunst gelernt, wie man lebendig begraben werden kann und Tage später wieder gesund aus dem Grab geholt wird!”

Er war bei Amar Jadoo! Bei diesem Scharlatan! Das erklärt alles!” ereiferte sich jetzt Navin und ergänzte: Das ist dem Amar Jadoo aber gar nicht gut bekommen. Etwa zwei Jahre nachdem Euer Vater von hier geflohen war, trat Amar Jadoo mit seinen Fakirkünsten auch hier in Pataliputra auf. Er wollte auch hier sein eigenes Begräbnis überleben und nach drei Tagen wieder ausgegraben werden. Allerdings hat er es nicht überlebt.”

Nunmehr staunte Nilay: Das wusste ich nicht. Was ist denn passiert.”

Nun - wenn er begraben ist, braucht er ja wohl eine minimale Menge an Luft aus dem Erdreich. Das geht natürlich nur bei trockenem Boden. Am Morgen des dritten Tages entdeckte man allerdings eine große Menge Wasser an der Stelle, an der er begraben war - und das war außerhalb der Regenzeit! Es stellte sich heraus, dass jemand in der Nacht mindestens 20 Eimer Wasser auf das Grab geschüttet hatte, offensichtlich um ihn zu töten. Der Täter wurde nie gefunden. Es war auch völlig unerklärlich wie jemand davon wissen konnte, dass Wasser in einem solchen Fall tödlich ist!”

Nilay machte große Augen - und dann entfuhr es ihm: Ich glaube, ich weiß, wer der Mörder ist!”

Doch nicht etwa Jesus?” fragten die Brahmanen fast gleichzeitig.

Nein, ganz sicher nicht. Aber die Sache mit dem Wasser hat ein Vorspiel. Amar Jadoo und Jesus hatten gemeinsam an dem Trick gearbeitet. Amar Jadoo hatte eine gewisse Erfahrung darin, und Jesus wollte es auch erlernen. Vermutlich weil er so hoffte, seiner späteren Hinrichtung entgehen zu können, er muss da so eine Vorahnung gehabt haben.”

Jetzt wird´s spannend! Erzähle uns, was du davon weißt, Nilay!”

Die Übung sollte erstmals aufgeführt werden in Rājagṛha, also in der Stadt bei der Amar Jadoos Ashram war. Eigentlich war Jesus dafür vorgesehen, sich begraben zu lassen, er hatte das ja monatelang geübt. Dann erschien plötzlich ein reicher Fremder und bot eine hohe Summe, wenn der Meister selbst - also Amar Jadoo - statt Jesu begraben würde. Diese Einnahme wollte sich der Guru nicht entgehen lassen. Er wurde also eingegraben. Man erwartete in ein bis zwei Wochen die Regenzeit. In der zweiten Nacht war es - glaube ich - da zog plötzlich ein schweres Wetter auf. Offensichtlich setzte die Regenzeit früher ein. Jesus befahl, den Meister sofort auszugraben, da er wusste, dass der Regen ihn töten würde. Mit einigen weiteren schafften sie es gerade noch rechtzeitig Amar Yadoo auszugraben und zu reanimieren.”

Und wieso wollt ihr dann wissen, wer der Mörder Amar Yadoos Jahre später war?”

Amar Yadoo hatte einen persönlichen Diener. Dieser hatte sich jedoch geweigert, den Guru auszugraben, weil der dazu keine Anweisung gegeben hatte. Dieser Diener war ausgesprochen dumm: er hätte seinen Meister sterben lassen, um gegen keine seiner Regeln zu verstoßen. Am nächsten Tag ließ sich Amar Yadoo das Geschehene zunächst von seinem Diener erzählen, dann von Jesus - der seinen Guru bei dieser Gelegenheit auch bat, den Ashram verlassen zu dürfen. Dem stimmte Amar Yadoo zu. Anschließend entließ der Guru seinen Diener und verbot allen seinen Anhängern, jemals wieder mit dem entlassenen Diener zu reden. Der ging dann verbittert weg.”

Ja, das macht Sinn, der Diener war verbittert, er hasste seinen ehemaligen Guru. War er vorher der durchaus angesehene Vertraute eines großen Gurus, so war er jetzt in Schimpf und Schande entlassen worden. Und er wusste, was Amar Yadoo töten würde, wenn er im Grab liegt: Wasser!”, sagte Navin - doch dann zauderte er - schließlich erklärte er, was ihm unlogisch erschien: Eines verstehe ich aber nicht, warum hat er so lang damit gewartet? Mehrere Jahre! Er hätte doch vorher zuschlagen können, Amar Yadoo reiste doch überall mit diesem Trick herum.”

Das war die Stelle an der sich der junge Nadi einmischte: Der Diener hatte ein Motiv, und er hatte auch die Tatwaffe, das Wasser, aber hatte er auch die Gelegenheit? Er musste anwesend sein, wenn der Meister seinen Trick aufführte. Aber er konnte ihm nicht folgen, alle Schüler des Gurus kannten ihn und durften keinen Kontakt zu ihm haben, daher konnte er dem Guru nicht folgen. Er musste warten, bis der Guru zu ihm kam!”

Nilay staunte über das kriminalistische Gespür des jungen Brahmanen: Du hast den Fall fast gelöst, du hast entdeckt, dass er aus Pataliputra stammt, dass er in Pataliputra wohnt.”

Navin stellte nüchtern fest: Wenn wir ihn fangen wollten, müssten wir nur herumfragen, wer den früheren Diener Amar Yadoos kennt. Aber wozu? Ein Scharlatan ist gestorben, ein Mörder läuft frei herum - aber hat keinen Grund erneut irgendwo zuzuschlagen. Mir wäre es wichtiger diesen anderen Scharlatan zu finden, der die Veden entweiht hat, den Jesus von Nazareth!”

Den ich ja auch suche!” log Nilay.

Das brachte Navin wieder dazu, zur eigentlichen Geschichte zurückzukehren: Was habt Ihr denn bei Eurer bisherigen Reise festgestellt?”

Ich bin in zwei Stellen auf seine Spur gestoßen. In Pataliputra, dort kannte man ihn jedoch nur vor seiner Rückreise nach Palästina. Und dann in der Nähe meiner Heimat, auch in Kerala, weniger als einen Monat von meinem Geburtsort entfernt.”

Was hast du dort herausgefunden?”
Leider nichts, was nach meiner Geburt war. Dort wohnt ein gewisser Thomas, der einer der Jünger Jesu während seiner Prophetenzeit in Palästina war. Er hat ihn nach seiner `Hinrichtung´ und `Auferstehung´ wieder getroffen. Jesus hat dann Thomas beauftragt, die Lehre, wie er sie in Palästina verkündet hat, auch nach Bhārat Gaṇarājya zu bringen. Ich habe mit Thomas gesprochen, ohne dass ich mich als Jesu Sohn zu erkennen gab. Er wusste nicht, das Jesus wieder nach Bhārat Gaṇarājya gegangen ist. Auf jeden Fall scheint er hier nicht mehr als Guru aufgetreten zu sein.”

Man stand noch etwas schweigsam zusammen, jeder sann für sich über das nach, was er heute hier erfahren hatte, dann fragte Nadi: Und du - wirst du weiter nach ihm suchen, Nilay? Und wenn ja, wo?”

Ich habe seine Wirkungsstätten in Bhārat Gaṇarājya, soweit sie mir bekannt sind, inzwischen fast alle abgewandert. Ich habe vor noch nach Bodh Gaya zu gehen und zu zwei kleineren Ort im Himalaya, wo er sich einige Zeit aufhielt - unter anderem in einem buddhistischen Kloster. Wenn ich dort keine weiteren Informationen über seinen Verbleib bekomme, werde ich zurückgehen zu meiner Mutter, die sicher schon eine Ehe für mich arrangiert haben wird.”

Solltet Ihr etwas Neues erfahren haben und auf der Rückreise wieder durch Pataliputra kommen, dann besucht uns bitte und berichtet!”

So werde ich es halten, falls ich wieder hier vorbeikomme. Lebt wohl!”

Anschließend suchte Nilay einen buddhistischen Tempel in der Stadt auf. Er hatte das Bedürfnis hier zu meditieren und den Ozean der Leerheit um Vergebung zu bitten, dass er die Unwahrheit über seinen Vater erzählt hatte. Er hatte nichts über ihn erfahren, was sich nicht mit dem deckte, was er von Jesus selbst gehört hatte. Die einzig wirkliche Neuigkeit war das, was er über den Tod Amar Yadoos herausgefunden hatte.


Ein unerwartetes Wiedersehen: Mowgli

Aber es gab noch etwas, was er in dieser Stadt erledigen wollte. Am nächsten Tag zog er durch die Stadt, er erkundigte sich nach einem Laden für Baumaterialien. Es gab insgesamt drei solche Geschäfte. In jedem fragte er, ob dieser Laden einem Mowgli gehöre oder gehörte. In den ersten beiden Läden hatte er keinen Erfolg, und er war sich schon fast sicher, dass er unverrichteter Dinge würde weiterziehen müssen. Doch der Besitzer des letzten Ladens schaute ihn vielsagend an: „Meinst du vielleicht meinen Vater, der heißt Mowgli und hat diesen Laden früher geleitet.“

Oh, danke, bitte um Entschuldigung“ sagte Nilay und schlug die Augen nieder.“
„Nein, Sie missverstehen mich, er lebt. Er wohnt seit einigen Jahren hier mit seiner Frau im Nebengebäude, ich bringe Sie gern hin, wenn Sie möchten.“

Selbstverständlich nahm Nilay dieses Angebot an.

Besuch für dich, Vater!“ sagte der Ladenbesitzer, als sie zu der Bank kamen auf der Mowgli und seine Frau Anila saßen.

Meine Augen sind nicht mehr so gut, ich kann dich nicht erkennen,“ gestand Mowgli.

Das wäre auch ein Wunder, Mowgli, wir beide haben uns noch nie gesehen, aber du kennst meinen Vater.“

Deinen Vater? Also ich weiß nicht, ich habe schon so vieles vergessen...“

Weißt du denn noch, dass du als Mann nicht mehr wert bis als deine Frau - aber auch nicht weniger wert als ein Brahmane?“

Da fiel der alte Mann vor Nilay auf die Knie und küsste ihm die Füße, was seine Frau in höchstes Erstaunen versetzte, sie fragte entsetzt: „Mowgli, bist du von Sinnen?“

Nein, Anila, ich bin keineswegs von Sinnen! Ich bin nur so überglücklich: dieser junge Mann hier ist kein anderer als der Sohn des Jesus von Nazareth! Das ich das Glück habe, das noch zu erleben!“

Dann wandte er sich an seinen Sohn, der auch das merkwürdige Schauspiel gesehen hatte: „Bitte gehe zu Valin und Amisha und sage ihnen, sie sollen rasch kommen - der Sohn des Weisesten der Weisen sei hier!“

Der war höchst erstaunt, beeilte sich aber dem Wunsch seines Vaters nachzukommen. Anila ging inzwischen ins Haus und suchte einiges an Obst und auch Becher und einen Krug mit Wasser zusammen, um ihre Gäste bewirten.

Kurz darauf trafen Amisha und Valin ein. Amisha fiel Nilay um den Hals: „Gesegnet seist du, der Sohn dessen, der mein Leben gerettet hat!“

Und auch Valin hatte Tränen in den Augen: „Ich war ein Nichts. Aber dein Vater hat aus mir einen Menschen gemacht!“ Dann jedoch fasste er sich und Verunsicherung trat in seine Augen: „Jesus ist doch hoffentlich nicht...“

Keine Angst mein Vater lebt, obwohl viele ihm hier nach dem Leben trachteten und, wie ich heute hier in Pataliputra leider feststellen mussten, noch immer trachten. Nicht nur die Brahmanen wollen ihn umbringen. Auch die Priesterschaft der Zoroaster hatte ihn zum Tode verurteilt. Er floh in sein Heimatland, nach Palästina. Doch auch dort war die Priesterschaft aufgebracht. Er wurde gekreuzigt und begraben. Doch am dritten Tag danach ist er durch die Kraft des Schöpfers aus seinem Grab auferstanden. Ich werde euch jetzt sagen, wo er ist und was er tut. Aber verwendet nie wieder das Wort Jesus. Schließlich wollen wir die Brahmanen nicht auf seine Spur führen.

Mein Vater heißt jetzt Yuz - und er hat mit meiner Mutter eine kongeniale Partnerin gefunden. Es gibt eine Gegend in diesem Land, in dem kein Brahmane und kein Katriya das Sagen hat. Dort regiert ein Rat von Weisen, dem Yuz und Amita, meine Mutter, angehören. Als sie hinzogen waren noch einige in diesem Ort Katriyas, andere gehörten anderen Kasten an. Aber alle haben inzwischen ihre Kaste abgelegt. Es sind neue Menschen dazugekommen, von denen keiner weiß, in welcher Kaste sie geboren wurden. Es interessiert einfach keinen!

Es hat dort auch einen Tempel. Alle Männer, Frauen und Kinder gehen dorthin und hören die gute Lehre und besprechen heilige Schriften, die man ihnen vorliest. Es gibt auch kein Geld. Jeder arbeitet so gut er kann und jeder erhält soviel sie braucht. Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Man nennt diesen Ort die Mettā-Sangha, die Gemeinde des allumfassenden Wohl­wollens. Zwei von euch werde ich beschreiben, wie man dort hinkommt – es ist aber sehr weit, mehr als 200 Tagesreisen eines gesunden Mannes. Sollten sich irgendwann welche von euch entscheiden, dann erfahrt ihr den Weg von Mowgli und von Amisha, denen beiden werde ich es sagen. Wenn diese beiden glauben, ihre Stunde sei gekommen, sagen sie den Weg einem anderen weiter - auf dass es nicht vergessen geht. Es gibt diesen wunderbaren Ort. Wenn es irgendwo einen Ort gibt, der der Himmel auf Erden ist, dann die Mettā-Sangha!

Ich selbst werde noch eine Woche hier bleiben und jeden Abend von diesem Ort berichten. Alles, was ich von euch gefragt werde, werde ich dann beantworten. Danach ziehe ich weiter und ihr werdet mich niemals wiedersehen.“

Und so geschah es, Nilay erzählte den Menschen vom Leben in der Mettā-Sangha, dem Paradies auf Erden. Danach verließ er Pataliputra in nördlicher Richtung. Eigentlich hatte er geplant direkt weiter zu ziehen zum Kloster Weiße Wolke, doch auf dem Weg dorthin passierte er ein Dorf, in dem es ein großes Problem gab. Nilay wusste, dass hier sein Mitgefühl gefragt war - nur er würde helfen können. Also entschloss er sich aus Mitgefühl seinen Reiseplan zu ändern. Er blieb hier für einige wenige Jahre. Seine Hilfe veränderte das Dorf nachhaltig, allerdings musste er dafür auch seine gesamte Barschaft ausgeben, die ihm seine Mutter mit auf den Weg gegeben hatte. Er war sicher, das seine Eltern stolz darauf wären, wenn sie wüssten, wie er gehandelt hatte.

Dies ist allerdings nicht der 0rt darüber zu berichten.

Als er seine dortige Mission erfüllt hatte, machte sich Nilay auf den nicht allzu weiten Weg in Richtung des Klosters Weiße Wolke.


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Erläuterungen

Abba – Wenn Jesus Gott anbetete, verwendete er dieses aramäische Wort für„Vater“. Er nahm nicht die Anrede JHWH, die im Tenach verwendet wurde. Während JHWH den alttestamen­tarischen strengen Gott, der ursprünglich derKriegsgott der Juden war, bezeichnet, interpretiert Jesus das Göttliche neu und sieht darin eine milde, verständnisvolle undunterstützende Vaterfigur.

Ashram – bezeichnet ursprünglich die Einsiedelei eines indischen Asketen, heute jedochein klosterähnliches Meditationszentrum einer hinduistisch beeinflussten Sekte an dem Anhänger einer spirituellen Lehre lebenund sich unterweisen lassen. Den spirituellen Leiter und Führer eines Ashrams nennt man Guru.

Benares(heute: Varanasi im indischen Bundesstaat Uttar Pradesh, die bisauf das 11. Jh. v.u.Z. Zurückgeht). Es ist die Stadt, wo der Buddha erstmals den Dharma darlegte. Sie gilt als spirituelle Hauptstadt Indiens und zieht nochheute unzählige Hindu-Pilger an, die hier im heiligen Wasser des Ganges baden und Bestattungsrituale vornehmen. In den gewundenenStraßen der Stadt liegen rund 2.000 Tempel.

Bhārat Gaṇarājya – (Sprache: Hindi) indische Bezeichnung für Indien

Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha seine Erleuchtung erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)

Brahmā – einer der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als der Schöpfer. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott.

Brahmaneneine der Kasten im Hinduismus, nur Brahmanen dürfen religiöse Rituale vollziehen

Brahmanismusindische Religion, in der (u.a.) einen Brahman (Gott) verehrt wird. Der B.heute als Hinduismus bezeichnet.

Dalits – eine der Bezeichnungen für die Unberührbaren. Diese waren nicht wie die Kastenangehörigen Arier, die nach Indien eingewandert waren, sondern gehörten der dunkelhäutigeren Urbevölkerung an. Die indische Kastengesellschaft hatte dadurch ein Element von Apartheit.

Dharmahier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wortbedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre.

Guruspiritueller Lehrer und/oder Anführer

Hindu - Anhänger des Hinduismus (= Brahmanismus)

JainsAnhänger der Religion des Jainismus

JHWHist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er keineKonsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.

Kastedie indische Gesellschaft wird gemäß der hinduistischen Religion instreng voneinander abgetrennte Kasten eingeteilt, die wichtigsten Kasten sind die Brahmanen (Sanskrit: ब्राह्मण, Priester), katriya (Sanskrit: क्षत्रिय, Adel, Krieger, Beamte) und die vaiśya (Sanskrit: वैश्य = Kaufleute, Händler, Großgrundbesitzer) und śūdras (Sanskrit शूद्र, = Arbeiterklasse incl. Handwerker), darunter stehen die Dalits (Kastenlose, Unberührbare). Auf diese Art schuf der Hinduismus eineApartheidsgesellschaft mit einer arischen Mittel- und Oberschicht, und einer indigenen Bevölkerung, die man nicht einmal berührendurfte; so sollte eine Rassenvermischung verhindern werden.

Katriya (Sanskrit) höchste indische Kaste, umfasst Adel, Krieger, Beamte

Mettā(Pāḷi) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische)Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das,was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mettā BhāvanāMeditation zur Schaffung von Bedingungen damit Mettā entsteht, normalerweise in fünf Phasen geübt (1) mettā für sich selbst, (2) für einen guten, edlen Freund/Freundin, (3) füreine neutral besetzten Person, (4) für eine schwierige Person (Feind) und (5) für allen fühlenden Wesen. 

Mettā-Sangha – Bezeichnung für die von Yuz und Amita gestiftete Spirituelle Gemeinschaft

Mitgefühl – (karunā) ist das Gefühl, wenn Mettā auf ein leidendes Wesen trifft. Es ist etymologisch verwandt mit caritas (lat.: Barmherzigkeit) und mit to care (engl.: sich kümmern um).

Nirwana(auf sanskrit: nirvāṇa bzw. auf Pāḷi: nibbāna) Ziel des Buddhismus, das Wort bedeutet „verwehen“ oder Nicht-Wahn

muditāMitfreude

Pataliputra – Die Stadt (das heutige Patna) an der Mündung des Son in den Ganges wurde zu Buddhas Zeit von König Ajatasattu (unter dem namen Pataligama) gegründet worden. Ajatasattus Sohn Udayin machte sie dann zur Hauptstadt des Königreiches Maghada. Sowohl der Buddha als auch Mahavira besuchten die Stadt mehrfach und im Jahr 253 v.u.Z. fand hier das dritte buddhistische Konzil statt.

Prakrit (Sanskrit: prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischenSprachen, die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundertv. Chr. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen.

Rabbiner - das ist ein Funktionsträger in der Jüdischen Religion. Seine Hauptaufgabe ist es, die Tora (ein Teil des Tenach) zu lehren. Die Grundform des Rabbiners entwickelte sich, als sich gelehrte Lehrer versammelten, um die schriftlichen und mündlichen Gesetze des Judentums zu kodifizieren.

Rājagṛha – zu Buddhas Zeiten die Hauptstadt des Königreichs Maghada. Hier fand kurz nach Buddhas Tod das erste buddhistische Konzil statt. Heute ist die 50.000 Einwohner zählende Stadt relativ unbedeutend, sie heißt jetzt Rajgir und liegt im indischen Bundesstaat Bihar. In unmittelbarer Nähe lag die größte buddhistische Universität, wo gleichzeitig etwa 15.000 Studierende von 1000 Professoren unterrichtet wurden (Diese Zahlen beziehen sich aufs 5. Jhd. u.Z.)

Sanghaspirituelle Gemeinschaft, meist für die Gemeinschaft der Schülerinnen undSchüler des Buddha. (Zur Sangha in engeren Sinn gehören nur Mönche und Nonnen, zur Sangha im engsten Sinn nur Erleuchtete.)

Sanskrit – eine altindische Schriftsprache, die um 1500 v.u.Z. entstand, um dieVeden, die heiligen Texte des Hinduismus niederzuschreiben.

Śūdras - (Sanskrit) = Arbeiterklasse incl. Handwerker, vierte (und niedigste) der Großkasten, darunter gab es sog. „Unberührbare“

Tanach - oder Tenach (hebr. תנ״ך TNK) ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, die Sammlung der heiligen Schriften des Judentums er enthält unteranderem die Tora (Weisung). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach - etwas anders geordnet – übernommen. Sie sind das AlteTestament.

Taxila - war die historische Hauptstadt des Reiches Gandhara, das sich über die östlichen Gebiete des heutigen Afghanistan und den Nordwesten Pakistans erstreckte. Die Herrschaft hatten ab etwa 19 u.Z. die Parther. Deren König Gondophares soll der Überlieferung gemäß den Apostel Thomas an seinem Hof zu Gast gehabt haben. (Quelle: Wikipedia 19.4.2024)

Theravāda - eine der frühen Schulen des Buddhismus, die einzigeHinayana-Richtung, die noch existiert. Theravāda bedeutet „Schule der Älteren“, was darauf hinweisen soll, dass ihre Anhänger denBuddhismus so praktizieren, wie das der Buddha selbst gemacht hat. Bei ihnen stehen die Lehrereden des Pāḷi-Kanon, der ältestenbuddh. Schriften im Mittelpunkt.

upekkhāGleichmut (nicht Gleichgültigkeit!), eine von Mettā getragene Emotion, die ein Wesen als Produkt seiner Bedingungen, seiner Umwelt und seiner individuellen (genetischen, sozialisatorischen und karmischen) Dispositionen sieht.

Uposatha – heißt wörtlich Fastentag. Alle sieben Tage ist Fastentag: bei Neumond, bei Vollond und bei Halbmond (es galt der Mondkalender). An diesen Tagen waren die Laienanhänger der Jains dazu aufgerufen zu leben wie die Mönche an den übrigen Tagen, die Mönche aber fasteten. Die Regeln bei den Buddhisten sind anders, dort sollen zwar die Laien auch enthaltsam leben und auf alle Unterhaltung (Musik, Gesang, Theater) verzichten. Die Mönche machen an diesem Tag das “Eingeständnis von Fehlern”, eine Art Beichte.

Vaiśya - (sanskr.) ist im indischen Kastensytem die Bezeichnung für die aus Kaufleuten, Händlern, Geldverleihern und Groß­grund­besitzern bestehende dritte Kaste der traditionellen vier Kasten des Hinduismus.

Veden – heilige Schriften des Hinduismus. Die vier klassischen Veden sind Rigveda, Samaveda, Yajurveda und Atharveda. Alle hinduistischen Religionen akzeptieren die Unantastbarkeit dieser vier Veden, jedoch rechnen einzelne Glaubensrichtungen individuell oft noch weitere Schriften hinzu.


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