Horst Gunkel: Die Jesus-Trilogie - Band 3: Jesus - die Jahre 34 - 96 - Kapitel 1                                          letztmals bearbeitet am 30.01.2025
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  1 - Ankunft in Kaschmir


Eine Vision von Heimat und Schicksal


Īsā - wie Jesus sich jetzt nannte - war vor einem Jahr in Damaskus aufgebrochen, wo ihm ein alter Jude von den Zehn Verlorenen Stämmen Israels erzählt hatte: diese würden nunmehr in Kaschmir leben, einer Region, die zu Bhārat Gaṇarājya gehörte. Daher hatte Īsā beschossen, dorthin zu gehen.
Diese Stämme müssten für die Weisheiten, die er zu verkünden hatte, besonders empfänglich sein, sagte er sich: Die dortigen Juden bewahrten noch Reste ihres alten Gaubens - waren aber auch von hinduistischen, buddhistischen oder jainistischen Ideen beeinflusst.

Er war in Damaskus aufgebrochen und mit einer Karawane auf der Seidenstraße von Antioch in Syrien bis Puruschapura gekommen. Von dort aus war er allein durch die Berge weiter Richtung Kaschmir marschiert.

Jetzt aber stand er auf einer leichten Anhöhe. Vor ihm erschloss sich eine wunderschöne Landschaft: eine Hochebene, in der er mehrere Seen erblickte, die durch einen kleinen Flusslauf verbunden schienen. Unwillkürlich erinnerte ihn das Bild an die Landschaft am See Genezareth, wo er seine größten Erfolge hatte. Dort hatte er Simon, den er Petrus nannte, und dessen Bruder Andreas als erste Jünger gewonnen. Und dort stammte auch Maria Magdalena her – seine engste Vertraute.

Ihm wurde warm ums Herz und er wusste: Ich bin angekommen! Unwillkürlich musste er an die Geschichte von Moses denken, der am Ende seines Lebens das verheissene Land erblickt haben soll.3

Und plötzlich ihm kam eine seltsame Idee: Vielleicht hatte Moses damals gar nicht das Jordantal erblickt - sondern das Kaschmirtal! Vielleicht sind die Zehn Verlorenen Stämme Israel gar nicht die verlorenen Stämme, sondern die jüdische Mehrheits­gesellschaft? Und diejenigen, die in Palästina lebten, waren die verlorenen Stämme.

Sollte hier das Land sein das JHWH dem Moses einst verheißen hatte? Ihm schwindelte, sodass er sich setzen musste.4

Er überlegte, dann schüttelte er den Kopf. Wie auch immer...”, dachte er. Moses hat das gelobte Land zwar gesehen, aber nie betreten. Ich aber, Jesus von Nazareth, der sich jetzt Īsā nennt, ich kenne sowohl das Jordantal als auch jetzt das Kaschmirtal.

Das Kaschmirtal kam ihm irgendwie bekannt vor. Vielleicht ist es das Land meiner Träume? Und zum ersten Mal in diesen dreieinhalb Jahrzehnten seines ruhelosen Lebens hatte er den Eindruck, nach Hause zu kommen. Und er sprach es laut aus: „Tal meiner Träume, Heimat meines Herzens – ich bin gekommen, um zu bleiben! Abba, ich danke Dir von ganzem Herzen!”

Er blieb vielleicht eine halbe Stunde an dieser Stelle sitzen und genoss die Freudentränen, die über seine Wangen liefen und sich dann irgendwo in seinem Bart verloren.

Dann aber erhob er sich und betrachtete die drei Seen – und derjenige See, der ihn persönlich am meisten ansprach und sich ihm als sein Zuhause offenbarte, den steuerte er an.

Als er am Ufer ankam, war es bereits Nacht. Da aber der Mond fast voll war, war es noch hell genug zum Wandern. Plötzlich erblickte er ein Haus. Es schien bewohnt zu sein, allerdings konnte er kein Licht darin erkennen. Īsā überlegte nicht lange: das war keine schickliche Zeit, um bei unbekannten Menschen, deren Sprache er vielleicht nicht kannte, zu klopfen. Also legte er sich etwa fünfzig Schritte entfernt von dem Gebäude ins Gras. Er wandte seinen Blick dem See zu, dessen Ufer nur etwa hundert Schritte entfernt war. Dann dankte er erneut Abba, bevor ihm vor Müdigkeit die Augen zufielen.


Ein Hilferuf

Irgendwann begann ein Hahn zu krähen. Īsā bemerkte ihn im Halbschlaf. Hähne krähen morgens, das kannte er seit seiner Kindheit in Nazareth. Der sich wiederholende Hahnenschrei festigte in ihm das Gefühl, heimgekommen zu sein. So schlummerte er selig weiter...

Herr, ich danke Dir, dass Du mein Gebet erhört hast und ihn hergesendet hast!” Das waren die Worte in Prakrit, die Īsā weckten. Er sah auf und erblickte eine alte Frau von vielleicht siebzig Jahren.

Wer bist du, Weib?” fragte er - und hoffte, dass sie ihn verstand, denn man schien hier einen etwas anderen Prakrit-Dialekt zu sprechen als am Ganges.

Meine Name ist Ajala, antwortete sie. Ich habe den Herrn seit Tagen darum gebeten, dass ein junger, kräftiger Mann kommt, der uns unterstützen kann, denn ich weiß nicht, wie wir den Winter überstehen sollen.”

Du sagst, du hast den Herrn gebeten, hakte Īsā nach. Meinst du damit JHWH?”

Ajala schaute ihn verduzzt an: „Nein, natürlich nicht, wie beten keine Götzen an, ich meine natürlich den Buddha!”

Das wiederum fand Īsā merkwürdig. Im Kloster hatten man den Buddha nie angebetet - man hatten ihn gepriesen, aber sich nicht mit Bitten an ihn gewendet. Er hatte allerdings davon gehört, dass einfache Menschen in Bhārat Gaṇarājya sich an den Buddha so wendeten - wie das Hindus vielleicht bei ihren Gebeten an Brahma oder Lakshmi machten. JHWH schien ihr hingegen unbekannt zu sein.

Dann aber sagte er sich: `Wenn sie um Hilfe gebeten hat und er ihr – wie sie glaubt – als Antwort gesendet wurde, dann könne es durchaus sein, dass das Göttliche, ganz egal ob es mit den Bezeichungen JHWH, Abba, Brahma oder Buddha benannt wurde, sie unterstützen wollte.´ So wie er selbst gestern gespürt hatte, dass er seine endgültige Heimat erreicht hatte, so glaubte auch diese Frau daran, dass er der ihr gesandte Retter sei. War er ja vielleicht auch wriklich!

Also fragte Īsā: „Was ist dein Problem Ajala, wobei brauchst du Hilfe?”

Ajala brach in Tränen aus, schließlich sagte sie: „Komm mit!”

Im Haus lag ein alter Mann, offensichtlich ihr Ehemann, sein linkes Bein lag in einer merkwürdigen Art verkrümmt da, ebenso sein rechter Arm.

Was ist mit ihm?” fragte Īsā.

Er hat vor einem Jahr versucht das Dach zu reparieren und ist dabei heruntergestürzt. Sein Arm und sein Bein waren gebrochen. Wir wussten nicht, was wir machen sollten, wir haben versucht es zu richten, aber ...”

Īsā befühlte Arm und Bein: „Das ist falsch zusammen gewachsen. Da es aber schon eine Zeit her ist, lässt sich da nichts mehr machen. Man könnte versuchen, es noch einmal zu brechen - aber das wäre sehr schmerzhaft und normalerweise brechen die Knochen nicht wieder an der verheilten Stelle. Ich fürchte daher, das wird nicht wieder.”

Īsā war betrübt, dass seine Heilkünste hier nicht wirken konnten, denn sie beruhten – von Kräutern, Salben und Tinkturen abgesehen, die hier allerdings auch nichts nützen konnten – darauf, die Selbstheilungskräfte zu unterstützen. Das half bei psychischen Problemen ebenso wie bei psychosomatischen Beschwerden, die lagen aber hier nicht vor.

Und du pfegst ihn, Ajala?”

Ja, nickte sie. Aber das ist sehr zeitaufwendig. Er kann ja nicht einmal zum Entleeren von Kot und Urin hinausgehen. Ich muss ihn dabei mit Gefäßen unterstützen, ich muss ihn auch säubern... Das alles nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Früher hat er die Felder bestellt und ich habe mich um den Garten gekümmert. Damals ist er auch zum Fischen gegangen.

Sie brach wieder in Tränen aus: Außer der Gartenarbeit und seiner Pflege habe ich jetzt aber das ganze Jahr nichts anderes machen können. Ich weiß nicht, wie wir den Winter überstehen können.”

Īsā wartete einige Augenblicke, dann fragte er: „Habt ihr denn keine Kinder oder Verwandten?”

Ajala schüttelte den Kopf: Verwandte haben wir keine, wir sind schon als junge Leute hierher gezogen. Und die Kinder sind aus dem Haus oder tot. Unser einziger Sohn ist vor drei Jahren gestorben, dessen Kinder sind weit weg verheiratet - ich weiß nicht einmal wo, das hat nur er gewusst.

Sie schluchzte, bevor sie stockend weitersprach: Wir hatten noch eine Tochter, die war nicht besonders schlau, aber sehr fleißig. Als mein Mann dann den Unfall hatte, wollte sie statt seiner zum Fischen gehen, sie hat das Boot genommen... Zwei Tage später wurde das Boot in der Nähe leer angetrieben, von ihr aber fehlt jede Spur. Sicher ist sie ertrunken. Jetzt sind wir ganz allein, daher habe ich den Buddha um Hilfe gebeten.”

Jetzt sprach erstmals der kranke Mann - sein Name war Jeevan: „Ajala, ich habe dir gesagt, es hat keinen Sinn. Niemand kann uns helfen. Wir werden den nächsten Winter nicht überleben. Wir sind alte Leute - es ist vielleicht Zeit für uns, von dieser Welt zu verschwinden.”

Da hatte er allerdings nicht mit Īsās Bestimmtheit gerechnet: „Was redest du denn da? Deine Frau hat den Buddha um Hilfe gebeten! Und was ist geschehen? Ich bin gekommen! Ich war selbst buddhistischer Mönch, dann war ich in einem anderen Land, das ein ganzes Jahr von hier entfernt lag. Du wurdest krank - und ich habe mich auf den Weg gemacht, zu euch! Jetzt bin ich da! Ich weiß zwar noch nicht, wie ich euer Problem lösen kann, aber ich weiß, dass ich es lösen werde!

Dann blickte er wieder auf die Frau: Heute wirst du mir alles zeigen, Ajala, das Haus, den Garten, die Tiere, das Land, das ihr früher bebaut habt, das Boot und die Geräte, die ihr zum Fischen benutzt habt. Dann kann ich einen Plan machen.”

Jeevan und Ajala waren beeindruckt von der Zielstrebigkeit, der Klarheit und der Energie, die von Īsā ausging. Und tatsächlich besichtigte Īsā alles. Das Haus hatte - außer dem Raum, indem sich Jeevan befand und der dem Paar auch als Schlafstätte und Küche diente - drei weitere Räume: einen für die Vorräte, der war allerdings ziemlich leer, einen weiteren, der vollgestellt war mit Dingen, die derzeit nicht mehr gebraucht wurden und einen Raum, in dem zuletzt die verunglückte Tochter gewohnt hatte.

Die Landwirtschaft hatte die Größe, wie es für eine mittlere Familie, die größtenteils nur für den eigenen Bedarf anbaute, ausreichend war. Es gab etwa zwanzig Hühner und einen Hahn, zwei Katzen, einen Esel, zwei Ziegen und zwei Büffel sowie einen Stall, der aber nur im Winter genutzt wurde.

Das Land war dieses Jahr allerdings  nicht bestellt worden. Außerdem gab es noch einige Obstbäume und das Boot, sowie ein Fischernetz und eine Reuße. Da Īsā niemals bäuerlich gearbeitet hatte, sah er im Moment nicht, wie er helfen sollte. Das sagte er aber nicht, vielmehr erklärte er: „Morgen werde ich als Erstes fischen gehen. Anschließend muss einiges am Haus repariert werden - vor allem das Dach. Es scheint mir nicht geeignet, den nächsten Winter zu überstehen.”

Das konnte Ajala bestätigen: Ein Teil des Daches war schon im letzten Winter nicht mehr dicht. Im Vorratsraum war Schnee durch das beschädigte Dach hereingestürzt und hatte einen Teil der Getreidevorräte vernichtet.”

Īsā versprühte Zuversicht: Das bekommen wir hin, ich habe eine Zimmermannslehre gemacht und schon Haussanierungen durchgeführt, da braucht ihr euch keine Sorgen zu machen!”

Er hatte allerdings auch noch keinen Schimmer, wie er es hinbekommen sollte, dass die beiden den Winter überlebten. Aber Īsā hatte etwas, das Juden und Christen `Gottvertauen´ nennen und das er in den buddhistischen Klöstern unter dem Wort `Saddhā´ kennengelernt hatte.

Und jetzt gehe ich meditieren, das mache ich jeden Tag - es hilft mir und gibt mir Kraft”, sagte Īsā, als er das Haus verließ.

Er setzte sich in der Nähe des Sees an einen kleinen Abhang und blickte auf das Wasser: „Ozean der Leerheit, ich vertraue auf dich. Du bist mein Wegweiser, wie der Buddha, der der Führer der führungsbedürftigen Menschen ist. Hilf mir bitte, die Probleme, die Ajala und Jeevan haben, zu lösen. Ich habe noch keine Ahnung, wie das gehen soll - aber ich vertraue auf dich.”


Rückkehr einer alten Freundin

Dann schloss Īsā die Augen und kultivierte Metta für sich selbst, für Ajala und Jeevan und für alle Wesen im Kaschmirtal. Er war in Samādhi, in tiefer Versenkung...

Nach einiger Zeit sah er den See wieder vor sich. Ob er die Augen wieder geöffnet hatte oder nicht, wusste er selbst nicht. Er sah den See und ihm war, als würde darauf eine Gestalt wandeln, eine Frau mit langem wehenden Haar. Sie kam näher, dann erkannte er sie: es war Amita, die da auf dem See Genezareth wandelte. Amita hatte er als junges Mädchen im Dharma unterrichtet, dann war sie nach Bodh Gaya gegangen und war Nonne geworden. Diese Erscheinung sprach ihn jetzt an: „Der Friede sei mit dir Devamitta, du bist in Schwierigkeiten, also bin ich gekommen, um dir zu helfen. Wenn wir beide gemeinsam arbeiten, dann gibt es kein Problem das wir nicht lösen können.”

Jetzt öffnete Īsā die Augen und sah den See wieder vor sich, es war allerdings nicht der See Genezareth, sondern dieser See im Kaschmirtal. Aber er hörte nochmals den letzten Satz: „Wenn wir beide gemeinsam arbeiten, dann gibt es kein Problem das wir nicht lösen können.”

Diese Stimme aber kam nicht vom See her, sondern von hinter ihm! Verstört drehte sich Īsā um.

Da stand allerdings nicht dieses wunderschöne 15-jährige Mädchen Amita mit den auffallend schönen Haaren bis in die Höhe ihrer Ellbogen, sondern da stand eine Nonne, eine glatzköpfige buddhistische Nonne!

Īsā starrte sie mit offenem Mund an: „Amita... bist du es wirklich?”

Du brauchst Hilfe Īsā, daher bin ich gekommen. Das, was du hier im Kaschmirtal vorhast, kannst du nicht allein bewerk­stelligen, daher bin ich gekommen. Wir schaffen das! - Aber nur gemeinsam!”

Das war Amitas Stimme - ganz eindeutig - und das waren auch ihre Gesichtszüge, aber das war nicht dieses brillante taufrische Geschöpf, mit dem er einst nach Bodh Gaya gepilgert war. Vor ihm stand eine gestandene, selbstbewusste Frau. Eine starke Frau. Es war aber ganz eindeutig die Amita, in die er sich damals verliebt hatte, und die dann Nonne geworden war.

Verwundert musterte er sie, schließlich fragte er: „Woher wusstest du, wo ich bin. Ich wusste ja vor einem Monat selbst noch nicht, dass ich hier sein würde?”

Aber Īsā, als der Buddha damals nach seinem Erwachen die weisesten Menschen suchte, die er kannte, um ihnen den Dharma zu lehren - Alara Kalama und Uddaka Ramaputta - woher wusste er, dass sie inzwischen gestorben waren? Und woher wusste er anschließend, wo sich die fünf Asketen befanden, die einst seine Jünger waren?”

Er hat es mit dem Himmlischen Auge gesehen! Aber der Buddha war ein Erwachter!”

Amita lächelte ihn an – auf diese unnachahmliche Art, wie nur sie lächeln konnte.

Īsā wusste nicht wie ihm geschah, er stammelte: „Bist du... bist du denn auch eine Erwachte?”

Sie sah ihn wieder lange an, dann sagte sie: „Ich bin eine Frau die sehr lange gewandert ist, die durchgeschwitzt und verschmutzt ist. Und das –  sie zeigte auf den See - und das ist Wasser.”

Und mit diesen Worten streifte sie ihre Robe ab und ging in den See.

Īsā glaubte, ein déjà-vu zu erleben. Damals, auf dem Weg nach Bodh Gaya, war er frühmorgens aufgewacht und zum Bach gegangen, ohne sich etwas dabei zu denken. Dort hatte er die nackte Amita gesehen, die sich gerade wusch. Ihm war das furchtbar peinlich - während sie dem Ganzen kein große Bedeutung beizumessen schien.

Īsā war von dieser Duplizität der Ereignisse nicht nur überrascht, sondern gewissermaßen auch verstört und starrte ihr unbewusst nach, während sie ins Wasser ging, dann drehte sie sich um: „Kannst du mir bitte andere Kleidung bringen, meine Zeit als Nonne ist vorbei.”

Als sie seinen Blick auf ihrem nackten Körper spürte, ergänzte sie noch: „Wie du siehst, bekommen Nonnen gar nicht alles Haar abgeschnitten!” Und mit einem Lachen tauchte sie unter.

Ziemlich verwirrt stand Īsā noch einen Moment da - dann fiel ihm ein, was sie gesagt hatte: sie brauche neue Kleider. Īsā lief zum Haus, im Garten sah er Ajala bei der Arbeit. „Sag mal Ajala, du hast doch sicher noch Kleidung von deiner Tochter?”

Ja, sicher warum?”, fragte Ajala verwirrt, denn die Frage schien keinen Sinn zu machen.

Wir brauchen doch Hilfe hier, daher habe ich eine jüngere Frau gebeten uns zu helfen?”

Und die hat keine Kleidung?” fragte Ajala ungläubig.

Äh... doch, stottert Īsā. Aber nur eine Nonnenrobe, sie ist eine buddhistische Nonne, also gewesen ... bis eben ... Sie wird uns helfen!”

Ajala schüttelte den Kopf, ihr schien das alles sehr merkwürdig. Doch sie ging und brachte Īsā Kleidung ihrer Tochter. Dieser begutachtete sie und sagte: „Müsste passen!” Dann ging er wieder zum See. - Das Wasser ging Amita jetzt bis fast zu den Schultern und sie reinigte sich gerade die Achselhöhlen.

Hier ist die Kleidung”, sagte Īsā - und legte sie ab.

Fein!”, antwortete Amita und schickte sich an, zu kommen. In dem Moment, als ihre Brüste sichtbar wurden, drehte sich Īsā rasch um - und stellte sich mit dem Rücken zu ihr, bis sie sich fertig angekleidet hatte.

Wie sehe ich aus?” fragte sie.

Īsā drehte sich um und musterte sie kritisch: „Fast wie ein nettes Bauernmädchen, aber an der Frisur werden wir noch etwas arbeiten müssen.”

Eigentlich nicht, die wachsen von alleine nach”, lachte Amita, bückte sich und hob ihre Robe auf, wickelte sie zusammen und klemmte sie sich unter den Arm.

Was hat die Bauersfrau gesagt, als du Kleidung wolltest?”, fragte sie schelmisch.

Nun ich habe ihr gesagt, dass wir jemanden brauchen - und da hätte ich eine zufällig vorbeikommende buddhistische Nonne gefragt, ob sie nicht mitkäme...”

Amita grinste: „Sehr originell! Schauen wir mal, was sie sagt, wenn sie mich sieht.”

In dem Moment kamen die beiden gerade am Garten an. Ajala starrte Amita an, sah dann das Bündel auf ihrem Arm, schüttelte den Kopf und sprach verwundert: „Ich wusste gar nicht, dass es buddhistische Nonnen gibt.” Nach einer kurzen Pause ergänzte sie: „In der nächsten Zeit solltest du ein Kopftuch tragen.”

Dann gingen sie ins Haus. Jeevan starrte die Glatzköpfige an. Und Amita erklärte: „Deine Frau hatte doch den Buddha um Hilfe gebeten - der hatte daraufhin Īsā hergeschickt. Īsā hat dann dem Buddha berichtet, dass er allein damit überfordert sei - deshalb wurde ich beauftragt, Īsā zu unterstützen. Männer allein sind nämlich immer mal mit der Komplexität der Dinge überfordert.”

Jeevan zeigte mit der gesunden Hand auf ihren Kopf: „Aber warum hast du denn keine Haare?”

Sie lächelte, dann zeigte sie ihm die Robe, die sie im Arm trug: „Mein letzter Einsatz war als Nonne – aber ich bin vielseitig und gehe überallhin, wo ich gebraucht werde. Also, was liegt an?”

Ich habe Hunger”, seufzte Jeevan.

Dann mache ich uns jetzt etwas zu essen”, entschied Amita, wo ist die Vorratskammen?”

Ajala zögerte, ihr war die Sache peinlich: „Er hat Hunger, weil ich immer recht kleine Portionen mache. Ich weiß so schon nicht, wie wir über den Winter kommen sollen.”

Amita nickte verständnisvoll und sprach mit klarer, fester Stimme: „Du hast den Buddha gebeten, er solle dir eine Hilfe schicken - und er hat dir Īsā geschickt. Īsā hat den Ozean der Leerheit um Unterstützung gebeten - und der hat mich geschickt. Wenn wir der Nahrung bedürfen, werden wir den Ozean der Leerheit um Nahrung bitten. Probleme gibt es nur für die Kleingäubigen!”

Daraufhin zeigte Ajala Amita die Vorratskammer, anschließend ging sie das Vieh versorgen.

Īsā, du kannst mir beim Kochen helfen. Keine Angst - ich sage dir alles genau, was du machen musst!” Amita hatte schon wieder das Kommando übernommen.

Īsā lächelte und gehorchte.

Während er Gemüse schnitt, fragte Īsā seine Freundin: „Woher hast du eigentlich den Ausdruck `Kleingläubiger´?”

Amita schaute ihren alten Lehrer und neuen Freund an, als wüsste der es nicht: „Aber Īsā, so hast du doch selbst zu Petrus auf dem See Genezareth gesprochen.”5

Und als Īsā sie wie ein Gespenst anstarrte, fügte sie gelassen hinzu: „Es gibt bekanntlich nicht nur das Himmlische Auge, sondern auch das Himmlische Ohr.” Dann zuckte sie mit den Schultern, als seien solche Fähigkeiten das Normalste auf der Welt.

Īsā sagte nichts. Er erinnerte sich, wie sie ein Jahrzehnt zuvor seine Schülerin war. Nunmehr schien es umgekehrt zu sein. Ob er die Zeit seitdem mit Unwichtigem vertrödelt haben sollte?

Als das Essen fertig war, holte Amita - die inzwischen ein Kopftuch trug - Ajala im Garten ab:

„Komm bitte zum Essen, Ajala, und mach dir keine Sorgen, um die Vorräte. Īsā und ich werden dafür sorgen, dass es uns an nichts mangelt.”6 Dann nahm sie Ajala in den Arm - wie eine Mutter ihr ängstliche Kind - oder wie eine erwachsene Tochter ihre alte Mutter - und gab ihr Zuversicht.

Alle versammelten sich in der Wohnküche, Ajala saß am Bett ihres Mannes um ihn zu füttern. Doch Amita hob die Hand und sagte: „Lasst mich zunächst beten!”

Und das tat sie dann mit kräftiger Stimme: „Danke, Ozean der Leerheit, für dieses vor­zügliche Essen. Die Sonne - die Verköperung des Hitzeelementes - hat geschienen und hat diese Pflanzen wachsen lassen. Das Wasserelement hat diese Pflanzen getränkt, das Erdelement hat diese Pflanzen genährt - und Ajala hat sich Tag für Tag um das Wohl dieser Pflanzen und des ganzen Gartens bemüht.

Voller Dankbarkeit betete sie weiter: Wir danken für das gute Essen, das wir heute haben - und wir bitten dich, den Ozean der Leerheit, uns auch weiterhin mit dem zu versorgen, was wir brauchen. So wie auch wir den Menschen, Tieren und Pflanzen in unserem Umfeld das geben werden, was diese brauchen.

Amita sah in die Runde: Lasst es euch schmecken, meine Lieben.”

Am Ende der Mahlzeit weinte Jeevan vor Glück: „Ich danke euch allen, das war ein wunderschönes Essen und eine wunderbare Gemeinschaft – ganz wie früher als wir noch unsere Kinder hatten. Īsā und Amita, ihr seid jetzt wie unsere Kinder ... und unsere Eltern in einem.”

Und Īsā ergänzte: „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.”7

Dann reichten sich alle vier die Hände und Ajala sagte unvermittelt: „Jetzt, da wir wie eine große Familie sind, möchte ich, dass ihr beide - Amita und Īsā - in das Zimmer einzieht, das zuletzt unsere Tochter hatte. Es steht dort zwar nur ein Bett, aber ihr könnt einmal im Abstellraum nachsehen, da müsste noch ein zweites Bett stehen - falls ihr das brauchen solltet. Vielleicht findet ihr dort auch ein paar andere Sachen, die ihr gebrauchen könnt.”

Das ist nett von euch, ich werde mich sofort dran machen, das zweite Bett zu suchen”, freute sich Jesus.

Amita sagte nichts. Sie hatte Zeit.


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Fußnoten

3 Und der HERR sprach zu ihm: Dies ist das Land, von dem ich Abraham, Isaak und Jakob geschworen habe: Ich will es deinen Nachkommen geben. – Du hast es mit deinen Augen gesehen, aber du sollst nicht hinübergehen. (5 Mose 34,4)

4 John Noel schreibt im „Asia Magazine“ (Okt. 1930): „Es wurde berichtet, Jesus sei nicht am Kreuz gestorben, sondern lebend abgenommen worden, und dann ausgezogen die letzten Stämme Israels zu sichten. Er sei durch … und Kaschmir gekommen, wo er starb und in Srinagar begraben wurde. Ich habe mir alte Kaschmir-Sagen erzählen lassen. Diese enthalten Berichte von einem Propheten, welcher hier lebte und lehrte nach der Art des Jesus, nämlich in Gleichnissen und Erzählungen. In den neueren Jahren sind Forscher den Spuren der Jesuserzählungen nachgegangen. Eine Version berichtet nämlich, daß Jesus gekommen sein, um mit den buddhistischen Mönchen über die Lehre der Inkarnation zu diskutieren.“ Und der Stern schreibt 1973 im Artikel „Jesus starb in Indien“: „Vieles weist heute darauf hin, dass die Kaschmiris zum Teil jüdischer Abstammung sind: Orte, die Namen biblischer Stätten tragen, Frauen in typisch jüdischer Kleidung, hebräische Inschriften auf Grabsteinen, das Wotz Loo oder Ju (Jude) hinter Familiennamen, Überreste jüdischer Tempel.“ (Beides zitiert nach. Siegfried Obermeier: Starb Jesus in Kaschmir? Düsseldorf und Wien 1983.)

5 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?“ (Matt 14,31)

6 Sie spielt an auf Psalm 23 1,2: „Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. Er weidet mich auf einer grünen Aue und führet mich zum frischen Wasser.“

7 Psalm 23,6 


Erläuterungen

Abba Wenn Jesus Gott anbetete, verwendete er dieses aramäische Wort für „Vater. Er nahm nicht die Anrede JHWH, die im Tenach verwendet wurde. Während JHWH den alttestamen­tarischen strengen Gott, der ursprünglich der Kriegsgott der Juden war, bezeichnet, interpretiert Jesus das Göttliche neu und sieht darin eine milde, verständnisvolle und unterstützende Vaterfigur.

Āḷāra Kālāma – erster Meditationslehrer des späteren Buddha

Bodh-Gaya – Stelle, an der der Buddha seine Erleuchtung erreichte. Das Wort ist zusammengesetzt aus bodh- (Erwachen, Erleuchtung) und Gaya (Name der nahegelegenen Stadt)

Brahmā – einer der Hauptgötter des Hinduismus, er gilt dort als der Schöpfer. Der Buddhismus kennt keinen Schöpfergott.

Déjà-vu(frz. : `schon gesehen‘) wird eine Erinnerungstäuschung bezeichnet, bei der eine Person glaubt, ein gegenwärtiges Ereignis früher schon einmal erlebt zu haben. Dabei scheint – trotz eines starken Erinnerungsgefühls – Zeit, Ort und Kontext der „früheren“ Erfahrung ungewiss oder unmöglich.

Dharma – hier gewöhnlich die Bezeichnung für die Lehren des Buddha. Das Wort bedeutet Wahrheit, (Natur-)Gesetz, Wissenschaft, Lehre. 

Erwachen – andere spirituelle Traditionen sprechen von Erleuchtung, im Buddhismus verwenden wir besser den Ausdruck „Erwachen“ für das, was der Buddha erreicht hat. Während unter „Erleuchtung“ jeder etwas anderes verstehen kann, beschreibt „Erwachen“ das spezifisch Buddhistische, die Tatsache, dass die erwachte Person die drei Wesensmerkmale (Unvollkommenheit, Vergänglichkeit und Egolosigkeit) völlig verwirklicht hat. Es ist für die erwachte Person so, als sei alles, was vorher war, so absurd und unlogisch wie ein Traum, daher der Ausdruck „Erwachen“.

himmliches Auge (dibba-cakkhu) beschreibt eine Eigenschaft eines spirituellen Meisters, die ihn zum Hellsehen befähigt, also das zu sehen, was an einem anderen Ort (oder auch zu einer anderen Zeit) geschieht.

himmlisches Ohr – Hellhören, vgl. himmlisches Auge

JHWH – ist der Eigenname des Gottes im Tanach. Da es in der hebräischen Schrift keine Vokale gibt enthält er nur Konsonanten. Ausgesprochen wird er Jahwe, oder auch Jehova.

Kaschmir – Ein zwischen Indien, Pakistan und China umstrittenes Land. Als mit dem Ende der britischen Kolonie Indien das Land in Indien und Pakistan aufgeteilt wurde, blieb Kaschmir zunächst unabhängig. Derdamailge Maharaja Hari Singh versuchte den Anschluss an einen der beiden neuen Staatenzu vermeiden. 1948 forderte die UN den Beitritt Kaschmirs zu Indien oder Pakistan. Dieser wurde bislang nicht umgesetzt. Vielmehrlieferten sich Indien und Pakistan mehrere Kriege um die Region. Das Land ist heute geteilt zwischen Pakistan und Indien.

Lakṣmī – ist die hinduistische Göttin des Glücks, der Liebe, der Fruchtbarkeit, des Wohlstandes, der Gesundheit und der Schönheit, nicht nur Spenderin von Reichtum, sondern auch von geistigem Wohlbefinden, von Harmonie, von Fülle und Überfluss, Beschützerin der Pflanzen.

Maria Magdalena – Jüngerin Jesu, vielleicht seine engste Vertraute. Der Name bedeutet „Maria von Magdala“ (zum Unterschied von zwei andere Marias in Jesu Umfeld. Jesus trieb der als Besessenen geltenden nicht weniger als sieben Dämonen aus, wenn wir der Bibel glauben können. Sie war einige der wenigen Jüngerinnen Jesu die bei seiner Kreuzigung anwesend waren. (Kein Apostel war dabei.) Sie ist auch die erste, der Jesus nach seiner Auferstehung begegnet sein soll. Das ihr zugeschriebene „Evangelium der Maria“ wird von der kath Kirche nicht anerkannt, es zählt zu den apokryphen Texten.

Mettā (Pali) eine sehr positive Emotion: Wohlwollen, Zuneigung, (nichterotische) Liebe, oft als „liebende Güte“ übersetzt. Mitunter wird sie auch als „Allgüte“ bezeichnet, denn Mettā soll allen Wesen in gleicher Weise entgegen gebracht werden. Es ist das, was beispielsweise Jesus meint, wenn er sagt, man solle nicht nur seinen Nächsten lieben wie sich selbst, sondern sogar seinen Feind.

Mose(s) - ist eine Zentralfigur in der Bibel. Nach biblischer Überlieferung führte der Mose als von Gott Beauftragter das Volk der Israeliten auf einer 40 Jahre währenden Wanderung aus der ägyptischen Sklaverei. Früher galt Mose als Verfasser der Bücher Mose, der ersten fünf Teile des Alten Testaments. Unabhängig von der Frage, ob Mose überhaupt als historische Persönlichkeit zu betrachten ist, schließt ihn die heutige Bibelwissenschaft als tatsächlichen Verfasser biblischer Bücher aus.

Prakrit - (Sanskrit, प्राकृत, n., prākṛta) ist die Bezeichnung für diejenigen indoarischen Sprachen, die in der sprachgeschichtlichen Entwicklung auf das Altindische folgten. Sie wurden etwa in der Zeit vom 6. Jahrhundert v. Chr. bis zum 11. Jahrhundert n. Chr. gesprochen. Natürlich gab es auch im Prakrit regionale Unterschiede.

Puruschapura - Heute heißt die Stadt am östlichen Ausgang des Chaiber-Passes Peschawar und hat 2 Mio. Einwohner; zu Jesu´ Zeiten war die Stadt erst vorwenigen Jahrzehnten von den buddhistischen Königen Gandharas gegründet worden. 

Saddhā – Vertrauen, auch: gläubiges Vertrauen. Eine der fünf spirituellen Kräfte. Es ist ein mit einem karmisch-heilsamen Bewusstseinszustand verbundener Geistesfaktor.

Samādhi - tiefe Meditation, Versenkung, spirituelle Absorbiertheit

Sindh – Der Strom ist bei uns als Indus bekannt. Er hieß damals in Indien und heute noch in Pakistan, wodurch er größtenteils fließt, Sindh.

Tanach - oder Tenach (hebr. תנ״ך TNK) ist eine von mehreren Bezeichnungen für die Hebräische Bibel, die Sammlung der heiligen Schriften des Judentums er enthält unteranderem die Tora (Weisung). Das Christentum hat alle Bücher des Tanach - etwas anders geordnet – übernommen. Sie sind das AlteTestament.

Uddaka Rāmaputra – zweiter Meditationslehrer des späteren Buddha

Zehn Verlorene Stämme Israel – Das israelitische Nordreich wurde von den zehn Stämmen der insgesamt zwölf Stämme Israels bewohnt. Nach der Eroberung durch die Assyrer im Jahr 722/21 v.u.Z. wurde ein großer Teil der Einwohner umgesiedelt. (2 Kön 17,6). Im Laufe der Geschichte verlor sich die Spur der Deportierten. Bisher wurden vom israelischen Rabbinat zwei Gruppen als Nachfahren der zehn Stämme anerkannt, nämlich die Falascha aus Äthiopien (anerkannt 1973) und Bnei Menashe aus dem Nordosten Indiens (anerkannt 2005). (Quelle: Wikipedia am 27.3.2024)


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